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Einwandererinnen und Flüchtlingspolitik
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Flüchtlinge

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Cumali Yağmur
Allgemein

Die gesellschaftliche Integration der Guerillakämpfer, die im Rahmen des Friedensprozesses die Waffen niederlegen und in die Türkei zurückkehren, muss gewährleistet werden.

von Cumali Yağmur 18 August 2026
von Cumali Yağmur

 Von: Cumali Yağmur

Im Rahmen des Friedensprozesses sollten Erleichterungen für die gesellschaftliche Integration jener Guerillakämpfer geschaffen werden, die ihre Waffen niederlegen und in die Türkei zurückkehren. Für die Lösung der kurdischen Frage wurde ein 12-Punkte-Rahmengesetz vom Parlament verabschiedet. Das Gesetz wird in Kraft treten, sobald der Nationale Sicherheitsrat (MGK) davon überzeugt ist, dass die PKK die Waffen dauerhaft niedergelegt hat. Es werden Vorbereitungen für die Rückkehr der entwaffneten Kämpfer in die Türkei getroffen.

Es steht außer Frage, dass die Rückkehrer bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft vor großen Herausforderungen stehen werden. Es bestehen erhebliche Zweifel darüber, ob die AKP-MHP-Regierung ausreichend auf die Dimension der gesellschaftlichen Integration vorbereitet ist. Die Rückkehr in ein ziviles Leben wird für Menschen, die die Waffen niedergelegt haben, mit Schwierigkeiten verbunden sein.

Die Frage, wie eine Person, die den bewaffneten Kampf aufgibt, bei der Rückkehr in die Türkei integriert werden soll, ist noch immer unbeantwortet. Diese Menschen sind jahrelang „mit der Waffe schlafen gegangen und mit ihr aufgewacht“ und haben unter harten Bedingungen in den Bergen gelebt. Hat die Regierung ein ernsthaftes Rehabilitations- und Integrationsprojekt vorbereitet, um diesen Menschen den Übergang in die Gesellschaft zu ermöglichen?

Die Lebensgeschichten vieler dieser Menschen wurzeln in den 1990er Jahren. Nach der Räumung ihrer Dörfer entschied sich ein Teil für den Weg nach Europa, während ein anderer Teil nach Kandil ging, um sich der PKK anzuschließen. Einige kurdische Jugendliche, die nach Europa gingen, kehrten nach dem Kennenlernen des europäischen Lebensstils wieder nach Kandil zurück. Viele dieser Personen haben heute keine Möglichkeit mehr, nach Europa zurückzukehren, selbst wenn sie die Waffen niederlegen. Da sie sich seit langer Zeit in den Lagern in Kandil, also im Nahen Osten, aufhalten, haben sie ihre Aufenthaltstitel und rechtlichen Ansprüche in Europa vollständig verloren. Könnten die europäischen Länder ein Abkommen mit der Türkei schließen, damit diejenigen, die sich der PKK angeschlossen haben, nach der Entwaffnung wieder nach Europa zurückkehren können? Diese Frage bleibt ein großes Fragezeichen.

Werden diejenigen, die nach der Entwaffnung in die Türkei zurückkehren und noch keinen Militärdienst geleistet haben, von der Wehrpflicht befreit? Bei ihrer Rückkehr wird ein Großteil dieser Personen rechtlich als „Fahnenflüchtige“ oder „Wehrdienstentzieher“ eingestuft. Wird es eine Generalamnestie geben, die sie vom Militärdienst befreit? Oder wird man ihnen lediglich sagen: „Kommt, bewegt euch frei auf den Straßen oder betreibt demokratische Politik“? Besteht die Gefahr, dass sie direkt an der Grenze eingezogen werden und man ihnen erneut eine Waffe in die Hand drückt? Es ist seitens der Regierung noch völlig unklar, welche Möglichkeiten zur Lösung dieses Problems geschaffen werden.

Wie soll die notwendige rechtliche und soziale Infrastruktur geschaffen werden, damit diese Menschen demokratische Politik betreiben können? Zudem beherrschen viele von ihnen aufgrund des langen Aufenthalts in den Bergen kein fließendes Türkisch. Wurde für sie ein spezielles Kommunikationskonzept entwickelt? Wird es Integrationshilfen wie Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in kurdischer Sprache geben?

Die meisten dieser Menschen, die ihr Leben als Guerillakämpfer beenden, hatten seit 15 bis 20 Jahren keinen Kontakt zu ihren Familien. Einige Familienmitglieder könnten verstorben sein, andere könnten ins Ausland migriert sein. Wird für den Bedarf an Arbeit und Wohnraum dieser Menschen gesorgt? Wenn die Bedürfnisse nach Wohnung und Arbeit nicht erfüllt werden, besteht die Gefahr, dass diese Personen in andere Teile Kurdistans – in den Irak, den Iran oder nach Syrien – zurückkehren und sich dortigen Konflikten anschließen.

Ein Beispiel: Im Jahr 2007 suchte eine Person, die jahrelang in Afghanistan gekämpft hatte, Asyl im deutschen Bundesland Hessen. Nur wenige Tage nach der Unterbringung in einem Asylbewerberheim nahm er seinen Antrag zurück und kehrte nach Afghanistan zurück, um weiterzukämpfen. Er sagte: „Mir ist hier langweilig; als ich in den Bergen gegen die Taliban kämpfte, habe ich Lieder gesungen. Hier kann ich nicht einmal singen, ich muss zu bestimmten Zeiten schlafen und aufstehen und darf nicht einmal laut sprechen.“

Ähnlich war es in Nicaragua: Als die Guerillakämpfer nach 15 Jahren in den Bergen in die Städte kamen, begannen sie wie Kinder mit Fahrrädern zu spielen, weil sie in ihrem Leben noch nie ein Fahrrad gesehen hatten. Obwohl die Sandinisten selbst durch eine Revolution an die Macht kamen, hatten sie enorme Schwierigkeiten, die Kämpfer aus den Bergen in die Gesellschaft zu integrieren. Auch in Vietnam und Kuba war die Anpassung der bewaffneten Kämpfer an das zivile Leben nach der Revolution sehr schmerzhaft. Weltweit gibt es viele solcher Beispiele.

Wenn die Türkei nicht die notwendigen Mittel bereitstellt, damit die ehemaligen Kämpfer ihr Leben bestreiten können, ist das Risiko groß, diese Menschen zu verlieren. Wer kann garantieren, dass diese Personen nicht wieder in Konfliktgebiete im Irak, Iran oder Syrien abwandern, wenn keine Rückkehrmöglichkeiten geschaffen werden oder sie bei ihrer Ankunft im sozialen Vakuum landen? Der Krieg in den von Kurden bewohnten Ländern des Nahen Ostens ist noch nicht vorbei. Wenn die Türkei keine Vorsorge trifft, könnte dieses Potenzial an Menschen massenhaft in andere Konfliktgebiete der Region abwandern. Wenn Menschen arbeitslos und perspektivlos sind, wählen sie oft das, was sie am besten können: das Kämpfen.

Die derzeitige AKP-MHP-Regierung muss die Lebensgrundlagen der Menschen garantieren, die ihre Waffen niederlegen und ins Land kommen. Wenn man Menschen, die jahrelang mit der Waffe gekämpft haben, sagt: „Nimm jetzt den Stift in die Hand und mache zivile Politik“, müssen Maßnahmen ergriffen worden sein, wie diese Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

  • Wo werden diese Menschen untergebracht, wovon werden sie leben?

  • Wurde für diesen Prozess ein spezielles Budget zur gesellschaftlichen Integration bereitgestellt?

  • Werden neue Beschäftigungsfelder oder staatlich geförderte Existenzgründungsmöglichkeiten geschaffen, damit sie Arbeit finden und ihr Leben eigenständig führen können?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dies ist nicht nur eine Frage der „Entwaffnung“. Es handelt sich um eine gewaltige Aufgabe der gesellschaftlichen Integration, Rehabilitation und Wirtschaftsplanung. Auch wenn dieses Problem derzeit „unsichtbar“ scheint, stellt es in Wahrheit eines der größten Hindernisse für den Friedensprozess dar. Bisher wurde kein politischer Wille gezeigt, der diese Dimension ausreichend thematisiert oder lösungsorientiert angeht. Um dieses Problem zu lösen, muss die Regierung konkrete Schritte unternehmen und denjenigen, die die Waffen niederlegen und ins Land zurückkehren, menschenwürdige Lebensbedingungen garantieren.

18 August 2026 0 Kommentare
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Allgemein

HEUTE SIND DIE KURDEN EIN EXISTENZIELLES PROBLEM (BEKA-FRAGE) FÜR ALLE VIER STAATEN DER REGION (TÜRKEI, SYRIEN, IRAK, IRAN).

von Cumali Yağmur 17 August 2026
von Cumali Yağmur


Von: Celal Işık

Das kurdische Volk, das im 19. und 20. Jahrhundert sein Recht auf eine Nationalstaatsbildung nicht wahrnehmen konnte, steht heute nicht mehr nur als nationales Anliegen, sondern als ein globales Problem vor der Menschheit und wartet auf eine Lösung.

Das globale Kapital wickelt heute jene arabischen, persischen und türkischen Nationalstaaten, die es im 20. Jahrhundert für seine eigenen Interessen im Nahen Osten als notwendig erachtete und gründete, entweder eigenhändig ab oder zwingt sie zum Wandel. Diese Baath-Regime befanden sich ohnehin eine Zeit lang im Einflussbereich der UdSSR. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war der Untergang dieser Regime quasi „Gottesurteil“ (unvermeidlich).

Einzig die Türkei war als NATO-Mitglied ein loyaler Verbündeter, der zusammen mit Israel die Gendarmerie-Rolle für die USA und die kapitalistische westliche Welt gegen den Warschauer Pakt der UdSSR übernahm. Natürlich befand sich die Türkei damals auch in einer anderen Allianz mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Schah-Regime im Iran.

Heute existiert diese bipolare Welt nicht mehr. Sowohl China als auch Russland sind zu neuen Bestandteilen der kapitalistischen Welt geworden. Was von den „Diktaturen des Proletariats“, die von den bürgerlichen Demokratien des Westens besiegt wurden, übrig blieb, ist Russlands Oligarchen-Diktatur und Chinas streng zentralistischer Staatskapitalismus, der auf der Ausbeutung billiger Arbeitskraft basiert.

Der heutige weltweite Gegensatz besteht relativ gesehen zwischen den kapitalistischen Ländern, in denen die USA und die westliche liberale Demokratie vorherrschen, und dem autokratisch-kapitalistischen China, Russland und deren Verbündeten. Der Krieg, der über die Ukraine, Syrien, den Libanon, Palästina und den Iran geführt wird, ist in Wirklichkeit ein dritter Aufteilungskrieg, der als Stellvertreterkrieg zwischen diesen beiden kapitalistischen Blöcken verläuft.

Als hegemoniale Verbündete der USA und Europas sind die Türkei und Israel zwei Länder mit regionalen Streitigkeiten, die Syrien, den Libanon und das östliche Mittelmeer umfassen. Es ist offensichtlich, dass Syrien, der Irak, der Iran und auch die Türkei, wenn sie die kurdische Frage nicht lösen, vor einem existenziellen Problem (Beka-Problem) stehen werden.

Israel verängstigt die Türkei – das Land mit der zahlreichsten kurdischen Bevölkerung – mit der Absicht, einen regionalen kurdischen Staat aus dem einzigen nicht-arabischen Volk (den Kurden) zu gründen, das es als natürlichen Verbündeten gegen den Iran und den antizionistischen sowie antisemitischen politischen Islam sieht. Diese Angst ist der Grund für die Verhandlungen, die der türkische Staat mit dem kurdischen Führer Öcalan führt.

Denn bei der Neugestaltung des Nahen Ostens sind die Kurden mittlerweile so organisiert, dass sie nicht mehr wie früher ignoriert werden können. Die kurdische Frage hat sich in allen vier Ländern zu einem Problem entwickelt, das nicht mehr nur national, sondern regional und global auf eine Lösung wartet. Die Kurden sind zu einem wichtigen Subjekt der Politik geworden. Öcalan hat eine Position erreicht, in der er quasi als potenzieller Anführer eines organisierten Kurdistans im gesamten Nahen Osten agiert und als Ansprechpartner wahrgenommen wird.

Dass in der Person des MHP-Vorsitzenden Bahçeli, der für seine kurdenfeindliche Identität bekannt ist, den Kurden innerhalb des Staates die Hand der „Brüderlichkeit“ gereicht wird, dürfte kaum die gewohnte Hand und Logik des Staates sein, der die Kurden seit hundert Jahren verleugnet. Entweder muss ihnen ein schwerer Stein auf den Kopf gefallen sein, oder ihr Denken hat sich grundlegend geändert.

Dieser „Stein“ ist die Tatsache, dass die Angelegenheit der Kurden in der gesamten Region zu einem regionalen und internationalen Thema geworden ist. Die „kurdische Karte“ ist im Nahen Osten in den Fokus der zwischenstaatlichen Widersprüche und des Wettbewerbs gerückt.

Auch wenn Israel und die USA die Kurden auf dem Landweg gegen den Iran instrumentalisieren wollten, ließen sich die Kurden – auch unter dem Einfluss von Öcalan – nicht auf dieses Spiel ein. Die Kurden, die in Syrien gegen den IS unterstützt wurden, haben ihre Lektion daraus gelernt, nach getaner Arbeit beiseitegeschoben zu werden. Daher haben sie im Iran zur Zweckmäßigkeit Israels und der USA „Nein“ gesagt, wobei ihre Gegnerschaft zum Mullah-Regime bestehen bleibt.

Auch in der Türkei sind die Kurden heute ein Volk, das aus der Erfahrung gelernt hat, erst als „gründende Willenskraft“ angesehen und später verleugnet zu werden. Niemand kann mehr ihre Forderung nach einer neuen demokratischen Republik ignorieren, in der sie gleichberechtigte Mitbegründer und Bürger sein werden.

Die Kurden sind kein Volk mehr, das man bis zu einem gewissen Punkt benutzt und dann beiseite wirft, verleugnet oder ignoriert. Es liegt im Interesse der Türkei und ihrer Völker, dass sowohl die Regierung als auch die Opposition das alte, kurdenfeindliche, rassistische und monistische Herrschaftsparadigma und diese Politiken aufgeben.

Die kurdische Frage ist nicht mehr nur eine nationale Angelegenheit, sondern ein globales Thema, eine Frage der Geschwisterlichkeit und Gleichheit der Völker. Die kurdische Frage beschränkt sich nicht nur auf die Kurden; sie ist die Angelegenheit aller unterdrückten und ausgebeuteten Völker, der Frauen, die als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Es ist die Frage der Rechte der Natur, mit ihren brennenden Wäldern und ihren durch Verschmutzung vergifteten Böden. Es ist der Kampf des „kurzen Streichholzes“, sein Recht vom „langen Streichholz“ einzufordern.

Die kurdische Frage ist nicht mehr die Frage nach der Gründung eines Nationalstaates nach kapitalistischem Modell. Es ist die Frage, auf der Grundlage der Gleichheit der Völker die vom Kapitalismus geschaffenen großen Klassenunterschiede und Ungerechtigkeiten schrittweise zu beseitigen und eine säkulare, demokratische Republik zu werden. Das kurdische Volk ist der Schlüssel und das Subjekt für die Gründung einer gemeinsamen Nahost-Union jenseits der künstlichen Grenzen, die zwischen den Völkern des Nahen Ostens gezogen wurden.

17 August 2026 0 Kommentare
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Can Taylan Tapar
Politik

Akte in der Warteschleife, gespaltene Partei: Von der CHP-Klage zur Yeni Parti

von Can Taylan Tapar 17 August 2026
von Can Taylan Tapar

Die merkwürdige Reise einer Akte

Der Vollzug eines Gerichtsurteils ist im Normalfall eine simple Frage des juristischen Kalenders: Ein Urteil wird gefällt, die Einspruchsfrist läuft, die Akte wandert zur höheren Instanz, wird geprüft. Im Verfahren um die „absolute Nichtigkeit“ des 38. Ordentlichen Parteitags der CHP verlief jeder einzelne Schritt dieses Kalenders mit einer ungewöhnlichen Zähigkeit. Und gerade diese Zähigkeit, unabhängig vom eigentlichen Streitgegenstand, entfaltete weiter politische Wirkung, bis die faktische Lage, die daraus entstand, einen Punkt ohne Wiederkehr erreichte, noch bevor das Verfahren überhaupt rechtskräftig abgeschlossen war.

Zur Erinnerung: Im Mai 2026 erklärte das Berufungsgericht den Parteitag von 2023 wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten für nichtig, enthob Özgür Özel seines Amtes als Vorsitzender und setzte Kemal Kılıçdaroğlu samt seiner früheren Führungsriege wieder ein. Das Lager um Özel ging sowohl juristisch gegen die Entscheidung vor als auch politisch: Es sammelte handschriftliche Unterschriften von Delegierten, um einen außerordentlichen Parteitag zu erzwingen. Doch juristische Hürden und eine Serie einstweiliger Verfügungen verhinderten, dass Özels Lager die Führung der CHP zurückgewinnen konnte. Die Revisionsakte wurde monatelang nicht an das Kassationsgericht weitergeleitet; erst am 17. Juli erreichte sie die 3. Zivilkammer des Kassationsgerichts, und dort wurde die Prüfung unter Verweis auf die bis zum 1. September andauernde Gerichtsferien-Pause vertagt. Aus Kreisen der AKP war schon vorab durchgesickert, dass genau dies zu erwarten sei: „Es gibt ja auch noch die Gerichtsferien. In zwei, drei Monaten, etwa im September, wird entschieden.“

Aus Verzögerung wurde Spaltung

Diese Wartezeit machte die innere Krise der CHP unlösbar, und das Lager um Özel verbrannte die letzten Brücken: Am 24. Juli 2026 traten Özgür Özel und 91 ihm nahestehende Abgeordnete aus der CHP aus und gründeten offiziell die Yeni Parti (Neue Partei). Der Gründungsantrag wurde am 27. Juli beim Innenministerium eingereicht, und der Gründungsrat wählte Özel einstimmig zum Vorsitzenden. Das war kein gewöhnlicher innerparteilicher Abspaltungsvorgang, sondern ein Bruch, der die Kräfteverhältnisse im türkischen Parlament unmittelbar veränderte: Mit 91 Abgeordneten stieg die Yeni Parti nach der AKP zur zweitgrößten Fraktion im Parlament und damit offiziell zur größten Oppositionspartei auf, während die von Kılıçdaroğlu geführte CHP nach Abgeordnetenzahl auf den fünften Platz zurückfiel.

Auch die Rechnung für die Spaltung wurde rasch aufgemacht: Die Gebäude und Dienstwagen der CHP verblieben bei der (von Kılıçdaroğlu geführten) bestehenden Partei. MHP-Vorsitzender Devlet Bahçeli wiederum brachte eine eigene Facette in die Debatte ein, indem er erklärte, es sei nur „ethisch“, die staatliche Parteienfinanzierung anteilig entsprechend der Zahl der zur Yeni Parti gewechselten Abgeordneten aufzuteilen.

Wohin steuert die Yeni Parti?

In den drei Wochen seit ihrer Gründung durchlief die Yeni Parti einen rasanten Institutionalisierungsprozess: Sie veröffentlichte ihre Satzung und ein 41-seitiges Programm mit Schwerpunkten wie der Rückkehr zum parlamentarischen System, dem Sozialstaat und einer Justizreform, und begann, sich in allen 81 Provinzen zu organisieren. Özel beschreibt die Partei nicht als Vehikel „weder für İmamoğlu noch für sich selbst“, sondern als politischen Neuanfang mit dem Ziel einer gemeinsamen Zukunft, und kündigt an, den eigentlichen politischen Aufbau in den Monaten August, September und Oktober vor Ort, auf der Straße, abzuschließen.

Auch die Umfragen fügen diesem Bild eine interessante Nuance hinzu: In einer am 8. August veröffentlichten SONAR-Umfrage lag die Yeni Parti mit 34,3 Prozent auf Platz eins. Am selben Tag schrieb Özel in einem Gastbeitrag für Le Monde, die Zukunft Europas hänge von der Demokratie in der Türkei ab, ein Zeichen dafür, dass der Prozess längst nicht mehr nur innenpolitische, sondern auch internationale Sichtbarkeit gewonnen hat.

Wer gewinnt hier eigentlich?

Zu Beginn dieses Prozesses war die entscheidende Frage klar: Wer würde am Ende von dieser Verzögerungstaktik profitieren? Drei Monate später ist das Bild komplexer als eine einfache Antwort im Sinne von „die Regierung hat gewonnen“. Auf der einen Seite deckt sich die faktische Zweiteilung der größten Oppositionspartei und die Zersplitterung der CHP, mit ihrer Marke, ihrem Apparat, ihrem Erbe von fast zwei Millionen Mitgliedern, durchaus mit der klassischen Strategie des „Teile und herrsche“: Der juristische Prozess band die Energie der Opposition monatelang an eine Debatte über Parteitagsrecht und zerschlug am Ende die institutionelle Einheit dauerhaft. Auf der anderen Seite hat das Ergebnis womöglich einen politischen Akteur hervorgebracht, den die Regierung so nicht beabsichtigt hatte: eine in Umfragen führende Yeni Parti mit einer verjüngten Führungsmannschaft, die auch international Sichtbarkeit gewinnt. Dieses zwiespältige Bild zeigt, dass Lawfare-Taktiken nicht immer vorhersehbare Ergebnisse produzieren, sondern mitunter politische Dynamiken freisetzen, die über das ursprüngliche Ziel hinausgehen.

Dabei sollte man festhalten, dass es sich hier nicht um ein Phänomen handelt, das allein die CHP betrifft: Derselbe rechtliche Mechanismus, der Austausch von Lokal- und Provinzführungen per Gerichtsbeschluss, war zuvor bereits bei der Provinzvorsitzenden-Stelle der CHP in Istanbul angewendet worden. Die auf Ebene der Parteizentrale verfolgte Formel aus „einstweiliger Verfügung ohne festes Ende plus verzögerter Revision“ lässt sich als Wiederholung derselben Taktik in größerem Maßstab lesen; nur dass das Ergebnis diesmal nicht ein bloßer Führungswechsel war, sondern die Spaltung der Partei selbst.

Fazit: Auch Verzögerung ist eine Entscheidung, nur nicht in ihren Folgen vorhersehbar

Wenn über den Zustand der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei diskutiert wird, richtet sich der Blick meist auf klare, abgeschlossene Entscheidungen: eine Verhaftung, eine Verurteilung, eine Amtsenthebung. Doch das Beispiel der CHP zeigt, dass auch das Ausbleiben einer gerichtlichen Entscheidung, das monatelange Liegenlassen einer Akte, politisch mindestens ebenso wirksam sein kann wie ein Urteil selbst. Die Entscheidung, die das Kassationsgericht im September fällen wird, dürfte inzwischen weitgehend symbolisch bleiben, denn die faktische Spaltung hat bereits stattgefunden, und ein neuer politischer Akteur sucht seine Legitimität längst an der Wahlurne. Das ist eine Dimension, die man der Debatte über die „Bewaffnung des Rechts“ hinzufügen muss: Manchmal ist die Waffe kein rascher Eingriff, sondern eine geduldig verstreichende Wartezeit, deren Ergebnis am Ende aber durchaus anders ausfallen kann, als es sich derjenige vorgestellt hat, der sie eingesetzt hat.


Quellen: Euronews Türkçe, Sözcü, NTV, Ekonomim, Odatv, Medyascope, Emek Gündemi sowie Wikipedia-Zusammenstellungen, Mai bis August 2026.

17 August 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Deutlich mehr Migranten und abgelehnte Asylbewerber verlassen Deutschland freiwillig

von Fremdeninfo 17 August 2026
von Fremdeninfo

               Voin: welt

Dem Bericht zufolge waren laut Ausländerzentralregister Ende Juni dieses Jahres 258.845 Menschen in Deutschland ausreisepflichtig. Davon seien 199.271 geduldet gewesen. Dem Bundesinnenministerium zufolge schoben Behörden in Bund und Ländern zwischen Januar und Ende Juni 18.939 Personen ab, einen Teil mit Zwang durch die Polizei, einen anderen Teil mit Anreizen und Förderung, wie es hieß.

Mit einem speziellen Programm finanziert der Bund die freiwillige Rückkehr in Herkunftsländer oder Drittstaaten. Das Bundesamt übernimmt den Angaben zufolge Flugkosten für die Ausreise und zahlt 1000 Euro pro Erwachsenem sowie 500 Euro für Kinder und Jugendliche.

Im ersten Halbjahr reisten fast 2000 Menschen mehr als im Vorjahreszeitraum im Rahmen von Rückkehrprogrammen des Bundes zurück in ihre Heimatländer. Hunderttausende sind noch ausreisepflichtig, wenngleich der Großteil von ihnen geduldet ist.

 In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres sind 9276 Menschen Migranten und abgelehnte Asylbewerber im Rahmen von Rückkehrprogrammen des Bundes zurück in ihre Heimatländer gereist. Das berichten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am Montag. Sie berufen sich dabei auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 7348 Menschen. Damit verlassen deutlich mehr Migranten und abgelehnte Asylbewerber freiwillig Deutschland.

Im gesamten vergangenen Jahr unterstützten die Bundesbehörden den Angaben zufolge 16.578 Personen bei der geförderten Rückkehr in ihr Herkunftsland oder einen aufnahmebereiten Drittstaat. 2024 seien es noch 10.358 Menschen gewesen.

Dem Bericht zufolge waren laut Ausländerzentralregister Ende Juni dieses Jahres 258.845 Menschen in Deutschland ausreisepflichtig. Davon seien 199.271 geduldet gewesen. Dem Bundesinnenministerium zufolge schoben Behörden in Bund und Ländern zwischen Januar und Ende Juni 18.939 Personen ab, einen Teil mit Zwang durch die Polizei, einen anderen Teil mit Anreizen und Förderung, wie es hieß.

Mit einem speziellen Programm finanziert der Bund die freiwillige Rückkehr in Herkunftsländer oder Drittstaaten. Das Bundesamt übernimmt den Angaben zufolge Flugkosten für die Ausreise und zahlt 1000 Euro pro Erwachsenem sowie 500 Euro für Kinder und Jugendliche.

17 August 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Die dritte Seite und ihr Appell: Über die Zerstörung sprechen und die Wahrheitskommission

von Fremdeninfo 16 August 2026
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Von Prof. Dr. Taner Akçam

„Jeder, der einen Mund hat, redet“ – das ist bei uns eigentlich ein negativ besetzter Spruch. Doch in diesen Tagen sollten wir diesen Satz sehr positiv lesen. In der kurdischen Frage redet nun „jeder, der einen Mund hat“. Was könnte es Schöneres geben?

Das ist der Punkt, den diejenigen, die tausend Einwände gegen das Abkommen zwischen dem Staat und der PKK (Öcalan) vorbringen, zwar wissen, dem sie aber keine Bedeutung beimessen: Wir haben angefangen zu reden.

Es gibt da dieses Sprichwort: „Ol mâhîler ki deryâ içredir, deryâyı bilmezler.“ Das bedeutet: „Die Fische, die im Meer sind, kennen das Meer nicht.“

Früher konnte man nicht reden; weder der Staat noch die PKK ließen das zu. Sowohl der Staat als auch die PKK schreckten nicht davor zurück, jene, die allzu abweichende Meinungen äußerten, wenn nötig zu töten. Es herrschte eine Atmosphäre der Angst. Die unschuldigste Haltung war: „Der gebrochene Arm bleibt im Ärmel“ (Probleme werden intern gelöst). Schweigen statt Reden galt als Tugend.

Morde durch unbekannte Täter, Hinrichtungen durch die PKK… soll ich noch mehr aufzählen? Das ist das Wichtigste, worüber die Gegner des Abkommens nicht allzu viel nachdenken wollen.

Ich habe nur einen einzigen Appell: Lasst uns froh sein, lasst uns glücklich sein und den Moment genießen, dass der Krieg enden wird und die Waffen begraben werden. Lasst uns darüber freuen, dass das WORT zurückgekehrt ist. Wenn die Kriegsparteien gesagt haben „wir werden nicht mehr kämpfen“, dann muss man ihnen dafür danken.

Doch statt sich zu freuen, besteht das Hauptanliegen eines bedeutenden Teils der Leute nicht darin, dass der Krieg vorbei ist, sondern unter welchen Bedingungen und wie er beendet wurde. Wer ist als Gewinner, wer als Verlierer hervorgegangen? Das ist das einzige Thema, das diskutiert wird. Diejenigen, die sowohl auf den Staat als auch auf Öcalan (die PKK) wütend sind, stehen Schlange.

Doch wenn die Parteien sich einigen, können wir zwar die Form des Abkommens kritisieren, aber das, was wir dazu zu sagen haben, wird nicht viel Gewicht haben. Letztendlich scheinen sich der Staat (seine verschiedenen Institutionen) und Öcalan (und seine Organisation hinter ihm, die PKK) über den vorliegenden Gesetzesentwurf einig zu sein.

Ja, das sogenannte Abkommen ist im Grunde ein Strafvollzugsgesetz, das die PKK als Terrororganisation registriert… (man muss unweigerlich an Tahir Elçi denken, der getötet wurde, weil man ihn nicht dazu zwingen konnte, die PKK als „Terrororganisation“ zu bezeichnen).

Die Parteien beanspruchen mit diesem Gesetz nicht, ein gigantisches Problem wie die „kurdische Frage“ zu lösen. Zweifellos wäre es besser gewesen, wenn es ein anderes Abkommen gegeben hätte, das bestimmte Prinzipien zu den Grundrechten der Kurden und zur Demokratisierung enthalten würde.

Aber wenn die Parteien sich auf diese Form geeinigt haben, sind unseren Worten Grenzen gesetzt. Viel wichtiger für uns ist jedoch die Tatsache, dass die Parteien sich darauf geeignet haben, die WAFFEN ZU BEGRABEN – ganz gleich, auf welche Weise sie sich geeinigt haben. An einem Punkt, an dem die Parteien einsehen, dass sie ihre Ziele nicht durch Krieg erreichen können und sagen „wir kämpfen nicht mehr“, können wir zwar einwenden: „Haltet ein, uns gefallen eure Bedingungen nicht“, aber das wäre sowohl ein leeres Gerede als auch ein „Aufruf zur Fortsetzung des Krieges“.

Zusammenfassend: Jedes Abkommen, das den Krieg beendet und die Waffen begräbt, ist für uns akzeptabel, sofern die Parteien sich darauf geeinigt haben. Aber ist das Thema so einfach? Nein!

Es gibt noch eine dritte Seite

Man muss es sehen: Der Krieg, der enden wird, hat neben den Kriegsparteien noch eine sehr große „Dritte Seite“. Das ist ein großer dritter Körper, der im Krieg weder auf der Seite des Staates noch auf der Seite der PKK stand. Das gemeinsame Merkmal dieses dritten Kreises ist, dass er aus Menschen besteht, deren Stimme am wenigsten gehört wird, obwohl sie zu denen gehören, die am meisten unter dem Prozess gelitten haben.

Ihre Stimmen sind noch nicht laut genug! Zu den Familien der im Konflikt getöteten Soldaten und der kurdischen Jugendlichen müssen wir diese „Dritte Seite“ hinzufügen. Die Zerstörung und der Schmerz, den sie erfahren haben, sind genauso wichtig wie das, was die Soldatenfamilien und die Familien der kurdischen Jugendlichen erlebt haben.

Wichtig ist hier, alle Opfer des Krieges nicht als „konkurrierende Parteien“ zu sehen, sondern sie als Kreise zu betrachten, die einander ergänzen. Der Krieg hat auch seine eigenen Opfer produziert.

Diejenigen, die im gegenwärtigen Prozess den Schmerz einer Seite (insbesondere der Familien der gefallenen Soldaten) als Waffe gegen die andere Seite einsetzen, müssen wissen, dass sie sich – schlicht gesagt – schändlich verhalten. Und sie vergessen die Tatsache, dass es fast unmöglich ist, eine kurdische Familie zu finden, aus deren Haus keine Leiche getragen wurde.

Die Dritte Seite hat ein sehr starkes Argument, das den anderen Kriegsopfern vielleicht schwerfällt auszusprechen: Die Kriegsparteien werden wahrscheinlich sagen wollen: „Wir haben gekämpft, es hat nicht funktioniert, das war’s“, und so weitermachen wollen, als wäre nichts passiert. Der Staat wird sagen: „Der Terror ist vorbei, jetzt ist die Zeit für die kurdisch-türkische Verbrüderung gekommen“, Öcalan und die PKK werden sagen: „Mit Waffen ging es nicht, jetzt werden wir ohne Waffen für die demokratischen Rechte der Kurden und eine Demokratische Republik kämpfen“.

Was die Dritte Seite hingegen sagen wird, ist: „Ihr könnt nicht einfach gehen, als wäre nichts passiert; wir müssen über diese 50 Jahre sprechen. Ihr seid uns für diese 50 Jahre Rechenschaft schuldig.“

Ich verwende den Begriff „Rechenschaft ablegen“ hier nicht im negativen Sinne. Ich sage, dass Rechenschaftspflicht und das Sprechen über die 50 Jahre für die Demokratie, für die Heilung der Wunden und dafür, dass wir wieder eine Gesellschaft werden können, unerlässlich sind.

Wenn wir wirklich gesellschaftlichen Frieden wollen

Was ist unser Ziel? Dass keine Menschen mehr sterben und das Problem, das diesen Konflikt verursacht hat (die kurdische Frage), gelöst wird, nicht wahr? Wenn dem so ist, ist es dann nicht unser natürlichstes Recht, die Fragen zu stellen, warum dieser Krieg begann und warum Menschen starben, und darüber zu sprechen?

Die Quelle des Krieges war die Vorenthaltung der grundlegendsten Rechte der Kurden. Das Fundament dieser Vorenthaltung wurde mit der Gründung dieser Republik gelegt. Wer die Verbindung zwischen der Gründung der Republik und der kurdischen Frage nicht sieht, hat in diesem Gespräch nicht viel zu sagen.

Diejenigen, die die kurdische Frage lösen wollen, indem sie den Kemalismus preisen und Parolen wie „Wir sind die Soldaten von Mustafa Kemal“ rufen, müssen einsehen, dass sie am Ende des Weges angekommen sind.

Dies ist das größte Dilemma der „NEUEN Partei“ (YENİ Parti). Das Thema der Gründungsjahre der Republik und ihr Verhältnis zum Kemalismus wird ihnen noch viel Kopfzerbrechen bereiten. Sie mögen sich vielleicht immer noch als Kemalisten sehen und bezeichnen wollen, aber die Neudefinition ihres Kemalismus im Lichte der kurdischen Frage steht als eine sehr ernste Aufgabe vor ihnen.

Das Problem beschränkt sich nicht nur auf die Ursache der kurdischen Frage. Wir müssen auch über den 50-jährigen Krieg selbst sprechen. Dieser Krieg war eine Zerstörung. Dieser Krieg brachte großes Leid mit sich. In diesem Krieg wurden große Verbrechen begangen.

Wenn Sie sagen, dass alles, was während des 50-jährigen Krieges getan wurde, für den Täter ohne Folgen bleiben soll, dann gibt es ein Problem. Dann sagen Sie: Wir lassen die Wunde offen, wir denken nicht daran, sie zu heilen. Und wenn Sie das sagen, befinden Sie sich in einem großen Irrtum.

Es ist ein zweifaches Problem: Erstens, wenn man nicht über die Ursachen spricht, die zum Krieg geführt haben, wenn man sagt „das Problem war der Terror, wir haben kein Problem mit kurdisch-türkischer Gleichberechtigung“, dann kann man das Problem nicht lösen, und in Zukunft wird der Krieg wieder unvermeidlich sein.

Zweitens bedeutet Krieg Zerstörung und Leid; Krieg bedeutet Verbrechen, die in seinem Schatten begangen wurden. Die erlebten Zerstörungen und begangenen Verbrechen zerreißen das soziale Gefüge des Zusammenlebens und verletzen das Gerechtigkeitsempfinden. Wenn man ein verletztes Gerechtigkeitsempfinden nicht reparieren kann, kann man kein Zusammenleben aufbauen.

Wenn man sagt, dass die Verbrechen der letzten 50 Jahre für die Beteiligten ungestraft bleiben, dann versäumt man es, das verletzte Gerechtigkeitsempfinden zu reparieren, das die Gesellschaft zusammenhält. Wenn die Kriegsparteien sich einfach die Hände sauber waschen und gehen, wird weder die kurdische Frage gelöst noch die Demokratie kommen!

Natürlich darf man die Kriegsparteien nicht gleichsetzen. Die Art und der Grad ihrer Verantwortung sind unterschiedlich. Und dieser Unterschied ist extrem wichtig, um das Erlebte richtig zu verstehen. Doch die Unterschiedlichkeit der Verantwortlichkeiten ändert nichts an der Tatsache, dass begangene Fehler Fehler sind. Dass eine Seite eine schwerere Verantwortung trägt, darf keine Rechtfertigung dafür sein, die Taten der anderen Seite zu bagatellisieren, zu entschuldigen oder zu ignorieren. Statt Fehler aufgrund der unterschiedlichen Verantwortung zu relativieren, müssen wir lernen, jeden einzelnen in seiner eigenen Qualität und in seinen Konsequenzen zu betrachten.

Wir müssen reden: Aufarbeitung und die Gründung einer Wahrheitskommission sind unerlässlich

Wenn wir eine Gesellschaft schaffen wollen, die Demokratie und Menschenrechte achtet, führt der einzige Weg dorthin über das Sprechen über die vergangenen 50 Jahre. Die Waffen niederzulegen ist weder der Frieden selbst noch die Lösung der kurdischen Frage. Das Schweigen der Waffen ist nur ein Anfang für den Frieden und die Lösung der kurdischen Frage, mehr nicht.

Die Lösung der kurdischen Frage und die Heilung der Wunden des Krieges sind nur möglich, wenn man sich mit den 50 Jahren auseinandersetzt. Die richtige Adresse für diese Auseinandersetzung ist eine Wahrheitskommission. Die Wahrheitskommission ist der Ort des Wortes, des Gesprächs und der Heilung von Wunden.

Wenn die Waffen schweigen, werden wir sehen, dass Folgendes notwendig ist:
Wir müssen das seit 50 Jahren zerrissene, zerstörte und beschädigte soziale Gefüge reparieren: Ängste, Unsicherheiten, Wut und Schweigen können nur so zur Sprache kommen.

Wir müssen das verletzte Gerechtigkeitsempfinden wiederherstellen: Dafür muss die Stimme der Opfer gehört und das erlittene Leid angehört werden. Gefühle von Hass und Rache können nur besiegt werden, wenn man über das Leid spricht. Jemand, der weiß, dass sein Schmerz gehört und anerkannt wird, lässt von Rachegefühlen ab und wird bereit zu vergeben.

Gerechtigkeit ist das wichtigste Element für den gesellschaftlichen Frieden. Die Gerechtigkeit, die man nach 50 Jahren sucht, muss keine vergeltende Gerechtigkeit sein; es gibt die restaurative (heilende) Gerechtigkeit, die kompensatorische Gerechtigkeit, die entschädigende Gerechtigkeit.

Zusammenfassend: Wir müssen die Diskussionen beenden, die auf Gewinn-Verlust-Rechnungen basieren und nur fragen, in welcher Form sich die Kriegsparteien geeinigt haben. Wer will, kann das natürlich fortsetzen, das ist sein Recht! Aber meine bescheidene Meinung ist, dass uns diese Haltung von den eigentlichen Diskussionen ablenkt, die wir führen müssen.

Wir stehen erst ganz am Anfang des Weges, um die kurdische Frage zu lösen und einen demokratischen Rechtsstaat zu errichten. Und es wäre grundfalsch und unzureichend, diese notwendigen Schritte nur von den Kriegsparteien zu erwarten.

Die „Dritte Seite“ muss hervortreten und ihre Stimme lauter hörbar machen. Wenn die Dritte Seite sich damit begnügt, nur einer der Kriegsparteien hinterherzulaufen, wird weder die ersehnte Demokratie kommen, noch die kurdische Frage angemessen gelöst, noch das verletzte Gerechtigkeitsempfinden der Gesellschaft wieder aufgebaut werden können!

16 August 2026 0 Kommentare
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Rassismus

Rassismus erkennen: „Sobald wir zum Beispiel schwarzen Menschen Eigenschaften zuschreiben“

von Fremdeninfo 16 August 2026
von Fremdeninfo

  Artikel von Mareike Hahn / Kreiszeitung 

Experte im Interview

Birol Mertol ist Bildungsreferent der Fuma Fachstelle Gender und Diversität Nordrhein-Westfalen und kommt nach Verden. Im Interview erklärt er, warum er Begriffe wie Zigeunersauce für diskriminierende Sprache hält – und warum wir alle ein bisschen rassistisch sind.

Verden – Beiläufige Bemerkungen oder offene Beleidigungen: Rassismus ist allgegenwärtig. Wie man ihn erkennt und am besten darauf reagiert, weiß Birol Mertol. Der Bildungsreferent der Fuma Fachstelle Gender und Diversität Nordrhein-Westfalen leitet am Mittwoch, 19. August, in Verden einen Workshop-Tag zum Thema. Freie Plätze gibt es nicht mehr, aber im Interview hat der Experte Tipps für alle parat, die das Thema interessiert:

Herr Mertol, sind wir alle ein bisschen rassistisch?

Ja, sind wir. Manche Menschen entscheiden sich bewusst, rassistisch zu sein, um andere Menschen abzuwerten, zu entmenschlichen, was sogar bis zur Tötung geht. Es gibt aber auch einen unbewussten Rassismus, weil Rassismus sich überall im Alltag befindet. Rassismus reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Früher und heute ging und geht es um Macht über Menschen, also darum, eine Gesellschaftsordnung zu legitimieren, bei der manche Menschen profitieren. Früher hat man diese gewaltsamen, ungerechten Praxen mit vermeintlichen biologischen Aspekten erklärt. Das ist aber absolut nicht haltbar. Heute wird mehr vom kulturellen Rassismus gesprochen, weil es keine „Rassen“ gibt. In diesem Zusammenhang heißt es dann, dass die Kultur zum Beispiel von muslimischen Menschen mit unserer Kultur nicht vereinbar ist, oder es wird verallgemeinert: „Die sind halt alle so!“

Wo fängt Rassismus an?

Sobald wir anfangen, zum Beispiel Schwarzen Menschen aufgrund ihres Äußeren Eigenschaften zuzuschreiben. Dabei wird die Individualität von Persönlichkeiten unsichtbar gemacht und verallgemeinert, weil ein Verständnis vorherrscht, dass alle Menschen eines bestimmten Merkmales – zum Beispiel Schwarze Menschen – so sind. Dies können wir übertragen zum Beispiel auf muslimische Menschen, Sinti*zze und Rom*nja, jüdische oder asiatische Menschen. Nur hier ändern sich aufgrund der Geschichte die zugeschriebenen Wesensmerkmale. Rassismus fängt also an, wenn Menschen ausschließlich oder überwiegend durch eine „kulturelle Brille“ gelesen werden und die eigentlichen Fähig- und Fertigkeiten in der Bewertung untergehen und herabgesetzt werden. Studien belegen, dass zum Beispiel in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt muslimische Namen besonderen Zuschreibungen unterliegen. So kommt es vor, dass aufgrund von Vorurteilen ein Mohammed – obwohl er dieselben Fehler in einem Diktat hat wie ein Stefan – die schlechtere Note bekommt. Oder eine Sandra Bauer im Bewerbungsprozess eher eine Rückmeldung bekommt als eine Meryem Öztürk, obwohl beide die gleichen Qualifikationen mitbringen.

Schon lange sind Begriffe wie Tomaten-Paprika-Sauce und Schokokuss etabliert, trotzdem sagen viele Menschen noch Zigeunersauce oder Negerkuss. Ist das ein Problem?

Definitiv. Das ist ein Problem aus mehreren Gründen. Beide Begriffe sind Fremdbezeichnungen, die eine abwertende, entmenschlichende Begriffsgeschichte nach sich ziehen, welche mit Tod, Vernichtung, Versklavung und Enteignung zu tun hat. Im Nationalsozialismus wurden Sinti*zze und Rom*nja mit einem „Z“ in den Konzentrations- und Vernichtungslagern tätowiert zur Kennzeichnung für eine rassische Minderwertigkeit. Das N-Wort ist eine rassistische Fremdbezeichnung, die im Zuge des Kolonialismus und der Versklavung von Schwarzen Menschen entstand. Ich denke, wir alle können Sprache so nutzen, dass die Würde des Menschen nicht verletzt wird. Toni Morrisson, die erste Schwarze Literaturnobelpreisträgerin, sagte mal: „Diskriminierende Sprache repräsentiert nicht Gewalt, sie ist Gewalt, sie repräsentiert nicht die Grenzen des Wissens, sie begrenzt Wissen.“

Jeder kennt jemanden, der hinter vorgehaltener Hand über „die Ausländer“ schimpft. Wie ist die richtige Reaktion?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf Abwertungen gegenüber „Ausländer*innen“ zu reagieren. Ich würde mich erst mal konkret auf mein Gegenüber beziehen. Meint es eine bestimmte Person, die sich danebenbenommen hat? Dann kann ich sagen: „Ja, ich fand auch, dass X nicht korrekt gehandelt hat, das hat aber nichts mit seiner Herkunft oder seinem Status zu tun!“ Wenn neben mir jemand generell über „die Ausländer“ schimpft, könnte ich die Frage stellen: „Wie meinst du das?“ Oder ich würde sagen, „die Ausländer“ gibt es genauso wenig wie „die Deutschen“. Oder ich würde sagen, dass ich mich mit der Bemerkung sehr unwohl fühle, weil wir mit solchen oder ähnlichen Aussagen Hass und Hetze schüren. Wichtig ist vor allem, sich gegen rassistische Äußerungen zu positionieren und diese nicht wegzulächeln oder unkommentiert zu lassen. Denn sonst wird das Ganze immer mehr bagatellisiert und normalisiert.

Wie lassen sich Vorurteile abbauen?

Erst mal können wir alle bei uns selbst anfangen und unsere Bilder über Menschen und Gruppen hinterfragen: Ist das wirklich so? Ich glaube, der beste Weg ist es, Menschen kennenzulernen, gerade die, mit denen ich in meinem Umfeld am wenigsten Kontakt habe. Wir können uns zum Beispiel bei Social Media Posts von den vielen engagierten Menschen anschauen, die sich täglich mit Antidiskriminierung auseinandersetzen. Letzten Endes haben alle Menschen gleiche Bedürfnisse. Sie wollen anerkannt, respektiert, gleichwertig und nett behandelt werden. Damit können wir sofort anfangen und daran arbeiten, Menschen weniger voreingenommen und freundlicher und wohlwollend zu begegnen.

Wo ist die Grenze zwischen rassistisch und rechtsextremistisch?

Während rassistische Denkweisen und Strukturen Teil der gesamten Gesellschaft sind – bewusst wie unbewusst – ist eine rechtsextreme Einstellung eine umfassende politische Ideologie, die nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextrem sind Menschen, die die freiheitlich-demokratische Ordnung umstürzen wollen und nach einer autoritären Ordnung streben. Kernbestandteil der Ideologie ist auch ein ausgeprägter völkischer Nationalismus. Oft kommen weitere Ungleichwertigkeitsideologien wie Antisemitismus, Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus dazu. Zusammenfassend können wir sagen: Rassistisch können Menschen sein, ohne rechtsextrem sein zu müssen, aber Rechtsextreme sind zwangsläufig auch rassistisch.

Mehrere Landesverbände der AfD gelten als gesichert rechtsextrem oder als Verdachtsfall. Trotzdem, oder deswegen, hat die AfD in den vergangenen Jahren stark an Zustimmung gewonnen. Wie lässt sich dieser Trend umkehren?

Diese Frage wird seit vielen Jahren und von vielen Wissenschaftler*innen diskutiert. Leider haben aufgrund von parteipolitischen und Profit-Interessen demokratische Parteien und Akteur*innen in den letzten Jahren Vertrauen eingebüßt. Ich würde mir wünschen, dass wir Debatten über durchaus komplexe gesellschaftliche Herausforderungen konstruktiv führen und nicht einseitig diskutieren. Wir brauchen vielseitige Perspektiven. Wir haben ein wunderbares Grundgesetz, das Rassismus als Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung sieht und verbietet. Wir müssen es nur auf struktureller, institutioneller und individueller Ebene umsetzen. Und wir müssen kritisch gegenüber Informationen sein. Inzwischen wird bewusst mit Desinformationen gearbeitet, die gerade über Social Media geteilt werden, Gesellschaftsgruppen spalten und Hass und Hetze schüren.

16 August 2026 0 Kommentare
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Cumali Yağmur
Religion

Operation gegen die Süleymancılar-Gemeinde und ihre Organisationsstruktur

von Cumali Yağmur 16 August 2026
von Cumali Yağmur

                Von: Cuali Yağmur

In der Türkei wurde eine von der AK-Partei-Regierung unterstützte Operation gegen die Süleymancılar-Gemeinde eingeleitet. Im Rahmen dieser Operation wurden 48 Personen festgenommen, darunter auch das Oberhaupt der Gemeinde, Ilhan Kuriş. Die Süleymancılar, eine der einflussreichsten und mitgliederstärksten religiösen Gruppen der Türkei, sind traditionell für ihre guten Beziehungen zu rechten Parteien bekannt. Die AKP-MHP-Regierung hat für 33 Firmen der Süleymanlı-Gemeinschaft Zwangsverwalter eingesetzt.“

Politische Beziehungen und Spaltungen

Obwohl das derzeitige Oberhaupt der Gemeinde, Ilhan Kuriş, anfangs enge Beziehungen zur AK-Partei pflegte, geriet er im Laufe der Zeit in Konflikt mit der Regierung. Innerhalb der Gemeinde herrscht jedoch eine politische Spaltung. Einige Anführer und Mitglieder stehen der AK-Partei weiterhin nahe; so unterstützt beispielsweise die Gruppe um den ehemaligen Abgeordneten Fatih Süleyman Denizolgun weiterhin die Regierung. Seit Ilhan Kuriş eine oppositionelle Linie eingeschlagen hat, steht die Gruppe unter genauer Beobachtung der Regierung. Die Süleymancılar geben ihre Stimmen bei Wahlen nicht nur der AK-Partei, sondern unterstützen auch rechtsgerichtete Oppositionsparteien.

Die regierungsnahe Presse hatte bereits seit längerem Signale für eine bevorstehende Operation gegen diese Struktur gegeben. Nach der erwarteten Operation wurde eine groß angelegte Untersuchung des Vermögens der festgenommenen Personen und der Gemeinde eingeleitet. Die Gruppe, die über ein sehr starkes wirtschaftliches Netzwerk in der Türkei verfügt, gilt als äußerst gut organisiert.

Strukturen in Deutschland und Europa

Ihre größte Organisation außerhalb der Türkei haben die Süleymancılar in Europa, insbesondere in Deutschland, aufgebaut. Man kann sagen, dass sie in Deutschland nach der Diyanet (DİTİB) die zweitgrößte religiöse Gruppe sind. Der 1973 in Köln gegründete Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) ist die Dachorganisation dieser Struktur in Deutschland. Die Gruppe ist in fast jeder deutschen Stadt organisiert und verfügt über mehr als 300 Moscheen sowie über 100.000 Mitglieder.

Diese Gruppe, die eher diskret und im Hintergrund agiert, hat über Jahre hinweg unauffällig Schlüsselpositionen in verschiedenen Bereichen in Deutschland besetzt. Durch gut ausgebildete Vertreter gelingt es ihnen, alle gesellschaftlichen Schichten zu erreichen. Mit den Koran-Unterrichten in ihren Moscheen üben sie einen erheblichen Einfluss auf die junge Generation aus. Im Gegensatz zu einigen anderen religiösen Strukturen (wie etwa Milli Görüş oder die Grauen Wölfe) wurden sie vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bisher nicht als unmittelbare Bedrohung eingestuft und standen nicht unter intensiver Beobachtung. Sie besitzen die Fähigkeit, Kontakte zu allen deutschen politischen Parteien zu knüpfen, und schaffen es, sich politisch unauffällig zu organisieren.

Finanzkraft und Bildungsaktivitäten

Wirtschaftlich ist die Gruppe sehr stark aufgestellt; sie betreibt in verschiedenen Städten Supermärkte, Restaurants und andere Geschäfte. Anstatt sich nur auf Spenden bei Freitagsgebeten zu verlassen, generieren sie durch Stiftungen und kommerzielle Betriebe einen großen Finanzkreislauf. Insbesondere durch Wohnheime und Stipendien für Studenten üben sie großen Einfluss auf junge Menschen aus. In Deutschland setzen sie sich aktiv für den islamischen Religionsunterricht in den Bundesländern ein und betonen, dass der Islam eine friedliche Religion sei. Sie stehen in Kontakt mit Institutionen wie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin sowie mit Universitäten.

Religiöse Auslegung und die Kerbela-Frage

Die religiösen Auslegungen der Süleymancılar unterscheiden sich von vielen anderen islamischen Gruppen. Es wird berichtet, dass sie beispielsweise gegenüber Yazid und Muawiya eine gemäßigtere Haltung einnehmen und keinen tiefen Groll gegen sie hegen. In Bezug auf das Ereignis von Kerbela (680 n. Chr.), bei dem der Enkel des Propheten, Hussein, und 72 seiner Angehörigen getötet wurden – ein Wendepunkt der islamischen Geschichte –, bieten sie im Gegensatz zu Schiiten keine Verfluchungen, sondern eine andere Perspektive an.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Süleymancılar verfolgen eine Strategie des „stillen, aber stetigen Vorgehens“. Sie sind eine Struktur, die keinen Lärm verursacht, aber darauf abzielt, eine höchst disziplinierte und elitäre Anhängerschaft heranzuziehen. Die Gruppe pflegt nach außen hin ein seriöses und reifes Image, vermeidet Polemiken und verfolgt eine eigene Methode bei der Erziehung von Migrantenkindern sowie deren Schutz vor Assimilation.

16 August 2026 0 Kommentare
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Politik

Ekrem İmamoğlus letzte Erklärung

von Fremdeninfo 15 August 2026
von Fremdeninfo

von Can Taylan Tapar

Der Oberbürgermeister von Istanbul und Präsidentschaftskandidat der wichtigsten Oppositionspartei, Ekrem İmamoğlu, der seit dem 23. März 2025 unter systematischer juristischer Verfolgung durch das Erdoğan-Regime steht und im Gefängnis Marmara (Silivri) inhaftiert ist, hat eine Erklärung zu den rechtswidrigen Gerichtsverfahren gegen ihn veröffentlicht. İmamoğlu, der sich in zahlreichen Verfahren – darunter Vorwürfe der „politischen Spionage“, der „Diplomfälschung“ sowie das Hauptverfahren zur Stadtverwaltung Istanbul (İBB) mit 414 Angeklagten wegen angeblicher „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ – in Untersuchungshaft befindet, prangerte die systematische Verletzung seines Rechts auf Verteidigung mit folgenden Worten an:

Erklärung von Ekrem İmamoğlu:

„Für den 6. Juli waren drei getrennte Gerichtsverhandlungen gegen mich für denselben Tag und dieselbe Uhrzeit angesetzt.

Das Verfahren wegen des angeblichen Diplom-Betrugs, das in der Öffentlichkeit als ‚Spionageprozess‘ bekannte Verfahren und das Hauptverfahren gegen die Stadtverwaltung von Istanbul wurden in denselben Zeitrahmen gelegt.

Von mir wurde also faktisch erwartet, dass ich gleichzeitig vor drei verschiedenen Gerichten präsent bin. Dass dies physisch unmöglich ist, liegt auf der Hand.

Am nächsten Tag, dem 7. Juli, wurde ich unter Berufung auf Artikel 203 des türkischen Strafgesetzbuches nicht in den Gerichtssaal gebracht, obwohl es hierfür keinerlei richterliche Anordnung gab.

Selbst der angewandte Paragraf war falsch. Meine Anwälte legten naturgemäß Widerspruch ein. Die Antwort, die sie erhielten, verdeutlicht das Ausmaß der Willkür allein: ‚Den Beschluss schreiben wir zwischendurch!‘

Am 8. Juli sahen wir uns mit einem noch gravierenderen Bild konfrontiert. In der Akte zur Stadtverwaltung Istanbul lautet der Vorwurf gegen mich auf ‚Bildung einer kriminellen Vereinigung‘; zudem werden mir 143 einzelne Handlungen zur Last gelegt.

Trotz dieser Schwere wurde für meine Verteidigung, die Stellungnahmen meiner Anwälte sowie die Befragungen durch das Gericht und die Staatsanwaltschaft insgesamt nur ein einziger Tag eingeräumt.

Während bis zu meinem Erscheinen keinerlei zeitliche Beschränkungen angewandt wurden, wurde mir plötzlich ein solches Ultimatum gestellt.

Wenn man die Zeit für meine drei Anwälte mit einrechnet, sprechen wir von effektiv sieben bis acht Stunden für meine persönliche Verteidigung, die Plädoyers meiner Anwälte sowie die Vernehmung durch Richter und Staatsanwalt – bei solch massiven Anschuldigungen.

Ich frage nun: Kann man das ein Recht auf Verteidigung nennen? Das Recht auf Verteidigung bedeutet nicht, einem Angeklagten das Mikrofon hinzuhalten und zu sagen: ‚Reden Sie!‘

Das Recht auf Verteidigung bedeutet: zu erfahren, womit man beschuldigt wird, die vorgelegten Beweise einsehen zu können, auf jeden einzelnen Vorwurf innerhalb einer angemessenen Frist antworten zu können, die Beweise zu hinterfragen und sich vor Gericht unter gleichen Bedingungen ausdrücken zu können.

Das Gericht jedoch hat dieses Recht verweigert und durch ein Protokoll, das jeglicher Grundlage entbehrt, die Ausübung dieses Rechts unmöglich gemacht.

Wir verlangen keine Privilegien. Wir verlangen keine endlose Zeit. Wir fordern lediglich unser Recht auf Verteidigung.

Wenn der Anklagebehörde monatelang Zeit zur Vorbereitung eingeräumt wurde, müssen auch der Verteidigung angemessene Bedingungen geboten werden, um auf diese Anschuldigungen ordnungsgemäß reagieren zu können.

Denn die Verteidigung ist keine Last, die das Verfahren verzögert. Wo es kein Recht auf Verteidigung gibt, kann man nicht von einem fairen Gerichtsverfahren sprechen.“

15 August 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Brief aus Istanbul: Frieden mit den Kurden, Krieg der Demokratie

von Fremdeninfo 15 August 2026
von Fremdeninfo

              Bülent Mumay © Emir Özmen / Faz

Anfang dieser Woche verabschiedete das türkische Parlament ein historisches Gesetz. Es stellt einen bedeutenden Schritt zur Lösung der seit beinahe hundert Jahren virulenten kurdischen Frage und zur Beendigung einer Epoche dar, deren letzte 42 Jahre von blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Terrororganisation PKK und dem Staat geprägt waren. Unter der Voraussetzung, dass die Organisation sich auflöst, sieht das Gesetz eine Amnestie für verurteilte oder in laufenden Verfahren stehende PKK-Mitglieder vor. Auch die Opposition hat größtenteils dafür gestimmt. Bis hierhin sind Sie vermutlich bereits aus den Nachrichten informiert. In diesem Brief möchte ich Ihnen den Hintergrund darstellen und eine Einschätzung wagen, wie realistisch Erdoǧans Friedensversprechen ist.

Beginnen muss ich mit einer alten Feststellung von Mahir Kaynak, der jahrelang in leitender Position für den türkischen Geheimdienst MIT tätig war: „Würde die Staatsmacht in der Türkei die Religion abschaffen wollen, würde sie das anhand einer Partei des politischen Islams wie der AKP tun. Würde sie die Scharia einführen wollen, würde sie das die [säkulare Partei der Staatsgründer] CHP durchführen lassen. Würde sie die Gründung eines Kurdistan dulden wollen, würde sie das anhand der MHP tun.“

Damit wies Kaynak darauf hin, dass gerade jene den ersten Teil zur Lösung einiger Probleme der Türkei beitragen würden, die am heftigsten dagegen opponieren. Und nun verlief der Prozess, der zu dem Gesetz führte, das jetzt zur Lösung der kurdischen Frage verabschiedet wurde, in der Weise, wie der ehemalige Geheimdienstler es vorhergesagt hatte.

Vor zwei Jahren, als ein solches Thema gar nicht auf der Agenda stand, der PKK-Terror vielmehr auf einem Tiefpunkt war, unternahm der Vorsitzende von Erdoǧans ultranationalistischem Verbündeten MHP, Devlet Bahçeli, einen bedeutenden Vorstoß. Er richtete einen Aufruf an PKK-Chef Abdullah Öcalan, der 1999 mit Unterstützung der USA festgenommen und an die Türkei ausgeliefert worden war und seit einigen Jahren in Isolationshaft sitzt: „Wird die Isolation des Terroristenchefs aufgehoben, soll er herkommen und in der Fraktionssitzung der DEM-Partei im Parlament sprechen und laut verkünden, dass der Terror beendet und die Organisation aufgelöst ist.“ Nicht genug damit, Bahçeli schlug sogar vor, der zu lebenslanger Haft verurteilte Öcalan solle, wenn er die genannten Bedingungen erfülle, vom Recht auf Hoffnung profitieren und freikommen.

Längst wünschten sich alle ein Ende des Konflikts

Dieser Vorstoß vom Herbst 2024 überraschte alle. Immerhin kam er von eben jenem Devlet Bahçeli, der das Verbot der Kurden-Partei DEM und den Ausschluss ihrer Abgeordneten und Streichung ihrer Bezüge verlangt, die mit den Kurden kooperierende Oppositionsführung zu Terroristen erklärt und bei Wahlkampfkundgebungen schon mal den Strick geschwenkt hatte, um seiner Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe und Hinrichtung Öcalans Nachdruck zu verleihen.

Doch alle, die die übliche Strategie der Regierung kennen, ahnten, dass der eigentliche Architekt dieses Prozesses Erdoǧan persönlich war. Er schickte seinen nationalistischen Verbündeten vor, um Zustimmung der Gesellschaft zu erlangen und Widerstand nationalistischer Kreise zu verhindern. Warum aber stieß Erdoǧan einen Prozess erneut an, den er bereits zuvor einmal in Gang gesetzt, doch bald darauf wieder abgebrochen hatte, als er sah, dass er ihm nicht dienlich war?

Längst wünschten sich ja alle ein Ende des Konflikts, im Zuge dessen bereits über 50.000 Menschen umgekommen waren, der die Gesellschaft sozial und wirtschaftlich schwer geschädigt und in der gesamten Region für Probleme gesorgt hatte, weil auch in Nachbarländern Kurden leben. Warum aber wollte Erdoǧan auf einmal Frieden?

Die Partei der Kurden auf seine Seite ziehen

Wie immer trieb ein Motiv Erdoǧan an: Machterhalt. Wenige Monate vor Bahçelis überraschendem Vorstoß im Oktober 2024 hatte Erdoǧans Partei ihre bis dahin größte Wahlschlappe hinnehmen müssen. Die Oppositionsführerin CHP war mit ihrer neuen Führung als stärkste Partei aus den Kommunalwahlen hervorgegangen und hatte die AKP auf den zweiten Platz verwiesen. Im Schulterschluss mit der DEM-Partei der Kurden hatte die CHP insbesondere in den Großstädten deutlich triumphiert.

Diese Kooperation hätte bei den nächsten Präsidentschaftswahlen Erdoǧan stürzen können. Ein Herausforderer Ekrem Imamoğlu, dem neuen Istanbuler CHP-Bürgermeister, der auch bei kurdischen Wählern auf Sympathie stieß, wurde zum Albtraum für den Palast. Da Erdoğan den Gedanken, die Macht zu verlieren, nicht ertrug, setzte er auf eine Doppelstrategie: die Partei der Kurden mit einem neuen Friedensprozess auf seine Seite ziehen und zugleich die größte Oppositionspartei CHP handlungsunfähig machen.

Die Schläge gegen die CHP sind Ihnen bekannt. Per Gerichtsbeschluss wurde die Parteiführung ausgewechselt, und mehr als dreißig Bürgermeister, darunter Erdoǧans aussichtsreichster Rivale Imamoğlu, kamen in Haft. Nach der Übernahme ihrer Partei gründeten ehemalige CHP’ler unter Führung ihres Vorsitzenden Özgür Özel eine neue Partei, die Yeni Parti. Und wie ging es mit dem neuen Friedensprozess weiter, der angestrengt wurde, um die Kurden aus dem Block der Opposition herauszulösen?

In monatelangen Verhandlungen wurde eine Roadmap erstellt

Nach Bahçelis überraschendem Vorstoß wurde im Parlament eine Kommission gebildet. Um die Beteiligung aller Parteien sicherzustellen, wurde zugesagt, dass es nicht allein um die kurdische Frage gehen, sondern auch demokratischen Forderungen und Erwartungen entsprochen werden sollte. Mit einer Ausnahme beteiligten sich alle im Parlament vertretenen Parteien an der Kommission.

In monatelangen Verhandlungen wurde eine Roadmap erstellt, nach der die PKK die Waffen niederlegen und die Türkei demokratischer werden sollte. Es gab prätentiöse Versprechungen: Es sollten Meinungsfreiheit garantiert, Gesetze zur Einschränkung der Presse korrigiert, die Einsetzung kommunaler Zwangsverwalter verhindert, Proteste zugelassen und die Urteile des türkischen Verfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte umgesetzt werden. Was aber steht jetzt in dem neuen Gesetz? Nur die Regelung, die sicherstellen soll, dass die PKK die Waffen niederlegt und ihre Mitglieder freikommen. Denn Demokratie braucht die Regierung nicht. Was sie braucht, sind die kurdischen Wähler und Abgeordneten, auf die Öcalan, der die Verhandlungen mit dem Staat geführt hat, maßgeblichen Einfluss hat.

Wozu? Seine Kontrahenten hat Erdoǧan auf dem Rechtsweg ausgeschaltet, um aber die Wahl zu gewinnen, mehr noch um überhaupt erneut als Kandidat antreten zu können, muss er eine von zwei Bedingungen erfüllen. Er muss das Parlament dazu bringen, entweder vorgezogene Wahlen anzusetzen oder die Verfassung zu ändern. Dazu reichen die Sitze von Erdoǧans Partei und seinen Verbündeten aber nicht aus. Deshalb ist er darauf angewiesen, sich irgendwie die Stimmen der Kurden zu sichern. Die Lösung dafür sieht der Palast im Friedensgesetz. Das nun verabschiedete Gesetz legt die Steuerung des Friedensprozesses komplett in Erdoǧans Hände. Die zuständigen Gremien und Kommissionen sollen die Abläufe prüfen, das letzte Wort aber hat Erdoǧan. Auf diese Weise benutzt er die quasi als Geisel genommene kurdische Politik, um in nächster Zukunft den Beschluss für vorgezogene Wahlen zu erwirken, damit er bis an sein Lebensende im Präsidentenpalast residieren kann.

Verschleierte Frauen, die ein Tanzvideo in den sozialen Medien gepostet haben, Comedians, die einen Scherz gemacht haben, Journalisten, die einen Bericht geschrieben haben, Bergarbeiter, die protestieren, weil sie ihren Lohn nicht erhalten haben, werden verhaftet. Gleichzeitig sollen dank des von Erdoǧan aufgelegten Friedensgesetzes aber Verantwortliche für den Tod einiger Zehntausend Menschen freigelassen werden. Sie sehen, Demokratie muss in diesem Land wieder einmal auf einen anderen Frühling warten.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

15 August 2026 0 Kommentare
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Can Taylan Tapar
Politik

Die Grenzen des Friedens: Das Rahmengesetz, Machtverhältnisse und die ausbleibende Demokratisierung

von Can Taylan Tapar 15 August 2026
von Can Taylan Tapar

Am 10. August 2026 verabschiedete die Große Nationalversammlung der Türkei mit 468 Ja-Stimmen das „Gesetz zur Stärkung der nationalen Solidarität und gesellschaftlichen Integration“. Der offiziellen Rhetorik zufolge bildet diese Regelung die rechtliche Grundlage für das Ziel einer „terrorfreien Türkei“. Das Gesetz knüpft eine begrenzte und technische Mechanik der Strafaussetzung an die Bedingung, dass die PKK/KCK tatsächlich aufgelöst und ihre Waffen vollständig übergeben werden. Doch die Tatsache, dass im gleichen Zeitraum der Druck auf die Hauptopposition, auf gewählte Bürgermeister und auf kritische Medien weiter zunimmt, verleiht dem Gesetz eine komplexere politische Bedeutung.

Die zentrale These dieses Textes lautet: Das Rahmengesetz ist eine bedingte Regelung zur Verwaltung der Kosten eines jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts. Die Möglichkeit, dass die Waffen schweigen, trägt ein gesellschaftlich progressives Potenzial in sich. Dennoch entfernt sich das Gesetz weit von einer Lösung der Fragen der Demokratisierung, der richterlichen Unabhängigkeit und eines umfassenden gesellschaftlichen Friedens. Zugleich erfüllt es die Funktion, die Hegemonie des gegenwärtigen Machtblocks neu zu ordnen.

Inhalt und technische Grenzen des Gesetzes

Das Gesetz besteht aus zwölf Artikeln. Sein entscheidendes Merkmal ist seine Bedingtheit. Die Bestimmungen treten erst dann in Kraft, wenn die Sicherheitsbehörden feststellen, dass die PKK/KCK und die mit ihr verbundenen Strukturen ihre tatsächliche Existenz beendet und sämtliche Waffen und Munition unter ihrer Kontrolle übergeben haben, und wenn diese Feststellung durch einen Beschluss des Nationalen Sicherheitsrats bestätigt und im Amtsblatt veröffentlicht wird. Das Gesetz geht der Entwaffnung und Auflösung der Organisation also nicht voraus, sondern setzt deren Verifizierung voraus.

Der Anwendungsbereich umfasst die Straftaten der Gründung oder Leitung einer Organisation, der Mitgliedschaft, der wissentlichen und willentlichen Unterstützung, der Propaganda sowie der Terrorismusfinanzierung. Ausgenommen bleiben hingegen vorsätzliche Tötungen im Rahmen organisatorischer Tätigkeit sowie bestimmte vor dem 1. Juni 2005 begangene Straftaten, die mit erschwerter lebenslanger Freiheitsstrafe bedroht sind. Diese Regelung schließt Abdullah Öcalan faktisch von den Vergünstigungen des Gesetzes aus.

Ermittlungen, Strafverfahren und die Vollstreckung rechtskräftiger Strafen werden je nach Schwere der Tat für fünf oder zehn Jahre ausgesetzt. Wird in dieser Zeit keine neue Terrorstraftat begangen, erlöschen die Verfahren bzw. gelten die Strafen als vollstreckt. Die Antragsfrist beträgt sechs Monate ab dem tatsächlichen Inkrafttreten des Gesetzes.

Diese technische Konstruktion macht deutlich, dass es sich weder um eine Generalamnestie noch um ein Demokratisierungspaket handelt. Die Regelung ist ein begrenzter, bedingter und befristeter Eingriff in das Straf- und Vollstreckungsrecht. Sie verändert weder den rechtlichen Charakter der Straftaten noch hebt sie Verurteilungen auf.

Klassen- und Machtanalyse

Ein Gesetz ausschließlich aus seinem Wortlaut heraus zu lesen, greift zu kurz. Entscheidend ist, in welchen Machtverhältnissen und auf welche gesellschaftlichen wie politischen Bedürfnisse hin dieser Text entstanden ist.

Aus Sicht des Machtblocks geht es darum, die langfristigen Kosten des bewaffneten Konflikts – wirtschaftliche Belastung, internationaler Legitimationsverlust, regionale Instabilität und dauerhafte Sicherheitsausgaben – zu verwalten. Zugleich entsteht im Vorfeld der Wahlen 2028 das Bedürfnis, einen Teil des kurdischen politischen Raums kontrolliert in das System zu integrieren. Dies ist weniger Ausdruck eines bloßen „Friedenswillens“ als vielmehr Teil des Bestrebens der herrschenden Koalition, ihre eigene Kontinuität zu sichern.

Für die verschiedenen Bestandteile der kurdischen politischen Bewegung ist das Bild komplexer. Die DEM-Partei unterstützt die rechtliche Grundlage des Prozesses, weist aber zugleich auf die schwache demokratische Dimension des Gesetzes hin. Das Ende des bewaffneten Kampfes kann für die kurdischen Werktätigen und die armen Regionen, die seit Jahrzehnten den höchsten Preis des Konflikts gezahlt haben, eine konkrete Erleichterung bedeuten. Wie dauerhaft dieses Potenzial ohne politische Gleichheit und demokratische Rechte sein wird, bleibt jedoch ungewiss.

Auffällig ist die Gleichzeitigkeit dieses Prozesses mit dem anhaltenden Druck auf die Hauptopposition. Die Absetzung gewählter Bürgermeister, die Ausweitung der Treuhänderpraxis sowie Ermittlungen gegen Journalisten und oppositionelle Politiker gehen weiter. Diese Gleichzeitigkeit zeigt, dass unterschiedliche Formen der Opposition unterschiedlich behandelt werden. Während für Mitglieder einer sich entwaffnenden Organisation eine bedingte Tür zur „Rückkehr in die Gesellschaft“ geöffnet wird, nimmt der Druck auf die gewählte und unbewaffnete Opposition zu. Gerade darin werden die politischen Grenzen des Gesetzes sichtbar.

Dialektischer Widerspruch: Friedensrhetorik und Praxis der Unterdrückung

Derselbe Staatsapparat eröffnet auf der einen Seite Mitgliedern einer sich entwaffnenden Organisation einen bedingten rechtlichen Rahmen und setzt auf der anderen Seite die demokratische Opposition mit justiziellen Mitteln aus dem politischen Raum. Diese Konstellation zeigt, dass es ebenso unzureichend ist, das Recht lediglich als direktes Instrument der herrschenden Klasse zu betrachten, wie es als vollständig neutrales Feld zu denken.

Recht kann bestehende Machtverhältnisse reproduzieren und zugleich ein Terrain sein, auf dem Klassenkämpfe und politische Konflikte ausgetragen werden. Das Rahmengesetz spiegelt diese Doppelgesichtigkeit deutlich wider. Es schafft einerseits eine begrenzte Flexibilität bei der Verwaltung des Konflikts und lässt andererseits die Instrumente der Unterdrückung gegenüber breiteren Teilen der Opposition unangetastet.

Statt diese Konstellation auf einen „geheimen Plan“ zu reduzieren, ist es produktiver, sie über institutionelle Interessen, politische Kalküle und historische Zwänge zu lesen. Die Macht beseitigt einerseits die bewaffnete Opposition und erneuert damit ihre sicherheitspolitische Legitimation; zugleich schwächt sie jene oppositionellen Kräfte, die im Wahlkampf konkurrieren könnten. Diese beiden Seiten schließen einander nicht aus, sondern bilden unterschiedliche Facetten desselben Konsolidierungsbedürfnisses.

Historische Perspektive

Der Vergleich mit dem Lösungsprozess von 2013–2015 ist erhellend. Auch damals wurde die Sprache des „Friedens“ und der „Lösung“ bemüht; nach dem Scheitern des Prozesses folgte eine deutlich härtere Phase der Unterdrückung. Die heutige Regelung ist technischer, bedingter und stärker an sicherheitsbehördliche Bestätigung gebunden als die damalige. Darin zeigt sich sowohl der Wille, die Kontrolle über den Prozess in den Händen des Staates zu behalten, als auch das Bestreben, die Unsicherheiten der Vergangenheit zu vermeiden.

Die langfristigen strukturellen Fragen – Stärkung der lokalen Demokratie, Sprachenrechte, richterliche Unabhängigkeit, Abbau ökonomischer Ungleichheiten – bleiben ungelöst. Ob ein dauerhafter Frieden ohne ihre Bearbeitung möglich ist, steht weiterhin im Raum. Das Schweigen der Waffen kann eine wichtige Schwelle sein; entscheidend bleibt jedoch, welche gesellschaftliche Ordnung jenseits dieser Schwelle errichtet wird.

Menschliche Erfahrung und gesellschaftliche Kosten

Große strukturelle Analysen dürfen die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen nicht unsichtbar machen. Der mehr als vierzigjährige Konflikt hat sich nicht allein zwischen Organisation und Staat abgespielt, sondern auch über kurdische und türkische Werktätige, arme Regionen, Vertriebene, zerstörte Dörfer und zerrissene Familien. Die Möglichkeit, dass die Waffen schweigen, kann für diese Gruppen eine konkrete Erleichterung bedeuten. Mehr persönliche Sicherheit, die Öffnung für Investitionen und die Chance junger Menschen, wieder Zukunft zu denken, sind Wirkungen auf der Ebene des Alltagslebens, die nicht geringgeschätzt werden dürfen.

Das Gesetz bettet dieses Potenzial jedoch nicht in einen demokratischen und egalitären Rahmen ein. Forderungen wie die Abschaffung der Treuhänderpraxis, die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, eine breitere politische Amnestie oder die Absicherung der Meinungs- und Organisationsfreiheit sind nicht in den Gesetzestext aufgenommen worden. Deshalb besteht die Gefahr, dass das Schweigen der Waffen weniger eine Transformation der bestehenden Machtverhältnisse bewirkt als vielmehr deren Neuordnung.

Kritik und alternative Perspektive

Die positive Seite des Gesetzes ist klar: Die Möglichkeit des Endes des bewaffneten Konflikts trägt ein progressives Potenzial in sich. Der Rückgang von Gewalt liegt im Interesse der Arbeitenden und der Armen. Doch dieses Potenzial bleibt in der gegenwärtigen Form des Gesetzes begrenzt.

Was fehlt, sind Schritte der Demokratisierung. Ein wirklicher gesellschaftlicher Frieden ist nicht allein durch die Niederlegung der Waffen möglich, sondern durch politische Gleichheit, ökonomische Gerechtigkeit und die Stärkung demokratischer Institutionen. Ohne die Stärkung der lokalen Demokratie, die Sicherung der richterlichen Unabhängigkeit, den Schutz von Meinungs- und Organisationsfreiheit, eine breitere politische Amnestie und das Ende der Treuhänderpraxis droht die Rhetorik des „Friedens“, sich in ein bloßes Stabilitätsbedürfnis der bestehenden Ordnung zu verwandeln.

Aus marxistischer Perspektive darf Frieden nicht die Bewahrung der bestehenden Machtverhältnisse unter dem Namen der „Stabilität“ bedeuten, sondern muss Teil eines Prozesses ihrer Transformation sein. Andernfalls verhindert das Schweigen der Waffen nicht, dass Unterdrückung und Ungleichheit in anderen Formen fortbestehen.

Schluss

Das Rahmengesetz ist eine bedingte und technische Regelung zur Verwaltung des bewaffneten Konflikts. Es ist weder eine Generalamnestie noch ein umfassendes Demokratisierungspaket. Die Möglichkeit, dass die Waffen schweigen, trägt ein gesellschaftlich positives Potenzial in sich. Zugleich zeigen die politischen Grenzen des Gesetzes und der gleichzeitig steigende Druck auf die Opposition, dass dem Prozess eine demokratische Dimension fehlt.

Die entscheidende Frage lautet daher: Genügt das Schweigen der Waffen – oder kommt es darauf an, unter welchen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen dieses Schweigen eintritt? Ein dauerhafter Frieden wird nicht allein durch die Niederlegung der Waffen möglich, sondern durch die Errichtung einer demokratischen und gerechten Ordnung, in der die Menschen als gleiche Bürgerinnen und Bürger leben können.

15 August 2026 0 Kommentare
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