Unterstützung aus Brüssel für den inhaftierten Journalisten Merdan Yanardağ

von Fremdeninfo

Von: Mehmet Tanlı

Nach der breiten Solidarität in der Türkei erhält der inhaftierte Journalist und Autor Merdan Yanardağ nun auch Unterstützung aus dem Ausland, insbesondere aus Brüssel.

Am Sonntag fand in der belgischen Hauptstadt Brüssel eine Solidaritätsveranstaltung für Dr. Merdan Yanardağ statt, den Chefredakteur des Senders Tele1, der seit sechs Monaten im Silivri-Gefängnis inhaftiert ist. Seine Ehefrau, die Autorin Sevim Kahraman Yanardağ, sowie weitere Journalisten trafen sich in Brüssel mit Lesern und signierten Yanardağs Bücher.

Die vom Bündnis „platFORUM“ organisierte und vom Journalisten Mehmet Tanlı moderierte Veranstaltung fand im Saal Parochzaal Moorsel im Brüsseler Stadtteil Tervuren statt. Als Redner traten Sevim Kahraman Yanardağ, der in Brüssel lebende erfahrene Journalist Doğan Özgüden sowie der Satiriker und künstlerische Leiter des Binfikir-Theaters, Erdinç Utku, auf.

Begleitet wurde die Veranstaltung von einer Karikaturenausstellung des Künstlers İsmail Doğan zum Thema Pressefreiheit. Musikalisch umrahmt wurde das Programm von dem Volkskünstler Aytekin Kılıç und seinem Bruder Nizamettin Kılıç, die anatolische Klagelieder (Deyiş) sowie bekannte Werke der Protestmusik vortrugen.

EFJ: Tele1 muss zurückgegeben und Merdan Yanardağ freigelassen werden

Die Veranstaltung begann mit einer Begrüßungsrede von İsmet Yılmaz im Namen von „platFORUM“, einer Plattform progressiver und demokratischer Kreise in Belgien. Ein Höhepunkt war die Botschaft von Ricardo Gutierrez, dem Generalsekretär der Europäischen Journalisten-Föderation (EFJ), die 300.000 Journalisten in 44 Ländern vertritt. Die Botschaft wurde von Serpil Aygün verlesen. Gutierrez forderte die Einstellung aller Anklagen gegen Yanardağ sowie die Freilassung aller in der Türkei inhaftierten Journalisten. Die EFJ forderte zudem, dass Tele1 wieder uneingeschränkt senden darf, und rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, Sanktionen gegen die von der MHP unterstützte AKP-Regierung aufgrund des Drucks auf die Medien zu verhängen.

Juristischer Druck auf die freie Presse muss enden

Alle Redner betonten die schwere Lage der Pressefreiheit in der Türkei. Unabhängige und oppositionelle Kanäle seien mit gerichtlichem Druck, Verhaftungen, der Einsetzung von Zwangsverwaltern und Sendeverboten konfrontiert.

Mehmet Tanlı, ehemaliger Tele1-Deutschlandvertreter und Mitglied der Kölner Solidaritätsplattform, präsentierte Daten zur Repression gegen Journalisten weltweit. Er wies darauf hin, dass die Zahl der inhaftierten Journalisten weltweit um 7 Prozent gestiegen sei. „Während China die Liste anführt, liegt die Türkei weltweit auf Platz 9. Derzeit sitzen in der Türkei 31 Journalisten im Gefängnis. Merdan Yanardağ ist unschuldig und nicht allein“, so Tanlı. Er forderte seine Freilassung bei der kommenden Verhandlung am 11. Mai.

Merdan Yanardağs Brief aus Silivri verlesen

Sevim Kahraman Yanardağ verlas einen Brief ihres Mannes aus dem Silivri-Gefängnis. Darin bedankte er sich für die Solidarität und schrieb: „Die Türkei steht an einem Scheideweg. Wir haben die Krise der Hoffnung überwunden und den Mut gestärkt. Der Kampf geht weiter, Solidarität hält am Leben. Die AKP-Regierung versucht, ihre politische Lebensdauer zu verlängern, aber sie befindet sich in einer Sackgasse.“ Der Brief, in dem betont wurde, dass Tele1 als Alternative zu den etablierten Medien gezielt angegriffen werde, erhielt langen Applaus.

„Rückschritt bei der Pressefreiheit ist ein Drama“

Der Satiriker Erdinç Utku verglich in seinem gewohnt ironischen Stil die Entwicklungen in der Türkei mit denen in Belgien. Er merkte an, dass die Türkei Belgien in Sachen Surrealismus längst überholt habe. „Um eine demokratische Türkei zu erleben, möchte ich in die Zeit vor 1980 zurückkehren, denn selbst damals war es freier als heute“, so Utku sarkastisch. Zur weltweiten Platzierung der Türkei auf Rang 9 der inhaftierten Journalisten sagte er: „Platz 9? Sollten wir nicht Erster sein? Einem Land unter der Führung von Recep Tayyip Erdoğan stünde der Weltmeistertitel doch besser zu.“

Historische Perspektive: Chronologie des Kampfes um Pressefreiheit

Der seit vielen Jahren in Brüssel lebende Doyen des Journalismus, Doğan Özgüden, beleuchtete die historische Dimension der Unterdrückung der Presse in der Türkei. Er erinnerte an den 6. April, den „Tag der ermordeten Journalisten“, und wies darauf hin, dass seit der Ermordung von Hasan Fehmi im Jahr 1909 bereits 117 Journalisten ihr Leben verloren haben. Özgüden berichtete von seinen eigenen Erfahrungen mit Exil und Gerichtsverfahren und erinnerte an Meilensteine der Zensur wie den Überfall auf die Tan-Zeitung sowie die Repressionen der Militärputsche von 1971 und 1980.

Kunst und Solidarität vereint

Während der Veranstaltung wurden Porträts der inhaftierten Journalisten İsmail Arı, Alican Uludağ und Merdan Yanardağ sowie Fotos von Solidaritätsaktionen an die Wand projiziert. Neben der Karikaturenausstellung von İsmail Doğan wurden auch Bücher von Yanardağ und den anwesenden Autoren zu Gunsten der Solidaritätskampagne verkauft. Zum Abschluss des Programms signierte Sevim Kahraman Yanardağ die Bücher für die Besucher, während die Brüder Kılıç mit ihren Liedern für Frieden und Solidarität den Abend beendeten.

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