Von: Halil Karabacak / Berlin
Sehr geehrte Herr Yağmur, seit Jahren fügen die von Ihnen erwähnten Kreise den Problemen der Migrantenminderheit großen Schaden zu. Sie haben ihre Heimatländer verlassen und sind hierhergekommen; dagegen ist nichts einzuwenden, natürlich mussten auch sie ihre Lebensrechte und politischen Ansichten verteidigen. Doch diese Personen haben die Probleme ihrer Heimatländer hierher getragen, ohne sich bewusst zu machen, in welcher Gesellschaft und in welchem Land sie eigentlich leben. Es gibt immer noch Menschen und Institutionen, die dies weiterhin tun. Jene, die versuchten, Vereine für ihr Heimatdorf zu gründen und die dörflichen Probleme hierher zu übertragen, sind im Laufe der Zeit verschwunden.
Es gab auch solche, die die Probleme ihrer Organisationen im Heimatland hierher brachten und versuchten, diese von hier aus zu steuern. Wenn man sie darauf anspricht, sagen manche sogar: „Auch Lenin ging ins Ausland und leitete die russische Revolution aus der Ferne.“ Dabei blieb Lenin nur für kurze Zeit in Zürich und kehrte dann zurück; diese Leute hingegen leben seit 40 bis 50 Jahren hier und tragen immer noch die Probleme ihrer Heimatländer hierher. Sie tragen weder zur Lösung der Probleme in ihrer Heimat bei, noch fügen sie der hiesigen Migrantenbewegung massiven Schaden zu.
Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: „Mit herbeigetragenem Wasser dreht sich das Mühlrad nicht.“ (Taşıma su ile değirmen dönmez). Die Menschen in den Herkunftsländern müssen sich selbst vor Ort gegen Diktatoren und reaktionäre Regierungen organisieren und diese besiegen. Man kann Diktatoren und reaktionäre Regierungen dort nicht von Deutschland oder Europa aus stürzen. Da dies bisher niemandem gelungen ist, sollte man dieses Unterfangen endlich aufgeben, der Realität ins Auge blicken und sich durch politische Arbeit in die hiesigen gesellschaftlichen Strukturen und die Politik integrieren.
Natürlich fällt Ihnen das sehr schwer, weil Sie die Sprache nicht gut beherrschen und sie auch nicht lernen. Sie wählen den Weg des geringsten Widerstands, bringen die Probleme Ihres Heimatlandes hierher und hindern die Menschen daran, sich mit ihren eigentlichen Problemen hier vor Ort zu beschäftigen. Sie tun nichts weiter, als Ihr eigenes Ego zu befriedigen und sich damit zu brüsten, „Vorsitzender einer Organisation“ zu sein.
Wenn Sie den Kopf in beide Hände nähmen und gründlich nachdenken würden, könnten Sie die Wahrheit erkennen. Doch selbst wenn Sie diese Wahrheiten sähen, würden Sie die Realität nicht akzeptieren und stattdessen Ihren eigenen Utopien nachjagen. Sie organisieren drei bis fünf Leute in Europa oder Deutschland und geben sich einen hochtrabenden Namen als Organisation. Tag und Nacht diskutieren Sie und führen in Ihrem Land eine sogenannte „Revolution“ herbei; aber diese Revolution findet niemals statt – Sie betrügen sich nur selbst.
Lassen Sie endlich ab von dieser Illusion und diesem Traum, sehen Sie der Wahrheit ins Auge. Schaden Sie der hiesigen Migrantenbewegung nicht länger. Empfehlen Sie den Menschen stattdessen, sich im Einklang mit den politischen Bedingungen der Gesellschaft, in der sie leben, zu organisieren. Solange Sie dies nicht tun, werden Sie die moralische Last des Schadens, den Sie der Migrantenbewegung zufügen, niemals loswerden.