Mut kommt vor Wut“

von Fremdeninfo

  Von: Mirjana Cvjetkonic/Haz

Die Tekkal-Schwestern kehren mit ihrem Buch „Wut & Wärme“ am 23. April nach Hannover zurück – dorthin, wo für sie alles begann. Wir haben mit den unermüdlichen Aktivistinnen gesprochen.

Sie tingeln durch Talkshows, sie sitzen auf Panels und in Podcasts, geben Interviews zu den Themen, die ihnen am meisten am Herzen liegen, für die sie sich aufopfern und kämpfen: Menschenrechte, Flüchtlingshilfe, Bildung und politische Aufklärung.

Da wundert es wirklich kaum, dass Düzen (47), Tezcan (38), Tuğba (41), Tülin (33) und Tuna Tekkal (45) nun noch eine Schippe draufgelegt und ein gemeinsames Buch geschrieben haben – „Wut & Wärme“ (Brandstätter, 200 Seiten, 25 Euro) ist kürzlich erschienen. Ähnlich naheliegend, dass die Schwestern damit auf Tour gehen und am 23. April einen Lesereisestopp in ihrer Heimatstadt Hannover einlegen. Sie leben mittlerweile ja in Berlin und Köln.

„Die Lesung in Hannover ist eine echte Herzensangelegenheit“, gesteht Düzen Tekkal. Offenbar auch für die Gäste: Kaum war die Veranstaltung angekündigt, wurde sie vom Literaturhaus an der Sophienstraße ins Theater am Aegi hochverlegt. Vorweg: Es gibt noch Tickets à 13,41 Euro bei freier Platzwahl. Und während die Besucherinnen und Besucher auf einen unterhaltsamen, unvergesslichen und überraschenden Abend setzen, bedeutet es für die Schwestern nachhausekommen – „an den Ort, an dem alles angefangen hat“, so Tuna Tekkal. Schwester Tuğba hält vor allem nach einer Person Ausschau: Renate. „Darauf freue ich mich, weil sie eine der ersten Menschen war, die mich gesehen hat, die an mich geglaubt hat. Für mich ist das ein ganz besonderes Wiedersehen – nach 30 Jahren.“

Die Frau mit den (früher mal) knallroten Haaren war einst Betreuerin im Spielhaus in Linden, einem Jugendzentrum, in dem sich Tuğba Tekkal als Kind gerne aufgehalten hat und dort von Renate unterstützt wurde. Kein Normalfall für die Tekkals – eine geflüchtete jesidisch-kurdische Familie mit elf Kindern und einer Mutter als Analphabetin –, denen gerne mal eher Misstrauen und Ablehnung begegneten als eine unterstützende Hand. Selbst eine Lehrerin schmiss ihr mal entgegen: „Du wirst es eh nie zu etwas bringen.“

Heute schauen die meisten zu den Tekkals auf. Tuğba war Profi-Fußballerin, Tülin ist DJ und Entertainerin, Tezcan Mitgründerin der Bildungsinitiative „German Dream“ sowie der Menschenrechtsorganisation „Háwar help”, Tuna engagiert sich dort auch seit Jahren für gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Bildung. Düzen ist Menschenrechtsaktivistin und Journalistin an vorderster Front, sogar mit dem Bundesverdienstkreuz sind zwei Schwestern ausgezeichnet worden.

„Es war oft sehr emotional und auch überfordernd. Wir haben unglaublich viel von uns preisgegeben, weil wir ja auch unser Verhältnis zueinander beschreiben mussten“, erzählte uns Düzen Tekkal vom Schreibprozess ihres ersten gemeinsamen Buchs. „Die Beiträge meiner Schwestern haben mich besonders überrascht – ich hatte teilweise richtig Gänsehaut.“ Für alle dürfte es ein Akt gewesen sein, bei dem sie sich auf gewisse Weise auch ganz neu kennengelernt haben. Es handelt etwa von Schwesternschaft, ihrer Sozialisierung und einem gemeinsamen Miteinander in der Gesellschaft. „Mut kommt vor Wut“, sagen die Tekkals. Wo haben sie zuletzt Mut aufbringen müssen und was hat sie wütend gemacht? Düzen Tekkal sagt: „Es gibt ehrlich gesagt fast jeden Tag etwas, das einen wütend macht. Zuletzt musste ich Mut aufbringen, als ich öffentlich Kritik gegen den syrischen Übergangspräsidenten Al Schaara geäußert habe, obwohl ich wusste, dass ich dafür Gegenwind und Anfeindungen bekommen würde. Aber ich konnte nicht anders.“ In Bezug auf Mut betont Tuğba Tekkal: „Mut bedeutet für mich, weiterzumachen, auch wenn der Weg noch lang ist.“

 

 

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