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Allgemein

DEM-Vorsitzender Bakırhan ruft zur Einheit der demokratischen Kräfte auf

von Halit Yaşar Demirbağ 30 Mai 2026
von Halit Yaşar Demirbağ

 

Von: Halit Yasar Demirbag/ Kölen

Der Ko-Vorsitzende der DEM-Partei, Tuncer Bakırhan, erklärte in seiner Rede, dass die Bedeutung des Festivals angesichts der heutigen politischen Rahmenbedingungen von außerordentlicher Wichtigkeit sei.

Bakırhan führte aus, dass kapitalistische und imperialistische Systeme versuchten, oppositionelle gesellschaftliche Schichten zu spalten. Er betonte, dass es mittlerweile zu einer Notwendigkeit geworden sei, dass die demokratischen Kräfte auf einer gemeinsamen Basis für den Kampf zusammenkommen.

Unter Hinweis auf den Aufruf „Bir Ol“ (Seid eins) im Namen des Festivals merkte Bakırhan an, dass vielen der bestehenden Probleme die Unfähigkeit zugrunde liege, gemeinsam zu handeln.

„Verhandlung bedeutet nicht, den Kampf aufzugeben“

Bakırhan ging auch auf den Prozess zur Lösung der kurdischen Frage ein und sagte, dass Verhandlungen keineswegs bedeuten würden, den Kampf aufzugeben.

Er unterstrich, dass Verhandlungen nicht den Verzicht auf das Recht der kurdischen Bevölkerung auf ihre Muttersprache, die Forderungen der Aleviten nach gleichberechtigter Staatsbürgerschaft oder den Freiheitskampf der Frauen bedeuteten. Bakırhan erklärte, dass sich lediglich die Methode des Kampfes geändert habe.

Bakırhan betonte, dass die DEM-Partei aufgrund des Verhandlungsprozesses zu keinem Zeitpunkt geschwiegen habe. Er erklärte, dass sie in vielen Bereichen Solidarität zeigen – von den Operationen gegen die CHP über den Druck auf Journalisten und Maßnahmen gegen Jugendliche bis hin zur Treuhänder-Politik (Kayyım).

„Wir erwarten ein Gesetz bis Juli“

30 Mai 2026 0 Kommentare
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Allgemein

33. Jahrestag des Brandanschlags von Solingen

von Fremdeninfo 30 Mai 2026
von Fremdeninfo

 Von: Fremdeninfo

Am 33. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags vom 29. Mai 1993 in Solingen wird der fünf Mitglieder der türkischstämmigen Familie Genç gedacht, die bei der Tat ums Leben kamen. Trotz der vergangenen Jahre bleiben der Schmerz und die Debatten über Gerechtigkeit weiterhin präsent.

Es sind 33 Jahre vergangen, seit sich in der Nacht des 29. Mai 1993 der rassistische Brandanschlag in Solingen (Nordrhein-Westfalen) ereignete. Bei dem von Neonazis gelegten Brand im Wohnhaus der Familie starben fünf Personen, zahlreiche weitere wurden verletzt.

Das Ereignis, das als einer der schwersten rassistischen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik gilt, wurde zu einem Symbol für den Hass gegen Migranten und Fremdenfeindlichkeit im Land. Die Geschehnisse in Solingen haben nicht nur die Familie Genç, sondern Millionen von in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund tief getroffen.

Fünf Menschen verloren ihr Leben

Infolge des Brandstiftung durch Rechtsextremisten am Haus der Familie Genç in der Nacht des 29. Mai 1993 verloren Gürsün İnce (28), Hatice Genç (19), Gülüstan Öztürk (12), Hülya Genç (9) und Saime Genç (5) ihr Leben. Die überlebenden Familienmitglieder erlitten zum Teil schwere Verletzungen; die Spuren der Tragödie sind auch nach Jahrzehnten nicht verblasst.

Der Anschlag ereignete sich in einer Zeit, in der rechtsextreme Gewalt in Deutschland massiv zunahm. Nach der Tat gingen bundesweit tausende Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu protestieren, und die Debatte über Hassangriffe gegen Migranten rückte erneut in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Täter wurden aus der Haft entlassen

Die nach dem Anschlag gefassten Täter Markus Gartmann, Felix Köhnen, Christian Reher und Christian Buchholz wurden gerichtlich zu Freiheitsstrafen verurteilt. Im Laufe der Jahre wurden jedoch alle Täter nach Verbüßung ihrer Strafen aus der Haft entlassen.

Angehörige der Opfer und Migrantenorganisationen betonen, dass ein vollständiges Gefühl der Gerechtigkeit auch nach so langer Zeit nicht eingekehrt sei. Bei den Gedenkfeiern zur Tragödie von Solingen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Täter heute unbehelligt in Deutschland leben.

Aufruf zum Kampf gegen Rassismus

Die Tragödie von Solingen nimmt auch nach 33 Jahren einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der türkeistämmigen Gemeinschaft in Deutschland ein. Bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen wird der Opfer gedacht und der Appell zum Kampf gegen Rassismus und Hasskriminalität erneuert.

In Stellungnahmen zum Jahrestag wird darauf aufmerksam gemacht, dass Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in vielen europäischen Ländern wieder an Stärke gewinnen. Demokratische Organisationen und Menschenrechtsverteidiger unterstreichen, dass die Ereignisse von Solingen niemals in Vergessenheit geraten dürfen, und rufen zum gemeinsamen Kampf auf, damit sich ein solches Leid nicht wiederholt.

Das Andenken an die fünf Menschen, die vor 33 Jahren in Solingen ihr Leben verloren, bleibt bis heute ein Symbol für den Kampf um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und ein friedliches Miteinander.

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30 Mai 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Die Hetzjagd gegen Kılıçdaroğlu und politische Heuchelei

von Fremdeninfo 29 Mai 2026
von Fremdeninfo

 Von: Ali Ertan Toprak

Kemal Kılıçdaroğlu ist durch einen Gerichtsbeschluss bis zum Parteitag in sein Amt zurückgekehrt. Wärt ihr alle glücklicher gewesen, wenn der Gouverneur von Ankara als Zwangsverwalter (Kayyum) eingesetzt worden wäre? Wenn sie es wirklich ehrlich meinen würden, hätten sie gemeinsam mit Kılıçdaroğlu einen Fahrplan entwerfen können, anstatt einen solchen Aufruhr zu veranstalten. Doch aus Angst davor, dass all der Schmutz ans Licht kommt, versuchen sie, dies zu vertuschen, indem sie Kılıçdaroğlu zur Zielscheibe machen.

Wenn das Erste, was diejenigen tun, die die Türkei regieren wollen, Korruption ist, sobald sie die Kommunalverwaltungen übernehmen, was würden sie dann erst tun, wenn sie die gesamte Regierung übernehmen? Darüber spricht niemand. Ich bin einer derjenigen, die Kılıçdaroğlu von Anfang an politisch am stärksten kritisiert haben. Wegen seiner falschen politischen Entscheidungen, seiner kemalistischen und etatistischen Haltung habe ich ihn politisch stets kritisiert. Warum hat niemand so heftig reagiert, als er die Immunitäten aufheben ließ? Das werde ich ihm niemals verzeihen.

Aber die heutige Hetzjagd (Linç) gegen ihn ist ebenfalls inakzeptabel. Leider rufen einige Aleviten bei Protesten „Verräter Kemal“; sie merken nicht einmal, dass sie über Kılıçdaroğlus Identität eigentlich sich selbst beleidigen. Genau das ist mein Einwand. Ich habe nie gehört, dass Baykal, der Erdoğans Wahl zum Abgeordneten erst ermöglichte, jemals als „Verräter“ bezeichnet wurde; aber wir haben Aleviten gesehen, die bei Baykal um ein Abgeordnetenmandat bettelten. So viel Heuchelei ist unfassbar…

Kılıçdaroğlu wird medial und politisch hingerichtet, alle Sünden werden ihm aufgehalst; genau deshalb stehe ich heute an seiner Seite. Morgen werde ich ihn als Politiker wegen seiner Fehlentscheidungen wieder kritisieren. Ich bin Kizilbaschi und Kurde! Wenn jemand aufgrund seines Kizilbaschi-Seins oder seines Kurdisch-Seins gelyncht wird, stehe ich ohne zu zögern an seiner Seite.

Los, marschiert jetzt alle gemeinsam in Richtung Palast (Saray)! Es ist am einfachsten, auf jemanden einzutreten, der schwach geworden ist. Was ihr tut, ist keine politische Haltung; im Gegenteil, genau damit dient ihr dem Palast.

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29 Mai 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Appell des Menschenrechtskommissars des Europarates an die Türkei: „Urteile von Verfassungsgerichtshof und EGMR müssen umgesetzt, Anti-Terror-Gesetz geändert werden“

von Fremdeninfo 29 Mai 2026
von Fremdeninfo

Michael O’Flaherty, Menschenrechtskommissar des Europarates, forderte in seinem nach einem Türkei-Besuch veröffentlichten Bericht umfassende Reformen in den Bereichen Strafgesetzbuch (TCK), Anti-Terror-Gesetz (TMK), Internet- und Rundfunkgesetzgebung, Demonstrationsverbote sowie in Bezug auf Interventionen gegen Anwaltskammern und die Nichtumsetzung von Urteilen des EGMR und des Verfassungsgerichtshofs (AYM).

NACHRICHTENZENTRUM – Michael O’Flaherty, der Menschenrechtskommissar des Europarates, hat in seinem Memorandum im Anschluss an seinen Türkei-Besuch im Jahr 2024 seine Bewertungen und Empfehlungen zur Meinungs- und Pressefreiheit, zur friedlichen Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie zum Funktionieren des Justizsystems der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In dem Bericht betonte der Kommissar die Notwendigkeit, das innerstaatliche Recht und die entsprechenden Praktiken in der Türkei mit der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) und der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Einklang zu bringen. O’Flaherty wies auf strukturelle Probleme in Bereichen wie dem türkischen Strafgesetzbuch (TCK), dem Anti-Terror-Gesetz (TMK), der Internet- und Rundfunkgesetzgebung, den Kontrollmechanismen für Vereine, der Struktur des Rates der Richter und Staatsanwälte (HSK), der Verhaftungspraxis sowie der Nichtumsetzung von Urteilen der Obergerichte hin.

PROZESS KÖNNTE „CHANCE BIETEN“

Die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in Demokratisierungsprozesse wurde im Bericht als positiver Schritt bewertet. Der Kommissar erklärte, dass solche Prozesse eine wichtige Gelegenheit darstellen könnten, um langjährige Menschenrechtsprobleme anzugehen und das Vertrauen in demokratische Institutionen wiederherzustellen.

STRAFBESTIMMUNGEN SCHRÄNKEN MEINUNGSFREIHEIT EIN

Der Kommissar erinnerte daran, dass die Meinungsfreiheit sowohl durch Artikel 10 der EMRK als auch durch Artikel 26 der türkischen Verfassung garantiert ist. Dennoch äußerte er Besorgnis darüber, dass bestimmte Artikel im TCK und TMK von den Gerichten dazu genutzt werden, die Meinungsfreiheit unrechtmäßig einzuschränken.

O’Flaherty verwies darauf, dass der EGMR in zahlreichen Urteilen gegen die Türkei die strafrechtliche Verfolgung aufgrund friedlicher Meinungsäußerungen, politischer Reden und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten als „Verletzung“ eingestuft hat. Er betonte, dass das Fehlen einer ausreichenden und individualisierten Begründung in Gerichtsurteilen ein chronisches Problem sei. Der Kommissar forderte die Änderung der TCK-Artikel 125, 299, 301, 217/A, 215, 216, 220 und 314 sowie der entsprechenden Bestimmungen des TMK im Einklang mit den Gutachten der Venedig-Kommission. Insbesondere forderte er die vollständige Abschaffung von Artikel 299 TCK („Beleidigung des Präsidenten“).

INHAFTIERTE JOURNALISTEN UND PRESSEFREIHEIT

Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen Journalisten nahmen im Abschnitt über die Meinungsfreiheit breiten Raum ein. Der Kommissar stellte fest, dass Journalisten aufgrund ihrer Berichterstattung, ihrer Quellen und ihrer Kritik an öffentlichen Institutionen unter systematischem juristischem Druck stünden. O’Flaherty erklärte, dass die Tatsache, dass Journalisten in kurzer Zeit mit einer Vielzahl von Klagen konfrontiert werden, den Eindruck verstärke, das Strafrecht werde dazu eingesetzt, kritische Berichterstattung zum Schweigen zu bringen. Der Bericht verwies unter Berufung auf Daten der „Plattform für die Sicherheit von Journalisten“ auf die Anzahl inhaftierter Journalisten und die weite Verbreitung von gerichtlichen Kontrollmaßnahmen.

ZENSUR UND STRUKTUR DER RUNDFUNKBEHÖRDE (RTÜK)

Es wurde festgestellt, dass die Medienfreiheit in der Türkei nicht nur durch strafrechtliche Ermittlungen, sondern auch durch administrative Mechanismen unterdrückt wird. Die von der RTÜK (Radio- und Fernsehrat) verhängten Geldstrafen, Sendestopps und die Androhung von Lizenzentzügen wurden kritisiert. Die häufige Begründung dieser Sanktionen mit vagen Begriffen wie „nationale Werte“ oder „allgemeine Moral“ habe eine abschreckende Wirkung auf den Medienpluralismus. Zudem enthält der Bericht die Information, dass zwischen 2014 und 2024 mehr als 1,2 Millionen Websites und URLs gesperrt wurden.

VERSAMMLUNGSRECHT: „ÖFFENTLICHE ORDNUNG“ ALLEINE REICHT NICHT AUS

Im Abschnitt über die friedliche Versammlungsfreiheit wurden Demonstrationsverbote, harte Polizeieinsätze und Massenfestnahmen thematisiert. Pauschale Verbote von Protesten unter Berufung auf „öffentliche Ordnung“ oder „allgemeine Moral“ ohne individuelle Prüfung widersprächen internationalen Standards. Der Kommissar erinnerte daran, dass jede Einschränkung auf einem legitimen Ziel basieren sowie notwendig und verhältnismäßig sein müsse.

UMSETZUNG VON AYM- UND EGMR-URTEILEN

Die Nichtumsetzung der Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs (AYM) war einer der kritischsten Punkte des Berichts. Unter ausdrücklichem Bezug auf die Fälle von Can Atalay und Tayfun Kahraman notierte der Kommissar mit Besorgnis, dass der Kassationshof (Yargıtay) sich weigerte, AYM-Entscheidungen zu befolgen, und sogar Strafanzeige gegen jene Richter erstattete, die eine Verletzung festgestellt hatten.

In Bezug auf den EGMR betonte O’Flaherty, dass die Türkei mit 445 noch umzusetzenden Akten eines der Länder mit den meisten Verstößen in diesem Bereich sei. Er forderte die Türkei auf, diese Urteile ohne weitere Verzögerung zu vollstrecken.

ISTANBUL-KONVENTION UND REFORM DER TİHEK

In den allgemeinen Empfehlungen wurde betont, dass die Türkei der Istanbul-Konvention wieder beitreten müsse. Der Austritt habe eine „Schutzlücke“ im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen hinterlassen. Zudem wurde gefordert, die türkische Menschenrechts- und Gleichstellungsbehörde (TİHEK) in eine unabhängige Institution mit „A-Status“ gemäß den Pariser Prinzipien der UN umzuwandeln.

ZENTRALE EMPFEHLUNGEN:

  • Das TCK und das TMK müssen im Einklang mit der EGMR-Rechtsprechung revidiert werden; Artikel 299 TCK muss abgeschafft werden.

  • Der juristische Druck auf Journalisten und Menschenrechtsverteidiger muss beendet werden.

  • Internet- und Rundfunkgesetze (Gesetze Nr. 5651 und 6112) müssen einer unabhängigen gerichtlichen Kontrolle unterliegen.

  • Die Struktur des HSK (Rat der Richter und Staatsanwälte) muss unabhängig von der Exekutive, transparent und leistungsorientiert gestaltet werden.

  • Urteile des Verfassungsgerichtshofs (AYM) und des EGMR müssen vollständig und ohne Verzögerung umgesetzt werden.

  • Die Türkei muss zur Istanbul-Konvention zurückkehren.

29 Mai 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Menschenrechtsanwältin Eren Keski: „Ich darf seit zehn Jahren nicht mehr ins Ausland reisen“

von Fremdeninfo 29 Mai 2026
von Fremdeninfo

   Artikel von Uli Kreikebaum / F.R.

Die Anwältin und Menschenrechtlerin Eren Keskin setzt sich in der Türkei seit vielen Jahren für Frauen ein, deren Rechte verletzt wurden. Ein Gespräch über ihre politische Arbeit, Frauenrechte und ständige Bedrohungen.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Keskin! Sie erhalten den „Gerhart Baum-Menschenrechtspreis 2026“ der Gerhart- und Renate-Baum-Stiftung. In Deutschland haben Sie schon viele Preise bekommen, unter anderem den Aachener Friedenspreis und den Menschenrechtspreis von Amnesty International. Was bedeutet das für Sie?

Es ist eine große Ehre für mich, den Gerhart-Baum-Preis für Menschenrechte zu erhalten – Gerhart Baum war eine bedeutende liberale Persönlichkeit. Er hat sich stark für die Menschenrechte, auch in der Türkei, engagiert, ein Mensch, der mit der Kraft seiner beeindruckenden Biografie die Demokratie mitaufgebaut und gegen seine Gegner verteidigt hat. Ich durfte ihn auch persönlich kennenlernen – und wir waren uns in Fragen von Demokratie und Menschenrechten sehr nah. Für meine Arbeit ist es wichtig, dass ich in Ländern der EU öffentlich präsent bleibe – Öffentlichkeit ist für Menschen wie mich, die in der Türkei leben und sich kritisch äußern, ein wichtiger Schutz.

Heißt: So lange über Sie gesprochen wird, bleibt das Risiko, inhaftiert zu werden, geringer?

Ja. Ich denke, dass sich der Revisionsprozess meiner Akten beim Obersten Gerichtshof aufgrund der Kampagnen internationaler Institutionen hinausgezögert hat und die gegen mich verhängten langen Haftstrafen deswegen noch nicht vollstreckt worden sind. Auch moralisch hilft solch ein Preis sehr – die internationale Anerkennung verleiht mir Kraft.

Wie oft werden Sie wegen Ihrer Arbeit für Frauenrechte und die kurdische Minderheit bedroht?

Insbesondere in den 1990er und 2000er Jahren bin ich sehr oft bedroht worden. Zweimal wurde ich Opfer bewaffneter Angriffe. In letzter Zeit hat sich die Art der Drohungen verändert; sie erfolgen inzwischen vor allem über die sozialen Medien. Es gibt keinen Tag, an dem ich keine Drohungen bekomme.

Weswegen erhalten Sie so viele Hass- und Drohbotschaften?

Vor allem aufgrund meiner Beiträge zur Kurdenfrage und zum Völkermord an den Armeniern. Ich spreche offen von Genozid an den Armeniern – für viele nationalistische Türken, die die Geschichte leugnen, ist das wohl eine Kränkung.

Wie lebt es sich als Menschenrechtsanwältin in der Türkei, wenn Sie ständig befürchten müssen, angeklagt und inhaftiert zu werden?

Es ist schwer, sich weiter für Menschenrechte einzusetzen, wenn man mit der ständigen Bedrohung lebt, ins Gefängnis zu kommen. Die Türkei ist zwar Vertragspartei zahlreicher internationaler Abkommen, und tatsächlich hat sie eine Reihe wichtiger Abkommen zur Meinungs- und Vereinigungsfreiheit unterzeichnet. In der Praxis sind die Vereinigungs- und Meinungsfreiheit aber sehr stark eingeschränkt.

Eren Keskin, geboren 1959 in Bursa, ist eine türkisch-kurdische Anwältin und Menschenrechtlerin.

Sie leitet den Menschenrechtsverein IHD, İnsan Hakları Derneği. 1997 gründete sie ein Rechtshilfeprojekt: „Rechtliche Hilfe für Frauen, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell misshandelt wurden“. Laut Keskin habe die türkische Justiz bis 2017 gegen ihre Person über 140 Strafverfahren eröffnet.

Sie äußern sich trotzdem weiter sehr kritisch.

Ja, und deswegen ist es nicht einfach. Die Angst, ins Gefängnis zu kommen, ist immer da. Und ich muss ja auch meinen Lebensunterhalt bestreiten; die Miete für meine Wohnung bezahlen. Wirtschaftlich und sozial gibt es in meinem Leben viele Schwierigkeiten – das bestimmt meinen Alltag. Ich versuche, damit klarzukommen und weiterzumachen.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Deutschland. Vor mehr als 20 Jahren sind Sie zu zehn Monaten Haft verurteilt worden, nachdem Sie der türkischen Armee auf einem Podium in Köln vorgeworfen hatten, bei der Bekämpfung der PKK Frauen sexuell missbraucht zu haben. Wie oft sind Sie inzwischen wegen „Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ verurteilt worden?

Damals wurde ich wegen meiner Auftritte, Reden und Artikel, in denen ich die Lage der sexuellen Folter ausgesetzten Frauen thematisiert habe, wegen Beleidigung der türkischen Armee oft verurteilt, einmal nannte das Gericht meine Aussagen auf einer Veranstaltung in Köln als Grund. In der Folge wurden die Strafmaßnahmen gegen Regimekritiker weiter verschärft. Insbesondere nach 2015, als Erdoğans AKP eine inoffizielle Koalition mit der nationalistischen MHP vereinbarte und ihre autoritäre Struktur verfestigte, nahmen die Einschränkungen der Meinungsfreiheit weiter zu.

Welche Folgen hatte das für Sie persönlich?

Aus Solidarität mit der prokurdischen Zeitung „Özgür Gündem“, die zwischen 2013 und 2016 in der Türkei stärksten Repressalien ausgesetzt war, und bei der viele Redakteure und Autoren ermordet wurden, habe ich wie viele andere Menschen zugestimmt, dass mein Name als Chefredakteurin in das Impressum mitaufgenommen wird. Doch ab 2016, mit der Zunahme autoritärer Tendenzen und der Verschärfung der sicherheitsorientierten Politik in der Kurdenfrage, wurden mehrere Verfahren gegen diese Zeitung und gegen mich eingeleitet. Allein weil mein Name als Chefredakteurin mit erwähnt wurde, wurden insgesamt 143 Verfahren gegen mich angestrengt, obwohl ich die beanstandeten Artikel nicht verfasst hatte.

Was wurde Ihnen genau vorgeworfen?

Zum Beispiel Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, Propaganda für diese Organisation (die kurdische PKK, die in der Türkei und auch in Deutschland verboten ist, die Red.), Beleidigung des Präsidenten und Beleidigung der staatlichen Sicherheitskräfte. Im Jahr 2016 fand eine Polizeirazzia in meiner Wohnung statt; ich wurde festgenommen und unter der Auflage, mich ein Jahr lang wöchentlich zu melden, wieder auf freien Fuß gesetzt. Seit zehn Jahren darf ich aufgrund eines Ausreiseverbots das Land nicht verlassen. Die Gesamtstrafe, die ich in diesen Verfahren erhalten habe, beträgt 26 Jahre und 9 Monate Haft. Alle diese Verfahren liegen derzeit beim Obersten Gerichtshof zur Entscheidung vor.

Daher dürfen Sie auch nicht ins Ausland reisen – und zum Beispiel den Gerhart-Baum-Preis in Köln persönlich in Empfang nehmen.

Ich darf seit zehn Jahren nicht mehr ins Ausland reisen. Das zu akzeptieren, ist wirklich schwer: Nur weil meine politischen Ansichten den Regierenden nicht gefallen, darf ich die Türkei nicht verlassen. So geht es nicht nur mir, sondern sehr vielen Regimekritikern. Das bedeutet in gewisser Weise, wie eine Geisel zu leben.

Sie setzen sich als Anwältin immer wieder für Frauen ein, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden. In Deutschland ist Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar. Wie ist das in der Türkei?

Die Struktur des Staates der Republik Türkei ist männlich dominiert, feudalistisch und militaristisch geprägt. Leider hat auch die Justiz diese Sichtweise verinnerlicht. So war die Türkei beispielsweise eine Zeit lang Vertragspartei der Istanbul-Konvention des Europarats. Im Jahr 2021 trat sie aus dem Übereinkommen aus. Dabei ist die Istanbul-Konvention eines der bislang wichtigsten internationalen Abkommen zum Thema Gewalt gegen Frauen.

Wie hat sich die Situation für Frauen seitdem verändert?

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei weitverbreitet, es gibt sehr viele Frauenmorde. Nach dem Rückzug aus der Istanbul-Konvention hat sich die Situation noch weiter verschlechtert. Obwohl im Jahr 2005 dank des Kampfes der Frauenbewegung und unter dem Einfluss des EU-Beitrittsprozesses einige wichtige Änderungen in Gesetzen und Verordnungen vorgenommen wurden, gibt es nach wie vor viele Nachteile für Frauen: Sie sind privater und staatlicher Gewalt ausgesetzt. Wir haben in unserer Anwaltskanzlei eine Beratungsstelle, die Frauen und Transfrauen, die von staatlichen Kräften sexuell gefoltert wurden, mit kostenloser Rechtshilfe beisteht. Die Beratungszahlen gehen nicht zurück – im Gegenteil.

In Predigten zum Freitagsgebet hat die türkische Religionsbehörde Diyanet im vergangenen Sommer gefordert, Frauen sollten sich verhüllen. Das Tragen von Kleidung, die den Körper nicht bedecke oder die Figur betone, sei verboten. Sehen Sie solche Forderungen als Vorboten einer strengeren Islamisierung der Türkei?

Die Erklärungen der Präsidentschaft für Religiöse Angelegenheiten haben natürlich einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft. Das sehe ich jedoch nicht allein als unmittelbare Gefahr an, obwohl die politische Macht in der Türkei mit ihren autoritären Tendenzen sich auf den politischen Islam stützt. In unserer Region gibt es zwei vorherrschende Sichtweisen: zum einen den islamischen Ansatz, zum anderen die kemalistische Weltanschauung, die die Gründungsideologie der Republik Türkei repräsentiert. Beide sind repressiv und stehen in einem ständigen Konflikt zueinander. Daneben gibt es für mich und viele andere noch einen dritten Weg: einen Ansatz, der sich für echte Demokratisierung, die Einhaltung internationaler Verträge, Frauenrechte, LGBTI+-Rechte und für eine friedliche Lösung der Kurdenfrage einsetzt. Leider müssen wir feststellen, dass diejenigen, die so denken wie wir, nicht in der Mehrheit sind. Vorboten einer noch strengeren Islamisierung sehe ich eher nicht.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan fungiert im Nahen Osten und im Ukraine-Krieg als Friedensvermittler. Die Türkei erscheint als Krisenprofiteur. Ist auch damit zu erklären, dass aus Deutschland nur noch selten kritische Töne Richtung Ankara zu hören sind?

Zwischenstaatliche Beziehungen beruhen auf gegenseitigen Interessen. Menschenrechte stehen meistens nicht im Vordergrund. Die Türkei ist Vertragspartei der Europäischen Menschenrechtskonvention, Konventionen der Vereinten Nationen und des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frauen. Die Bestimmungen dieser Übereinkommen werden jedoch oft verletzt. Gegenüber der Türkei werden Verstöße gegen die Konventionen nicht wirksam sanktioniert. Offenbar gehen Staaten meistens eine indirekte Komplizenschaft ein, indem sie zu den von anderen begangenen Menschenrechtsverletzungen schweigen. Dabei geht es natürlich vor allem um den Deal, dass Flüchtlinge aus der Türkei nicht nach Europa kommen. Viele Menschenrechtsverletzungen werden deswegen ignoriert.

Sie haben 1999 PKK-Chef Abdullah Öcalan verteidigt, der bis heute inhaftiert ist. 2025 hat sich die PKK, die in der Türkei und der EU als Terrororganisation gilt, offiziell aufgelöst. Was hat das für den Friedensprozess mit der Türkei bedeutet?

Derzeit ist in der Türkei in der Tat von einem „Friedensprozess“ die Rede. Es gibt jedoch noch keine konkreten Schritte seitens des Staates. Vonseiten der PKK fand eine Zeremonie zur Waffenabgabe statt, die in kurdischen Regionen der Türkei bedeutende Auswirkungen hatte. Der Staat hat im Gegenzug angekündigt, dass Gesetzesänderungen vorgenommen, kranke Häftlinge freigelassen, die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit ausgeweitet sowie die Entscheidungen des Verfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte befolgt werden sollen. Bislang ist das allerdings noch nicht geschehen. Von einem Friedensprozess kann also keine Rede sein

29 Mai 2026 0 Kommentare
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Großes Alevitisches Festival am Samstag in Köln

von Cumali Yağmur 29 Mai 2026
von Cumali Yağmur


                Von Mehmet Tanlı

In Köln, einer der schönsten Städte Deutschlands, die vom Rhein durchquert wird, ist ein inhaltsreiches großes Open-Air-Kulturfestival geplant. Das von der Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland (AABF) organisierte Festival beginnt am Samstag, den 30. Mai um 14:00 Uhr unter dem Motto „Gelin canlar bir olalım“ (Kommt Seelen, lasst uns eins sein). Das bereits zum vierten Mal stattfindende Festival unter dem Slogan „BE ONE“ wird im bekannten Veranstaltungszentrum Tanzbrunnen direkt am Rheinufer ausgetragen. Auf der Bühne werden bedeutende Künstler und Gruppen wie İlkay Akkaya, Suavi, Miraz, Sasa, Efkan Şeşen, Zeynep Bakşi Karatağ, Aylin Yıldırım, Mavi der Rota, Grup Emman und Ser Davul Zurna stehen.

Teilnahme von Politikern aus der Türkei erwartet
Zu dem Festival, an dem neben Gästen aus Deutschland auch zahlreiche Besucher aus den Nachbarländern erwartet werden, werden politische Persönlichkeiten wie die nordrhein-westfälische Integrationsministerin Verena Schäffer (Bündnis 90/Die Grünen), der Co-Vorsitzende der DEM-Partei Tuncer Bakırhan sowie der Istanbuler Provinzvorsitzende der CHP, Özgür Çelik, Reden halten. Zudem werden verschiedene Vereine, Initiativen und Medienorgane mit Informationsständen vertreten sein. Auch für Kinder sind vielfältige Aktivitäten geplant: Eine Hüpfburg, Kinderschminken, kreatives Haarflechten, das Basteln von Perlenarmbändern und viele weitere Überraschungen warten auf die kleinen Gäste.

Freiheit und Einigkeit im Vordergrund
In einer Erklärung der AABF wurde betont, dass das Festival eine gemeinsame Basis für den Kampf um Demokratie und Freiheit darstellt und eine Botschaft für eine wachsende Solidarität gegen Autoritarismus aussendet.

Der Bundesvorsitzende der AABF, Hüseyin Mat, sagte dazu: „Am 30. Mai werden wir in Köln ein großes Treffen abhalten. Bei dieser Zusammenkunft werden wir uns sowohl umarmen als auch unsere Solidarität zeigen und unsere historische Kraft sowie unsere Einheit erneut mit der Weltöffentlichkeit teilen. Unser Festival ist ein Ort, um Frieden, Gleichheit, Freiheit und Demokratie zu verteidigen sowie die Solidarität und den gemeinsamen Kampf gegen die autoritäre AKP-Regierung zu stärken.“

Interessierte können Eintrittskarten in den Alevitischen Kulturzentren (AKM) erwerben.

 P.S:  „Auf dem Festivalgelände wird die Leserinitiative der Zeitung BirGün einen Solidaritätsstand für den Chefredakteur von Tele1, den Journalisten und Autor Merdan Yanardağ, der sich nach wie vor in Silivri in Haft befindet, den BirGün-Korrespondenten İsmail Arı sowie alle inhaftierten Journalisten einrichten.“

29 Mai 2026 0 Kommentare
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WIR HABEN VOR EINEM JAHR VORAUSGESEHEN, DASS KILIÇDAROĞLU FÜR ERDOĞAN ZUM RETTUNGSRING WERDEN WÜRDE

von Cumali Yağmur 29 Mai 2026
von Cumali Yağmur

Von: Turgut Ökler

Es ist ein großer Irrtum, die Ereignisse in der Türkei lediglich als einen innerpolitischen Machtkampf zu interpretieren. Während im Inland die Opposition durch Debatten über die „absolute Nichtigkeit“ (mutlak butlan) neu formiert wird, wird im Ausland der Nahe Osten umgestaltet.

Das Ziel des regionalen Plans mit der Achse USA-Israel ist klar: Vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer und von dort bis zum Roten Meer soll eine neue Ordnung etabliert werden, die nicht auf dem Willen der Völker, sondern auf imperialistischen Interessen basiert.

Damit diese Ordnung funktioniert, reicht es nicht aus, nur die Regierung auf Linie zu bringen; auch die Opposition muss unter Kontrolle gebracht werden. Denn unabhängig denkende, laizistische, demokratische, volksnahe und fortschrittliche Kräfte sind die größten Hindernisse für diesen Plan.

Genau aus diesem Grund haben wir vor einem Jahr, nach Bekanntwerden bestimmter Informationen, als eine Gruppe alevitischer Intellektueller und Demokraten einen öffentlichen Aufruf gestartet. Denn die Gefahr, die wir sahen, war offensichtlich:

Eine Spaltung innerhalb der CHP (Republikanische Volkspartei) wäre nicht nur eine parteiinterne Krise. Es würde eines der größten gesellschaftlich-politischen Potenziale geschwächt, das dem seit Jahren von Erdoğan schrittweise aufgebauten, auf dem politischen Islam basierenden Regime entgegensteht.

In unserer damaligen Erklärung wiesen wir besonders auf folgende Gefahr hin:
„Die Regierung zielt darauf ab, einen massiven moralischen Zusammenbruch in der CHP herbeizuführen und die aufsteigende Oppositionsbewegung zu brechen.“

Und wir richteten einen öffentlichen Appell an Herrn Kılıçdaroğlu:
„Beteiligen Sie sich an keiner Initiative, die Erdoğan als Krücke dienen könnte.“

Denn in der Politik sind Ergebnisse wichtiger als Absichten.

Was ist das heutige Ergebnis?
Die Hauptopposition, die die Chance hatte, Erdoğan durch Wahlen zu stürzen, ist in sich gespalten, in Legatimitätsdebatten verstrickt und in ihrer Energie erschöpft. In einer Weise, die in keinem demokratischen Land der Welt zu sehen wäre, wird versucht, den Versuch einer Bestimmung des Parteivorsitzenden durch die Justiz zu normalisieren. Das nennt man nicht Demokratie, sondern eine Operation zur Gestaltung der Politik.

Schauen Sie sich an, wem die Debatte um die „absolute Nichtigkeit“ nützt; die Antwort liegt auf der Hand. Eine zerbrochene, mit sich selbst zerstrittene CHP dient genau dem Bild, das Erdoğan seit Jahren erreichen wollte.

Es wäre ein Zeichen großer Kurzsichtigkeit, diese Situation lediglich als Parteinahme für eine der zwei Gruppen innerhalb der CHP zu betrachten. Die Geschichte hat die schweren Folgen eines solchen Verhaltens mehrfach gezeigt.

Sowohl die Haltung sozialdemokratischer Kreise, die während Hitlers Weg zur Macht die Gefahr unterschätzten und die Abrechnung untereinander priorisierten, als auch die Haltung einiger revolutionärer Kreise im Iran, die während der Machtübernahme der Mullahs „Hauptsache der Schah geht“ sagten und die wahren Absichten der politisch-islamischen Bewegung nicht erkannten, ließen die gesamten Gesellschaften später einen sehr hohen Preis zahlen.

Ich habe wirklich Schwierigkeiten, insbesondere einige Persönlichkeiten zu verstehen – auch wenn es wenige sind –, die sich als Linke oder Revolutionäre bezeichnen und Teil der alevitischen Gemeinschaft sind. Einerseits führen sie Vorwürfe der Korruption und des Verfalls rund um İmamoğlu und Özel an; andererseits wollen sie nicht sehen, was für ein Regime in der Türkei am Ende dieses Prozesses gestärkt hervorgehen wird.

Es ist eine Sache, gegen Fehler innerhalb einer politischen Struktur zu protestieren; es ist eine andere Sache, zum psychologischen Werkzeug eines autoritären Szenarios zu werden, das diese Struktur vollständig liquidieren will.

Was passiert am Ende des heutigen Prozesses?
Eine der größten gesellschaftlich-politischen Gegenmächte gegen die politisch-islamische Ordnung, die Erdoğan seit Jahren Schritt für Schritt aufzubauen versucht, wird zerschlagen, unwirksam gemacht und die Hoffnung der Gesellschaft wird zerstört.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen:
Warum lecken sie heute so gierig an der Klinge des Henkers, die ihnen morgen den Kopf kosten wird?

Denn wenn morgen im Land ein vollständig politisch-islamisches, autoritäres Regime gefestigt ist, wird auch für diejenigen, die heute Beifall klatschen und sagen „erst sollen diese hier gesäubert werden“, kein demokratischer Raum zum Atmen mehr bleiben.

Das heutige Bild bestätigt leider, wie recht wir mit unserem Aufruf vor einem Jahr hatten. Daher ist die Aufgabe klar: Weder darf man sich im Inneren dem Ein-Mann-Regime ergeben, noch darf man sich im Äußeren einer imperialistischen Gestaltung fügen.

Aleviten, Demokraten, Sozialisten, Kurden, Arbeiter sowie alle laizistischen und freiheitlichen Kräfte müssen diesen Prozess richtig deuten. Wer heute schweigt, wird morgen nicht nur Zeuge der Liquidation einer Partei, sondern der gesamten Gesellschaft sein.

29 Mai 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Die CHP hat keine weiße Weste

von Cumali Yağmur 28 Mai 2026
von Cumali Yağmur


Muharre Görgülü / Stuttgart

Das AKP-MHP-Regime ist ein faschistisches Regime; es ist die Diktatur von Tayyip Erdoğan und eine Ein-Mann-Herrschaft. Das erkennt mittlerweile jeder an. Die Völker der Türkei leben seit 24 Jahren unter diesem Regime und konnten sich bisher nicht vereinen, um diese Ordnung zu stürzen. Das Volk wurde eingeschüchtert, verängstigt, und eine große Mehrheit schweigt weiterhin, ohne ihre Stimme zu erheben.

• Die Justiz dieses Regimes hat einen Treuhänder für die CHP eingesetzt; Özgür Özel wurde als Parteivorsitzender abgesetzt, und Kemal Kılıçdaroğlu wurde mit der Begründung, der Parteitag 2024 sei manipuliert und Delegierte seien gekauft worden, wieder an die Spitze der Partei gesetzt. Wir sollten das, was bisher geschehen ist, nicht akzeptieren, wir sollten es kritisieren und mit Nachdruck betonen, dass dies falsch ist.

• Doch analysieren wir nun den internen Streit in der CHP: Der Parteitag von 2024 wurde für ungültig erklärt, und es wird behauptet, dass Delegierten Geld gezahlt wurde. Einige Delegierte sagen vor Gericht aus: „Uns wurde Geld gegeben, man hat uns gegen Kılıçdaroğlu aufgehetzt.“ Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Das Gericht erklärt den Parteitag unter Berücksichtigung dieser Aussagen für ungültig.

• Wenn wir all dies ignorieren, nicht aus Fehlern lernen und nur „die AKP-MHP und ihre Gerichte“ als Schuldige benennen, können wir unsere eigenen Fehler nicht sehen. Dieser Ansatz konditioniert die Menschen ungerechterweise gegen Kemal Kılıçdaroğlu. Unwissende Massen, sogar solche, die nicht einmal CHP-Anhänger sind, werden auf Kılıçdaroğlu gehetzt.

• In der Person von Kemal Kılıçdaroğlu wird eigentlich ein massiver Angriff gegen Aleviten, Revolutionäre und Kurden geführt. Auf der AKP-MHP-Seite kann Erdoğan über Aleviten sagen: „Cemevis sind Vergnügungshäuser (Cümbüş evi).“ Spielen diese ungerechten Angriffe der AKP nicht in die Hände? Warum wird gegen Erdoğans Gerichte kein Widerstand geleistet, wenn es um Kılıçdaroğlu geht? Auch einige Sozialisten und Revolutionäre schließen sich diesem Chor an und greifen Kılıçdaroğlu an; dabei attackieren sie ihn heftiger als Tayyip Erdoğan.

• Es herrscht ein Unverständnis vor, dem es an politischer Kultur und Ethik mangelt; Richtig und Falsch sind miteinander vermischt. Es herrscht pures Chaos („Ross und Reiter sind nicht mehr zu unterscheiden“). In den Köpfen der Menschen wurde nur eine einzige „Wahrheit“ hinterlassen: Kemal Kılıçdaroğlu zu beleidigen. Fast schon mit Schaum vor dem Mund spucken sie ihre innere Bosheit gegen Aleviten, Revolutionäre und Kurden aus.

• Und dann sind da noch die Aleviten, die im Laufe der Geschichte unterdrückt, herabgewürdigt und Massakern ausgesetzt waren… Einige Strukturen, die sich selbst als „alevitische Organisationen“ bezeichnen, greifen Kılıçdaroğlu direkt an, ohne die Fehler der CHP zu sehen. Mit dieser Haltung provozieren sie Aussagen wie: „Seht her, sogar alevitische Organisationen kritisieren Kılıçdaroğlu.“ Doch welche demokratischen Rechte haben die Aleviten seit der Gründung der CHP gewonnen? Bei der Gründung der Republik wurde die Staatsreligion als „sunnitisch“ akzeptiert; den Aleviten wurde gesagt: „Ihr seid unsere Brüder“, während ihre Rechte geraubt wurden.

• Manche preisen die CHP als „die Partei Atatürks, der die Republik gegründet hat“. Aber wie kam es, dass die CHP bei der Gründung der Republik die Aleviten und ihre Rechte nicht sah? Es ist inakzeptabel, dass Linke und Revolutionäre diese historische Realität ignorieren, der CHP hinterherlaufen und Aleviten, Kemal Kılıçdaroğlu, Dersim und Kurden beleidigen.

• Hätten sie die Entscheidung des Gerichts etwa lammfromm akzeptiert und gesagt: „Dieses Gericht hat eine unabhängige Entscheidung getroffen“, wenn es den CHP-Parteitag von 2024 nicht annulliert hätte? Geschehen die Korruptionsvorwürfe, in die die CHP-Führung verwickelt sein soll, nur deshalb, weil es ein „Ein-Mann-Regime“ ist? Hat die CHP wirklich eine weiße Weste? Auch ich bin ein Mitglied der CHP, aber ich werde mich niemals Unrecht und Korruption beugen. Die CHP sollte dem Volk ein Vorbild sein; doch heute haben wir es mit einem Führungsverständnis zu tun, das bis zum Hals in Unregelmäßigkeiten steckt.

• Niemand übt Selbstkritik; sie versuchen sich reinzuwaschen, indem sie sagen: „Das Ein-Mann-Regime hat alles getan.“ Ihr Sozialisten, Revolutionäre, Kommunisten! Denkt gründlich nach, nehmt den Kopf zwischen die Hände; hört auf, der CHP hinterherzulaufen, und baut eine unabhängige Volksorganisation auf. Stellt euch wie eine Festung gegen den AKP-MHP-Faschismus. Kılıçdaroğlu kann die CHP auch nicht aus diesem Sumpf retten, in den sie geraten ist; auch er würde in diesem System untergehen.

• Völker der Türkei – Kurden, Tscherkessen, Armenier, Lasen und Araber – vereinigt euch! Lasst uns den AKP-MHP-Faschismus stürzen, indem wir eine Einheitsfront bilden und den Widerstand organisieren. Es ist ungewiss, ob die CHP in diesem Widerstand an unserer Seite stehen wird. Die CHP ist letztlich eine bürgerliche Partei; Tayyip geht, sie kommt, doch der Kemalismus und das Unterdrückungssystem bleiben bestehen. Deshalb hört auf mit der CHP-Gefolgschaft und organisiert unseren eigenen, echten Widerstand.

28 Mai 2026 0 Kommentare
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Religion

Aleviten: Zwischen Selbstbehauptung und Selbstfindung

von Cumali Yağmur 28 Mai 2026
von Cumali Yağmur

Glaube Deutschland | Von Ceyda Nurtsch/ Dw

Mit rund 800.000 Angehörigen sind die Aleviten die viertgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. In der Türkei häufig angefeindet, versuchen sie hier, ihren Glauben und ihre Kultur in die heutige Zeit zu übertragen.

Zwischen Tradition und Urbanisierung

Aleviten machen rund 13 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime aus. Ursprünglich lebten die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft in dörflichen Gemeinschaften in Anatolien. Ihren Glauben und ihre Riten gaben sie vor allem mündlich weiter. Doch mit der in den 1950er-Jahren in der Türkei einsetzenden Landflucht, der Urbanisierung und der Migration nach Europa lösten sich viele alevitische Dorfgemeinschaften auf. Das Wissen um den alevitischen Glauben ging vielerorts verloren.

Das Alevitentum entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert und ist heute nach dem sunnitischen Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Türkei, der sowohl Türken als auch Kurden und Angehörige anderer ethnischer Minderheiten wie der Zaza angehören. Ihr Glaube entwickelte sich aus einer Verbindung von zentralasiatischem Schamanismus, schiitischen Ideen und islamischem Mystizismus. Im Zentrum steht – neben der Verehrung des Propheten Mohammed – auch das Bekenntnis zu dessen Vetter und Schwiegersohn, dem ersten Imam Ali, und zur Zwölfer-Schia sowie ethische und mystische Elemente.

Riten und Werte

Ihre Zeremonien halten Aleviten in sogenannten Cem-Häusern ab. Im Zentrum ihrer Glaubenslehre stehen Werte wie Humanismus, Gleichberechtigung und Toleranz, die traditionell mündlich durch Gleichnisse, Geschichten und Lieder in der Gemeinschaft weitergegeben werden. In seinen Riten unterscheidet sich das Alevitentum deutlich vom sunnitischen Islam: Etwa in der „Cem-Zeremonie“, dem Gottesdienst, den Männer und Frauen gemeinsam begehen, oder der „Semah-Zeremonie“, bei der sich die Gläubigen zu den Klängen der Langhalslaute (Saz) im Kreis drehen. Aufgrund dieser Unterschiede wurden Aleviten im Osmanischen Reich (1299 bis 1922) häufig als Häretiker verfolgt.

Das Misstrauen gegen Aleviten und ihre Diskriminierung seitens der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft setzte sich auch in der modernen Türkei fort. Das galt auch für die Bektaschi, die Anhänger eines der größten mystischen alevitisch-islamischen Derwisch-Orden aus Anatolien. Beim Massaker von Dersim 1937/38 etwa tötete die türkische Armee Zehntausende Aleviten und zerstörte ganze Dörfer.

Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation

Die zahlreichen Pogrome gegen Aleviten in den 1990er-Jahren – besonders der Brandanschlag in Sivas 1993, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen – brachten einen Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation. In Istanbul, aber auch in deutschen Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin entstanden eine Vielzahl von Vereinen.

Heute existieren in der Bundesrepublik rund 200 lokale alevitische Organisationen. Ein Großteil von ihnen gehört der Dachorganisation Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF, Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) an, die in Nordrhein-Westfalen und Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Das Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut in Hausen-Wied verfolgt zudem den Ansatz, Wissenschaft und kulturelle Tradition zu vereinen.

Die Suche nach den Wurzeln

Gülizar Cengiz ist Vorsitzende des Instituts und Mitglied des Bektaschi-Ordens. „Unser Leitmotiv ist der Ausspruch des muslimischen Mystikers Hadschi Bektasch“, sagt sie: „’Das Ende jeden Pfades ist Dunkelheit, wenn es nicht der Pfad des Wissens ist‘.“ Leider sei über die Jahrhunderte viel Wissen um diese Glaubensphilosophie verloren gegangen. „Mit unseren Feiern und rituellen Zusammenkünften möchten wir dem entgegenwirken“, so Cengiz.

Ein wichtiger Aspekt ist das seit Anfang 2026 stetig wachsende Archiv aus historischen Handschriften sowie Video- und Tonaufnahmen. „Eine Gemeinschaft, die keine Geschichte und keine Erinnerungen an die Vergangenheit hat, läuft Gefahr zu verschwinden“, erklärt Cengiz. Viele Aleviten hatten früher Dokumente aus Angst vor Verfolgung verbrannt oder vergraben.

„Großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit“

Heute stößt die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Alevitentum auf großes Interesse. Das bestätigt auch Cem Kara, Professor für Alevitische Theologie an der Universität Hamburg: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit. Da kommt Wissenschaftlern eine besondere Rolle zu.“

Sein 2024 gegründetes Institut für alevitische Theologie ist weltweit eines der ersten akademischen Institute mit diesem Schwerpunkt. Es bildet Lehrkräfte für den Religionsunterricht aus – und voraussichtlich ab 2027 auch Studierende der Theologie im Nebenfach.

Dekonstruktion etablierter Narrative

Markus Dreßler, Professor für Moderne Türkeiforschung an der Universität Leipzig, leitet ein auf 24 Jahre angelegtes Langzeitprojekt zum alevitischen Archiv. „Wir versuchen Daten aus unterschiedlichen Quellen zu erheben: osmanische Register, alevitische Handschriften, Inschriften von Grabsteinen sowie ethnologisch erhobene Daten (Oral History)“, erklärt er.

Auf Basis dieser Datenbank könnten große Narrative dekonstruiert werden – etwa das der ununterbrochenen Unterdrückung. „Natürlich gab es Diskriminierung und Unterdrückung von Aleviten im Osmanischen Reich und bis heute. Aber es war nicht ununterbrochen und bezog sich nicht auf alle Gruppierungen. Man muss sich den konkreten historischen Kontext und die spezifischen Gruppen angucken“, so Dreßler.


Über die Autorin:
Ceyda Nurtsch berichtet über Politik, Gesellschaft, Menschenrechte und Kultur in der Türkei sowie über Migration.


Wichtigste Korrekturen im Überblick:

  1. Dubletten entfernt: Der Text war doppelt vorhanden; die zweite Hälfte wurde gelöscht.

  2. Grammatik:

    • „…ethnische Minderheiten wie den Zaza“ (Dativ Plural).

    • „…Bekenntnis zu […] dem ersten Imam Ali“ (Dativ).

    • „Die zahlreichen Pogrome […] brachten“ (Plural-Anpassung).

  3. Rechtschreibung:

    • „Zwölfer-Schia“ (Bindestrich).

    • „alevitische“ (Tippfehler „alevititische“ korrigiert).

    • „ethnologisch erhobene Daten“ (Adverb-Form).

  4. Interpunktion: Fehlende Kommas bei Partizipialgruppen („angefeindet, versuchen sie…“) ergänzt.

  5. Struktur: Bildunterschriften und UI-Elemente (wie „Feedback schicken“) wurden in den Fließtext integriert oder als Zwischenüberschriften formatiert.

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28 Mai 2026 0 Kommentare
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AllgemeinFlüchtlinge

Benötigt dringend Hilfe“: Wie der gestoppte Familiennachzug Geflüchtete belaste

von Cumali Yağmur 28 Mai 2026
von Cumali Yağmur
  • Von: Frankfurter Rundschau

Seit einem Jahr ist der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte ausgesetzt. Eigentlich soll es eine Härtefallregelung geben – doch bis Mai wurden nur sieben Visa erteilt.

Der kurdische Syrer Mohammad Bozan wartet und hofft. Er lebt mit seinem Sohn im nordrhein-westfälischen Hilden, während seine Frau mit den Töchtern in der Heimat ausharrt. Für Menschen mit seinem Status als subsidiär Schutzberechtigter ist der Familiennachzug vor einem Jahr von der schwarz-roten Koalition ausgesetzt worden.

Eigentlich sollten Menschen in Härtefällen nach wie vor eine Chance haben, ihre Angehörigen nachzuholen. Mohammad Bozan und seine Familie befinden sich in einer besonders schwierigen Lage.

Sein zehnjähriger Sohn ist schwer behindert. Auch die vierjährige Tochter, die nach wie vor im syrisch-kurdischen Kobane lebt, leidet an einer Entwicklungsverzögerung, die in Deutschland behandelt werden könnte. Doch bisher hat Mohammad Bozan nicht einmal eine Einladung zum Interview bei der „International Organisation of Migration“ erhalten, die das Auswärtige Amt bei der Umsetzung der Härtefallregelung unterstützen soll. Seine Anwältin hat eine Untätigkeitsklage erhoben, denn seit die Härtefallanzeige eingereicht wurde, sind bereits zweieinhalb Jahre vergangen.

Kurdischer Syrer: „Meine Familie benötigt dringend Hilfe und Medikamente“

Seine Familie sei in Syrien in Gefahr, sagt Bozan der Frankfurter Rundschau. Der Grund dafür seien die Auseinandersetzungen zwischen der neuen Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa und den Kurden. Die syrische Armee hatte die von Kurdinnen und Kurden selbstverwaltete Region um Kobane Anfang des Jahres belagert und mehr als 130.000 Menschen vertrieben. Im Februar schlossen beide Seiten ein Abkommen, mit dem die kurdische Selbstverwaltung ihre Rechte weitgehend abgab.

„Ich persönlich bin nicht bereit, nach Syrien zurückzukehren, da die Sicherheitslage dort unsicher ist, und meine Familie dringend Hilfe, Medikamente und medizinische Versorgung benötigt“, sagt Mohammad Bozan. Er hofft nach wie vor auf eine Zusammenführung der Familie in Deutschland.

Pro Asyl kritisiert: „Es gibt kein effektives Härtefallverfahren“

So wie ihm geht es Tausenden Familien, bei denen Paare getrennt bleiben oder Kinder ohne ein Elternteil aufwachsen. Die Regierung beschwichtigt, für Härtefälle gebe es ja Ausnahmen von dem Stopp.

Doch die Statistik zeigt, wie schlecht die Chancen darauf stehen. Bis Mitte Mai waren nach Auskunft der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Clara Bünger gerade einmal Visa für sieben Personen im Rahmen der Härtefallregelung erteilt worden – bei fast 4.800 Härtefall-Anzeigen und fast 2.500 IOM-Interviews, die etwa 8.500 Menschen betrafen. In fünf der Fälle, bei denen Visa erteilt wurden, sei das „im Rahmen gerichtlicher Vergleiche“ geschehen, teilte das Auswärtige Amt mit. Für die Linke ist klar, was das bedeutet: Das Auswärtige Amt vermeide es durch die Visaerteilung im Rahmen solcher Vergleiche, dass Gerichte Entscheidungen zu seinen Ungunsten träfen, auf die sich andere berufen könnten.

„Die Weisung des Auswärtigen Amts zur Härtefallregelung muss sofort und rückwirkend geändert werden, sie hat eine systematische Verhinderung des Familiennachzugs zur Folge, selbst in krassen Einzelfällen“, sagt Bünger. Mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sei das unvereinbar.

Jelena Bellmer von Pro Asyl sieht das ähnlich. „Dass nach zehn Monaten und weit über 4000 Härtefallanzeigen erst sieben Visa erteilt wurden, zeigt, dass es kein effektives Härtefallverfahren gibt“, stellt sie fest.

Auch aus der juristischen Fachwelt werden Bedenken vorgebracht. Die langen Wartezeiten seien angesichts der bisherigen Rechtsprechung des EGMR jedenfalls „hochgradig rechtfertigungsbedürftig“, formuliert es der Regensburger Jura-Professor Robert Uerpmann-Wittzack in einem Beitrag in der renommierten „Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik“.

Der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) halte allenfalls Wartezeiten von zwei Jahren auch in Härtefällen für zumutbar. Diese würden in Deutschland aber deutlich überschritten.

28 Mai 2026 0 Kommentare
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