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Flüchtlinge, Terrorismus – „Afghanistan wird Folgen für Deutschland haben“

von Fremdeninfo 11 September 2021
von Fremdeninfo

…

 
 

Flüchtlinge, Terrorismus – „Afghanistan wird Folgen für Deutschland haben“

 
 
Anna Schneider
 
 

|

WELT: Herr Neumann, Sie sagten vor wenigen Tagen: „Meine Begründung von Sicherheitspolitik ist keine konservative, sondern eine liberale.“ Warum sind Sie dann im Zukunftsteam von CDU-Chef Armin Laschet?

Der Terrorismusexperte Peter Neumann Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT © Martin U. K. Lengemann/WELT Der Terrorismusexperte Peter Neumann Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

Peter Neumann: Weil die Union eine Volkspartei ist, sie hat verschiedene Wurzeln: die liberale, die eher konservative und die christlich-soziale. Man kann also in der CDU auch sehr gut ein eher liberal orientierter Mensch sein …

WELT: Sie besetzen die Themen Außen- und Sicherheitspolitik in diesem Zukunftsteam und haben gemeinsam mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Laschet Ihre sicherheitspolitische Agenda vorgestellt – was kann man sich darunter vorstellen?

Neumann: Deutschland wurde 16 Jahre lang ganz gut regiert, aber gerade in diesem Bereich hat sich viel gewandelt, es gibt noch viele Baustellen. Gerade was innere und äußere Sicherheit und die Verknüpfung beider angeht. Das sah man beispielsweise jetzt ganz deutlich in Afghanistan. Deutschland hat diesen Auslandseinsatz als vor allem als Militäreinsatz betrieben, dabei hätte man das von Anfang an enger mit Entwicklungshilfe, mit Wirtschaftspolitik und mit Diplomatie abstimmen müssen. Was in Afghanistan passiert ist, wird Folgen für Deutschland haben – sei es beim Thema Terrorismus oder beim Thema Flüchtlinge.

Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT © Martin U. K. Lengemann/WELT Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

Der Leitgedanke dieses Sicherheitspapiers ist also die verbesserte Vernetzung von innerer und äußerer Sicherheit, ist eine Sicherheitspolitik aus einem Guss. Das machen viele Länder bereits, aber Deutschland eben nicht: Zu oft stellen wir uns das Land nicht als eines vor, das Sicherheitspolitik betreibt. Diese Berührungsangst muss überwunden werden. Hierbei würde ein nationaler Sicherheitsrat helfen. Das ist ein zentraler Vorschlag in unserem Papier.

WELT: FDP-Vize Johannes Vogel sagte in einem WELT-Interview: „Wir erleben in Deutschland aber oft einen vulgär-pazifistischen Ausdruckstanz, wenn es um die Frage von Handlungsfähigkeit und Ausrüstung der Bundeswehr geht.“ Sie würden ihm wohl zustimmen, was die bessere Ausstattung der Bundeswehr angeht?

Neumann: Da sind wir als CDU ganz grundsätzlich dafür. Die linken Parteien dieses Landes äußern sich diesbezüglich oft zweideutig: Zwar sprechen sie sich für die Bundeswehr aus, gleichzeitig sind sie aber nicht bereit, die Mittel bereitzustellen, damit diese ihre Aufgaben auch tatsächlich erfüllen kann. Die CDU hingegen will eine schlagkräftige, gut ausgerüstete Armee, die in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Und wir wollen, dass unsere Leute geschützt werden, etwa durch bewaffnete Drohnen.

Zu oft wird das Thema Sicherheitspolitik ideologisch debattiert. Ein Beispiel: Inlandseinsätze. Es will ja niemand, dass die Bundeswehr pötzlich durch die Straßen patrouilliert. Aber gäbe es in Deutschland jetzt einen Anschlag wie den am 11. September 2001 in den USA, was nicht besonders wahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen ist, sollte das Land in der Lage sein, sehr schnell sehr viele Menschen mobilisieren zu können, um das Land zu sichern. Das kann nur die Bundeswehr.

Sie hat zum Beispiel auch sehr spezifische Fähigkeiten, etwa im ABC-Bereich, den zivile Agenturen einfach nicht haben. In so besonderen Gefährdungslagen müssen wir auf die spezifischen Fähigkeiten der Bundeswehr im Innern unterstützend zurückgreifen können – natürlich unter Führung der Polizei und im Rahmen festgelegter Grenzen.

WELT: Was würde es für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik bedeuten, wenn sich im Herbst eine linke Regierung bildete – etwa Rot-Grün-Rot?

Neumann: Linke Parteien sind nicht bereit, realistische Außenpolitik zu machen, die sich auch an Auslandseinsätzen beteiligt. Deutschland würde in diesen Politikbereichen schlicht und einfach nicht mehr ernst genommen werden. Zum Bereich der inneren Sicherheit habe ich bislang in diesem Wahlkampf noch fast gar nichts von diesen Parteien vernommen.

Ein liberaler Rechtsstaat braucht einen klaren Ordungsrahmen, um Freiheit zu sichern. Was wir als CDU versuchen, ist, eine möglichst liberale Ordnung bereitzustellen. Denn wenn der liberale Staat nicht mehr in der Lage ist, Ordnung herzustellen, dann machen es eben andere.

Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT © Martin U. K. Lengemann/WELT Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

WELT: Wo ziehen Sie dabei die Grenze zwischen der Freiheit des Einzelnen und der notwendigen Sicherheit für alle?

Neumann: Es geht uns darum, die Befugnisse und Instrumente der Kriminalitätsbekämpfung, die der Staat bereits hat, den digitalen Realitäten anzupassen. So etwa bei Online-Durchsuchungen oder intelligenter Videosicherheitstechnik. Schon jetzt kann eine Festnetzleitung abgehört werden, dort findet aber immer weniger Kommunikation statt. Entsprechend müssen die Möglichkeiten zur Kriminalitätsbekämpfung da geschaffen werden, wo sie heute benötigt werden, zum Beispiel bei verschlüsselten Nachrichten über Messenger-Dienste.

Beim Videoschutz bin ich dafür, dass wir an bestimmten Brennpunkten beziehungsweise Gefahrenorten Videosicherheitstechnik einsetzen, die die Polizei unterstützt – zum Beispiel an Bahnhöfen oder Flughäfen. Dabei geht es aber eben nicht um Massenüberwachung, und das ist der Punkt:

Der liberale Staat zeichnet sich dadurch aus, dass Freiheitsbeschränkungen grundrechtskonform und verhältnismäßig sein müssen und kontrolliert werden. Intelligente Videokameras, die durch moderne, effiziente und innovative Technik mehr Sicherheit bringen und zugleich zielgerichteter Datenschutzinteressen berücksichtigen, aus ideologischen Gründen abzulehnen, halte ich nicht für zielführend.

WELT: Warum setzt die CDU im Wahlkampf erst jetzt auf das Thema Sicherheit?

Neumann: Bislang waren die Parteien in diesem Wahlkampf die Getriebenen. Themen zwangen sich ihnen auf; von Corona über die Flut bis zur Afghanistan-Krise. Afghanistan sehe ich nun als Weckruf, der uns dazu bringen sollte, die Themen äußere und innere Sicherheit endlich ernsthaft zu diskutieren.

WELT: Welche Lehren sollte die nächste Bundesregierung aus dem Afghanistan-Debakel ziehen?

Neumann: Bei Auslandseinsätzen müssen die Ziele von Anfang an klar definiert sein – daher wäre eben auch ein nationaler Sicherheitsrat wünschenswert. Sobald man seine Ziele definiert hat, müssen Mittel zur Verfügung gestellt werden, die diesen Zielen angemessen sind. Und das war in Afghanistan nicht der Fall.

WELT: Gehen Sie davon aus, dass Deutschland und Europa durch den Fall Afghanistans an die Taliban einer erhöhten Terrorgefahr ausgesetzt ist?

Neumann: Ich denke, das sich die unmittelbare Terrorgefahr erhöht hat. Nicht nur direkt aus Afghanistan, sondern weil in der dschihadistischen Szene nun nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder eine positive Stimmung herrscht. Es wird – auch in den sozialen Medien – versucht, eine Art Momentum zu schaffen, das Leute motivieren soll.

Mittelfristig muss man beobachten, ob in Afghanistan erneut eine chaotische Situation entsteht, wie es vor 20 Jahren schon einmal der Fall war – damals wurde das Land zum Rückzugsraum für international orientierte terroristische Gruppen.

WELT: Sprechen wir uns das nächste Mal, wenn Sie Innenminister in einem Kabinett Laschet sind?

Neumann: Es gibt keine Absprachen für das, was nach der Wahl passiert – aber ich wäre bereit, Verantwortung zu übernehmen.

11 September 2021 0 Kommentare
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60 Jahre Anwerbeabkommen: Steinmeier: Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund

von Fremdeninfo 11 September 2021
von Fremdeninfo
 
 

60 Jahre Anwerbeabkommen: Steinmeier: Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund

 
 
Andrea Dernbach
vor 14 Std.
 

| 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Der Bundespräsident empfängt Angehörige der „Gastarbeiter“-Generation und ihre Nachkommen.

Türkisch-deutsche Biografien dreier Generationen zu Gast beim Bundespräsidenten (rechts). Hier spricht der Schauspieler Adnan Maral über seine Jugend in Frankfurt am Main. © Foto: Christoph Söder/dpa Türkisch-deutsche Biografien dreier Generationen zu Gast beim Bundespräsidenten (rechts). Hier spricht der Schauspieler Adnan Maral über seine Jugend in Frankfurt am Main.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einem Empfang für frühere so genannte Gastarbeiter:innen aus der Türkei deren Verdienste um Deutschland gelobt. Nicht nur das westdeutsche Wirtschaftswunder, auch die Entwicklung der deutschen Gesellschaft verdanke sich maßgeblich ihnen und anderen Migrant:innen. „Sie haben viel dazu beigetragen, dass Deuschland heute gesellschaflichen offener und vielfältiger, wirtschaftlich stärker und wohlhabender ist.“ Dafür danke er „als Bürger und als Bundespräsident“. Nicht die Arbeitsmigrant:innen von damals seien Menschen mit Migrationshintergrund:„Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund.“

Anlass für den Empfang war das bevorstehende Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbevertrags vom 30. Oktober 1961. Der erste wurde 1955 mit Italien geschlossen. Der Empfang war der Auftakt des Programms, das der Bundespräsident zum Jahrestag plant… Darunter Rentnerinnen wie die 87-jährige Hediye Yonca, die Anfang der 1960er Jahre allein, auch ohne ihre Kinder, nach Deutschland gekommen war, wie Vertreter der nächsten Generationen, die Berliner Psychiatrieprofessorin Meryam Schouler-Ocak und der Astrophysiker Akin Yıldırım. Yıldırım ist Professor am Max-Planck-Institut und der einzige Deutsche, der am Nasa-Teleskop mitarbeitet.

Lebenschancen bleiben ungleich verteilt

Steinmeier erwähnte auch Ausgrenzung und Verachtung, die seine Gäste hätten erleben müssen. Mit „Hoffnung, Zuversicht, Aufbruch“ verbänden sich auch „Bilder, die nur schwer zu ertragen sind“: Erniedrigende Leibesvisitationen, denen die jungen Leute bei der Einstellungsuntersuchung unterzogen wurden, oder unwürdige Unterbringungen in engen, baufälligen Baracken, Menschen, denen Jahre später die harte Arbeit alle Kraft genommen habe. Diese Bilder bestürzten bis heute, auch dadurch, weil sie „den Blick auf uns selbst“ eröffneten.

Dies alles gebe es bis heute. Fünfmal mehr Kinder aus eingewanderten Familien verließen die Schule ohne Abschluss. Jede und jeder trage zwar selbst ein Gutteil Verantwortung für seine Zukunft. „Nur: Verschlossene Türen aufzustoßen – das ist eine Frage der gesellschaftlichen Strukturen.“ Wenn nach 60 Jahren „die Kluft der Lebenschancen“ noch so groß sei, „dann trägt auch unser Staat eine Verantwortung“.

Vom Glück des Ankommens in Deutschland, aber auch der Desorientierung am Anfang sprach nach Steinmeier der heute 75-jährige Mustafa Cetinkaya. Weil er rasch etwas Deutsch gelernt hatte, baten ihn deutsche Kollegen von der IG Metall, für den Betriebsrat seiner Firma zu kandidieren. „Ich wusste nicht einmal, was ein Betriebsrat war.“ Aber die Kollegen versprachen, ihm zu helfen. „Die Menschen damals haben etwas mehr Hilfsbereitschaft gezeigt als heute.“

„Heimat gibt es auch im Plural“

Mehrere Gäste dankten dem Bundespräsidenten für seine Worte: Den Satz mit dem Migrationshintergrund des ganzen Landes werde sie sich merken, sagte Evren Zahirovic, Moderatorin beim WDR und Tochter türkischer Einwanderereltern. „Ich wünschte, Ihre Worte würden weit nach draußen durchsickern.“ Schon jetzt habe ein Großteil der Kinder unter fünf Jahren Migrationshintergrund im Sinne der amtlichen Statistik – aktuell im Schnitt ein Drittel, in vielen Städten auch die Hälfte der Kinder.

Es sei eine Überlebensfrage für Deutschland, dass ihnen die Chancen nicht versperrt würden, in Schule und Beruf Fuß zu fassen. Die Moderatorin Nazan Eckes verwies ebenso wie der Osnabrücker Professor für islamische Religionspädagogik Bülent Uçar darauf, dass sie zunächst eine Empfehlung für die Hauptschule erhalten hatten – nur wegen des Einsatzes ihrer Eltern hätten die Schulen das zurückgenommen. Uçar betonte zugleich, dass Rassismus weltweit gebe. Für Deutschland dürfe man immerhin feststellen, dass alles in allem „die überwältigende Mehrheit denkt wie der Bundespräsident“.

Yasemin Karakaşoğlu, Professorin für Pädagogik an der Universität Bremen, dankte Steinmeier für die Feststellung, dass es Heimat auch im Plural gebe. Sie wünsche sich, dass diese Worte „auch außerhalb dieser Räume“ im Berliner Schloss Bellevue gehört würden. Dort und auch in der deutschen Schule herrsche dagegen die Ansicht: „Nur in einer Sprache kann man gut sein, nur in einer Kultur Heimat haben.“ Dieser „monolinguale Habitus der multilingualen Schule“, wie ihre Kollegin Ingrid Gogolin dies genannt habe, müsse sich ändern, wenn die Schule ihre veränderten Klientel gerecht werden wolle.

11 September 2021 0 Kommentare
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Türkische Gemeinde in Deutschland

von Fremdeninfo 10 September 2021
von Fremdeninfo

Türkische Gemeinde in Deutschland
Almanya Türk Toplumu
Bundesgeschäftsstelle – Genel Merkez

Türkische Gemeinde in Deutschland – Obentrautstr. 72 – 10963 Berlin

Pressemitteilung vom 09. September 2021

TGD befragt alle Direktkandidat*innen zu Themen der Einwanderungsgesellschaft
– Positiver Trend und krasser Ausfall
Die Wahlberechtigten mit Migrationsgeschichte können die kommende Wahl entscheiden.
Schafft es eine*r der Kandidat*innen von SPD, CDU oder den Grünen diese 12 % der
Wahlberechtigten für sich einzunehmen, wird er oder sie Bundeskanzler*in der
Bundesrepublik Deutschland. Die Türkische Gemeinde in Deutschland wollte daher
herausfinden, wie die Parteien, aber auch die einzelnen Direktkandidat*innen, zu den
Themen stehen, die die Menschen mit Migrationsgeschichte besonders bewegen.

Wie bereits 2017 befragte die Türkische Gemeinde in Deutschland e.V. (TGD) hierfür rund
1.600 Direktkandidatinnen und -kandidaten der 299 Wahlkreise der Parteien CDU/CSU, SPD,
Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, AfD und FDP zu ihren Positionen zu migrations- und
integrationspolitischen Themen. Die Parteizentralen sind selbstverständlich ebenfalls befragt
worden. Die Ergebnisse der Wahlprüfsteine zeigen: auf der einen Seite tragen der konstante
Druck und die kritische Öffentlichkeitsarbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie
der TGD und der Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO) dazu bei, dass
Parteien Themen der Einwanderungsgesellschaft immer stärker zu ihren Themen machen
und die Forderungen der Zivilgesellschaft an Zustimmung gewinnen. Auf der anderen Seite
gilt diese Entwicklung leider nicht für alle Parteien und nicht für alle Themen.

Heute präsentiert die TGD die Ergebnisse ihrer Wahlprüfsteine 2021, die für die
Öffentlichkeit in einer Onlinedatenbank verfügbar gemacht werden, als Orientierungshilfe
für Wähler*innen. Über 700 Direktkandidat*innen haben geantwortet. Die Beteiligung nach
Parteien sieht wie folgt aus: Bündnis 90/Die Grünen (209), Die Linke (187), SPD (143), FDP
(129), AfD (24) und CDU/CSU (21).

So bewertet der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoğlu die Beteiligung der Parteien: „Sehen Sie,
die TGD ist parteipolitisch neutral. Ihre Mitglieder sind in allen demokratischen Parteien
aktiv. Unsere Zusammenfassung ist datenbasiert und wir geben keine Wahlempfehlung ab.
Aber den mageren Rücklauf aus den Reihen der CDU/CSU können wir nicht unkommentiert
lassen. Dieses Desinteresse an den Wähler*innen mit Migrationsgeschichte und den
Themen der Einwanderungsgesellschaft ist erschütternd und steht auch im krassen
Gegensatz zu Einzelpersonen wie Armin Laschet, Annette Widmann-Mauz oder Serap Güler,
die wir seit vielen Jahren als interessiert und zugewandt erleben.“

Zentrale Ergebnisse:

Eine Empfehlung, die die TGD bereits 2013 ausgesprochen hat, ist die Schaffung eines
Bundesministeriums, das die Bereiche der sogenannten Integrationspolitik zusammenführt
mit der Antidiskriminierungspolitik und der Bekämpfung von Rassismus (auch in
Institutionen), um die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft ganzheitlich und
zukunftsgewandt anzugehen. Es gibt eine klare Zustimmung bei den Grünen und den Linken,
die es 2017 so noch nicht gegeben hat. Die Idee ist sogar Teil des grünen Wahlprogramms.
SPD und FDP sind in dieser Frage uneinig bzw. unentschlossen. CDU/CSU lehnen die Idee klar
ab, während einzelne Kandidat*innen sich auch befürwortend äußern und bei der AFD zeigt sich ein ähnliches Bild.

Noch deutlicher ist ein positiver Trend in Bezug auf das Bewusstsein, dass es Maßnahmen
gegen Diskriminierung braucht, um für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen. So ist die Idee
der Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen im Kontext Schule für Schüler*innen,
Eltern und Lehrer*innen deutlich positiver votiert worden als noch 2017.
„Parteiübergreifend sehen wir hier eine überwältigende Zustimmung, vor allem, wenn wir
an die Ergebnisse von 2017 denken. Damals war die Resonanz mit 9% bei CDU/CSU, 18%
FDP und 40% SPD ziemlich mies. Da hat sich wirklich viel getan. Wir werten dies als
deutliches Zeichen, dass das Problembewusstsein bezüglich der institutionell bedingten
Diskriminierungen parteiübergreifend gestiegen ist, ebenso wie die Bereitschaft etwas
dagegen zu unternehmen“, sagt Gökay Sofuoğlu.

„Unsere Ergebnisse zeigen insgesamt einen positiven Trend zur Gestaltung der
Einwanderungsgesellschaft. Deshalb irritieren uns die Ergebnisse zur Quote für Menschen
mit Migrationsgeschichte im öffentlichen Dienst doch sehr“, so Atila Karabörklü,
Bundesvorsitzender der TGD. Während die Zustimmung bei den Linken seit 2017 stark
zugenommen hat, ist der Trend bei den anderen Parteien stark negativ. 2017 lag die
Zustimmung der SPD noch bei 64%, bei den Grünen sogar bei 74%. 2021 liegt sie nur noch
bei knapp über 30%. CSU/CDU, FDP und AfD lehnen eine Quote auch 2021 noch stark ab.
„Die Ergebnisse offenbaren eine generelle Problematik: Einerseits verstehen viele
Politiker*innen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und Repräsentanz wichtig wäre
für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie an sich. Andererseits sind viele
Parteien und Kandidat*innen zurückhaltend, wenn es um wirksame Maßnahmen geht. Das
wird auch bei den Parteiantworten deutlich. Mehr Diversität wird befürwortet, aber
Maßnahmen, die für mehr Gerechtigkeit und die bessere Einhaltung des
Leistungsversprechens sorgen würden, werden abgelehnt. Es ist das gleiche Phänomen wie
in der Genderfrage: Den Kuchen gerechter verteilen – unbedingt! Meinen Kuchen? Na das
muss doch wohl nicht sein!“, beschreibt es Atila Karabörklü. „Gegen die Quote wird gerne
das Argument der ungerechten Bevorzugung ins Feld geführt. Über die jahrelange
ungerechte Bevorzugung von Männern, von Westdeutschen oder eben von Deutschen ohne
Migrationsgeschichte hat sich keiner beschwert.“ Ergänzt Gökay Sofuoğlu.

Alle Ergebnisse der Fragen an die Direktkandidat*innen und auch die schriftlichen
Antworten der Parteizentralen finden Sie unter folgendem Link zusammengestellt.
Außerdem können Sie dort in einer Datenbank alle Ergebnisse der Direktkandidat*innen
gefiltert, also z.B. nach Partei oder Wahlbezirk, abrufen.

——————-
Pressekontakt:
Kaan Bağcı
Türkische Gemeinde in Deutschland e.V.
Obentrautstraße 72, 10963 Berlin
Telefon: 030 896 83 81 13 / Mobil: 01520 6862206
Mail: Kaan.Bagci@tgd.de

10 September 2021 0 Kommentare
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Frauen in Saudi-Arabien: Deutsche baut Nationalelf auf

von Fremdeninfo 9 September 2021
von Fremdeninfo

Frauen in Saudi-Arabien: Deutsche baut Nationalelf auf

Von

dtj-online

–

04.09.2021

 
 
 
 
Archivfoto: Saudische Fans, ein Mann und eine Frau, sitzen während eines Fußballspiels auf der Tribüne. Foto: Hassan Ammar/AP/dpa

Saudi-Arabiens Frauen haben in den vergangenen Jahren neue Freiheiten bekommen. Jetzt erobern sie Schritt für Schritt auch den Sport. Mit deutscher Hilfe soll bald eine Frauen-Fußballnationalelf auflaufen.

Als Fußballtrainerin hat Monika Staab einiges von dieser Welt gesehen. In rund 80 Ländern war sie schon im Einsatz, um Frauen das Fußballspielen beizubringen. Doch die Aufgabe, die die frühere Spielerin an diesem Mittwoch übernahm, ist selbst für sie etwas Besonderes: Denn Monika Staab ist als Coach für die allererste Frauen-Fußballnationalelf Saudi-Arabiens verantwortlich. Des Landes also, in dem Frauen bis vor kurzem nicht einmal ins Stadion durften, weil das nach Ansicht der Herrscher gegen die Regeln des Islam verstieß.

Auf Staab, einst unter anderem Trainerin beim 1. FFC Frankfurt, wartet echte Pionierarbeit, denn die Geschichte des saudischen Frauenfußballs ist denkbar jung. Bis vor einigen Jahren war es Frauen gänzlich verboten, in der Öffentlichkeit zu kicken. Eine Meisterschaft spielen die saudischen Fußballerinnen erst seit November aus. Und die Nationalelf muss die deutsche Trainerin von Null aufbauen. „Saudi-Arabien fängt beim ersten Stockwerk an“, sagt Staab (62). „Das ist ein Meilenstein, gerade für die arabische Welt.“

Bin Salman lockert

Möglich wird die erste Frauen-Nationalelf in dem Königreich durch eine gesellschaftliche Öffnung, die Kronprinz Mohammed bin Salman vorantreibt. Traditionell sind Frauen in dem streng konservativen islamischen Land gegenüber Männern stark benachteiligt. Noch immer bleiben ihnen viele Rechte vorenthalten. Doch mit einer Reihe von Reformen hat der Thronfolger ihren Status gestärkt. Seit 2018 dürfen Frauen etwa Autofahren. Auslandsreisen sind ihnen mittlerweile ohne Zustimmung eines männlichen Vormunds gestattet. Auch die Kleidervorschriften, darunter das Kopftuch, lockern sich.

Schritt für Schritt erobern die saudischen Frauen nun den Sport für sich. Als Staab das Königreich Ende vergangenen Jahres besuchte, um Trainerinnen auszubilden, arbeitete sich mit „unglaublich aktiven und engagierten Frauen“ zusammen, wie sie erzählt. „Das war ein Riesenerlebnis. Ich war überrascht von der Offenheit der Frauen.“ Und vom Potenzial der Spielerinnen. Obwohl offiziell im Königreich nicht erlaubt, hätten diese schon länger gespielt. „Ich habe nicht in diesem Ausmaß erwartet, wie weit sie schon sind“, schwärmt Staab.

Erfahrungen in Bahrain und Katar

Nach ihrer Ankunft in dieser Woche will sie sich erst einen Gesamteindruck verschaffen, sich Spiele anschauen, Spielerinnen zu Probetrainings einladen und in den nächsten Wochen rund 30 Sportlerinnen für ein erstes Trainingslager auswählen. Für Staab keine neue Erfahrung: Sie hat auch in den Golf-Staaten Bahrain und Katar sowie in Pakistan Frauen-Nationalmannschaften aufgebaut.

Der saudische Verband macht auf sie dabei einen guten Eindruck. Der Aufbau der Frauen-Nationalelf werde „mit großer Ernsthaftigkeit“ vorangetrieben, an der Spitze von Funktionärinnen, die etwas zu sagen hätten. Auch der Verband selbst, fest in Händen von Männern, steht ihr zufolge hinter dem Projekt: „Die lassen es nicht einfach nur zu.“

Frauen müssen sich behaupten

Doch Worte und Enthusiasmus sind das eine, die Realität oft das andere. Staab kommt in ein Land, in dem nicht nur das heiße Wüstenklima eine Herausforderung für jeden Sport darstellt.

Trotz der neuen Rechte für Frauen beäugen noch immer viele saudische Männer deren bislang unbekannte Freiheiten mit Argusaugen. „Es wird Teil der Aufgabe sein, die Gesellschaft zu überzeugen, dass Frauen Fußball spielen dürfen und können“, sagt sie. Auch das kennt Staab, schließlich hat sie ähnliche Hürden und Skepsis oft erlebt. „Das war als Trainerin immer auch eine Hauptaufgabe von mir“, erzählt sie.

Kritiker in Gefahr

Hinzu kommen die politischen Verhältnisse. Während der Kronprinz Frauen mehr Freiheiten gibt, geht er mit härtester Hand gegen Kritiker vor. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Aktivistinnen eingesperrt, auch Frauenrechtlerinnen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bemängelte erst Anfang des Monats, Saudi-Arabien habe die Verfolgung „von Andersdenkenden auf besorgniserregende Weise intensiviert.“

Staab ist sich über diese Situation im Klaren. Doch sie halte sich aus der politische Lage „komplett raus“, sagt sie. „Ich muss erst im Land sein, ehe ich mir ein Urteil bilde. Ich will versuchen, Frauen dort durch meine Erfahrung mit etwas auf den Weg zu geben.“

Schon bei ihrer ersten Reise hat sie einiges gelernt. Etwa, dass sie im kurzärmeligen T-Shirt ohne Probleme auf die Straße gehen kann. Oder, dass die Spielerinnen im Training ohne die traditionelle Kopfbedeckung, den Hidschab, kicken, obwohl die Fifa ihn 2014 erlaubt hat und er bei offiziellen Spielen zum Einsatz kommt. Staabs Vertrag läuft zunächst über ein Jahr. Dann will sie weitersehen. Ein Ziel hat sie sich auch schon vorgenommen: Im nächsten März möchte die Trainerin mit der neuen Elf zu einem ersten Länderspiel antreten.

dpa/dtj

9 September 2021 0 Kommentare
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Türkei: Erdogan greift nach dem Netz

von Fremdeninfo 9 September 2021
von Fremdeninfo

Türkei: Erdogan greift nach dem Netz

 
 
Daniel Derya Bellut, Hilal Köylü
vor 9 Std.
 

 

 

Bisher waren soziale Medien in der Türkei ein Weg, die staatliche Zensur zu umgehen. Der türkische Präsident versucht nun mit einem neuen Gesetz die Plattformen stärker zu kontrollieren. Die Opposition ist alarmiert.

© Aytac Unal/AA/picture alliance Provided by Deutsche Welle

In den fast 20 Jahren seiner bisherigen Amtszeit ist es dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan gelungen, Zeitungen und Fernsehsender weitestgehend unter seine Kontrolle zu bringen. Doch die oppositionellen Kräfte reagierten: Politiker, Aktivisten, Kritiker zogen sich in die sozialen Netzwerke zurück und erschufen dort eine alternative Medienlandschaft und eine alternative Öffentlichkeit.

Auf Plattformen wie Twitter, Facebook oder YouTube machen Aktivisten auf Missstände aufmerksam, Oppositionspolitiker mobilisieren ihre Anhänger und kleine, alternative Medien spielen dort ihr Programm aus.

Pressefreiheit in Sozialen Medien bedroht

Erdogans Regierung drängt nun vermehrt darauf, ihren Einfluss auch in den sozialen Medien und im Internet auszubauen. Schon in den vergangenen Jahren hatte die Regierung die Kontrolle über Inhalte im Internet immer stärker ausgeübt. Nun holt Erdogan zum nächsten Schlag aus.

Zur Bekämpfung von „falschen Nachrichten, Desinformation, Provokation und Lynchjustiz in den sozialen Netzen“ hat die türkische Regierung und die Kommunikationsbehörde des Präsidentenpalastes sowie die oberste Medienaufsichtbehörde RTÜK eine neue Social-Media-Verordnung geplant. Bei Verstößen gegen dieses Gesetz soll es Geld- und Haftstrafen geben. Aus Regierungskreisen heißt es, dass man zurzeit am Gesetzestext arbeite.

Regierung will sozialen Frieden im Netz

„Es gibt Beschwerden aus allen Teilen der Gesellschaft“, begründet der Fraktionsvorsitzende der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP Naci Bostancı das Gesetzesvorhaben. „Menschen und Institutionen werden von gefälschten Social-Media-Konten oder falschen Identitäten ins Visier genommen. Es wird eine Sprache verwendet, die den Frieden zwischen den Menschen und in der Gesellschaft stört. (…) Wir wollen ein Gesetzt, das Demokratie, Freiheit und Recht berücksichtigt.“

Online-Plattformen wie Twitter sollen zukünftig mehr reguliert werden © OZAN KOSE/AFP/Getty Images Online-Plattformen wie Twitter sollen zukünftig mehr reguliert werden


Video: Neue Reisewarnung: Die Türkei gilt jetzt als Hochrisikogebiet (spot-on-News)

 

Dass es bei der geplanten Verordnung vorrangig um den sozialen Frieden geht, bezweifelt die Opposition hingegen. Es ginge vor allem darum, den Einfluss der Regierung nun auch in der digitalen Welt auszubauen, kritisieren zahlreiche Oppositionspolitiker. Ihre Hauptkritikpunkte lauten, dass diese geplante Anordnung zu einer Inhaftierungswelle führen werde. Zudem wird befürchtet, dass sich im Internet und in den sozialen Medien Zensur weit verbreitet.

Die Regierung beschwichtigt: „Die Kommunikationsfreiheit zu unterminieren, stand nie auf unserer Agenda. (…) Wir wollen mit allen relevanten Parteien zusammenarbeiten, eine Regelung vorschlagen und Desinformation verhindern“, sagte Bostancı der DW.

„Wir stehen am Anfang einer Hexenjagd“

Kommunikations-Experte Mustafa Adıgüzel von der größten Oppositionspartei CHP hält das für einen Vorwand. „Sie sagen ständig: ‚Dein Kind oder dein Ehepartner könnte Opfer von Falschmeldungen sein‘.“ Problematisch sei dabei, dass die Regierungsparteien festlegen, was wahr oder falsch ist.

„Wir stehen am Anfang einer Hexenjagd im Internet. Gleichzeitig wird der Präsidentenpalast die sozialen Medien nutzen, seine Informationen und Ansichten zu verbreiten“, so Adıgüzel. „Die Worte von Präsident Erdogan enthalten oft die reinste Desinformation. Werden sie auch solche Aussagen verhindern?“

Seit Oktober vergangenen Jahres hat die türkische Regierung die Kontrolle über Inhalte im Internet massiv verstärkt, indem das Mediengesetz 5651 erweitert wurde: Die kontroverse Gesetzesänderung der Regierung verpflichtet Plattformen mit über einer Millionen Nutzern, eine Niederlassung in der Türkei zu eröffnen. Sollten Twitter oder andere sich weigern, eine Repräsentanz auf türkischem Boden zu eröffnen, könnten türkische Gerichte ihre Bandbreite um bis zu 95 Prozent drosseln.

Zudem sollen aus Sicht der Regierung fragwürdige Inhalte nun mit Bußgeldern zwischen einer und zehn Millionen Lira bestraft werden. Kritiker sehen in diesem Gesetz jedoch einen weiteren Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit.

Gesetz nach deutschem Modell?

Vertreter der Regierung argumentieren, dass es eine ähnliche Gesetzgebung auch in demokratischen Ländern wie Deutschland existiere. Erdogan bezeichnete das Gesetzesvorhaben als „deutsches Modell“.

Gemeint ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das im Jahr 2017 zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in den sozialen Medien in Deutschland in Kraft getreten ist. Posts, die Gegenstand von Hasskriminalität sind, können so von Internet-Plattformen entfernt werden.

Die türkische Opposition hingegen kritisiert regelmäßig, dass die Online-Politik der türkischen Regierung keine Ähnlichkeit mit westlichen Ländern habe, sondern eher mit der Politik autokratischer Länder wie China, Russland oder Indien vergleichbar sei.

Autor: Daniel Derya Bellut, Hilal Köylü

 
9 September 2021 0 Kommentare
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Langzeitstudie: Integrationsfeindliche Einstellungen wachsen

von Fremdeninfo 9 September 2021
von Fremdeninfo

 

Langzeitstudie: Integrationsfeindliche Einstellungen wachsen

Von

dtj-online

–

23.08.2021

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Archivfoto: Drei jugendliche syrische Flüchtlinge gehen in Dahlem bei Dahlenburg (Niedersachsen) auf dem Gelände des Internatsgymnasium Marienau zum Unterricht. Foto: picture alliance / dpa

Unter welchen Bedingungen gehören Zugewanderte aus Sicht der Bevölkerung dazu? Werden sie als gleichwertig anerkannt? Zentrale und brisante Fragen für eine Gesellschaft. Eine neue Studie zu Integration liefert überraschende Antworten.

Beim Konfliktthema Zuwanderung sinkt einer Studie zufolge der Anteil der Menschen, die Integration für den richtigen Weg halten. 2020 haben „integrationsfeindliche“ Einstellungen – Abwertung von Geflüchteten, Muslim- und Fremdenfeindlichkeit – zugenommen, wie aus der repräsentativen Langzeitanalyse „ZuGleich“ hervorgeht, die Bielefelder Forscher und die Stiftung Mercator kürzlich vorstellten. Auch die Corona-Pandemie habe sich hier auf Einstellungen ausgewirkt, sagte Studienleiter Andreas Zick.

Nur noch 48 Prozent der Bevölkerung befürworten demnach Integration, wollen also Eingewanderten ihre kulturelle Identität weiter zugestehen und sie zugleich an der Gesellschaft hierzulande teilhaben lassen. Die Zustimmung zu Integration sei seit der ersten „ZuGleich“-Erhebung von 2014 (60 Prozent Zuspruch) gesunken. Integration verlange Bemühungen von allen, auch den Eingesessenen, betonte Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld. Die Achtung der kulturellen Eigenschaften von Hinzugekommenen und die Anerkennung einer Gleichwertigkeit seien zentral für Integration. Hier hapere es aber deutlich.

Jeder Dritte pro Assimilation

Fast jeder Dritte meint, Eingewanderte sollten ihre eigene kulturelle Prägung aufgeben, sich absolut an die Mehrheitsgesellschaft anpassen, also assimilieren, erläuterte Co-Autorin Nora Rebekka Krott. Weitere zehn Prozent sprechen Zugewanderten ihre eigene kulturelle Identität zwar nicht ab, wollen sie aber in Deutschland nicht teilhaben lassen. Und ebenfalls jeder Zehnte verwehre Zugewanderten sowohl den Erhalt der eigenen Identität als auch gesellschaftliche Teilhabe.

Interessant: Dass Neue sich einseitig mehr anpassen sollten, finden grundsätzlich auch in der Gruppe der Zugewanderten viele. Je länger sie schon hierzulande leben, desto stärker fällt diese Forderung aus.

Sieben Jahre Forschung

In die Langzeitstudie zu Einstellungen in der Bevölkerung zu Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit – „ZuGleich“ – sind vier repräsentative Erhebungen seit 2014 eingeflossen. Für die jüngste waren von November 2020 bis Januar 2021 gut 2000 Erwachsene befragt worden, knapp ein Drittel mit Einwanderungsgeschichte.

Aus Sicht der Studienautoren „erschreckend“: Eine wachsende Gruppe verlange Vorrechte für sich als vermeintlich Etablierte. Gut 38 Prozent stimmten der Aussage zu: „Wer in Deutschland neu ist oder später hinzukommt, soll sich mit weniger zufriedengeben“. Man habe eine „Kultur der Abwehr“ ausgemacht und steigende Werte gemessen bei der Abwertung von Geflüchteten (28 Prozent) und bei Muslimfeindlichkeit, die bei gut jedem dritten Befragten zutage getreten sei.

„Zu viele Migranten“

Bei rund 30 Prozent sei von einer fremdenfeindlichen Haltung auszugehen. So sind 40 Prozent der Auffassung, es lebten zu viele Migranten in Deutschland. Jeder Vierte sagt, die muslimische Kultur habe einen „gefährlichen Einfluss“ auf die deutsche. Gut ein Viertel aller Bürger bundesweit hat eine Einwanderungsgeschichte, wiederum ein Viertel darunter ist muslimischen Glaubens.

Welche Kriterien müssen Zugewanderte erfüllen, um dazuzugehören? „Die Befragten haben jetzt eine höhere Messlatte für eine Zugehörigkeit“, beobachtet Sozialpsychologe Zick. Vor allem sollen sie Deutsch sprechen, politische Institutionen und Gesetze achten, arbeiten und keine Sozialhilfe beziehen, wie jeweils eine große Mehrheit von weit über 80 Prozent findet. Jeder Vierte hält es für wesentlich, in Deutschland geboren oder Christ zu sein. 2020 ist es vor allem die politische Mitte, die diese Forderungen an Zugewanderte stellt.

Corona hat Auswirkungen

Was bewirkt die Pandemie? Viele Menschen, die sich durch die Corona-Krise stark belastet sehen, treiben soziale oder finanzielle Sorgen um. Das drücke sich bei einigen auch in ihrer Haltung zur Integration aus, erläuterte Zick. Es gebe gerade in der Pandemie auch Widerstand gegen eine Politik der offenen Grenzen – obwohl es coronabedingt kaum zu Migration gekommen sei. Zudem hätten es Austausch und Begegnung wegen der Corona-Auflagen schwer gehabt.

Ein positives Ergebnis: Eine große Mehrheit von drei Vierteln stimmt der Aussage zu, dass Migranten am gesellschaftlichen Leben teilhaben sollen. Aber es gebe Widersprüche, unterstrich Zick. Frage man in puncto Akzeptanz von Vielfalt konkret nach, zeige sich Skepsis. Andere Kulturen seien bei vielen mit Vorurteilen verbunden. Unter den Eingewanderten gab ein Drittel an, oft oder sehr oft rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt zu sein. „Rassismus bremst den Prozess der Integration.“

Und was ist mit der vielzitierten „Willkommenskultur“? Sie findet erfreulich steigenden Zuspruch. Allerdings gibt es auch hier ein Aber: Nach der starken Fluchtbewegung von 2015 geht es Zick zufolge jetzt weniger ums Willkommenheißen, sondern um das reale Ankommen und die Einstellungen zum Zusammenleben. Das Thema werde Deutschland herausfordern und die Zukunft stark prägen

9 September 2021 0 Kommentare
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Studio Bosporus“ feiert deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

von Fremdeninfo 7 September 2021
von Fremdeninfo

Studio Bosporus“ feiert deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Von

dtj-online

–

04.09.2021

 
 
 
Die Kulturakademie Tarabya ist eine Einrichtung der Bundesregierung. Sie wird von der Deutschen Botschaft Ankara betrieben und ist Teil der Kulturarbeit der Deutschen Botschaft in der Türkei. Die kuratorische Verantwortung für die Kulturakademie trägt das Goethe-Institut. Foto: Kulturakademie Tarabya

Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. Doch die deutsch-türkische Freundschaft hat tiefere Wurzeln. Die Kulturakademie Tarabya erinnert daran.

Bis Ende Oktober sind nach Angaben vom Freitag 40 Veranstaltungen an 22 Orten in ganz Deutschland sowie in Istanbul vorgesehen. Im Berliner Kunstraum Kreuzberg/Bethanien werden zudem Arbeiten von mehr als 100 Künstler:innen gezeigt.

„Die Kulturakademie Tarabya ist in den zehn Jahren ihres Bestehens zu einem Ort geworden, an dem Gemeinsames entsteht, in der Kunst und darüber hinaus“, sagte Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt. Daraus entstünden künstlerische Freiräume und Ankerpunkte für zivilgesellschaftlichen Austausch. Auch Sicht der Präsidentin des Goethe-Instituts, Carola Lentz, öffnen die künstlerischen Arbeiten „neue Perspektiven auf das deutsch-türkische Verhältnis und thematisieren offen auch durchaus kritische Themen beider Gesellschaften“.

Akademie-Grundstück war ein Geschenk des Sultans an das Deutsche Reich

Die bundeseigene Kulturakademie ist Teil der Kulturarbeit der Deutschen Botschaft in der Türkei. Sie wurde im Herbst 2011 mit dem Ziel eröffnet, dass sie zur positiven Entwicklung der kulturellen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland beiträgt. Die Akademie ist beheimatet in der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Istanbul und hat eine besondere Geschichte im Zuge der deutsch-türkischen Freundschaft: Das Grundstück war nämlich ein Geschenk des osmanischen Sultans Abdülhamid II. Mit der Maßgabe zur diplomatischen Nutzung schenkte der Sultan das Grundstück an das Deutsche Reich.

dpa/dtj

7 September 2021 0 Kommentare
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Migrantin aus Aserbaidschan: Polizistin schreibt Buch über Neukölln

von Fremdeninfo 7 September 2021
von Fremdeninfo

Migrantin aus Aserbaidschan: Polizistin schreibt Buch über Neukölln

Von

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–

06.09.2021

 
 

 
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Lana Atakisievas Buch „Nachtschicht in Neukölln“ erscheint im hanserblau Verlag. Foto: Paula Winkler/Carl Hanser Verlag/hanserblau/dpa

Es geht um Gewalttäter, Dealer, verzweifelte Frauen und randalierende Studenten – in ihrem Buch „Nachtschicht in Neukölln“ berichtet Lana Atakisieva über ihre Arbeit als Berliner Polizistin. Die Details

„In Neukölln gibt es kaum eine Woche, in der man im Dienst nicht mit gewaltbereiten Menschen zu tun hat. Dabei steht das Ausmaß der Aggressivität nicht unbedingt in einem vernünftigen Verhältnis zum Anlass. Es kann ein winziger Funken sein, an dem sich ein Großbrand der Gewalt entzündet“, beschreibt Lana Atakisieva, die 2003 im Alter von 15 Jahren aus Aserbaidschan nach Deutschland kam.

In ihrem Einsatzbereich Neukölln, der in Berlin als Problembezirk gilt, haben viele Konflikte und Gewaltausbrüche mit dem Zusammenprall verschiedener Gesellschaften und Kulturen zu tun. Nachwuchs aus Einwandererfamilien wird bei der Berliner Polizei deshalb ausdrücklich gesucht.

Autorin spricht Russisch und Türkisch

Atakisieva spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Russisch und Türkisch. Mit diesen Kenntnissen versucht sie, in der akuten Situation zu helfen. „Häufig sind die Kontrahenten nicht besonnen, sondern betrunken, verzweifelt, auf Drogen oder einfach voller Wut. Wenn dann noch Waffen im Spiel sind, wird es brenzlig.“

Außerdem erzählt Atakisieva in ihrem Buch von ihrer eigenen schwierigen Integrationsgeschichte. Sie beschreibt den ständigen Kampf um Anerkennung, Bildung, Integration und auch Emanzipation.

„Ein einziges Trotzdem“

„Meine gesamte Schullaufbahn in Deutschland war davon geprägt, dass mir Leute gesagt hatten, ich würde es nicht schaffen – es war ein einziges ‚Trotzdem‘ gewesen“, schreibt Atakisieva.

Die Kommissarin berichtet auch in den sozialen Medien über ihre Arbeit. Ihr Instagram-Profil „lana.glam“ mit Fotos in Uniform, aber auch in Abendkleid und Bikini, hat inzwischen knapp 70 000 Follower.

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Solinger Taner Ay weiter im Dunstkreis der türkischen Mafia unterwegs

von Fremdeninfo 2 September 2021
von Fremdeninfo

Solinger Taner Ay weiter im Dunstkreis der türkischen Mafia unterwegs

Von

dtj-online

–

30.08.2021

 
 
 

 

 

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„Taner Ay Göktuğ Çakıcı“
Taner Ays Instagram-Post, datiert vom 16. August 2021, zeigt den Solinger in Begleitung mit zwielichtigen Personen aus dem Dunstkreis der türkischen Mafia. Quelle: instagram/taneray

Vor einigen Wochen war der Name Taner Ay besonders prominent in deutschen und auch türkischen Medien aufgetaucht. Nach Berichten in „Die Welt“ hatte auch das Deutsch-Türkische Journal über den Solinger Geschäftsmann berichtet. Dabei ging es um dessen Verbindungen zu Personen aus der türkischen Regierung, der Wirtschaft und der türkischen Unterwelt. In den sozialen Medien postete Ay daraufhin Stellungnahmen, sprach von Verleumdung und drohte mit der Einleitung von rechtlichen Schritten gegen die Verbreiter von „Falschinformationen“. Doch sein jüngstes Posting lässt erneut aufhorchen.

„Im Namen meines Volkes“: Wen repräsentiert Taner Ay?

Auf Instagram und im erweiterten Sinne in den sozialen Medien inszeniert sich Taner Ay aus Solingen als staatstragender Millionär. Auf seiner jüngsten Reise nach Bosnien und Herzegowina ließ sich Ay ablichten, als ihm durch den bosnischen Parlamentspräsidenten ein symbolisches Geschenk übergeben wird. Unter das Posting auf Instagram schreibt er: „…ich bedanke mich beim bosnischen Parlamentspräsidenten in meinem Namen und im Namen meines Volkes“. Möglicherweise hat Ay solche staatsmännischen Floskeln vom türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu gelernt, mit dem sich der Deutsch-Türke schon mal zum Golfen getroffen hat. Oder vielleicht von seinem Vater Çetin Ay, der viele Jahre Ehrenbotschafter der Türkischen Republik Nordzypern war, doch nach den jüngsten Enthüllungen um seinen Sohn Taner diesen lukrativen Posten wieder abgeben musste. Taner Ay wurde vor wenigen Wochen nämlich öffentlich mit den Osmanen Germania in Verbindung gebracht, wie DTJ-Online berichtete.

Taner Ay, UID und Osmanen Germania

Nach Enthüllungen des Mafia-Paten Sedat Peker wurde Taner Ay in den türkischen Medien als Schnittstelle zwischen Metin Külünk, einem alten AKP-Abgeordneten und Weggefährten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, und der in Deutschland längst verbotenen Rockerbande Osmanen Germania vorgestellt. Zwar wies Ay diese Behauptungen zurück und sprach von Verleumdung. Doch mehrere Fotos belegten mindestens seine guten Verbindungen zu der rechtsextremen und gewaltbereiten Szene der Osmanen Germania. In einem Artikel in „Die Welt“ wurde Ay bereits 2019 als World Chapter-Mitglied der Osmanen Germania bezeichnet. Zwischenzeitlich hatte er ein Video in seinem persönlichen Instagram-Feed gepostet, worin Selçuk Can Şahin, der mutmaßliche Gründer der Osmanen Germania, beteuerte, Ay habe nichts mit seinem Verein zu tun. Er sei ihm nur am Rande einer Veranstaltung der Union Internationaler Demokraten (früher UETD) begegnet, was fotografisch festgehalten wurde.

#Brotherhood mit Çakıcı und Göktuğ: Taner Ay und der Nachwuchs der türkischen Mafia

Taner Ay posiert nicht nur mit türkischen Regierungsmitgliedern wie Außenminister  Çavuşoğlu oder Innenminister Süleyman Soylu. Nein, der Solinger lässt sich auch gerne mit schweren Waffen und Personen aus dem Umfeld der türkischen Mafia ablichten. Das belegen seine Fotos mit Alperen Göktuğ Yılmaz. Ein Blick auf dessen Account lässt aufhorchen. Denn dieser junge Mann, das wird schnell deutlich, hat ebenfalls einen Hang zum Posen mit türkischen Bürokraten, Politikern und der Mafia. So stellt er sich an die Seite von Alaattin Çakıcı und Mehmet Ali Ağca. Beide Figuren sind mehrfach vorbestrafte und nach wie vor gefürchtete Schwergewichte der türkischen Unterwelt.

„Alperen Göktuğ Yılmaz, Vater Yılmaz, Solinger Taner Ay“ data-recalc-dim
Von links: Alperen Göktuğ Yılmaz, Vater Yılmaz und der Solinger Taner Ay.
Alperen Göktuğ Yılmaz und Mafia Anführer Alaattin Çakıcı
Alperen Göktuğ Yılmaz mit dem Mafiapaten Alaattin Çakıcı.

Einen Hinweis darauf, wie eng Ays Beziehungen mit der türkischen Mafia tatsächlich sind, könnte sein aktuelles Posting erneut mit Alperen Göktuğ Yılmaz und einem weiteren, etwa gleichaltrigen jungen Mann, geben: Mit dem Hashtag Brotherhood, auf Deutsch Bruderschaft, teilte Ay vor zwei Wochen ein neues Foto aus einer Location in Istanbul gemeinsam mit Yılmaz und Başar Çakıcı. Während Yılmaz auf seinen Fotos den Mafiapaten Alaattin Çakıcı als Onkel bezeichnet, trägt Başar Çakıcı gleich dessen Nachnamen.

Mit großen Ambitionen in Zentralanatolien

Ungeachtet dessen verfolgt Taner Ay weiterhin ambitionierte Ziele. Etwa 150 km südöstlich der türkischen Hauptstadt Ankara liegt die kleine Provinz Kırşehir. Angrenzend an das in den letzten Jahren vor allem touristisch immer beliebter werdende Kappadokien ist Kırşehir eine wichtige Agrarregion. Für Familie Ay ist es die Heimatstadt. Sportlich gesehen ist Kırşehir landesweit noch nie besonders aufgefallen. Entsprechend ist auch die Fußballmannschaft alles andere als bekannt. Das will Ay nun offenbar ändern. Er werde als Vereinspräsident kandidieren.

Dies verkündete Ay via Instagram. Den Drittligisten will der Solinger nach eigenen Angaben in die erste türkische Liga, die Süper Lig, bringen. Die Mannschaft heißt Kırşehir Belediye Spor und gehört somit der Stadtverwaltung. Laut Transfermarkt stehen dort auch Fußballer mit Wurzeln in Deutschland und den Niederlanden unter Vertrag, darunter der 29-jährige Eren Taşkın aus Duisburg (ehemals Reserve FC Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf), der ebenfalls 29-jährige Yener Arıca (ehemals Jugend von Ajax Amsterdam) sowie der 23 Jahre alte Tarık Kurt aus Unna (ehemals Jugendspieler von Borussia Dortmund). Einen weiteren Deutsch-Türken könnte der Verein nun mit dem millionenschweren Neuzugang aus dem Bergischen Land dazu gewinnen. Es wäre nicht weiter verwunderlich, würde dieser weitere Fußballer aus Europa in die türkische Provinz locken.

2 September 2021 0 Kommentare
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Flüchtlingsdrama: Europa statt Taliban – Warum tausende Afghanen über die Türkei Richtung Westen fliehen

von Fremdeninfo 2 September 2021
von Fremdeninfo

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Flüchtlingsdrama: Europa statt Taliban – Warum tausende Afghanen über die Türkei Richtung Westen fliehen

 
 
Demircan, Ozan
vor 36 Min.

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Europa wollte eigentlich, dass Flüchtlinge aus Afghanistan in den Nachbarländern versorgt werden. An der türkischen Ostgrenze zeigt sich: Das ist wohl eine Illusion.

© dpa Migranten, die hauptsächlich aus Afghanistan kommen und am Vortag von türkischen Sicherheitskräften aufgegriffen wurden, warten auf die Registrierung in einem Abschiebezentrum an der Grenze zum Iran.

Firat Güres zählt die Tage, bis der nächste Ansturm kommt. Der junge türkische Beamte leitet das Abschiebezentrum in der osttürkischen Provinzstadt Van, keine 60 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt.

Der Mittdreißiger steht in schwarzem Hemd und violettfarbenem Sakko im Ankunftsbereich der Einrichtung, zwischen Metalldetektoren und Wänden aus Gitterstäben, und rechnet vor: „Etwa 20 Tage bis einen Monat brauchen die meisten Flüchtlinge, bis sie aus Afghanistan über Pakistan und den Iran an der Grenze zur Türkei ankommen.“ Das würde bedeuten, dass nach dem Fall Kabuls in den nächsten Tagen eine Welle die türkische Grenze erreichen könnte.

Die Vereinten Nationen erwarten, dass noch einmal mehr als eine halbe Million Menschen vor den Taliban fliehen werden. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen derzeit über die Grenze kommen“, räumt Güres ein. Aber es dürften schon bald mehr werden – mehr, als die Türkei möglicherweise aufnehmen kann.

Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an das Jahr 2015, als Hunderttausende Syrer Richtung Westen flohen. Erinnerungen an ein völlig überfordertes und zerstrittenes Europa. Erinnerungen auch an die Türkei, die eine Schlüsselrolle bei der europäischen Abwehrstrategie spielte.

Die Geschichte könnte sich nach den Ereignissen in Afghanistan wiederholen. Auch dieses Mal steht die Türkei wieder im Zentrum. Allein in einer Woche im Juli haben türkische Sicherheitskräfte knapp 1500 afghanische Flüchtlinge an der Grenze zum Iran aufgegriffen. „Teilweise machen sich wieder ganze Fahrzeugkonvois auf den Weg“, weiß Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network.

Und viele, die hier in der anatolischen Provinz ankommen, wollen eigentlich weiter Richtung Westen. „In der Türkei ist die Gefahr zu groß, dass wir abgeschoben werden“, sagt eine junge Afghanin. Es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie schaffe es nach Europa, „oder es geht irgendwann zurück zu den Taliban“.

Die wirtschaftliche Lage der Türkei ist derzeit sehr angespannt. Selbst viel, viel Geld aus dem Westen wird die Regierung nicht dazu bringen, den nun Fliehenden eine Bleibe in der Türkei anzubieten. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan richtete sein Wort daher bereits an die Europäer und sagte, dass „eine neue Welle der Migration unvermeidlich werden wird“.

Türkei: Syrer dürfen bleiben, Afghanen müssen zurück

Wer das Abschiebezentrum betreten will, muss an bewaffneten Beamten der Gendarmerie vorbei. In Camouflage stehen sie an dem gut vier Meter hohen Zaun, der die Flüchtlinge an einer Flucht Richtung Westen hindern soll. 

Das Innere des Zentrums sieht aus wie eine Mischung aus einem Zwei-Sterne-Hotel und einem Gefängnis: am Eingang ein Metalldetektor und eine Art Rezeption, im Hintergrund ein Gendarm mit Maschinengewehr vor Metallgittern, die den öffentlichen Eingangsbereich vom eigentlichen Lager trennen.

„Wir sind einfach abgehauen, als die Taliban in die Nähe unseres Dorfs kamen“, sagt ein junger afghanischer Mann in der Kantine. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, und haben alles zurückgelassen.“

Das Lager sei noch nicht voll, sagt der Leiter des Abschiebezentrums Güres. Aber: „Es sind hauptsächlich Afghanen hier, die vor den Taliban fliehen.“ Und jeden Tag kommen neue Menschen an. Sie haben Verletzungen an den Beinen, vom Stacheldraht oder der schieren Distanz, die sie zu Fuß zurücklegen mussten, oder sind von den Schlägen ihrer Schmuggler lädiert. „Ich bin gestürzt“, sagt ein junger Afghane mit Schiene am Bein.

Ein anderer behauptet, er habe Herzrasen. Er sitzt im Behandlungsraum des Abschiebezentrums, kakigrünes Hemd und Hose, und trägt nur am linken Fuß eine Socke. Die Ärztin der Einrichtung, knapp 30 Jahre alt und mit blau gefärbten Strähnen in den Haaren, glaubt an psychosomatische Schmerzen.

Die EU überweist der Türkei sechs Milliarden Euro, allerdings nur für syrische Flüchtlinge, und die Türkei selbst akzeptiert nur wenige Asylanträge aus Afghanistan. Weil der Flughafen in Kabul derzeit nicht in Betrieb ist, finden keine Auslieferungsflüge statt. „Neuankommende werden daher manchmal in eines der rund 20 weiteren Abschiebezentren des Landes gebracht“, erklärt Güres.

Insgesamt kann die Türkei nach eigenen Angaben bis zu 25.000 Menschen in diesen Einrichtungen aufnehmen. Die Schätzungen der Vereinten Nationen sind zwanzig Mal so hoch.

Einöde statt Abschiebung

Im Innenhof des Abschiebezentrums suchen zwei Kinder unter einer Plastikrutsche Schutz vor der grellen Mittagssonne. Ihre Mütter sitzen rund 20 Meter entfernt auf einer Bank im Schatten. Ihre Blicke sind leer. Man hört keinen Ton. Eine der beiden Frauen zieht ihr Kopftuch vor das Gesicht, sodass nur ein dunkler Spalt übrig bleibt.

Sie sei mit Hunderten weiteren Menschen bereits im Mai über die Grenze gekommen, sagt sie. „Es ging schnell, aber wir mussten viel Geld bezahlen und wurden schlecht behandelt.“ Das Schleusertum auf der Route gen Westen ist inzwischen gut organisiert, was aber nicht mit Komfort gleichzusetzen ist.

Es gibt Schlafstätten, Transfers und je nach Bezahlung sogar die Garantie, im Fall einer Abschiebung einen weiteren Versuch mit Begleitung durch die Schleuser unternehmen zu dürfen. „Uns wurde Essen versprochen, aber wir haben oft nichts bekommen“, erzählt die junge Mutter im Abschiebezentrum. Mehr als 3000 Dollar musste sie für sich und ihre beiden Töchter bezahlen. Was mit dem Vater der Kinder passiert ist? „Darüber möchte ich nicht sprechen“, sagt sie und zieht das Kopftuch noch ein Stück weiter über ihr Gesicht. Wie es nun weitergeht? Sie wisse nur, dass derzeit keine Abschiebeflüge stattfinden. Was passiert, wenn hier noch mehr Flüchtlinge ankommen? Ihre Stimme versiegt.

Auf Höhe des Spielplatzes presst eine Frau ihr Gesicht an das Glas, ihre Augen sind voller Tränen. Die alte Frau hebt ihre Hand und will winken, doch ihre Kraft reicht gerade dafür, ihre Finger aufrecht gegen das Glas zu lehnen. Durch das geschlossene Fenster ist ein Schluchzen zu hören.

Auf vielen Schreibtischen sowie auf den Kopfkissen und am Pförtnergebäude sieht man die EU-Flagge. Darunter steht: „Dieses Projekt wurde von der Europäischen Union kofinanziert.“ Man kann sich kaum vorstellen, wie sich das für die Menschen, die nach Europa wollen und ihre letzte Nacht vor der Abschiebung auf einem EU-finanzierten Kopfkissen verbringen müssen, wohl anfühlt.

Ein junger Mann aus Afghanistan betont in der Kantine, er bekomme heute nur deswegen etwas zu essen, weil ein Journalist zu Gast sei. „Wir müssen ständig im Zimmer warten, wir wissen nicht, wie es weitergeht!“, schimpft er. Als der Leiter der Einrichtung sowie der ebenfalls anwesende Chef der lokalen Migrationsbehörde das mitbekommen, entsteht ein handfester Streit zwischen den beiden, den der Behördenchef nur noch mit dem Satz beenden kann: „Nur noch Allah ist über uns, also erzähle keine Lügen!“

In der Stadt Van gibt es, anders als in Istanbul oder anderen Großstädten, so gut wie keine ethnischen Restaurants, keine arabischen Schriftzeichen an Geschäften. Nur das blaue Straßenschild auf der Hauptstraße mit der Aufschrift „Iran“, in Schwarz auf gelbem Grund, lässt vermuten, dass die Stadt derzeit den Knotenpunkt vieler Flüchtlingsrouten aus dem Nahen und Mittleren Osten darstellt.

400 Flüchtlinge in einem Lkw

Wer dem Straßenschild folgt, dessen Reise endet an einer drei Meter hohen Mauer. Die Türkei hat in diesem Jahr damit begonnen, in dem unwegigen Grenzgebiet zum Iran einen Grenzwall zu errichten. Allerdings sind erst 64 von 560 Kilometer Grenze durch die Mauer gesichert. Und per Räuberleiter ist es bisher leicht, sie zu erklimmen.

Die Landschaft ist karg, es gibt keine Bäume, dafür viel zerklüftete Hügellandschaft. Wer hier über die Grenze fliehen will, braucht eine gute Kondition. Die türkische Gendarmerie patrouilliert gemeinsam mit dem Militär, auch Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort. Nachts suchen sie das Grenzgebiet mit Wärmebildkameras ab, auch Drohnen sind im Einsatz.

Journalisten dürfen sie dabei begleiten, aber offiziell nicht mit ihnen sprechen. Einer der Soldaten erzählt später, dass noch im Frühjahr bis zu 1000 Menschen pro Tag beim Gang über die Grenze gefasst worden seien. Inzwischen sind es nur noch maximal zehn, manchmal sogar kein einziger.

Dafür gibt es immer wieder Berichte über Lkws, die auf den Landstraßen nahe der Grenze kontrolliert werden. In einem Laster sollen 400 Menschen gebückt und ohne genügend Sauerstoff ihre Reise ins fast 1500 Kilometer entfernte Istanbul angetreten haben. Sie wurden von Sicherheitskräften entdeckt.

Was danach mit ihnen geschehen ist, bleibt unklar. In Firat Güres’ Abschiebeeinrichtung dürften sie jedenfalls keinen Platz gefunden haben. Gut möglich, dass sie irgendwo im Grenzgebiet freigelassen worden sind. Viele Unentdeckte dürften sich dann wieder aufgemacht haben, nach Istanbul, an die Ägäisküste – und dann womöglich auf einem Boot in Richtung EU.

Zweite Flüchtlingswelle ist längst im Gange

Die türkische Opposition hat das Thema längst für sich entdeckt. Zwei Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl gibt sie Versprechen ab, die der EU nicht gefallen dürften. Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, drohte neulich damit, im Falle eines Regierungswechsels binnen zwei Jahren alle Migranten im Land in ihre Heimatländer zurückzuschicken.

Aus europäischer Sicht wäre das ein Desaster: Macht die Opposition weiter mit solchen Sätzen Stimmung, dürften sich viele der rund vier Millionen Flüchtlinge in der Türkei auf den Weg Richtung Europa machen, wenn sie befürchten müssen, in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden.

Der Wunsch vieler Menschen in Deutschland, 2015 möge sich nicht wiederholen, er wirkt wie ein unerfüllbares Anliegen, wenn man sich die Schicksale der fliehenden Menschen vor Augen führt. Eine zweite Migrationswelle, wie einst vor sechs Jahren, ist längst im Gange. Und genau wie damals spürt sie zuerst die Türkei – und dann Europa.

Firat Güres ahnt, dass die derzeitige Situation nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm ist. In einem Monat könne alles anders aussehen, gibt er zu. Und fügt an: „Wir haben derzeit keinen Plan B.“

2 September 2021 0 Kommentare
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