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EU-Türkei-Beziehungen: Erkundungsreise zu Erdoğan

von Fremdeninfo 6 April 2021
von Fremdeninfo

…

 
 

EU-Türkei-Beziehungen: Erkundungsreise zu Erdoğan

 
 
Von Matthias Kolb, Brüssel
vor 3 Std.

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EU-Kommissionschefin von der Leyen und Ratspräsident Michel treffen den türkischen Präsidenten in Ankara. Die große Frage: Wie nachhaltig ist dessen Interesse an einer Zusammenarbeit?

Vor gut einem Jahr trafen sich die drei in Brüssel, nun in Ankara: Der türkische Präsident Erdoğan (links), EU-Ratspräsident Michel und Komissionschefin von der Leyen. © Dario Pignatelli/dpa Vor gut einem Jahr trafen sich die drei in Brüssel, nun in Ankara: Der türkische Präsident Erdoğan (links), EU-Ratspräsident Michel und Komissionschefin von der Leyen.

Erkundungsreise zu Erdoğan

Die Vertreter der Europäischen Union reisen getrennt an, aber sie haben die gleiche Botschaft für Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan: Es liegt an der Türkei, ob sie die Beziehungen zur EU verbessern will, wovon ihre Unternehmen und ihre Bürger profitieren würden. Ende März hatten die Staats-und Regierungschefs der Türkei eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie erste Schritte für eine Modernisierung der Zollunion in Aussicht gestellt, nachdem Ankara 2021 weitgehend auf Provokationen verzichtet hat.

Weil in der Abschlusserklärung des EU-Gipfels auch „Dialoge auf hoher Ebene“ erwähnt wurden, überrascht es kaum, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel nun Erdoğan treffen. Sie wollen herausfinden, wie nachhaltig Ankaras Interesse am „konstruktiven Dialog“ ist, und dürften den „Zuckerbrot und Peitsche“-Ansatz der EU betonen: Man verspricht Belohnungen bei angemessenem Verhalten, aber hält die Drohung von Sanktionen aufrecht. So entstand die von allen 27 Staats- und Regierungschefs unterstützte Formulierung, als EU „auf abgestufte, verhältnismäßige und umkehrbare Weise“ mit der Türkei in Verbindung treten zu wollen. Gerade im Migrationsbereich will Brüssel weiter kooperieren.

Verhandlungen werde es zwischen Erdoğan und den EU-Spitzen nicht geben, hieß es vorab. Man wolle vielmehr einen Rahmen für den weiteren Weg abstecken. Eine Marke steht bereits fest: Beim EU-Gipfel im Juni steht die Türkei erneut auf der Tagesordnung.

Abwahl Trumps und türkische Wirtschaftskrise als Faktoren für Erdoğans Charmeoffensive

Während von der Leyen direkt nach Ankara fliegt, hat Michel zuvor auch Tunesien und Libyen besucht: Im Bürgerkriegsland traf er die Spitzen der neuen Übergangsregierung sowie des Präsidialrates und sicherte dem libyschen Volk die Unterstützung der Europäer zu. Als Voraussetzung für ein „stabiles, vereintes, souveränes und wohlhabendes Libyen“ nannte er neben einem Waffenstillstand auch, dass ausländische Kämpfer und Soldaten das Land verlassen müssten. Diese Kritik zielt nicht nur auf die Vereinigten Arabischen Emirate oder Russland, das Söldner der Wagner-Gruppe entsandt hat, sondern auch auf die Türkei: Erdoğan griff 2019 auf Seiten der damaligen international anerkannten Regierung in Tripolis in den Libyen-Konflikt ein und hat seither seinen Einflussbereich weit ausgebaut.

Die „unterschiedlichen Interessen in Regionalkonflikten, besonders in Libyen und Syrien“ hat der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell gerade als eines der vier größten Spannungsfelder zwischen der Türkei und der EU identifiziert. Weitere Streitpunkte seien die ungelöste Zypernfrage, der Streit um Erdgasvorkommen und Hoheitsrechte im östlichen Mittelmeer sowie die „Verschlechterung demokratischer Standards in der Türkei“. Diese Entwicklung treibt auch US-Präsident Joe Biden so sehr um, dass er sie beim EU-Gipfel in der Videokonferenz ansprach. Laut EU-Diplomaten stehen Europäer und Amerikaner seit Wochen in engem Austausch und haben die gleichen Ziele: Das Nato-Mitglied Türkei soll nicht in die Arme von Russland und China getrieben werden. Die Abwahl von Donald Trump sowie die türkische Wirtschaftskrise sind wichtige Faktoren für Erdoğans Charmeoffensive.

Bevor sie den türkischen Präsidenten treffen, wollten von der Leyen und Michel mit Mitarbeitern des UN-Flüchtlingshilfswerks, des Kinderhilfswerks Unicef sowie der Internationalen Organisation für Migration zusammenkommen. Auch die Organisation UN Women, die sich für Gleichstellung und Frauenrechte einsetzt, wird vertreten sein. Nachdem Erdoğan kürzlich den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt verkündete, hatte von der Leyen auf Twitter dieses Übereinkommen des Europarats verteidigt. Michel, der alle 27 Regierungen vertritt, hatte den Schritt hingegen öffentlich nicht kommentiert, denn auch sechs EU-Länder haben die Istanbul-Konvention nicht ratifiziert.

6 April 2021 0 Kommentare
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Von der Leyen reist nach Ankara EU lockt Erdogan mit neuem Angebot

von Fremdeninfo 3 April 2021
von Fremdeninfo
Politik

Samstag, 03. April 2021

Von der Leyen reist nach Ankara EU lockt Erdogan mit neuem Angebot

Mitte März hat EU-Kommissionschefin von der Leyen bereits bei einer Videokonferenz mit dem türkischen Präsidenten Erdogan gesprochen.

(Foto: REUTERS)

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Erstmals seit einem Jahr gibt es am Dienstag ein direktes Treffen von EU-Spitzenvertretern mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel reisen dazu nach Ankara. Im Gepäck haben sie ein umfassendes Angebot für den Neustart der Beziehungen mit dem schwierigen Partner, der in der Migrationspolitik für die EU unverzichtbar ist.

Ausgangslage: Zuletzt waren die Beziehungen zu dem EU-Beitrittskandidaten insbesondere durch den Streit um Gasbohrungen im östlichen Mittelmeer belastet. Die EU hat hier seit 2019 Sanktionen gegen die Türkei verhängt, um ihre Mitglieder Griechenland und Zypern zu unterstützen.

Positiv bewertete der EU-Gipfel Ende März, dass Ankara nun sowohl zu Gesprächen im Gas-Streit als auch im Konflikt um das geteilte Zypern bereit ist – und zeigte sich seinerseits bei anhaltendem Kooperationswillen zu einem weitreichenden wirtschaftlichen und finanziellen Entgegenkommen bereit.

Zollunion: Für Ankara ist die 1995 geschlossene Zollunion mit der EU ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Güter können ohne Zölle und Beschränkungen über die Grenzen geliefert werden. Ausgenommen sind der Bereich Kohle und Stahl und die meisten landwirtschaftlichen Produkte.

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Politik 26.03.21

EU sieht zu Panischer Erdogan will seine Mehrheit retten

Schon im Flüchtlingspakt von 2016 hatte die EU eine „Modernisierung“ der Zollunion angeboten. Die EU-Kommission bewertete damals die Ausweitung auf Dienstleistungen, öffentliche Beschaffung und Landwirtschaft positiv. Wegen der innenpolitischen Lage in der Türkei wurden die Gespräche aber auf Eis gelegt. Nun gibt es ein neues Angebot zur Erweiterung der Handelsvereinbarung.

Neue Flüchtlingsmilliarden? Ankara fordert schon lange von der EU mehr Geld für die Versorgung der rund 3,7 Millionen Syrien-Flüchtlinge in der Türkei. Im Flüchtlingspakt von 2016 waren Erdogan sechs Milliarden Euro zugesagt worden. Ausgezahlt sind laut EU-Kommission bisher 4,1 Milliarden Euro. Aber auch die restlichen Gelder sind bereits fest verplant.

Die EU-Staats- und Regierungschefs sind bereit, die Finanzierung fortzusetzen. Die EU-Kommission soll nun einen Vorschlag ausarbeiten. Konkrete Zahlen für ein neues Milliardenpaket gibt es noch nicht. Allerdings sagte die EU der Türkei vergangenes Jahr bereits weitere 535 Millionen Euro zu, damit bestimmte Programme 2021 weiterlaufen können.

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Politik 18.03.21

EU-Türkei-Abkommen in der Kritik Flüchtlingsdeal jährt sich zum fünften Mal

Reiseerleichterungen: Gleichfalls 2016 hatte die EU Ankara die Aufhebung des Visa-Zwangs für türkische Bürger in Aussicht gestellt. Doch die Gespräche steckten bald fest, weil die Türkei ihre weit gefassten Anti-Terrorgesetze nicht ändern wollte. Nun lockt die EU erneut mit Reiseerleichterungen. Die Staats- und Regierungschefs blieben aber vage und lassen lediglich prüfen, „wie die Zusammenarbeit (…) bei zwischenmenschlichen Kontakten und Mobilität verstärkt werden kann“.

Angebot unter Vorbehalt: Bundeskanzlerin Angela Merkel verwies nach dem Gipfel darauf, dass nichts in trockenen Tüchern sei und sprach von einem „zweistufigen Ansatz“. Die EU mache jetzt „einen ersten Schritt“ und werde konkrete Beschlüsse im Juni fassen, sagte sie. Dabei werde eine Rolle spielen, „wie sich die Entspannung im östlichen Mittelmeer weiter entwickelt“. Tatsächlich erhält die EU ihre Drohung mit neuen Sanktionen im Gas-Streit aufrecht.

Zwar kritisierten die Staats- und Regierungschefs in ihrer Gipfel-Erklärung auch den Verbotsantrag gegen die pro-kurdische Oppositionspartei HDP und den Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt. Explizit nannten sie die Rücknahme aber nicht als Bedingung für eine Wiederannäherung.

EU-Forderung nach Rücknahme von Flüchtlingen: Ankara hatte sich im Migrationsabkommen von 2016 verpflichtet, neu auf den griechischen Inseln ankommende Flüchtlinge zurückzunehmen, wenn deren Asylanträge abgelehnt werden. Die Vereinbarung führte zu einem deutlichen Rückgang der Ankunftszahlen in Griechenland. Allerdings setzte die Türkei im Sommer vergangenen Jahres die Rücknahme aus. Brüssel forderte Ankara nach dem Gipfel „dringend“ auf, diese wieder aufzunehmen.

3 April 2021 0 Kommentare
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Religion

Gläubige sind nicht das Hauptproblem

von Fremdeninfo 1 April 2021
von Fremdeninfo

Gläubige sind nicht das Hauptproblem

Von Lamya Kaddor

 

 
Ostern, Ramadan und Corona: Gläubige sind nicht das Hauptproblem | Kolumne. Für t-online-kolumnisin Lamya Kaddor ist Religionsausübung mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie vereinbar.  (Quelle: imago images)

Für t-online-kolumnisin Lamya Kaddor ist Religionsausübung mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie vereinbar. (Quelle: imago images)

  •  Ostern steht an, Pessach hat bereits begonnen, der Ramadan folgt Mitte April. Religionsausübung in der Coronakrise zu untersagen, ist tabu. Aber strengere Schutzmaßnahmen wären nötig gewesen, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor

Religionen haben nicht unbedingt einen Lauf. Im Schatten von Radikalisierungen, Missbrauchsskandalen, homophoben und patriarchalen Tendenzen ziehen sie Kritik und Ablehnung gerade an wie Magneten. Corona setzt den Religionsgemeinschaften weiter zu. Sobald Infektionen in einem religiösen Kontext bekannt werden, löst das insbesondere in den sozialen Medien reihenweise Reaktionen aus – meist solche mit geiferndem Spott und triefendem Hass.

Pessach hat bereits begonnen, Ostern steht vor der Tür, Ramadan wird in Kürze beginnen – wir sind also mitten in einer religiösen Hauptsaison. Ein Fest für alle, die hier Aktien im Spiel haben. Kaum war die Idee von der Osterruhe geboren, trendete auf Twitter das Schlagwort „Ramadan“. Nutzerinnen und Nutzer streuten wieder einmal die Verschwörung, die Politik wolle Muslimen und Musliminnen schonen und die Infektionszahlen vor dem Beginn des Fastenmonats Mitte April so weit zurückbringen, damit dann keine Einschränkungen mehr nötig seien.

Weil Islamisierung. Weil Schuldkomplex. Weil mit Christen und Christinnen könne man das ja machen und so. Das sind dabei die gängigen Erzählungen, und – so erstaunlich das ist – dieses absurde Theater funktioniert in gewissen Kreisen immer wieder aufs Neue.

Der Unmut der Kirchen ist nachvollziehbar

Dabei muss man konstatieren, dass Religionsgemeinschaften offenbar keinen sonderlich großen Anteil am Infektionsgeschehen haben und sich in der Vergangenheit überwiegend vernünftig verhalten haben. Als besondere Verursacher von Superspreader-Events wurden sie von den Behörden jedenfalls bisher nicht hervorgehoben. Im Frühjahr 2020 haben Kirchen, Moscheen und Synagogen in Deutschland die Beeinträchtigungen der Ostfeierlichkeiten, des Ramadans und des Pessachfests weitgehend widerspruchslos hingenommen.

Danach gab es lediglich vereinzelte Infektionsgeschehen. Unvernünftige gibt es halt immer und überall. „Nach unseren Kenntnissen halten sich die Religionsgemeinschaften sehr genau an die Auflagen, und wir erleben hier einen besonders verantwortungsvollen Umgang auch mit den Hygiene- und Abstandsregelungen“, sagte zum Beispiel die Referatsleiterin für Gesundheit und Umwelt der Stadt München, Stephanie Jacobs, dem Bayerischen Rundfunk.

Ähnlich äußerte sich die Stadt Frankfurt nach einem Corona-Ausbruch in einer Baptisten-Gemeinde mit 75 positiven SARS-CoV-2-Fällen. Die Analyse des Geschehens habe keine länger anhaltenden Auswirkungen auf die Fallzahlen in Hessen ergeben, hieß es. Auch Weihnachten ging weitgehend reibungslos ohne größere Infektionsgeschehen vorüber. Genau genommen setzte sich nach den Festtagen das Absinken der Zahl an Neuinfektionen in der zweiten Coronawelle ohne nennenswerte Delle fort. Entsprechend nachvollziehbar war der Unmut der Kirchen auf den Appell der Bund-Länder-Konferenz, an Ostern nur virtuell Messen und Gottesdienste abzuhalten.

1 April 2021 0 Kommentare
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Ex-Botschafter in der Türkei „Erdogan beraubt das Land seiner Zukunft“

von Fremdeninfo 1 April 2021
von Fremdeninfo

 

  • Ex-Botschafter in der Türkei: „Erdogan beraubt das Land seiner Zukunft“

Ex-Botschafter in der Türkei „Erdogan beraubt das Land seiner Zukunft“

Martin Erdmann spricht über die Notwendigkeit europäischer Sanktionen, Demokratie in Not und Erdogans geschickte geopolitische Taktik. Ein Interview.

Susanne Güsten

Der türkische Präsident Recep Erdogan geht einen immer autokratischeren Weg.Foto: imago images/Xinhua

Martin Erdmann (66) ist Diplomat im Ruhestand. Er war in den der zweiten Hälfte der 90-er Jahre Sprecher des Auswärtigen Amtes und von 2015 bis 2020 deutscher Botschafter in der Türkei.

Herr Erdmann, Sie sind im Ruhestand, aber die Türkei scheint Ihnen keine Ruhe zu lassen – warum?
Ich habe in den fünf Jahren große Sympathien für die Türkei, für die Menschen dieses Landes entwickelt. Aber seit einem Jahr fällt mir auf, dass das Land zunehmend von dem autokratischen Arm des Präsidenten und Parteiführers der AKP, Recep Tayyip Erdogan, niedergedrückt und seiner Zukunft beraubt wird; dass es in vielen Bereichen immer weniger Freiheiten gibt, eigentlich kaum noch Freiheiten; und dass wir es mit einer konstitutionellen Autokratie zu tun haben.

Deutschland und die EU zeigen sich weniger kritisch. Der deutsche Außenminister sieht „Licht und Schatten“ , die EU bescheinigt Ankara „positives und gemäßigtes Verhalten“. Wie sehen Sie das?
Ich beziehe mich auf den amerikanischen Präsidenten Joe Biden, der letzte Woche dem EU-Rat gesagt hat: Die Demokratien müssen die Verkehrsregeln in der Welt bestimmen, nicht die Autokratien. Biden hat sich ausdrücklich sehr besorgt gezeigt über den Zustand der Demokratie in der Türkei – ein bedeutender Kronzeuge, auf den ich mich gern berufe.

Der ehemalige deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann.

Der ehemalige deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann.Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Die EU bedauert zwar Repressionen in der Türkei, aber sie winkt mit positiven Anreizen wie einer Erweiterung der Zollunion. Ist das der richtige Umgang mit Ankara?
Ich war lange der Meinung, dass es richtig ist, mit Sanktionen zu warten, weil sie ungewünschte Nebeneffekte haben können. Aber die Entwicklung in der Türkei hat sich in den letzten zwölf Monaten so sehr von den Kopenhagener Kriterien weg entwickelt, die ja die Basis für alle Beitrittskandidaten sind, dass man das nicht mehr ignorieren darf.

Aus meiner Sicht sind die Kopenhagener Kriterien kein Lametta, das man an den Weihnachtsbaum hängt und bei Gelegenheit wieder abhängt, wenn es nicht mehr passt. Die Beitrittskriterien müssen eingehalten werden. Und wenn das nicht der Fall ist, muss man die Konsequenzen ziehen.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräteherunterladen können.]  

Wenn Sanktionen greifen sollen, dann müssen sie ad personam und sehr gezielt eingesetzt werden. Lassen Sie mich aber gleichzeitig dazusagen: Ich bin nicht dafür, die Beitrittsverhandlungen abzubrechen. Sie liegen derzeit auf Eis, und da liegen sie richtig. Wir müssen warten auf den Tag, wo man sie wieder vernünftigerweise auftauen kann.

Die Opposition in der Türkei ist enttäuscht von der passiven Haltung Europas.
Die EU hangelt sich seit einem Jahr von Gipfel zu Gipfel durch, was eine klare Bewertung von Demokratie, Menschenrechten und Wertebasis in der Türkei angeht. Und sie tut dies, indem sie Entscheidungen und klare Worte mit einer Nebelwand von „Licht und Schatten“ auf den jeweils nächsten Gipfel vertagt.

Ich kann die Enttäuschung der Opposition verstehen. Aus meiner Sicht ist die Europäische Union erpressbar geworden. Was sind die Elemente dieser Erpressbarkeit? Zum einen das Flüchtlingsabkommen von 2016. Da hat der türkische Präsident immer wieder angedroht, „die Schleusen zu öffnen“, wie er sagt.

Zweitens: Tatsächlich ist die Türkei der einzige und letzte Stabilitätsanker in der Region, das ist fraglos richtig. Und das dritte Element der Erpressbarkeit, das der türkische Präsident sehr geschickt nutzt, ist das Verhältnis zu Russland und neuerdings zu China – indem er die Europäer und auch die Amerikaner darauf hinweist, dass er sich, wenn sie nicht mit ihm kooperieren wollen, nach anderen Partnern umsieht.

Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Türkei stieg aus der Istanbul-Konvention aus, was im Instanbuler Stadtteil Kadiköy zu Protest führte.

Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Türkei stieg aus der Istanbul-Konvention aus, was im Instanbuler…Foto: AFP

Wie könnten Deutschland und Europa besser mit der Türkei umgehen?
Wir müssen auf den Tag danach blicken – den Tag, an dem diesem System die politische Puste ausgegangen ist. Und es gibt so viele Anzeichen für die Erosion des Systems Erdogan: Parteigründungen von ehemaligen Weggefährten, Parteiaustritte; die Meinungsumfragen gehen in den Keller.

Wir müssen eine Brücke in die Zukunft bauen. Wie machen wir das? Indem wir nicht nur einseitig auf die Regierungsbank blicken und dort unsere Kontakte pflegen. Das müssen wir zwar ohnehin tun, aber wir müssen viel mehr auf die Opposition zugehen, Kontakte zur Opposition aufbauen, ein Vertrauensverhältnis, menschliche Netzwerke mit der Opposition und der Zivilgesellschaft – damit wir am Tag danach mit einer neuen Führung kraftvoll in die Zukunft gehen können.

Warum ist das nicht längst geschehen?
Ich glaube, dass man unterschätzt, dass die Erosion dieses Systems doch sehr schnell und über Nacht geschehen kann. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der Machterhalt mit allen Mitteln langsam ausgereizt ist und dass die Unterstützung in der Bevölkerung und beim Wähler zunehmend schwindet. Ich glaube, man hat diesen Faktor übersehen und glaubt wahrscheinlich, dass das System Erdogan noch auf viele Jahre an der Macht sein wird.

Was sollte Europa jetzt tun?
Was wir tun müssen, das ist mittels der Sanktionen, sehr zielgerichteter Sanktionen gegen die Träger des Regimes und die Menschenrechtsverletzer, unsere Werte hochhalten und sagen: Das sind die demokratischen und menschenrechtlichen Leitplanken, innerhalb derer wir unser Verhältnis sehen.

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Susanne Güsten

Und wenn ihr, türkische Regierung, diese Leitplanken nicht respektiert, dann können wir mit euch nicht „business as usual“ machen. Der Selbstrespekt der EU verlangt es, darauf zu achten, dass die selbstgesetzten Rahmenparameter eingehalten werden. Und wenn das nicht der Fall ist, dann muss daraus eine Konsequenz gezogen werden, und es müssen die bestraft werden, die für diese Dinge die Verantwortung tragen.

1 April 2021 0 Kommentare
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Solidarität mit Oppositionellen in der Türkei!

von Fremdeninfo 29 März 2021
von Fremdeninfo

Solidarität mit Oppositionellen in der Türkei!

Wir sind Abgeordnete verschiedener Fraktionen im Deutschen Bundestag. Uns eint die Sorge um die Oppositionellen in der Türkei. Erneut wurden hunderte Politikerinnen und Politiker der Halkların Demokratik Partisi (Kurzbezeichnung: HDP; türkisch für Demokratische Partei der Völker) festgenommen. Nun sollen 25 Abgeordnete, davon 20 der HDP, drei der Cumhuriyet Halk Partisi, (Kurzbezeichnung: CHP, türkisch für Republikanische Volkspartei), eine der Demokratik Bölgeler Partisi (Kurzbezeichnung: DBP, türkisch für Demokratische Partei der Regionen) und einer der Demokrat Parti (Kurzbezeichnung: DP, türkisch für Demokratische Partei) die Immunität verlieren. Ihnen droht der Entzug ihrer Mandate. Die HDP hat es beson-ders schwer. Denn gegen sie wird sogar ein Parteiverbot von Vertretern der konservativen AKP und der nationalistischen MHP offen gefordert.

Die Gründe dazu sind politisch motiviert. Wir erwarten die Umsetzung des geltenden Rechts in allen Fällen, die der Europarat auch schon angemahnt hatte. Dazu zählten unter anderem die Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) im Falle von Selahattin Demirtaş (ehemaliger Co-Vorsitzender der HDP). Herr Demirtaş ist seit 2016 zu Unrecht in Haft, wie der EGMR feststellte.

Etwa 5000 Mitglieder und Sympathisanten der HDP wurden, in den letzten Jahren, aus politi-schen Gründen in der Türkei inhaftiert. Seit den Kommunalwahlen 2019 wurden 48 gewählte HDP-Bürgermeisterinnen und Bürgermeister abgesetzt und teilweise festgenommen. Damit wurden insgesamt 4.356.819 Stimmen von Wählerinnen und Wählern missachtet. In der ak-tuellen Legislaturperiode wurden bereits zwei Abgeordneten der HDP ihre Mandate entzogen.

Wir sind über die Entwicklungen und die Situation der politischen Gefangenen in der Türkei äußerst besorgt. Wir erklären unsere Solidarität mit den inhaftierten Politikerinnen und Politikern.

In der Türkei ist die Pressefreiheit sehr stark eingeschränkt, sie existiert quasi nicht mehr. Auch deshalb benötigen die inhaftierten Politikerinnen und Politiker starke internationale Solidarität und mehr Berichterstattung über ihre Situation.

Internationale Partner, wie die Bundesregierung, sollten die wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei nutzen, um auf die Einhaltung des Demokratieprinzips, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten mit Nachdruck hinzuweisen. Als führendes Mitglied des Rats der Europäischen Union soll die Bundesregierung auf die Türkei stärker positiv einwirken.v

29 März 2021 0 Kommentare
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Macron befürchtet Wahl-Einmischung aus der Türkei

von Fremdeninfo 28 März 2021
von Fremdeninfo

 

Macron befürchtet Wahl-Einmischung aus der Türkei

Von

dtj-online

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25. März 2021

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Frankreich befürchtet eine Einmischung der Türkei bei den nächsten Wahlen. Es werde derartige Versuche geben, sagte Staatschef Emmanuel Macron.

Regierungssprecher Gabriel Attal ergänzte am Mittwoch in Paris, man sei wachsam, um potenzielle Einmischung von außen zu begrenzen. Das gelte für die kommenden Wahlen. Im Juni sind in Frankreich Regionalwahlen geplant, in 13 Monaten steht die Präsidentenwahl auf der Agenda. Hin- oder Beweise führten die Franzosen nicht an.

Das türkische Außenministerium wies die Anschuldigungen als „ungerecht und haltlos“ zurück. In einer Zeit, in der man sich um Entspannung in den Beziehungen bemühe, seien Macrons Äußerungen unglücklich.

Erdoğan bezichtigt Macron der Islamfeindlichkeit

Macron gehört in der EU zu den schärfsten Kritikern seines türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan. Der 43-Jährige wirft der Türkei unter anderem vor, Kämpfer ins Bürgerkriegsland Libyen geschickt zu haben. Gleichzeitig tritt der Franzose dafür ein, mit Ankara im Dialog zu bleiben.

Erdoğan hatte Macron im Herbst im Streit um Karikaturen über den Propheten Muhammad Islamfeindlichkeit vorgeworfen und Macron als „Krankheitsfall“ bezeichnet, der sich untersuchen lassen müsse. In Kreisen des Pariser Präsidialamtes hieß es am Abend, Informationen über eine angebliche Islamfeindlichkeit Frankreichs seien damals „sehr strukturiert“ verbreitet worden, auch an türkischstämmige Menschen in Frankreich. Informationen dieser Art habe es massiv in den sozialen Netzwerken gegeben. Das Verhältnis zur Türkei habe sich zwar inzwischen beruhigt, es sei aber weiter eine entschlossene Haltung nötig.

In Straßburg streiten sich unterdessen Innenminister Gérald Darmanin und das Rathaus über die Finanzierung einer geplanten Moschee. Darmanin wirft der Stadt vor, sie finanziere die Moschee des Trägers Millî Görüş. Diese Vereinigung steht der türkischen Regierung nahe. „Frankreich akzeptiert keine ausländische Einmischung auf seinem Boden“, twitterte der Ressortchef

28 März 2021 0 Kommentare
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Frauen

Gewalt gegen Frauen: Türkei tritt aus Istanbul-Konvention aus

von Fremdeninfo 24 März 2021
von Fremdeninfo

Gewalt gegen Frauen: Türkei tritt aus Istanbul-Konvention aus

Von

dtj-online

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Die Türkei ist aus der sogenannten Istanbul-Konvention ausgetreten, die Gewalt an Frauen verhindern und bekämpfen soll. 

Eine entsprechendes Dekret des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde in der Nacht zu Samstag im Amtsblatt veröffentlicht. Die Entscheidung stieß auf scharfe Kritik. Erdoğan hatte erst Anfang März einen „Aktionsplan für Menschenrechte“ angekündigt, darunter den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen.

Die Istanbul-Konvention – eine internationale Vereinbarung – war 2011 vom Europarat ausgearbeitet worden und sollte einen europaweiten Rechtsrahmen schaffen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Erdoğan selbst hatte die Konvention in Istanbul – dem Ort der finalen Einigung – unterschrieben, damals noch als Ministerpräsident. Später wurde sie in der Türkei zwar auch entsprechend ratifiziert, laut der Organisation „Wir werden Frauenmorde stoppen“ aber nie angewendet.

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Diskussionen über einen möglichen Austritt aus der Konvention. Sie war von einer konservativ-religiösen Plattform losgetreten worden, die unter anderem Religion, Ehre und Anstand durch das Abkommen gefährdet sah.

2020 wurden rund 300 Frauen ermordet

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei ein verbreitetes Problem. Nach Angaben von Frauenrechtsorganisationen wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 300 Frauen in der Türkei von Männern ermordet. Erst kürzlich sorgte die Vergewaltigung und der Mord an einer 92-Jährigen für Empörung sowie das Video einer brutalen Tat, bei der sich ein Mann an seiner Ex-Frau verging.

Nach dem Austritt aus der Konvention riefen die Aktivistinnen von „Wir werden Frauenmorde stoppen“ nun via Twitter zu Protesten auf. Die Generalsekretärin Fidan Ataselim sagte, die Regierung gefährde mit dem Austritt das Leben von Millionen Frauen. Sie forderte die Führung auf, die Entscheidung zurückzunehmen und die Konvention anzuwenden. In einem auf Twitter geteilten Video sagte sie: „Ihr könnt Millionen Frauen nicht zu Hause einsperren, ihr könnt Millionen Frauen nicht von den Straßen und Plätzen ausradieren.“

Protest von der CHP

Die stellvertretende Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP, Gökçe Gökçen, erklärte, ein Austritt bedeute, dass Frauen weiter „Bürger zweiter Klasse sind und getötet werden“. Der oppositionelle Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoğlu schrieb auf Twitter, der Austritt aus der Konvention sei „sehr schmerzhaft“. Dies missachte den jahrelangen Kampf von Frauen.

24 März 2021 0 Kommentare
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„Je mehr wir gelesen haben, desto besorgter wurden wir“

von Fremdeninfo 19 März 2021
von Fremdeninfo

„Je mehr wir gelesen haben, desto besorgter wurden wir“

 
 
Laurin Meyer
 

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Die Biontech-Gründer sind in der Corona-Krise zu Helden geworden. Nun geben sie seltene Einblicke in die turbulente Zeit, die sie gerade durchleben. Dabei verraten sie auch, wie sie das neue Milliardärsleben empfinden und warum es bei ihnen keinen Ehekrach gibt.

© via REUTERS Innerhalb von nur elf Monaten entwickelten Özlem Türeci und Ugur Sahin den weltweit ersten Impfstoff gegen Covid-19. In Berlin wurden die Biontech-Gründer daher nun mit dem Axel Springer Award 2021 ausgezeichnet. Quelle: WELT/ Nadine Jantz

Die ganze Welt schaut auf Uğur Şahin und Özlem Türeci. An den beiden Gründern des deutschen Impfstoff-Herstellers Biontech und Erfindern des ersten zugelassenen Vakzins gegen das Coronavirus hängt schließlich nichts weniger als der Ausgang der globalen Pandemie.

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Für ihre Verdienste um die Forschungsarbeiten bekam das Paar am Donnerstagabend den diesjährigen Axel Springer Award verliehen. Im Gespräch mit Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner blickten Şahin und Türeci auf das Wettrennen um den Impfstoff zurück, benannten ihre größten Herausforderungen – und gaben ungewohnte Einblicke in ihr Privatleben.

Uğur Şahin über den Tag der Entscheidung

„Die Geschichte ist wahr“, sagte Şahin. Bereits am 24. Januar 2020 – dem Tag, an dem der erste Corona-Fall in Deutschland diagnostiziert wurde – haben sich die beiden Biontech-Gründer entschlossen, in die Corona-Impfstoffentwicklung einzusteigen. Damit war das Forscher-Paar deutlich vor der Zeit, gingen damals noch zahlreiche Experten davon aus, dass das Virus keine große Gefahr für Europa darstellen würde.

Biontech Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci, Preisträger des Axel Springer Awards © Martin U. K. Lengemann/WELT Biontech Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci, Preisträger des Axel Springer Awards

An jenem Tag lasen Şahin und Türeci einen wissenschaftlichen Artikel, der erst Stunden zuvor veröffentlicht worden sei. „Und je mehr wir lasen, desto besorgter wurden wir“, sagte Şahin.

Ein Aspekt habe den Biontech-Co-Gründer besonders aufgeschreckt: Fälle, in denen Corona-Infizierte keine Symptome zeigten.

Das Problem: In Wuhan wurden zunächst nur Menschen mit Symptomen isoliert, alle anderen durften reisen. „Die aktiven Maßnahmen, die getroffen worden sind, waren nicht ausreichend, um das Virus zu kontrollieren“, sagte Şahin. Am Ende sei ihnen klar gewesen, dass es sich nicht um einen lokalen Ausbruch handeln kann. Das Virus habe sich wahrscheinlich schon global ausgebreitet.

Özlem Türeci über einen magischen Moment

„Das war an einem Sonntag“, erinnert sich Türeci zurück. In der Impf-Forschung gebe es immer einen Moment der Wahrheit. Es sei jener Zeitpunkt, an dem externe Wissenschaftler über die Wirksamkeit des Vakzins informiert werden.

„Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Hinweis, ob er schützt oder nicht“, sagte Türeci. „Als wir hörten, dass unser Impfstoff zu mehr als 90 Prozent wirksam ist, waren wir sehr glücklich.“

Uğur Şahin über eine unerwartete Herausforderung

100 Millionen Dosen – das war das erste Produktionsziel gegen Ende des vergangenen Jahres. Doch daraus wurde so schnell nichts, wie Şahin im Gespräch mit Axel-Springer-Vorstandschef Döpfner eingestand. „Wir haben darauf vertraut, dass wir die Rohmaterialien auch bekommen würden, die wir bestellt hatten“, sagte Şahin.

Der Biontech-Gründer spricht von Lipiden – Substanzen, ohne die mRNA-Impfstoffe nicht funktionieren. „Die waren leider nicht von der hohen Qualität, die wir brauchten. Deswegen konnten wir sie nicht verwenden“, sagte Şahin.

Die Konsequenz: Statt der anvisierten 100 Millionen konnte das Unternehmen zunächst nur 40 Millionen Dosen produzieren. „Das ist für uns natürlich ein herber Rückschlag“, sagte der Biontech-Gründer: Millionen Dosen nicht zu produzieren, die Leben retten könnten. Das Team habe aber schnell exzellente Lösungen entwickelt.

Özlem Türeci über den schwierigen Vornamen ihres Mannes

Sie habe einfach einen sehr starken deutschen Akzent, wenn sie Türkisch spricht, sagte Özlem Türeci. Das sei auch der Grund, warum die Biontech-Gründerin den Vornamen ihres Mannes manchmal so ausspricht, wie es wohl die meisten Deutschen tun würden: Ugur.

Dabei ist das „ğ“ mit dem diakritischen Zeichen Breve ein weiches „g“. Es bleibt stumm, dafür wird der Vokal danach in die Länge gezogen. Umso mehr freue es Türeci aber, wenn Deutsche wie etwa Axel-Springer-Vorstand Döpfner den Vornamen Uğur schön aussprechen.

Uğur Şahin über die Bodenständigkeit als Milliardär

Wegen der Erfolge mit dem Corona-Impfstoff gingen auch die Aktien von Biontech durch die Decke. Co-Gründer Sahin hat das inzwischen zu einem Multimilliardär gemacht. Irgendetwas ändern würde das aber nicht: „Wir konzentrieren uns auf unsere Arbeit, wir lieben die Wissenschaft“, sagte Şahin.

Die Wahrheit zu entdecken und Lösungen zu entwickeln – das nehme 99 Prozent ihrer Gehirnleistung in Anspruch. Alles andere ist das, was man braucht, um zu leben. „Wir sind da sehr pragmatisch“, sagte Şahin.

Das ganze Gespräch von Mathias Döpfner mit den Gründern von Biontech können Sie hier im Podcast hören.

„Ich habe ein Fahrrad, weil es einfach das praktischste ist, um sich in Mainz fortzubewegen“, sagte Şahin. Mit einem Auto hätte man eine entsprechende Verantwortung. „Wir versuchen auf dem Boden zu bleiben, weil die Wissenschaft auch etwas für Menschen ist, die auf dem Boden sind.“

Özlem Türeci über Ehekrach

Die ganze Welt schaut auf die wichtige Arbeit des Gründer-Ehepaars. Da mag selbst ein Ehekrach ein Risiko für den Fortschritt bei der Pandemie-Bekämpfung darstellen.

Türeci weiß zu beruhigen: „Das passiert bei uns nicht“, sagt die Biontech-Gründerin. „Und schon gar nicht jetzt.“ Sie haben schlichtweg zu viel zu tun. „Mein Mann sagt immer: Ehekrach kommt aus einem gelangweilten Umgang miteinander“, sagte Türeci. „Und wir haben uns noch nicht ein einziges Mal gelangweilt.“

Eine Sache könnte doch noch zum Ehekrach führen: das Ende der Pandemie. Denn für diesen Zeitpunkt hat sich Türeci vorgenommen, mal wieder länger zu schlafen. „Um mich vorzubereiten auf die Ehekrachs“, wie Türeci sagte.

Uğur Şahin über das ewige Leben

Der Wunsch nach dem ewigen Leben prägt Gesellschaften seit jeher. Doch den Schlüssel zu einer deutlich höheren Lebenserwartung hat die Wissenschaft noch nicht gefunden.

Am Ende des Tages gehe es bei der Frage nicht nur um einfache Technologie, sagte Şahin. „Die Herausforderung ist, zu verstehen, was die Lebenserwartung beeinflusst.“ Bei Tierversuchen gebe es bereits Wissen darüber, wie die Lebenszeit verlängert werden könnte.

Wenn diese Art von Wissen auf Menschen übertragen werden könnte, gebe es keine klaren Limits bei der Frage, warum Menschen nicht auch in höheren Jahren gesünder bleiben sollten. Die Impfstoff-Erfolge, sagte Sahin, könnten nun einen positiven Effekt auf die Krebsforschung haben – dem eigentlichen Fokus der beiden Biontech-Gründer.

Uğur Şahin über seine Halskette

Es gibt kaum ein Bild von Uğur Şahin, auf dem er sie nicht trägt: seine Lederkette mit einem Nazar-Amulett. Sahin hat das Schmuckstück stets um seinen Hals, egal ob zum Anzug oder unter dem T-Shirt.

Dem Glauben nach soll die Kette vor bösen Blicken schützen. „Selbst wenn Menschen neidisch sind“, sagte Şahin.

19 März 2021 0 Kommentare
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Türkei – Verbotsverfahren gegen HDP: Recep Tayyip Erdoğans politischer Nuklearschlag

von Fremdeninfo 18 März 2021
von Fremdeninfo

Türkei – Verbotsverfahren gegen HDP: Recep Tayyip Erdoğans politischer Nuklearschlag

Sebnem Arsu

Die prokurdische HDP ist die drittgrößte Partei im türkischen Parlament. Nun will Präsident Erdoğan sie wegen angeblicher Terrorverbindungen verbieten. Sein Vorstoß zeigt, wie sehr seine Regierung wackelt.

© STRINGER / REUTERS

Es soll so aussehen, als hätte es ihn nie gegeben: Ömer Faruk Gergerlioğlu hat sein Abgeordnetenmandat am Mittwoch gerade erst verloren, da hat die türkische Verwaltung seinen Namen und seine Kontaktdaten bereits aus dem Parlamentsregister gelöscht.

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Im Plenarsaal in Ankara demonstrieren zu diesem Zeitpunkt noch Gergerlioğlus Parteifreundinnen von der linken, pro-kurdischen HDP gegen den Beschluss, den sie als Putsch der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan betrachten. Gergerlioğlu selbst ruft zu einem Sitzstreik auf. »Ich werde Widerstand leisten und nicht zulassen, dass der nationale Wille mit Füßen getreten wird«, sagte er.

Gergerlioğlu, ein gelernter Arzt, 55 Jahre alt, ist ein engagierter Kämpfer für Menschenrechte in der Türkei. Die Erdoğan-Regierung sieht in ihm hingegen einen Terrorhelfer. Die Justiz legt ihm einen Tweet aus dem Jahr 2016 zur Last, in dem er zu einer friedlichen Lösung des Kurden-Konflikts aufgerufen hatte. Nachdem eine Mehrheit der Abgeordneten für die Aufhebung von Gergerlioğlus Immunität gestimmt hat, soll der HDP-Politiker nun für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

»Dieses Verfahren markiert einen neuen Tiefpunkt«

Der Ausschluss Gergerlioğlus aus dem Parlament war am Mittwoch nur der Auftakt für einen sehr viel umfassenderen Angriff der Regierung auf die HDP. Unmittelbar nach der Abstimmung gab der türkische Oberstaatsanwalt Bekir Sahin bekannt, beim Verfassungsgericht einen Verbotsantrag gegen die Partei eingereicht zu haben.

Die HDP soll aufgelöst werden. 687 ihrer Mitglieder, darunter die beiden Co-Vorsitzenden Pervin Buldan und Mithat Sancar, sowie der ehemalige Parteichef Selahattin Demirtaş, sollen aus der Politik verbannt, sämtliche Gelder der Partei beschlagnahmt werden. Es ist der bislang schwerste Schlag der Erdoğan-Regierung gegen die pro-kurdische Demokratiebewegung.

Die HDP ist die drittgrößte Partei im türkischen Parlament. Sie holte bei der Wahl 2018 elf Prozent der Stimmen. Sahin, der erst vergangenen Juni von Erdoğan als Oberstaatsanwalt eingesetzt wurde, wirft ihr vor, der politische Arm der Terrororganisation PKK zu sein. »Die HDP-Mitglieder haben mit der PKK zusammengearbeitet, um die Einheit der Nation zu zerstören«, teilte er schriftlich mit.

Die HDP gibt sich kämpferisch. Der Verbotsantrag zeige, wie schwach die Regierung ist, heißt es in einem ersten Statement der Partei. »Sie will uns eliminieren, weil sie uns an der Wahlurne nicht schlagen kann.« Der HDP-Führung dürfte jedoch klar sein, dass sich ein Verbot nur noch schwer verhindern lässt. Erdoğan übt beinahe vollständig Kontrolle über die Justiz aus. Er würde ein Verfahren wie dieses kaum tolerieren, wenn er annehmen würde, dass es vor Gericht scheitern könnte.

Ein Bann der HDP ist eine Art politischer Nuklearschlag. Die Empörung über den Vorstoß der Regierung reicht quer durch die politischen Lager. »Eine politische Partei, die sechs Millionen Stimmen geholt hat, zu verbieten, bedeutet, den Willen der Wähler zu verachten«, kritisiert der Vorsitzende der muslimisch-konservativen Deva-Partei, Ali Babacan, der einst unter Erdoğan Wirtschaftsminister war. »Diese Regierung hat der Demokratie bereits in jeder erdenklichen Weise geschadet«, sagt der sozialdemokratische Abgeordnete Sezgin Tanrikulu. »Doch dieses Verfahren markiert einen neuen Tiefpunkt.«

Erdoğans Umfragewerte befinden sich auf einem Tiefpunkt

Parteiverbote haben eine lange, unselige Tradition in der Türkei. Seit 1961 wurden mindestens 20 Parteien geschlossen, darunter in den Neunzigerjahren auch die Refah, die Vorgängerpartei der Erdoğan-Partei AKP. Erdoğan selbst hat Parteiverbote wiederholt als undemokratisch gebrandmarkt. AKP-Vizechef Numan Kurtulmus hat sich noch im vergangenen Jahr gegen einen Bann der HDP ausgesprochen. »In der Türkei ist aus Parteiverboten nie irgendetwas Positives hervorgegangen«, sagte er.

Die Kehrtwende zeigt, wie groß die Verunsicherung in der Regierung mittlerweile ganz offensichtlich ist. Die türkische Wirtschaft steckt seit Jahren in der Krise, die Corona-Pandemie hat die Not vieler Menschen nur verschärft. Erdoğans Umfragewerte befinden sich auf einem Tiefpunkt. Er hätte derzeit schlechte Chancen, als Präsident wiedergewählt zu werden. »Die Regierung hat Autoritarismus mit Wahlen versucht«, sagt die Historikerin Ayse Hür. »Doch die Probleme sind so groß, dass sie nun die zweite Phase eingeläutet hat, Autoritarismus ohne Wahlen. Was in der dritten Phase kommt, kann ich nicht vorhersagen.«

Erdoğan wirkt zudem getrieben von seinem rechtsextremen Koalitionspartner, der MHP. Zwar kommt die MHP bei Umfragen auf nur rund sieben Prozent der Stimmen. Doch ihr Einfluss auf die türkische Politik ist zuletzt stetig gewachsen. Es war MHP-Chef Devlet Bahceli, der – anders als Erdoğan – lautstark für ein Verbot der HDP geworben hat.

»Erdoğan hat die absolute Macht über die Institutionen des Staates, aber er hat nicht die absolute politische Macht«, sagt Sinem Adar, Türkei-Expertin der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP). Der Präsident sei auf das Wohlwollen der MHP angewiesen. »Erdoğan hat sich der MHP ergeben«, sagt der HDP-Parlamentarier Garo Paylan.

Die Regierung hat die HDP in den vergangenen Jahren konsequent kriminalisiert. Tausende Mitglieder wurden als vermeintliche Terrorhelfer verhaftet, darunter auch die Ex-Vorsitzenden Figen Yüksekdag und Selahattin Demirtaş. Bürgermeister im mehrheitlich kurdischen Südosten der Türkei wurden ihrer Ämter enthoben. Mit dem Verbotsverfahren gegen die HDP geht Erdoğan dennoch ein großes Risiko ein.

Parteien gingen in der Vergangenheit oft gestärkt aus solchen Prozessen hervor. Die AKP selbst gewann 2008 durch ein überstandenes Verbotsverfahren an Stimmen hinzu. »Es ist unsere ehrenhafte Pflicht für künftige Generation die HDP zu schließen, sodass sie nie wieder unter einem neuen Namen zurückkehrt«, forderte MHP-Chef Bahceli am Donnerstag.

Ein Bann der HDP dürfte Millionen Menschen in der Türkei weiter von der Politik entfremden. Schon jetzt fühlen sich vor allem viele Kurden von der Regierung ausgegrenzt und schikaniert, ein HDP-Verbot würde dieses Gefühl nur verstärken. Manche könnten sich als Konsequenz dann tatsächlich radikalen Gruppen wie der PKK anschließen.

Auch die Beziehungen der Türkei zu Europa und den USA dürften durch das Verfahren gegen die HDP weiter belastet werden. Das US-Außenministerium warnte, ein Verbot der Partei würde die türkische Demokratie »weiter untergraben«. Die EU hat sich zu dem Vorgang bislang nicht geäußert.

Erdoğan hat in den vergangenen Wochen demonstrativ die Nähe zu den Europäern gesucht. Erst Anfang März hat er einen neuen Menschenrechtsplan vorgestellt. Nun zeigt sich, wie wenig seine Worte wert sind.

18 März 2021 0 Kommentare
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Die Verbalradikalen von der AfD – und wie Muslime davon betroffen sind

von Fremdeninfo 17 März 2021
von Fremdeninfo

Die Verbalradikalen von der AfD – und wie Muslime davon betroffen sind

Von

dtj-online

–

15. März 2021

 
 
 
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Archivfoto: Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, und Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD, reagieren im Bundestag während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt 2020. Foto: Kay Nietfeld/dpa

„Konservativ“ und „bürgerlich“ – das sind Etiketten, die man AfD-Politikern nicht anheften sollte, findet der Autor Michael Kraske. In seinem Buch „Tatworte“ hat er die Sprache der AfD analysiert. Er ruft dazu auf, im demokratischen Diskurs „rote Linien“ zu verteidigen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist in Sachen AfD vorerst zum Schweigen vergattert. Zumindest so lange bis das Kölner Verwaltungsgericht ein Eilverfahren abgeschlossen hat, mit dem die Partei eine mögliche Einstufung als rechtsextremistischer Verdachtsfall durch den Inlandsgeheimdienst verhindern will. Grundsätzlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist ein neues Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD, das die Behörde kürzlich auch dem Gericht vorgelegt hat.

Wie schon bei der Einschätzung zur AfD, die das Bundesamt Anfang 2019 abgegeben hatte, dürften auch im neuen Gutachten Äußerungen bekannter AfD-Politiker daraufhin abgeklopft werden, ob sie auf Systemkritik, Geschichtsrevisionismus, völkisches Denken oder Rassismus hindeuten. Das tut auch der an keine Schweigeverpflichtung gebundene Journalist und Autor Michael Kraske in seinem neuen Buch „Tatworte“ (Ullstein). Er kritisiert, dass AfD-Politiker wie die einstige Unternehmensberaterin Alice Weidel (42) und Alexander Gauland (80), der früher einmal CDU-Staatssekretär in Hessen war, zu Unrecht immer noch als recht bürgerlich wahrgenommen werden. Sie würden „primär an ihrem Habitus und sozialen Status gemessen“ und nicht „an der Radikalität ihrer Worte und Politik“. Gauland und Weidel leiten gemeinsam die Bundestagsfraktion der Partei.

Weidels „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“

Weidel wurde 2018 von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zur Ordnung gerufen, als sie in einer Rede gesagt hatte: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ Schäuble befand damals, damit diskriminiere sie alle Frauen, die ein Kopftuch tragen.

Der Begriff „Kopftuchmädchen“ sei hier mehr als „ein populistischer Trick“, um Aufmerksamkeit zu erhalten, findet Kraske. Diese Art von „Hasssprache“ habe auch zur Folge, dass Angehörige von Minderheiten „einem zunehmend offen ausgelebten Antisemitismus und Alltagsrassismus ausgesetzt“ seien. Er schlussfolgert: „Wir dürfen Rassismus, Häme, Hass und Ermächtigungsfantasien inklusive Gewaltandrohungen nicht mehr als Provokation abtun, sondern sollten den naheliegenden Schluss ziehen: Die meinen, was sie sagen.“

Gaulands „Corona-Diktatur“

Stärker noch als Weidel ist Gauland mit provokanten Aussagen aufgefallen. Auch wenn dem früheren Herausgeber einer Regionalzeitung mit Tweed-Sakko, Hundekrawatte und dem Ton des historisch belesenen Feuilletonisten ein gewisses bürgerliches Flair anhaftet: Gaulands Kritik an der Bundesregierung und sein Geschichtsverständnis sind nicht nur aus Sicht von Kaske jenseits dessen, was heute gemeinhin als konservativ gilt. Da ist Gaulands Behauptung, wir lebten aktuell in einer Art „Corona-Diktatur“. Oder die Aussage: „Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“

Wenn es um die Migrationspolitik geht, benutzt Gauland zum Teil Begriffe, die auch der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Rechtsaußen-Flügel der Partei verwendet. So warnte Gauland 2017 in einer Rede: „Der Bevölkerungsaustausch in Deutschland läuft auf Hochtouren. Die deutschfeindlichen Grünen wollen ihn noch beschleunigen.“

Muslime besonders betroffen

Besonders krass, menschenfeindlich und rassistisch ist die Sprache der AfD aus Sicht von Kraske da, wo Metaphern gewählt werden, die Zuwanderer, Muslime oder andere Minderheiten mit Krankheit oder Schmutz in Verbindung bringen. Er zitiert aus einer Rede von Hans-Thomas Tillschneider auf einem „Flügel“-Treffen 2017, wo dieser behauptete, in den „kranken Gesellschaften“ Westeuropas könne der Islam „sich einnisten, kann seine Parallelgesellschaften bilden, die wie ein Baumpilz am Stamm der deutschen Eiche wuchern“.

Kraske hatte bereits in seinem 2020 erschienen Buch „Der Riss“ gefordert, klar und deutlich Position zu beziehen, damit es bei rechtsradikalen Parolen keinen Gewöhnungseffekt gibt. In „Tatworte“ benennt er neben AfD-Politikern auch andere Akteure, die seiner Ansicht nach „zur Verrohung des politischen Diskurses“ beigetragen haben. Neben Thilo Sarrazin mit seinen Thesen von der angeblichen Abschaffung Deutschlands sind das für ihn etwa auch die Organisatoren der Pegida-Demonstrationen und der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen.

Bürgerliche machen mit

Und CSU-Politiker wie Markus Söder („Asyltourismus“), Alexander Dobrindt („Anti-Abschiebe-Industrie“) und Bundesinnenminister Horst Seehofer, der 2018 gesagt hatte: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden“. Dass Bayerns Ministerpräsident Söder nach Kritik „vom eigenen Rechtskurs zurück in die Mitte steuerte“, ist für Kraske kein Ergebnis von „Tugendterror“. Er wertet es vielmehr als „Ausdruck einer in diesem Fall funktionierenden, kritischen Öffentlichkeit“.

Als Journalist ist Kraske der Auffassung, dass nur am demokratischen Diskurs teilnehmen darf, wer sich auch an dessen Spielregeln hält. Er schreibt: „Es gibt kein Recht auf Talkshowpräsenz.“ Als Aufforderung, „die AfD medial totzuschweigen“, will er das aber nicht verstanden wissen. Für Kraske gehören auch deren Vertreter in die Wahlrunden der öffentlich-rechtlichen Sender.

dpa/dtj

17 März 2021 0 Kommentare
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