Von: Zeynep Hayır
Das Bild der „weinenden Sonne“, das İkra gemalt hat, ist zum Symbol einer Türkei geworden, in der Kinder nicht geschützt werden, Frauen allein gelassen werden und das Gefühl für Gerechtigkeit zunehmend erodiert. Die Geschichten von Kindern, die in Gewalt, Armut und Unsicherheit aufwachsen, machen diese dunkle Realität von Tag zu Tag sichtbarer.
Gestern Abend in der Ferne, in Deutschland, kehrte mein Herz beim Nachrichtenschauen wieder in meine Heimat zurück. Wie bei so vielen Menschen, die hier leben… Man kann körperlich in einem anderen Land leben, aber bei bestimmten Nachrichten merkt man, dass ein Teil des Herzens immer noch dort schlägt. Im Fernsehen lief die Geschichte der kleinen İkra. Es gab Berichte über die gestrige Gerichtsverhandlung, die erneute Vertagung des Prozesses und die Tatsache, dass die Geheimhaltungsanordnung über die Akte immer noch besteht. Während ich die Nachricht sah, wurde ein Bild auf den Bildschirm projiziert. Das Bild, das İkra gemalt hatte…
Plötzlich wurde alles in meinem Kopf wieder lebendig. Der Prozess, in dem ein sechsjähriges Kind gezwungen wurde, sein Trauma in einem überfüllten Gerichtssaal immer wieder zu erzählen… Die Befragung ohne pädagogischen Schutz, trotz der Einwände von Experten und Anwälten… Die anschließende Überweisung zur Spieltherapie… Und dann dieses Bild, das sie malte… In İkras Zeichnung gab es eine weinende Mutter, ein weinendes Mädchen, ein gebrochenes Herz, eine weinende Sonne und verwelkte Blumen.
In dem Moment, als ich dieses Bild sah, dachte ich nicht nur an İkra. Ich dachte an die Kinder dieses Landes. An die Kinder, die mit Angst aufwachsen… Die in Armut hineingeboren werden… Die mitten in der Gewalt stehen… Kinder, die schon in jüngstem Alter die Last des Lebens auf ihren Schultern tragen müssen… Und als Mutter spürte ich einen tiefen Schmerz in mir. Denn İkras Geschichte war nicht mehr nur ein Gerichtsfall. Sie war zu einem schweren Symbol dafür geworden, wie Kinder in der Türkei nicht geschützt werden, wie Frauen allein gelassen werden und wie das Gerechtigkeitsempfinden erodiert.
Die Geschichte von Fatmanur Çelik war eines der schmerzhaftesten Beispiele dafür. Presseberichten zufolge wurde Fatmanur bereits im Kindesalter vergewaltigt. Jahre später wurde sie mit dem Mann verheiratet, der mutmaßlich ihr Angreifer war. Die Gewalt, die im Kindesalter begann, verwandelte sich in eine lebenslange Unterdrückung. Dann bekam sie eine Tochter: Hifa İkra Şengüler. Der größte Bruch in Fatmanurs Leben begann, als sie erfuhr, dass auch ihre Tochter von derselben Person missbraucht wurde. In einem Umfeld, in dem solche Beziehungen, Bindungen an religiöse Orden (Tarikats) und Druck miteinander verflochten sind, war es für eine Frau nicht leicht zu sprechen, vor Gericht zu gehen oder Einspruch zu erheben. Aber Fatmanur schwieg nicht. Sie versuchte, ihr Kind zu schützen.
Die Akte wuchs, Geheimhaltungsanordnungen wurden erlassen. Die Verstrickungen religiöser Orden, das Versagen beim Kinderschutz und die Funktionsweise des Justizsystems rückten erneut auf die Tagesordnung des Landes. Doch die schwerste Last trug in diesem Prozess wieder ein Kind: İkra… Sie wurde gezwungen, ihr Trauma immer wieder zu schildern. In einem vollen Gerichtssaal, ohne pädagogischen Schutz, musste sie das Erlebte erneut erzählen. Danach wurde sie zur Spieltherapie geschickt. Das Bild, das sie dort malte, wurde zu einem der schwersten Zeugnisse, die blieben.
Wenig später wurde die Türkei von einer Nachricht aus Zeytinburnu erschüttert: Fatmanur Çelik und die kleine İkra wurden tot aufgefunden. Zurück blieb nicht nur eine Prozessakte. Zurück blieb der Zustand der Kindheit eines ganzen Landes. Doch die Geschichte endete dort nicht. Denn heute dauert der Prozess immer noch an. Das Verfahren läuft weiter. Die Geheimhaltungsanordnung ist noch immer nicht aufgehoben. Und die Türkei ist trotz der vergangenen Zeit immer noch mit jenem Bild konfrontiert, das İkra gemalt hat. İkra und ihre Mutter, die all diese Geschichten, Schmerzen und Ungerechtigkeiten hinter sich gelassen haben, sind leider nicht mehr unter uns. Aber ihre Geschichte ist nicht zu Ende. Denn heute wachsen in der Türkei die Geschichten anderer Kinder weiter. Auf der Straße… in der Schule… in Werkstätten… auf Baustellen… inmitten von Gewalt, Armut und Unsicherheit.
Kinder in Maraş, die in ihrer Schule der Gewalt von Gleichaltrigen ausgesetzt sind… Kinder, die auf der Straße ihr Leben verlieren… Kinder, die wegen Unterernährung nicht gesund aufwachsen können… Diejenigen, die schon in jungen Jahren arbeiten müssen… Jugendliche, die mit einem Gefühl der Zukunftslosigkeit aufwachsen… Inmitten all dieser Geschichten gibt es ein gemeinsames, immer schwerer wiegendes Gefühl: das Unbehagen, nicht geschützt zu sein.
Die Türkei lernt die Realität des MESEM-Systems (Berufsbildungszentren) meist durch die Namen von Kindern zwischen 14 und 18 Jahren kennen, die bei „Arbeitsmorden“ ums Leben kommen. Kinder, die von Baustellen stürzen… die in Maschinen eingeklemmt werden… die durch Stromschläge sterben… Und oft sind es Akten, in denen Familien jahrelang nach Gerechtigkeit suchen, die Prozesse aber nicht in einer Weise enden, die das Gewissen wirklich befriedigt. Der 17-jährige Engin Tuncay war eines dieser Kinder. Er starb durch einen Sturz aus großer Höhe auf einer Baustelle, auf der er im Rahmen von MESEM arbeitete. Vor ihm gab es Alperen Eren Ural. Es gab Arda Tombul. Erol Can Yavuz. Ulaş Dumlu. Ömer Çakar. Es gab noch viele andere Kinder, die starben, während sie im Kindesalter arbeiten mussten. Doch hinter diesen Kindern stehen nicht nur Todesnachrichten, über die ein paar Tage lang gesprochen wird. Untersuchungen zeigen in aller Deutlichkeit, in was für ein Leben die Kinder innerhalb des MESEM-Systems hineingezogen werden. Den Kindern wurden Fragen gestellt… Wie viele Tage in der Woche sie arbeiten… Wie viele Stunden sie täglich im Dienst sind… Ob sie Gewalt erfahren… Ob sie glücklich sind… Das Ergebnis ist erschütternd.
In dem System, das auf dem Papier als „Berufsausbildung“ dargestellt wird, dürften die Schüler höchstens vier Tage pro Woche arbeiten und nicht mehr als acht Stunden Dienst tun. Doch was die Kinder in der Untersuchung erzählen, zeigt eine andere Türkei. 58,1 % der Kinder geben an, sieben Tage die Woche zu arbeiten. 38,7 % sagen, dass sie sechs Tage arbeiten. Der Anteil derer, die täglich über zwölf Stunden arbeiten, liegt bei 70,9 %. Und das sind Kinder zwischen 14 und 18 Jahren. In der Studie wurden sie auch gefragt, wie viel Zeit sie für ihr soziales Leben haben. Die meisten berichten, dass ihr Leben fast ausschließlich aus Arbeit besteht.
Auf die Frage „Sind Sie glücklich mit der Arbeit, die Sie tun?“, antworteten 97 % der Kinder mit „Nein“. Noch schwerwiegender ist eine andere Frage: „Fühlen Sie sich glücklich?“ 96,3 % sagen „Nein“. Die Kinder dieses Landes sagen schon zu Beginn ihres Lebens, dass sie unglücklich sind. Andere Antworten in der Studie zeigen, in was für ein Arbeitsumfeld sie geworfen werden. Der Anteil derer, die angeben, am Arbeitsplatz beschimpft und beleidigt zu werden, liegt bei 97,8 %. 96,6 % geben an, physische Gewalt erfahren zu haben. 97,1 % sagen, dass diese Gewalt vom Chef oder dem Vorarbeiter ausgeht. Es gibt auch Kinder, die berichten, dass sie schlecht behandelt werden, wenn sie um Erlaubnis für eine Auszeit bitten. Und inmitten all dessen verschwindet die Bildung zunehmend aus ihrem Leben. Der Großteil der teilnehmenden Kinder gibt an, nur einen Tag pro Woche zur Schule gehen zu können. 89,6 % sagen, dass sie die Schule nicht regelmäßig besuchen können. Einige berichten sogar, dass sie von der Schule nicht einmal verwarnt werden, wenn sie nicht zum Unterricht erscheinen. Das heißt, das System nennt die Kinder einerseits „Schüler“, verwandelt sie aber faktisch in billige Arbeitskräfte.
Und manchmal begegnet uns diese Dunkelheit in anderer Form. Kinder in Kahramanmaraş, die in bewaffnete Angriffe hineingezogen werden… Jugendliche, die schon in jüngstem Alter die Sprache der Gewalt lernen… Generationen, die mit Mobbing unter Gleichaltrigen aufwachsen… Bilder in den sozialen Medien, die Gewalt zur Schau stellen… Denn es geht nicht mehr nur um Kinderarbeit. Oder nur um Frauenmorde.
Im Gedächtnis der Gesellschaft sammeln sich weitere Akten an. Vermisstenfälle, die seit Jahren auf Antworten warten… verschwundene Beweise… Namen, von denen man glaubt, dass sie geschützt werden… Und die Frage, die die Menschen immer lauter stellen: „Gibt es in diesem Land wirklich Gerechtigkeit?“ Der Fall der Studentin Gülistan Doku, die 2020 in Dersim verschwand, steht genau hier wie eine offene Wunde. Verschwundene Videoaufnahmen, gelöschte Daten, jahrelange ergebnislose Ermittlungen und Vorwürfe gegen Beamte verstärken das Misstrauen in der Gesellschaft. Der Vater von Rojin Kabaiş sucht immer noch nach Gerechtigkeit. Für hunderte Frauen, die ermordet wurden, verschwanden oder unter verdächtigen Umständen aus dem Leben gerissen wurden, suchen die Familien immer noch nach Gerechtigkeit. Gülistan Doku… Rojin Kabaiş… und die anderen… Denn es geht nicht mehr nur um einzelne Verbrechen. Es geht um das Verrotten eines Systems… Um den Verlust des Gerechtigkeitsgefühls einer Gesellschaft.
In einer Ordnung, in der eine Handvoll Menschen von Tag zu Tag reicher wird, während Millionen Menschen immer mehr verarmen, wächst auch der Druck. Studenten, die protestieren, werden festgenommen; Journalisten werden verhaftet; Gewerkschafter sind Repressionen ausgesetzt; gewählte Bürgermeister werden in Gefängnissen festgehalten. Und inmitten all dieser Dunkelheit versuchen Kinder aufzuwachsen. Doch die Menschheit besteht nicht nur aus Dunkelheit. Es gibt immer noch die Möglichkeit einer Welt, in der Kinder ohne Angst aufwachsen… in der Frauen frei leben können… in der Arbeit nicht ausgebeutet wird… in der Menschen nicht durch Hunger und Armut geprüft werden… in der niemand aufgrund seiner Sprache, Identität, seines Glaubens oder Geschlechts diskriminiert wird. Eine Welt, in der Kinder in Parks statt in Industriegebieten aufwachsen… in der Frauen mit Lebensfreude statt mit Todesangst umhergehen… und in der die Menschen dem Schmerz der anderen nicht fremd gegenüberstehen. Vielleicht wird wahre Gerechtigkeit erst dann beginnen. Denn eine Welt, in der Kinder wirklich glücklich sind, wird nur in einer Welt möglich sein, in der Gleichheit, Freiheit und Menschenwürde gedeihen.