Anschläge und Terror durch Jugendliche: Verfassungsschutz warnt vor immer jüngeren Extremisten

von Cumali Yağmur

Artikel von Von Markus Balser und Roland Preuß, Berlin/ Sz

Sie sind Teenager und sie sind gefährlich. Extremisten werben via Social Media und mit Sport-Angeboten immer häufiger gezielt junge Menschen an. Anschläge zeigen: mit beängstigendem Erfolg.

Verfassungsschutz warnt vor immer jüngeren Extremisten

Die Täter nähern sich dem „Kultberg“ am frühen Morgen, legen mit einem Brandbeschleuniger Feuer. Das Kulturzentrum im brandenburgischen Altdöbern brennt im Oktober 2024 fast vollständig ab. Die Betreiber, ihr Kind und ein weiterer Mann überleben den Anschlag nur mit Glück, weil sie im Nachbargebäude schlafen. Seit März stehen die beiden Täter vor Gericht. Der Vorwurf: versuchter Mord, schwere Brandstiftung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Ihr Name: „Letzte Verteidigungswelle“. Ihre Gesinnung: rechtsextrem. Alter der beiden Angeklagten: 15.

Die Ermittlungen lösen selbst unter erfahrenen Fahndern Erstaunen aus. Die Jugend-Terrorgruppe versteht sich als letzte Instanz zur Verteidigung der „Deutschen Nation“. Ihr Ziel: durch Gewalttaten gegen Migranten und politische Gegner einen Zusammenbruch des demokratischen Systems in Deutschland herbeizuführen. Gruppenmitglieder sollen auch einen Anschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Thüringen verübt haben. Der Gründer der Gruppe: damals ebenfalls 15 Jahre alt.

Die Zahl der Personen, die dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet werden, stieg auf fast 60 000 an

Der Fall gilt deutschen Sicherheitsbehörden als Beleg für eine neue Entwicklung. Sie haben es immer häufiger mit jungen Tätern zu tun. „Der Trend zu immer jüngeren Akteuren, die zum Teil noch minderjährig sind“, setze sich fort, warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem neuen Bericht für 2025. Er liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Erstmals hat die Behörde dem Phänomen junger Rechtsextremer ein eigenes Kapitel gewidmet. Seit Sommer 2024 seien in Deutschland mehrere „mobilisierungsstarke aktions- und gewaltorientierte Personenzusam­menschlüsse“ aus Minderjährigen und jungen Erwachsenen entstanden, heißt es darin.

Rechtsextreme verfolgen die Radikalisierung junger Menschen offenbar gezielt. Die Jugendorga­nisationen „Junge Nationalisten“ (JN) der Partei „Die Heimat“ (früher NPD) und die „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) der Partei „Der III. Weg“ warben demnach mit intensiven Kampagnen in den sozia­len Medien systematisch um jungen Nachwuchs. Laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bleibt der Rechtsextremismus auch insgesamt „die größte Bedrohung für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung“. Die Zahl der Personen, die der Verfassungsschutz den Rechtsextremisten zuordnet, stieg im vergangenen Jahr um mehr als 8000 auf fast 60 000 Menschen.

Am linken Rand beobachten die Verfassungsschützer Ähnliches. Neue „gewaltorientierte, dogmatisch-kommunistische Strukturen“ hätten starken Zulauf, insbesondere sehr junge Menschen fühlten sich angesprochen. Anziehend ist laut dem Bericht vor allem eine alte Ideologie, die neu aufbereitet wird: der Marxismus-Leninismus. Letztlich also die Staatsideologie, die in den Ländern des real existierenden Sozialismus in Mittel- und Osteuropa bereits vor Jahrzehnten gescheitert ist. Die neuen gewaltorientierten Gruppen verbänden ihre Ideologie mit einer modernen erlebnisorientierten Jugendkultur. Man wandert zusammen, trainiert Fußball, bietet Kampfsporttrainings an. Die gemeinsamen Erlebnisse verbinden demnach nicht nur, so würden auch Fähigkeiten erlernt für gewalttätige Auseinandersetzungen bei Protesten. Insgesamt stieg die Zahl der Linksextremisten laut dem Verfassungsschutz vergangenes Jahr um 4200 auf 42 200.

Die neuen, gewaltbereiten Jugendgruppen sind straff organisiert. Die Verfassungsschützer stellen sich darauf ein, noch länger mit diesen Gruppen zu tun zu haben. Die Geschwindigkeit, mit der die Bewegung neue Anhänger gewinne, und ihre zahlreichen Auftritte auf großen Demonstrationen zeigten, dass das Phänomen der neuen gewaltbereiten Jugendgruppen „keine kurzfristige Episode darstelle“.

Ein Thema, das viele Menschen radikalisierte aber auch über die extremistischen Gruppen hinweg verband, ist der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Die Auseinandersetzung war nach dem vom Gazastreifen ausgehenden Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 eskaliert. Dieser hatte Bombardierungen des Küstenstreifens und die teilweise Besetzung durch Israel zur Folge, mit Zehntausenden Toten, darunter zahlreiche zivile Opfer, die in sozialen Medien vielfach gezeigt und mit emotionalen Botschaften verbunden werden.

Der Nahostkonflikt wirkt als Brandbeschleuniger – bei Linksextremisten wie Islamisten

Linksextremistische Gruppen versuchen das Thema zu besetzen. Als Beispiel gilt „Ende Gelände“, die sich einst auf klimapolitische Aktionen konzentrierten. Inzwischen versucht die Gruppe, beide Themen zu verbinden. „Dieser fossile, koloniale/imperialistische und patriarchale Kapitalismus und seine geopolitischen Interessen spielen eine zentrale Rolle in vielen Konflikten weltweit, so auch in Israel/Palästina“, hieß es Ende 2024 auf der eigenen Internetseite.

Bei islamistischen Gruppen wirkt der Nahostkonflikt ebenfalls als Brandbeschleuniger. Besorgniserregend ist auch hier die Radikalisierung junger Menschen. Es gebe immer mehr jünger werdende dschihadistische Akteure, „teilweise unterhalb der mit 14 Jahren beginnenden Strafmündigkeit“. Radikalisiert und angeleitet werden diese von oft Akteuren im Internet über Messengerdienste, Gaming-Plattformen und Onlineforen. Die Radikalisierung verläuft in solchen Fällen oft schnell, die Kinder oder Jugendlichen entwickeln in der Folge mitunter sogar Anschlagspläne.

So wie jener Jugendliche, der im September 2025 in Essen zunächst einen Hausmeister in einer Grundschule angriff, später an seinem Berufskolleg auf eine Lehrerin einstach und anschließend einem ihm fremden Mann auf der Straße in den Rücken stach. Die Tat soll er den Ermittlungen zufolge aus einer islamistischen Motivation heraus begangen haben. Inzwischen ist der Jugendliche angeklagt. Insgesamt zählten die Verfassungsschützer einen leichten Anstieg

der Zahl der Islamisten von 28 280 auf 28 645.

Einen deutlich stärkeren Zuwachs registrierten die Ermittler bei politisch motivierten Gewalttaten insgesamt. Deutschlands Extremisten prügeln, rauben und sabotieren mehr als im Vorjahr. Die größte Gefahr geht von Rechtsextremisten aus mit 1395 Gewalttaten, das sind im Schnitt fast vier Gewalttaten jeden Tag. Linksextremistisch motivierte Gewaltdelikte zählte man 856. Das sind weit weniger, allerdings gab es hier den größten Anstieg.

Die Bedrohungen für Deutschland seien „vielfältig, hartnäckig und gefährlich“, warnt der Innenminister angesichts des Berichts.  Auch Spionage, Sabotage, Desinformation, Cyberattacken durch ausländische Regierungen sind laut Verfassungsschutz eine ernste Bedrohung – besonders durch Russland. „Der russische Staat möchte unsere Gesellschaft destabilisieren, unsere Demokratie unterwandern und unsere Unterstützung für die Ukraine unterminieren“, erklärt Dobrindt. Laut Verfassungsschutz versuchte Russland etwa nach der Bundestagswahl 2025, an Informationen aus den Koalitionsverhandlungen zu kommen.

Der Inlandsgeheimdienst erwartet, dass die Konfrontation auch bei einem Waffenstillstand mit der Ukraine oder dem Ende des Angriffskriegs gegen das Land weitergeht. Russ­land werde „seine konfrontativen Aktivitäten gegen Deutschland, die EU, die Nato und auch die Ukraine nahezu sicher fortführen“. Das Land wolle seinem langfristigen Ziel näherkommen: „der Wieder­gewinnung eines Hegemonialraums in Mittel- und Osteuropa“.

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