Deutschland verliert seine Jugend

von Fremdeninfo

Artikel von Brankovic, Maja

German Chancellor Friedrich Merz speaks as he opens a multilateral youth camp „Youth4Peace“ in Berlin, Germany, May 8, 2025. REUTERS/Liesa Johannssen © Foto: REUTERS

Ein 40. Geburtstag am ver­gangenen Wochenende: Alte Schul- und Unifreunde sind gekommen, frühere Kollegen und neue Bekannte. Fast alle Gäste sind Deutsche – doch die Hälfte von ihnen lebt in der Schweiz. Warum haben sie Deutschland den Rücken gekehrt?

Dieser Freundeskreis ist nicht repräsentativ. Aber er steht für einen Trend. 2025 zogen knapp 97.000 deutsche Staatsbürger mehr ins Ausland, als zurückkehrten, deutlich mehr als in den Vorjahren. Beliebtestes Auswanderungsziel ist die Schweiz.

In Umfragen sagen ­zudem viele der 14- bis 29-Jährigen, sie könnten sich den Wegzug ins Ausland vorstellen; jeder Fünfte plant ihn konkret. Ob sie wirklich gehen und wie lange sie wegbleiben, ist unbekannt. Entscheidend ist: Für viele junge Menschen ist eine Zukunft außerhalb Deutschlands eine echte Option.

Wer ins Ausland will, erhofft sich ­höhere Einkommen oder geringere ­Ab­gaben, bessere Berufschancen, bezahl­bareres Wohnen – oder schlicht ein Land, in dem mehr möglich scheint. Umgekehrt heißt das für Deutschland nichts Gutes: Das Versprechen auf eine gute Zukunft in einem funktionierenden Land verblasst. Eine Regierung, die vor allem mit sich selbst beschäftigt wirkt, wird keine neue Zuversicht schaffen.

Der Vertrauensverlust zeigt sich auch im Innern. Immer mehr junge Menschen wenden sich von der politischen Mitte ab. Sie sollen die in der Vergangenheit zugesagten Renten finanzieren, können aber immer weniger erkennen, was sie sich mit ihrer eigenen Arbeit noch aufbauen könnten. Bei der Bundestagswahl 2025 lagen unter den 18- bis 24-Jährigen Linke und AfD vorn. Deutschland verliert die jungen Leute zweifach: an andere Länder und an die politischen Ränder.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die richtige Diagnose gestellt. Beim Tag der Industrie Ende Juni erklärte er, auf Ludwig Erhards „Wohlstand für Alle“ müsse nun „Wohlstand für die Jugend“ folgen. Ob daraus etwas folgt, ist offen.

Bei der Rente darf die Politik ihre Zusagen für Ältere nicht durch immer höhere Belastungen der Jüngeren absichern. Beim Wohnen muss ein gutes Einkommen wieder die Chance auf Eigentum eröffnen. Und ohne Wirtschaftswachstum fehlt für beides die Grundlage. Junge Menschen sind nicht nur Beitragszahler, die das bestehende System künftig finanzieren sollen. Sie müssen in diesem System auch etwas aufbauen können. Das wäre auch im ­Interesse der Älteren: Für sie ist nichts gewonnen, wenn der Nachwuchs geht.

Ob die Jüngeren es einmal besser ­haben werden als ihre Eltern? Dieses Versprechen kann Merz nicht geben. Doch er sollte unbedingt verhindern, dass die Politik ihnen immer wieder neue Gründe liefert, ihr Glück woanders zu suchen.

Ähnliche Beiträge