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Einwandererinnen und Flüchtlingspolitik
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Flüchtlinge

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Kultur

Deniz Göktaş am Flughafen festgenommen

von Fremdeninfo 3 Juli 2026
von Fremdeninfo

                  Von Zeynep Hayır

Manchmal braucht man keine langen politischen Analysen zu lesen, um ein Land zu verstehen. Es reicht aus, einen Roman zu lesen, ein Volkslied zu hören, ein Theaterstück oder eine Stand-up-Show zu sehen. Denn die Kunst ist der Spiegel der Gesellschaft. Humor spricht manchmal das aus, was die Menschen nicht zu sagen wagen. Ein Lachen kann mächtiger sein als seitenweise geschriebene Analysen.

In den letzten Tagen wurde Deniz Göktaş zum Namen dieses Spiegels.
Nach seiner Show „Ölü Deniz“ (Das tote Meer / Der tote Deniz), die er im Harbiye Açıkhava aufführte und die später auf digitalen Plattformen Millionen von Menschen erreichte, wurde eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. In den ersten Stunden entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, Deniz Göktaş – der sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland befand – sei aus dem Land geflohen. Spätere Erklärungen zeigten jedoch, dass sein Auslandsaufenthalt bereits geplant war und er mit den Worten: „Wenn es eine Situation gibt, die meine Anwesenheit in der Türkei erfordert, kehre ich mit dem ersten Flugzeug zurück“, in sein Land zurückkehrte, sobald er von der Untersuchung erfuhr. Tatsächlich wurde er am 2. Juli bei der Passkontrolle am Flughafen Istanbul festgenommen und nahm aus freiem Willen am rechtlichen Prozess teil.

Dieses Detail ist wichtig. Denn manche Menschen erklären sich nicht nur durch das, was sie sagen, sondern auch durch ihre Haltung zu dem, was sie gesagt haben.

Als ich Deniz Göktaş’ Show zum ersten Mal sah, habe ich nicht nur gelacht. Ich war besorgt. Mein erster Gedanke war: „Bitte lobt diesen Jungen nicht mehr so sehr.“ Diesen Satz sagte ich nicht, weil ich ihn nicht mochte, sondern im Gegenteil, weil ich ihn sehr schätzte. Denn ich kannte das gesellschaftliche Klima der Türkei in den letzten Jahren. Manchmal wird einem Künstler, den die Gesellschaft ins Herz schließt, nicht nur Liebe, sondern auch eine schwere Last der Sichtbarkeit auf die Schultern gelegt. Jeder Post in den sozialen Medien, jedes Video, jeder Applaus, der Deniz lobte, vergrößerte diese Sorge in mir. Es war, als ob mein eigener Sohn auf einem gefährlichen Weg ginge und meine Hand unbewusst zum Herzen wanderte.

Das Gefühl, das nach der Show bei mir blieb, war nicht nur Gelächter. Ich sah dort feinen politischen Humor. Keine Beleidigung. Keinen Zorn. Erst recht keine Sprache, die Menschen gegeneinander aufhetzt. Ich sah eine Erinnerung, die aus den Straßen von Mamak gefiltert wurde. Ich sah die Weltsicht eines jungen Mannes, der in einer säkularen alevitischen Familie aufgewachsen ist. Ich sah ein Verständnis von Humor, das die Regierung kritisiert, aber auch die Opposition kritisieren kann; das niemanden heiligspricht und niemanden für unantastbar erklärt. Ich sah, dass es möglich ist, Millionen zum Lachen zu bringen, ohne sich auf billige Witze unter der Gürtellinie zu verlassen. Vielleicht wurde er deshalb so geliebt. Weil die Menschen nicht nur lachten. Sie hörten sich selbst zu. Sie sahen ihr eigenes Leben. Sie konnten ihre eigene Enge von außen betrachten.

Deniz wusste durchaus, wohin das alles führen könnte. Im Hintergrund seiner Show gab es ein Bild, auf dem er seinen eigenen abgeschlagenen Kopf trug. Diese Szene, die auf den ersten Blick wie schwarzer Humor wirkte, war für mich das Symbol für den Preis, den der Künstler bereit war zu zahlen. Es war, als würde er von Anfang an sagen: „Ich weiß, dass das, was ich erzähle, Konsequenzen haben wird.“

Genau hier kommt einem Nietzsches berühmtes Wort in den Sinn: „Wer Abgründe liebt, muss Flügel haben.“

Deniz hatte Flügel. Seine Flügel waren nicht Zorn oder Beleidigung. Seine Flügel waren seine Kunst. Sein Sinn für die Realität. Sein scharfer Verstand. Sein Mut. Die Tatsache, dass er zu seinem Wort stand. Deshalb wählte er nicht die Flucht, sondern die Rückkehr. Denn Kunst bedeutet nicht nur, auf der Bühne Applaus zu bekommen. Es bedeutet manchmal auch, die Verantwortung für das gesprochene Wort zu tragen.

Heute tragen die Menschen in der Türkei nicht nur die Last einer schweren Wirtschaftskrise. Gleichzeitig haben viele das Gefühl, dass ihre Räume zum Atmen immer enger werden. Journalisten beim Berichten, Künstler beim Schaffen, Akademiker beim Sprechen und Jugendliche beim Äußern ihrer Gedanken haben das Gefühl, immer vorsichtiger sein zu müssen.

Viele Menschen denken, dass der Gesellschaft kein „Abzugsschacht“ zum Atmen gelassen wurde. Vielleicht wurde deshalb eine Stand-up-Show für Millionen von Menschen nicht nur zum Lachen, sondern zum Atemholen. Am Ende des Tages begegneten die Menschen einem Künstler, der sie beschrieb. Vielleicht vergaßen sie für ein paar Stunden die Schwere des Lebens. Vielleicht fühlten sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr allein.

Wenn man ein Land betrachtet, sind es oft nicht die Wolkenkratzer, die es am besten beschreiben. Es sind seine Künstler. Seine Journalisten. Seine Lehrer. Seine Arbeiter. Seine Frauen. Seine Kinder. Je freier die Kunst in einem Land ist, je freier die Gedanken fließen können, je furchtloser Kritik geäußert werden kann, desto mehr vertraut dieses Land seinen Menschen. Wenn die Justiz in einem Land für jeden mit der gleichen Waage wiegt, gibt es dort Hoffnung. Wenn Frauen ohne Angst leben können, wenn Kinder fern von Gewalt aufwachsen, wenn Arbeiter den Lohn für ihre Mühen erhalten und Künstler ihre Sätze nicht abwägen müssen, bevor sie die Bühne betreten, dann ist diese Gesellschaft nicht nur demokratischer, sondern auch menschlicher.

Im Laufe der Geschichte haben Regierungen gewechselt. Epochen haben sich gewandelt. Aber eines blieb unverändert: die Angst vor dem freien Denken. Bücher wurden verbrannt. Künstler sollten zum Schweigen gebracht werden. Denker wurden vor Gericht gestellt. Humor wurde verboten. Aber keine Epoche konnte das Denken gänzlich aufhalten. Denn die Wahrheit hat früher oder später immer ihren Weg gefunden.

Die Wahrheit ist nackt.
Die Sonne lässt sich nicht mit Schlamm verdecken.
Die Menschheitsgeschichte verlief auf Wegen, die nicht durch Angst, sondern durch Mut geebnet wurden. Vielleicht können deshalb dem Denken keine Handschellen angelegt werden. Der Kunst können keine Fesseln angelegt werden. Humor kann unterdrückt werden. Aber es war niemals leicht, einen Menschen zum Schweigen zu bringen, der der Wahrheit folgt.

Die Farbe des Meeres (Deniz) ist die Farbe des Himmels.
Die Farbe des Himmels ist die Farbe der Freiheit.
Der Himmel gehört allen.
Das Meer (Deniz) gehört auch allen.
Und Freiheit ist für alle da.

Deniz ist frei.
Denn das Denken ist frei.
Denn dem Denken können keine Handschellen angelegt werden.

Freiheit für Deniz.
Deniz Göktaş muss sofort freigelassen werden.

3 Juli 2026 0 Kommentare
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AllgemeinPolitik

EIGENTLICH SIND WIR ALLE GEMEINSAM MIT DENİZ GÖKTAŞ FESTGENOMMEN WORDEN

von Fremdeninfo 3 Juli 2026
von Fremdeninfo

               Von: Celal Işık/Istanbul


Was heute in der Person von D. Göktaş festgenommen wurde, ist die Meinungs- und Redefreiheit in der Türkei.
Es scheint, als sei dies weder das erste noch das letzte Mal.
Erst gestern geschah Pınar Aydınlar dasselbe.
Es ist nicht nötig, die Namen hier einzeln aufzuzählen; es ist eine Situation, die so vielen Journalisten, Künstlern und Intellektuellen widerfährt, dass sie fast schon alltäglich geworden ist.
Das ist die „Banalität des Bösen“.

Die Gesinnung, die D. Göktaş festgenommen hat, hat der Gesellschaft heute – wie ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht – in Erinnerung gerufen, dass sie die Fortsetzung jener Gesinnung ist, die am 2. Juli 1993 im Madımak-Hotel 33 Menschen (Seelen) verbrannte.
Eine Regierung, die Oppositionelle und Andersdenkende so sehr als Feinde betrachtet, dass sie sie lebendig verbrennen oder jahrzehntelang unschuldig in Kerkern verrotten lassen würde, zeigt ihr wahres Gesicht, bedroht die gesamte Gesellschaft und versucht, sie in der Knechtschaft einzuschüchtern.

In der Türkei ist heute eine Macht an der Regierung, die Denkern, Schreibern, Zeichnern, Intellektuellen, der Kunst und den Künstlern feindlich gegenübersteht und versucht, durch das Verbreiten von Angst zu regieren.
Die Festnahme von D. Göktaş in der Türkei des Jahres 2026* ist ein Einschüchterungsversuch gegenüber allen oppositionellen Intellektuellen, Künstlern und der gesamten Gesellschaft.

Solange man vor dieser Regierung zurückweicht und schweigt, werden Knechtschaft, Druck und Unterdrückung immer weiter zunehmen.
Demokratie und gesellschaftlicher Frieden können nur erreicht werden, indem man gegenüber dieser Macht nicht schweigt, nicht zurückweicht, sich auf gemeinsamen Prinzipien vereint und einen gemeinsamen Kampf führt.

Eigentlich befinden wir uns heute alle gemeinsam mit D. Göktaş in Gewahrsam.
Was am 2. Juli in Madımak verbrannt wurde, waren wir alle; es waren die türkische Demokratie, unsere pluralistische Gesellschaft und unsere kulturellen Unterschiede.
Es war sogar – und vor allem – unsere Menschlichkeit.

Die Freiheit von Deniz Göktaş und seine sofortige Freilassung bedeuten eigentlich die Freiheit der gesamten Gesellschaft.


(

 

3 Juli 2026 0 Kommentare
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Politik

Reaktionen gegen Özgür Özel bei Gedenkfeier in Sivas

von Cumali Yağmur 2 Juli 2026
von Cumali Yağmur

                Von: aksam.com.tr

Der Abgeordnete aus Manisa, Özgür Özel, stieß bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Ereignisse vom 2. Juli 1993 in Sivas auf heftige Reaktionen. Ein Bürger, der verärgert darüber war, dass Özel während des Gedenkens Politik betrieb, reagierte mit den Worten: „Wir durchleben hier unseren Schmerz, worauf haben Sie es abgesehen? Gehen Sie weg, machen Sie Ihre Politik draußen!“

In Sivas wurde der Opfer der Ereignisse vom 2. Juli 1993 mit einem Programm in der Stadt gedacht. Familien der Opfer, Angehörige, der CHP-Abgeordnete Özgür Özel, weitere Parlamentarier, Vertreter alevitischer Konföderationen aus verschiedenen Teilen der Türkei sowie Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Bürger versammelten sich im Viertel Seyrantepe.

Die Gruppe marschierte unter dem Rufen von Parolen über die Mevlana-Straße bis zum Eingang der Gasse, in der sich das ehemalige Madımak-Hotel befindet.

„GEHEN SIE WEG, MACHEN SIE IHRE POLITIK DRAUSSEN“

Aufgrund des hohen Andrangs und der Enge auf dem Platz wurde Özgür Özel mit dem Unmut der Bürger konfrontiert. Die Reaktionen gegen Özel wurden mit Handykameras festgehalten. In den Aufnahmen ist zu sehen, wie einige Bürger, die durch die Menschenmenge bedrängt wurden, ihren Unmut gegenüber Özel äußerten.

Ein Bürger, der Özel kritisierte, weil dieser für zusätzliche Enge im Veranstaltungsbereich sorgte, sagte: „Wir durchleben hier unseren Schmerz, worauf haben Sie es abgesehen? Verschwinden Sie, machen Sie Ihre Politik draußen!“

DIE MENGE LÖSTE SICH AUF

Ein weiterer Bürger drückte seinen Unmut mit den Worten aus: „Was ist hier los? Was soll das? Özgür Präsident, was ist das für eine Art?“

Mit der Ankunft von Özgür Özel auf dem Gelände entstanden kurzzeitig eine Menschenansammlung und ein Gedränge, die sich jedoch später wieder auflösten.

„WIR WOLLEN SIE BEI DEN GEDENKVERANSTALTUNGEN ZUM 2. JULI NICHT SEHEN“

Bereits vor der Teilnahme am gestrigen Gedenkprogramm zum Jahrestag der Ereignisse vom 2. Juli in #Sivas hatte die „Föderation der Horasan-Eren-Vereine“ Kritik an dem #CHP-Abgeordneten #ÖzgürÖzel geübt.

Der Generalsekretär Ali Rıza Özkan erklärte im Namen der Föderation: „Die Befürchtung, dass ein schmerzvoller Tag wie der 2. Juli – an dem wir unsere alevitischen und sunnitischen Geschwister verloren haben, die Opfer eines Komplotts imperialistischer Zentren wurden – in eine Arena für politische Propaganda verwandelt wird, ist der Hauptgrund für unsere Bedenken. Herr Özel, es reicht, dass Sie die Aleviten instrumentalisieren. Wir wollen Sie bei den Gedenkveranstaltungen zum 2. Juli nicht sehen.“

2 Juli 2026 0 Kommentare
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Cumali Yağmur
Politik

Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist mit der AKP-MHP-Regierung nicht möglich

von Cumali Yağmur 2 Juli 2026
von Cumali Yağmur

                        Von: Cumali Yağmur

Der NATO-Gipfel, der am 7. und 8. Juli 2026 in der Türkei stattfinden soll, wurde von der AKP-MHP-Regierung förmlich in ein Instrument der Unterdrückung verwandelt. Unter dem Vorwand des NATO-Gipfels lässt die Regierung Menschen aus allen Berufsgruppen ohne jegliches Verbrechen von einem Tag auf den anderen festnehmen und verhaften – mit Methoden, die denen der faschistischen Junta von Kenan Evren vom 12. September 1980 in nichts nachstehen.

Die AKP-MHP-Regierung führt diese Operationen gegen alle Schichten der Bevölkerung aus der Angst heraus durch, diese könnten „gegen den NATO-Gipfel protestieren und ihre Stimme in der Öffentlichkeit hörbar machen“. Diese Verhaftungen dienen keinem anderen Zweck, als die Gesellschaft einzuschüchtern. Während Lehrer, Ärzte, Anwälte und Gewerkschaftsvertreter in den Gefängnissen als Geiseln gehalten werden, werden selbst vom Volk gewählte Politiker und Bürgermeister rechtswidrig hinter Gitter gebracht.

Das AKP-MHP-Regime, das im Land förmlich eine Atmosphäre des Terrors verbreitet, nimmt Menschen aus Angst davor, die Kontrolle über das Land zu verlieren, als Geiseln. Von Umweltaktivisten bis hin zu Menschenrechtsverteidigern wurde jeder inhaftiert. Aufgrund der Überbelegung der Gefängnisse finden die Menschen keinen Platz zum Sitzen und müssen im Stehen ausharren. Folter und Schikane gegen die Gefangenen, denen tagelang der Schlaf entzogen wird und die wochenlang nicht duschen können, dauern an. Das „Ein-Mann-System“, das die Interessen der NATO und imperialistischer Mächte schützt, ist zu einem bloßen Apparat dieser Mächte geworden.

Für den NATO-Gipfel wurden 12 Millionen Türkische Lira ausgegeben. Arme Viertel wurden abgeriegelt. Da man kritische Fragen befürchtet, erhalten alternative Medien keinen Zugang zur Versammlung.“

Die NATO nützt der Bevölkerung der Türkei in keiner Weise; ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, die Völker auszubeuten, indem sie die Interessen imperialistischer Mächte schützt. Während die NATO im Sinne imperialistischer Bestrebungen Kriege auf dem Balkan, im Nahen Osten und in Afrika anzettelt und so die Profite des Kapitals steigert, verursacht sie den Tod unschuldiger Kinder, Frauen und wehrloser Menschen. Hinter dem Völkermord, den die USA und Israel heute in Palästina verüben, stehen dieselben Mächte.

Während die Türkei nicht als Vollmitglied in die Europäische Union aufgenommen wird, wird sie über die NATO und die Zollunion in der Position eines „Wächters“ der Imperialisten gehalten. Die NATO bringt diesem Land nichts außer Grausamkeit, Ausbeutung und Unterdrückung. Aus diesem Grund müssen alle zu Unrecht verhafteten Menschen sofort freigelassen werden. Es muss ein vereinter Kampf gegen die AKP-MHP-Regierung geführt werden, die den Interessen der NATO dient.

In einer Zeit, in der die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht hat, die Bevölkerung verarmt und die Inflation auf über einhundert Prozent gestiegen ist, nährt sich das Ende der AKP-MHP-Regierung, die den NATO-Gipfel als Vorwand nutzt, um das Volk einzuschüchtern und die Opposition zu spalten. Es ist an der Zeit, dass alle Demokraten, Sozialdemokraten, Revolutionäre und Sozialisten sagen: „Der Tag ist heute“, sich vereinen und dieser repressiven Herrschaft ein Ende setzen.

2 Juli 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Großeinsatz im Fördergeldskandal: Polizei durchsucht Wohnungen

von Cumali Yağmur 1 Juli 2026
von Cumali Yağmur

 

Quellenangabe: HAZ  Andreas Schinkel

Im Ermittlungsverfahren gegen Ex-SPD-Ratsfrau Hülya Iri wegen Betrugs und Untreue machen die Behörden jetzt Ernst – Laptops, Mobiltelefone und schriftliche Unterlagen werden sichergestellt

Im Fall des möglichen Fördergeldbetrugs rund um den Integrationsverein der ehemaligen SPD-Ratsfrau Hülya Iri hat die Polizei gestern am frühen Morgen mehrere Wohnungen sowie das Vereinsbüro durchsucht. Beweismittel wie Laptops, Mobiltelefone, Datenträger und schriftliche Unterlagen, etwa zu Immobilien, seien sichergestellt worden, teilen das Landeskriminalamt sowie die Staatsanwaltschaft Hannover und die Europäische Staatsanwaltschaft mit. Im Fokus der Ermittler standen die Wohnungen von Iri und ihrem Ehemann sowie von deren Tochter Esma B. und Sohn Emre B. Damit weitet sich der Kreis der Verdächtigen in der Iri-Affäre aus.

Bisher haben die Behörden gegen Iri und ihre Tochter ermittelt. Jetzt stehen auch Iris Ehemann und Sohn Emre B. unter Verdacht. Was das bedeutet, ob jetzt auch wegen bandenmäßiger Kriminalität ermittelt wird, will die Staatsanwaltschaft Hannover bislang nicht sagen. Man müsse die weiteren Ermittlungen abwarten, heißt es.

Bei den Durchsuchungen am frühen Mittwochmorgen trafen die Beamten Iri, ihren Ehemann sowie die Tochter in ihren Wohnungen an. Der Sohn war in seinem Haus nicht zugegen. Niemand habe ausgesagt, heißt es vonseiten der Staatsanwaltschaft. Die Beschuldigten seien alle Verantwortliche des Vereins. Ihnen wird vorgeworfen, öffentliches Fördergeld, unter anderem von Land und Region, für private Zwecke, etwa den Kauf von Immobilien, verwendet zu haben. Dabei geht es um eine Gesamtsumme von mehr als einer Million Euro.

Da Iris Verein auch Geld aus europäischen Fördertöpfen bewilligt bekam, ermittelt inzwischen auch die Europäische Staatsanwaltschaft. „Vermögensarreste“ in Höhe von knapp 740.000 Euro habe die europäische Ermittlungsbehörde über das Amtsgericht Hamburg durchgesetzt, teilt die Behörde mit. Das bedeutet, dass die europäischen Ermittler sichergestellt haben, dass Fördergeld nicht verloren geht. „Bezüglich verschiedener Immobilien haben wir Sicherungshypotheken eintragen lassen“, teilt eine Sprecherin der Europäischen Staatsanwaltschaft mit. Auf 740.000 Euro beläuft sich auch die Summe, die aus einem europäischen Fördertopf an Iris Verein ausgezahlt wurde.

Iri hatte ihren Integrationsverein 2018 im Stadtteil Kronsberg gegründet. Mitgründer des Vereins waren unter anderem Iris Tochter Esma B. und ihr Sohn Emre B. sowie mehrere weitere Personen. Iri wollte nach eigenen Angaben eine Beratungsstelle für Migranten einrichten und mehrere Integrationsprojekte für Jugendliche ins Leben rufen. Es gelang ihr, dafür Fördergeld von Bund, Land und Region einzuwerben.

Inzwischen liegen der Staatsanwaltschaft Hannover mehrere Strafanzeigen gegen Iri und ihren Verein vor. Bund und Land fordern ihre Zuschüsse zurück. Der Verein steht unter Insolvenzverwaltung.

1 Juli 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Mitglieder nehmen Parteiumbau überraschend in allen Punkten an

von Fremdeninfo 1 Juli 2026
von Fremdeninfo

Artikel von Olk, Julian/ Hadelsblatt

Die Grünen werden ihre Satzung an mehreren Stellen ändern. Das hat eine Urwahl ergeben, deren Ergebnis Grünen-Generalsekretärin Pegah Edalatian am Mittwoch verkündet hat. Die Grünen wollen sich durch die Änderungen im Wettbewerb mit anderen Parteien schlagkräftiger aufstellen: Mehr Geschwindigkeit, Professionalisierung und weniger Selbstbeschäftigung sind das Ziel. „Wir wollen die Ärmel hochkrempeln“, sagte Edalatian. Es sei die größte Strukturreform der Partei jemals, und sie sei „seit Jahren überfällig“.

Im Wahlkampf hatte die Partei massiven Zuwachs erhalten und steht aktuell bei rund 183.000 Mitgliedern. Nach Ansicht der Spitze passen die Parteistrukturen nicht mehr dazu. Deshalb sollen die Grünen erstmals einen Generalsekretär bekommen, die Vertreter der Landesregierungen sollen eine gewichtigere Rolle spielen, im Bundesvorstand dürfen mehr bekannte Gesichter sitzen, und die Antragsflut soll verkleinert werden.

Das Ergebnis der Urwahl ist in jeder Hinsicht überraschend. Über drei Wochen hatten die Grünen-Mitglieder über die Satzungsänderungen abgestimmt. Mit jedem Tag, der verging, war aus der Spitze vermehrt Skepsis zu hören, dass einige Punkte scheitern könnten. Gegen Ende wurden Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir und Ex-Vizekanzler noch in die Kampagne einbezogen, an der Abstimmung teilzunehmen.

Die basisdemokratischen Strukturen sind bei den Grünen tief verankert, sie gehören zum Gründungsmythos der Partei. Die Arbeit, daran etwas zu ändern, läuft seit vielen Jahren schleppend. Selbst Robert Habeck und Annalena Baerbock scheiterten mit einigen Plänen in ihrer Zeit als Parteichefs, in der sie ansonsten starke Unterstützung an der Basis hatten.

Gegen die Urabstimmung wurde gar eine Klage eingereicht, die allerdings scheiterte. In eigens eingerichteten WhatsApp-Gruppen wurde gegen die Satzungsänderungen mobilisiert.

Umso bemerkenswerter ist nun, dass die Mitglieder die insgesamt 17 Änderungsvorschläge allesamt angenommen haben, davon 15 mit mehr als zwei Dritteln der Stimmen. Die Wahlbeteiligung war mit rund 35 Prozent besonders hoch, 64.000 Parteimitglieder haben mitgemacht. Edalatian sprach von einer „beeindruckenden Wahlbeteiligung“. Sie sei „wirklich stolz auf diese Partei“.

Im Vorfeld hieß es, mindestens zehn Prozent müssten erreicht werden, das sei die übliche Beteiligungszahl in den meisten Kreisverbänden. Hinter vorgehaltener Hand war von mehr als 20 Prozent die Rede.

Das sind die wichtigsten Anpassungen:

Im Gegensatz zu allen anderen großen Parteien haben die Grünen bislang kein Präsidium, in dem die Spitzenvertreter aus Bund, Ländern und EU der Partei zusammenkommen. Stattdessen haben sie einen Parteirat, der durch den großen Parteitag gewählt wird. Dafür kann sich grundsätzlich jedes Mitglied aufstellen. So sitzen in dem Gremium aktuell einige Basismitglieder, während manch Regierender aus den Ländern institutionell keinen Einfluss auf Bundesebene hat.

Der Parteirat wird zwar weiterhin so heißen, soll aber faktisch einem Präsidium ähneln. Statt des großen Parteitags soll ihn künftig der Länderrat, der kleine Parteitag, wählen. Der Parteirat soll aus zehn bis 14 Personen bestehen.

Beim Länderrat ist die Dichte an Funktionsträgern deutlich höher. Basismitglieder dürften daher künftig kaum mehr eine Chance haben, in den Parteirat einzuziehen, dafür wichtige Parteivertreter wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir oder Nordrhein-Westfalens Vizeministerpräsidentin Mona Neubaur. Vertreten sein sollen zudem die Vorsitzenden der Bundestags- sowie der Europafraktion, zwei Parteimitglieder aus dem Bundesrat, Bürgermeister und Landräte.

Stärker in der Öffentlichkeit wirken soll auch die neue Generalsekretärin. Den Posten gibt es ebenfalls bei allen anderen Parteien. Bei den Grünen hieß er bislang „Politische Geschäftsführerin“. Die Position wurde nun umbenannt, Edalatian ist seit Mittwoch Generalsekretärin. „Ich werde jetzt erstmal nicht mehr erklären müssen, was meine Position ist“, sagte sie.

Weitere Änderungen an dieser Position gibt es nicht. Bei anderen Parteien bestimmt der Vorstand die Generalsekretärin oder den Generalsekretär, bei den Grünen wählt weiterhin der Parteitag. Zu groß war die Sorge, die Basis würde bei der Beschneidung ihrer Kompetenzen nicht mitmachen.

Die Trennung von Amt und Mandat ist ein Grundprinzip bei den Grünen. Wer dem Führungszirkel der Partei angehört, kann nicht in einem Parlament sitzen oder ein Regierungsamt bekleiden. Für den Bundesvorstand ist diese Regel etwas aufgeweicht: In dem sechsköpfigen Gremium dürfen zwei Mandatsträger sitzen. Aktuell sind das die beiden Vorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak, die beide ein Bundestagsmandat haben.

Das Ziel ist, die Auswahl geeigneter Führungspersonen für die Partei zu vergrößern, die Erfahrung haben und in der Öffentlichkeit ankommen. Die Basis hat sich nun mehrheitlich dafür entschieden, dass ein dritter Mandatsträger im Bundesvorstand sitzen darf.

Allerdings haben die Mitglieder auch den zweiten Passus angenommen, dass diese dritte Person kein Bundestagsmandat haben darf. Sie kann also nur aus dem Europaparlament oder aus einem Landesparlament kommen.

Mit dieser Entscheidung dürften die nächsten Monate spannend werden. Beim großen Parteitag der Grünen im Dezember in Berlin werden alle Vorstandsmitglieder turnusgemäß neu gewählt. Es wird erwartet, dass die Vorsitzenden Banaszak und Brantner weitermachen und das angesichts stabiler Umfragen sowie bislang guter Landtagswahlergebnisse auch dürfen.

In der zweiten Reihe könnte es aber zu Veränderungen kommen. Es ist unklar, ob Geschäftsführerin Edalatian sich beim Parteitag im Dezember wieder zur Wahl stellt. Hinzu kommt, dass manche in der Partei gern einen bekannteren Kopf als Generalsekretärin oder -sekretär hätten – wobei sie die erfolgreiche Urabstimmung jetzt sicherlich stärkt.

Dabei fiel zuletzt immer wieder der Name Andreas Audretsch, der für Habeck schon den Bundestagswahlkampf 2025 geleitet hatte. Ob er zur Verfügung gestanden hätte, ist unklar. Die Frage stellt sich nun aber nicht mehr, denn Audretsch sitzt im Vorstand der Bundestagsfraktion und ist damit aus dem Spiel, sofern er nicht sein Mandat aufgibt, womit nicht zu rechnen ist.

Das verhindert zumindest an dieser Stelle einen Machtkampf im linken Flügel, dem Audretsch und Edalatian angehören. Hätte Audretsch Edalatian ablösen und Generalsekretär werden wollen, wäre ein Mann zu viel im Bundesvorstand gewesen. Dort gilt Geschlechterparität,  ebenso wie Parität zwischen den Flügeln, den Linken und den Realos. Die Realos sollen intern schon klargemacht haben, nicht noch eine dritte Frau im Vorstand stellen zu wollen, damit die Linken drei Männer besetzen können.

Denn neben Edalatian sitzen für den linken Flügel noch Parteichef Banaszak und Parteivize Sven Giegold im Vorstand. Es hätte auf einen Machtkampf zwischen Giegold und Audretsch hinauslaufen können.

Die Klausel bei der Urwahl, keinen dritten Bundestagsabgeordneten im Vorstand zuzulassen, ist auf Giegold zurückzuführen. Er wolle nicht, dass das wichtigste Gremium die Breite der Partei so wenig abbilde, hieß es. Manch einer vermutet dahinter aber auch, besagten Machtkampf vermeiden zu wollen.

Wie sich der Vorstand angesichts der neuen Umstände nun sortiert, klärt sich erst in den nächsten Monaten.

Parteitage sind bei den Grünen regelmäßig Nachtveranstaltungen. Jedes Mitglied hat das Recht, eigene Anträge einzureichen und Änderungen an anderen vorzuschlagen. Das führt dazu, dass es jedes Mal eine Flut von Hunderten, oft auch Tausenden Anträgen gibt. Es gibt Erzählungen, die Parteizentrale werde wegen der Bearbeitung vor den Parteitagen wochenlang lahmgelegt.

Bei den Parteitagen selbst führen parallele Verhandlungen um die vielen Änderungsvorschläge oft dazu, dass weder die Delegierten noch die Journalisten in allen Fällen wissen, worüber konkret abgestimmt wird.

Änderungsanträge sind bislang dann gültig, wenn der Verfasser mindestens 50 Unterstützer hat. Vor einigen Jahren hatte die Partei die Schwelle bereits von zuvor 25 angehoben. Doch auch wegen der vielen neuen Mitglieder hat sich an der Überforderung nichts geändert.

Nun haben die Grünen durchgesetzt, dass mindestens 0,05 Prozent der Mitglieder einen Antrag unterstützen müssen. Aktuell wären das rund 95 Personen. Hinzu kommt, dass einzelne Ortsverbände allein nicht mehr antragsberechtigt sind. Außerdem kann der Parteitag künftig in seiner Geschäftsordnung eine Höchstzahl an Anträgen festlegen, die ein Gremium oder Parteimitglied dort stellen darf. „Unsere Parteitage werden transparenter, wir können uns auf die Inhalte fokussieren“, sagte Edalatian.

Zusätzlich müssen künftig die Hälfte der Unterstützer eines Antrags Frauen sein. Bei den Personen, die bei den Parteitagen in der Regel besonders viele Anträge stellen, handelt es sich meist um Männer.

Mehr: Grüne wollen als erste Partei einheitlichen Strompreis abschaffen – Minuten nach dem Beschluss folgt interner Protest

1 Juli 2026 0 Kommentare
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Allgemein

GESTRICHENE WÄNDE, NICHT ZU VERBERGENDE WAHRHEITEN

von Fremdeninfo 1 Juli 2026
von Fremdeninfo

               Von: Zeynep Hayır

Die NATO kommt erneut zusammen. In den Kalendern ist dies als ein mehrtägiger internationaler Gipfel vermerkt. Diplomatisch gesehen werden solche Treffen als Zusammenkünfte definiert, bei denen Themen wie Sicherheit, Verteidigung und internationale Zusammenarbeit behandelt werden. Doch manche Gipfel bleiben weniger durch die getroffenen Entscheidungen als vielmehr durch das, was sie über das Gastgeberland selbst aussagen, im Gedächtnis.

Diesmal ist die Bühne Ankara. In Kürze werden Staatschefs und Delegationen aus verschiedenen Ländern der Welt in dieser Stadt eintreffen. Die Routen, die die Staats- und Regierungschefs befahren werden, werden erneuert. Wände werden gestrichen. Landschaftsgestaltungen werden vorgenommen. Protokollwege werden vorbereitet. Es wurde angekündigt, dass Taxifahrer in einheitlicher Kleidung Dienst tun werden und in den Fahrzeugen türkischer Honig (Lokum) sowie Kölnisch Wasser (Kolonya) angeboten wird. Das wird das Ankara sein, das man auf den ersten Blick sieht.

Jedes Land möchte seine internationalen Gäste gut bewirten. Dies kann als ein gewöhnlicher staatlicher Reflex angesehen werden. Doch je größer die Vorbereitungen werden, desto lauter werden auch andere Fragen. Welches Gesicht möchte ein Land seinen Gästen zeigen?

In der Öffentlichkeit gibt es hitzige Debatten über die Viertel, die hinter den entlang der Wege aufgestellten Sichtschutzwänden verborgen bleiben, über eilig gestrichene Gebäude und die künstliche Verschönerung der Umgebung. Bei diesen Diskussionen geht es nicht nur um Stadtästhetik. Sie bringen gleichzeitig eine umfassendere Hinterfragung mit sich, mit welchen Prioritäten öffentliche Mittel eingesetzt werden.

ARMUT LÄSST SICH NICHT HINTER SICHTSCHUTZWÄNDEN VERBERGEN

Denn Armut ist nicht nur ein Anblick. Armut ist der Name eines Lebens, in dem die Menschen jeden Morgen aufs Neue erwachen. Eine Sichtschutzwand kann sie nicht unsichtbar machen. Eine Mauer kann sie nicht beseitigen. Und mehrtägige Vorbereitungen können die über Jahre angehäuften gesellschaftlichen Probleme nicht im Alleingang lösen. Am nächsten Morgen werden dieselben Menschen in denselben Häusern aufwachen, dieselben Existenzrechnungen anstellen und die Last desselben Lebens auf ihren Schultern tragen.

Die NATO wurde 1949 gegründet. Ihr Gründungszweck wurde als die Gewährleistung der gemeinsamen Verteidigung der Mitgliedstaaten erklärt. Dennoch stand das Bündnis im Laufe der Jahre nicht nur wegen seiner Verteidigungspolitik, sondern auch wegen militärischer Interventionen wie in Jugoslawien, Afghanistan und Libyen im Zentrum intensiver Debatten. Während Befürworter die NATO als ein wichtiges Element der internationalen Sicherheitsarchitektur betrachten, argumentieren Kritiker, dass das Bündnis Teil militärischer Interventionen, des Wettrüstens und des Machtwettbewerbs der Großmächte sei.

Daher ist der Gipfel in Ankara nicht nur ein diplomatisches Treffen. Er fällt gleichzeitig in eine Zeit, in der unterschiedliche politische Standpunkte erneut aufeinandertreffen. Vor dem Gipfel wurden die Sicherheitsvorkehrungen in Ankara und Istanbul verschärft. Einschränkungen für Versammlungen und Demonstrationen wurden verhängt. Festnahmen und Verhaftungen führten zu breiten öffentlichen Diskussionen. Während Behörden angeben, dass diese Maßnahmen aus Sicherheitsgründen durchgeführt werden, äußern Menschenrechtsorganisationen und Juristen ihre Besorgnis hinsichtlich der Meinungsfreiheit und des Versammlungsrechts.

Für einen zweitägigen Gipfel haben sich nicht nur die Straßen verändert. Auch der tägliche Rhythmus der Stadt hat sich gewandelt. Genau an diesem Punkt wird die Debatte über öffentliche Ausgaben erneut entfacht. Während über die für die Gipfelvorbereitungen getroffenen Maßnahmen gesprochen wird, äußern viele Menschen, dass dieselben Ressourcen für Sozialpolitik, Bildung, Gesundheit, die Lebensbedingungen von Rentnern und die langfristigen Bedürfnisse der Städte aufgewendet werden sollten.

Die Prioritäten einer Gesellschaft zeigen sich nicht nur in Budgettabellen, sondern darin, wohin dieses Budget gelenkt wird. Vielleicht ist dies die Frage, die heute in Ankara im Raum steht: Inwieweit kann ein Land internationale Gäste beherbergen und gleichzeitig die alltäglichen Probleme seiner eigenen Bürger lösen?

Diese Frage betrifft nicht nur die Türkei. Vielerorts auf der Welt wird das Gleichgewicht zwischen Sicherheit, Diplomatie, Wirtschaft und sozialer Gerechtigkeit neu diskutiert. Der Nahe Osten erlebt weiterhin die schwerwiegenden Folgen von Kriegen, Migration und geopolitischem Wettbewerb. Daher bringt jedes internationale Treffen in der Region nicht nur eine diplomatische Agenda, sondern auch Sorgen über die Zukunft von Millionen von Menschen mit sich.

Der Gipfel wird enden. Die Konvois werden die Stadt verlassen. Die Vorbereitungen werden Geschichte sein. Doch was bleibt, sind dieselben Fragen. Bemisst sich das Ansehen eines Landes nur an der Sorgfalt, die es seinen Gästen entgegenbringt, oder an der Lebensqualität, die es seinen eigenen Bürgern bietet? Vielleicht sind die nachhaltigsten Vorbereitungen nicht die Verschönerungen für einen mehrtägigen Gipfel, sondern die Schritte, die über Jahre hinweg das Leben der Menschen wirklich berühren. Denn gestrichene Wände altern mit der Zeit wieder. Aber gelöste gesellschaftliche Probleme hinterlassen eine weitaus dauerhaftere Spur.

1 Juli 2026 0 Kommentare
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Allgemein

Solingen 1993: Die Wunde wird wieder aufgerissen

von Cumali Yağmur 1 Juli 2026
von Cumali Yağmur

                     Von: dtj-online

 

33 Jahre nach dem rechtsextremen Brandanschlag von Solingen will einer der Verurteilten das Verfahren neu aufrollen lassen. Für die Familie Genç ist das mehr als ein juristischer Vorgang. Es geht um Wahrheit, Erinnerung – und um die Frage, wie mit rechter Gewalt in Deutschland umgegangen wird.

Es gibt Sätze, die verschwinden nicht. Auch dann nicht, wenn Richter gesprochen haben, wenn Haftstrafen verbüßt sind, wenn Gedenktafeln angebracht, Kränze niedergelegt und Jahrestage abgehalten wurden. „Ich bin unschuldig“, soll Felix K. bei der Urteilsverkündung 1995 gerufen haben. Damals wurde er als einer von vier jungen Männern wegen des Brandanschlags von Solingen verurteilt. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, will er erreichen, was ihm damals nicht gelungen ist: eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

Sein Anwalt argumentiert, das Urteil habe sich wesentlich auf Geständnisse gestützt, die später widerrufen oder verändert worden seien. Neue Beweismittel sollen nun belegen, dass es sich um falsche Geständnisse gehandelt habe. Das Oberlandesgericht Düsseldorf prüft den Antrag. Juristisch ist das zunächst genau das: ein Antrag, kein Freispruch, keine neue Wahrheit, keine automatische Rehabilitierung.

Die Wunde ist aufgerissen

Und doch reicht schon dieser Antrag aus, um in Solingen alte Wunden wieder aufzureißen. Denn der Brandanschlag vom 29. Mai 1993 ist nicht irgendein Kriminalfall aus den Archiven der Bundesrepublik. Er ist eines der schwersten rassistischen Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. In jener Nacht wurde das Haus der Familie Genç an der Unteren Wernerstraße angezündet.

Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç starben. Zwei junge Frauen und drei Mädchen. Fünf Leben, ausgelöscht durch rassistischen Hass. Viele weitere Familienmitglieder überlebten schwer verletzt, körperlich und seelisch gezeichnet.

Die Bilder des ausgebrannten Hauses gingen um die Welt. Solingen wurde über Nacht zu einem Symbol. Nicht für Stahl, Scheren und Messer. Sondern für den tödlichen Rassismus eines Landes, das sich nach der Wiedervereinigung viel zu lange eingeredet hatte, rechte Gewalt sei Randphänomen, Jugendentgleisung, ein Problem einzelner Gewalttäter.

Familie Genç hat diesem Land danach etwas gegeben, das es eigentlich nicht verlangen durfte: Versöhnung

Vor allem Mevlüde Genç, die 2022 verstorbene Mutter, Großmutter und Tante der Ermordeten, wurde zur Stimme der Menschlichkeit. Sie rief zur Besonnenheit auf, als Wut, Schmerz und Verzweiflung in der türkischen Community und bei vielen Migrantinnen und Migranten zu explodieren drohten. Sie verhinderte nicht allein, aber wesentlich mit ihrer Haltung, dass aus dem Feuer von Solingen ein noch größerer gesellschaftlicher Flächenbrand wurde.

Doch genau darin liegt bis heute eine bittere Überforderung. Mevlüde Genç wurde in Deutschland oft als große Versöhnerin gefeiert. Zu Recht. Aber diese Erzählung hatte manchmal auch eine bequeme Seite. Wer die Versöhnung der Opfer zu laut lobt, muss sich weniger mit dem Versagen der Tätergesellschaft beschäftigen. Wer Genç als Symbol der Vergebung verehrt, darf nicht vergessen, dass sie zugleich immer Aufklärung, Konsequenz und Ernsthaftigkeit im Kampf gegen Rechtsextremismus forderte.

Versöhnung war nie ein Schlussstrich

Das macht die aktuelle Entwicklung so sensibel. Die Familie Genç wurde über Jahrzehnte immer wieder auf den Prozess angesprochen. Immer wieder stand die Frage im Raum, ob wirklich alles aufgeklärt wurde. Ob vier junge Männer, so unterschiedlich sie in Herkunft, Umfeld und Biografie waren, allein ein solches Verbrechen geplant und begangen haben sollen. Ob das Umfeld, das Klima, mögliche Mitwisser, politische Verantwortung und gesellschaftliche Brandstifter jemals ausreichend beleuchtet wurden.

Der Wiederaufnahmeantrag von Felix K. berührt deshalb nicht nur die Frage, ob ein einzelner Verurteilter zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er berührt die viel größere Frage, wie belastbar die offizielle Gewissheit ist, mit der Deutschland solche Kapitel irgendwann schließt.

Genau hier beginnt diese Serie

Denn Solingen steht nicht allein. Mölln steht nicht allein. Der NSU steht nicht allein. Hanau steht nicht allein. Duisburg, Halle, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, die Keupstraße in Köln: Immer wieder zeigt sich bei rechtsextremen Anschlägen ein Muster. Der Staat erkennt rechte Motive zu spät. Behörden suchen zunächst im Umfeld der Betroffenen. Hinweise werden übersehen, Spuren nicht verfolgt, Akten verschwinden oder werden vernichtet. Opfer werden befragt, verdächtigt, beobachtet – während Täter, Netzwerke und Milieus zu lange unterschätzt werden und unbehelligt bleiben.

Im NSU-Komplex wurde dieses Muster besonders brutal sichtbar. Menschen wurden ermordet, ihre Familien jahrelang mit Verdächtigungen überzogen. Die Mordserie wurde schändlich mit einem Begriff („Dönermorde“) belegt, der die Opfer rassistisch markierte, statt die Täter zu benennen. Auch beim Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße wurden aus Betroffenen über Jahre Verdächtige gemacht. Erst als sich der NSU 2011 selbst enttarnte, wurde öffentlich anerkannt, was die Betroffenen längst wussten: Sie waren Ziel rassistischer Gewalt.

Die deutsche Erinnerungsarbeit ist eine Farce

Das ist der Kern des Problems deutscher Erinnerungsarbeit: Es wird erinnert, aber oft zu spät verstanden. Jedes Jahr kommen an Jahrestagen Politikerinnen und Politiker zusammen. Es werden Reden gehalten, Blumen niedergelegt, Sätze gesagt, die niemand falsch finden kann. „Nie wieder.“ „Wir stehen zusammen.“ „Wir dürfen nicht vergessen.“ Diese Worte sind nicht falsch. Aber sie sind verbraucht, wenn keine Konsequenzen folgen.

Erinnerung darf kein Pflichttermin sein, der nach einer Stunde abgehakt wird. Erinnerung darf nicht davon leben, dass dieselben Gesichter sich gegenseitig bestätigen, wie wichtig Erinnerung sei, während die Angehörigen mit ihrem Schmerz wieder allein nach Hause gehen. Erinnerung muss unbequem bleiben. Sie muss fragen, wer damals weggesehen hat. Wer profitiert hat. Wer relativiert hat. Wer bis heute Akten sperrt. Wer Gedenkorte verhindert. Wer den Angehörigen zuhört – und wer nur bei Kameras neben ihnen steht.

Sichtbare Zeichen der Erinnerung sind unliebsam

Auch Solingen hat Erinnerungszeichen. Es gibt ein Mahnmal, Gedenktafeln, Stelen, einen nach Mevlüde Genç benannten Platz. Das ist wichtig. Aber der Wunsch der Familie geht weiter. An der Unteren Wernerstraße, dort, wo das Haus einst stand, wünscht sie sich einen wirklichen Ort des Lernens und Gedenkens. Einen Ort, an dem Schulklassen nicht nur vor Kastanienbäumen stehen, sondern begreifen, was in dieser Stadt geschehen ist. Einen Ort, der die Namen, Gesichter, Biografien und Folgen sichtbar macht. Nicht als ritualisierte Trauerkulisse, sondern als Bildungsauftrag.

Dass dieser Wunsch in der lokalen und politischen Debatte nicht einfach als selbstverständlich aufgenommen wird, sagt viel aus. Betroffene sollen dankbar sein für das, was man ihnen zugesteht. Aber wenn sie selbst formulieren, was Erinnerung für sie bedeuten müsste, wird es schnell als Zumutung empfunden. Als sei nicht der rassistische Mordanschlag die eigentliche Zumutung gewesen, sondern der Anspruch der Überlebenden, endlich selbst über die Form des Erinnerns mitzubestimmen.

Türkische Politiker nutzen die Erinnerungsarbeit aus

Gleichzeitig muss auch die türkische Seite kritisch betrachtet werden. Türkische Politiker, Diplomaten und Regierungsvertreter haben Solingen über Jahre immer wieder als Bühne genutzt. Manchmal aus ehrlichem Gedenken, manchmal aber auch mit politischem Kalkül. Fotos mit der Familie Genç, kurze Besuche am Jahrestag, symbolische Gesten für die eigene Öffentlichkeit: Auch das gehört zur Wahrheit. Die Familie Genç darf weder zur Kulisse deutscher Betroffenheit noch zu einer türkischer Staatsinszenierung gemacht werden.

Sie verdient etwas Einfacheres und Schwereres zugleich: Respekt, Wahrheit und Selbstbestimmung. Der Wiederaufnahmeantrag von Felix K. wird nun juristisch geprüft. Vielleicht wird er verworfen. Vielleicht kommt es tatsächlich zu einer neuen Beweisaufnahme. Ein Rechtsstaat muss diese Möglichkeit aushalten. Auch bei einem Fall, der emotional so aufgeladen ist wie Solingen. Wer Aufklärung fordert, kann sie nicht nur dann wollen, wenn sie die eigene Gewissheit bestätigt.

Rechtsextreme Taten wirken auch nach dem Anschlag weiter

Aber ebenso gilt: Eine Wiederaufnahme darf nicht dazu führen, dass der rassistische Charakter des Anschlags relativiert wird. Solingen bleibt ein rechtsextremes Verbrechen. Die fünf Ermordeten bleiben Opfer rassistischen Hasses. Die Familie Genç bleibt eine, der dieses Land unermessliches Leid zugefügt hat – durch die Täter, aber auch durch die Art, wie man danach allzu oft verwaltet, ritualisiert und bagatellisiert hat.

Vielleicht ist genau das die schmerzhafteste Erkenntnis: Rechtsextreme Gewalt endet nicht mit der Tat. Sie setzt sich fort in Ermittlungsfehlern, in Verdächtigungen, in fehlender Anerkennung, in symbolischer Politik, in verschleppten Gedenkorten und in der Erwartung, dass Betroffene versöhnlich bleiben sollen.

Solingen ist nie abgeschlossen

Nicht, solange die Angehörigen das Gefühl haben, dass ihre Fragen stören. Nicht, solange Erinnern nur an Jahrestagen Konjunktur hat. Nicht, solange der Ort des Verbrechens kein Ort ist, an dem Deutschland verbindlich lernt. Und nicht, solange neue juristische Entwicklungen die alte Unsicherheit wieder entfachen.

Und auch die fehlende breite Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft über das Leid der Familie sind ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft. Zu viele interpretieren den Antrag von Felix K. als ein Indiz dafür, dass etwas Wahres dran sein könnte an dem Gerücht, die Männer der Familie hätten das Haus 1993 selbst angezündet. Diese kranke rassistische Idee sitzt bei zu vielen Solingerinnen und Solingern zu locker im Gedächtnis. Ein Straßeninterview in der Solinger Innenstadt würde das belegen.

Daher gilt nun: Die Wunde von Solingen war ohnehin nie verheilt. Sie wurde nur jedes Jahr neu verbunden. Und jetzt ist sie wieder aufgerissen worden

1 Juli 2026 0 Kommentare
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Rassismus

Berlin-Senatorin Kızıltepe: „Jede Form der Diskriminierung ist eine zu viel

von Fremdeninfo 1 Juli 2026
von Fremdeninfo

                     Von Stefan Kreitewolf 7 Dtj-online

 Die Berliner Arbeitssenatorin und Antidiskriminierungsbeauftragte Cansel Kızıltepe spricht über steigende Fallzahlen, strukturelle Benachteiligung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie die Grenzen des bestehenden Rechtsrahmens. Im DTJ-Interview erklärt sie, warum mehr Meldungen auch ein Fortschritt sein können, wo Deutschland beim Diskriminierungsschutz noch hinterherhinkt – und welche Reformen sie erwartet.

Frau Kızıltepe, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnet erneut eine hohe Zahl gemeldeter Diskriminierungsfälle. Kritiker könnten einwenden, dass die steigenden Zahlen vor allem auf eine höhere Sensibilität und bessere Meldewege zurückzuführen seien. Inwieweit spiegeln die Zahlen aus Ihrer Sicht tatsächlich eine Verschärfung des Problems wider?

Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass in Deutschland und auch in Berlin viele Menschen von Diskriminierung betroffen sind. Neben dem Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigen dies auch der Bericht der Berliner Ombudsstelle zum Landesantidiskriminierungsgesetz, der Nationale Diskriminierungs- und Rassismus-Monitor und die Berichte der Berliner Register. Um ein realistisches Bild der Lage zu bekommen, sind niedrigschwellige Meldewege erforderlich. Wenn die Zahlen steigen, weil mehr Menschen Diskriminierung erkennen und gegen sie vorgehen, ist das ein wichtiger Fortschritt. Das zeigt uns, wie wichtig der Einsatz gegen Diskriminierung ist.

Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte berichten seit Jahren über Benachteiligungen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Warum gelingt es Politik und Verwaltung bislang nicht, diese strukturellen Probleme wirksam zurückzudrängen?

Wir haben dazu wichtige Projekte: Das Land Berlin fördert seit neun Jahren die Fachstelle Fair mieten – Fair wohnen. Das ist die bundesweit einzige Beratungsstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Es geht dabei auch um gute Beratung und Begleitung bei der Jobsuche: Dafür haben wir die Fachstelle für Arbeitsmarkt und Antidiskriminierung. Diskriminierung bei der Arbeitssuche erleben wir häufig bei intransparenten Entscheidungen der Unternehmen, etwa bei Bewerbungsverfahren, Absagen ohne nachvollziehbare Begründung oder auch in der Personalführung. Für die Betroffenen ist es dann sehr schwer, Diskriminierung nachzuweisen und ihre Rechte tatsächlich durchzusetzen.

Welche Formen von Diskriminierung bereiten Ihnen derzeit die größten Sorgen: rassistische Diskriminierung, antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft, Behinderung oder sexuelle Identität? Wo sehen Sie die größten blinden Flecken der öffentlichen Debatte?

Ich führe kein Ranking für Diskriminierungen. Ich sage ganz klar: Jede Form der Diskriminierung ist eine zu viel!

Ich habe dabei auch im Blick, dass es Formen von Diskriminierung gibt, die rechtlich nicht als Diskriminierung anerkannt sind. Da erhalten die Betroffenen dann auch keinen Rechtsschutz. Das sind zum Beispiel kinderreiche Familien oder Alleinerziehende bei der Wohnungssuche. Andererseits gibt es Diskriminierungsformen, die zwar erkannt, aber letztlich aufgrund des finanziellen Aufwands in Kauf genommen werden, z.B. bei Fragen angemessener Vorkehrungen für Menschen mit Behinderung.

Der Jahresbericht zeigt, dass viele Betroffene Diskriminierung im Arbeitsleben erfahren. Sie sind Senatorin für Arbeit. Wo sehen Sie die größten Defizite bei Arbeitgebern – und welche Konsequenzen sollten Unternehmen befürchten, die ihrer Verantwortung nicht nachkommen?

Die größten Defizite bei vielen Arbeitgebenden sehe ich weniger im fehlenden Bekenntnis zu Vielfalt, sondern in der praktischen Umsetzung ihrer Pflichten. Häufig fehlen klare und vertrauenswürdige Möglichkeiten zur Beschwerde. Beschäftigte wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können. Oder Beschwerden werden informell aber nicht professionell bearbeitet. Manche Betroffene erleben nach ihrer Meldung einer Diskriminierung eher Rechtfertigung und Abwehr und teilweise sogar Stigmatisierung statt Schutz und Aufklärung.

„Deutschland hat kein starkes System von Sanktionen bei Diskriminierung“

Um noch effektiver gegen Diskriminierung vorzugehen, braucht es vorbeugende Maßnahmen: diskriminierungssensible Stellenausschreibungen, transparente Auswahl- und Beförderungsverfahren, Schulungen von Führungskräften, Schutz vor beispielsweise rassistischen, sexistischen oder ableistischen Äußerungen im Arbeitsalltag und eine Beschwerdestelle, die nicht nur formal existiert, sondern erreichbar, unabhängig genug und handlungsfähig ist. Unternehmen, die sich weigern, aktiv gegen Diskriminierung vorzugehen und hier keinerlei Verantwortung zeigen, müssten dafür rechtliche und finanzielle Konsequenzen befürchten.

In vielen migrantischen Communities herrscht die Wahrnehmung, dass Diskriminierung zwar politisch verurteilt, aber selten wirksam sanktioniert wird. Ist der deutsche Rechtsrahmen aus Ihrer Sicht zu schwach?

Tatsächlich hat Deutschland im europäischen und im internationalen Vergleich kein starkes System von Sanktionen bei Diskriminierung. Zivilrechtliche Ansprüche im Zusammenhang mit Diskriminierung müssen die Betroffenen selbst durchsetzen, zudem sind die Entschädigungen oft eher niedrig.

In Berlin haben wir mit dem Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) allerdings seit 2020 ein Gesetz gegen Diskriminierung durch die Verwaltung. Besonders ist hier die LADG-Ombudsstelle, die Betroffene Personen bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt. Ich würde ein vergleichbares Gesetz auf Bundesebene sehr begrüßen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz steht seit Jahren in der Kritik. Welche konkreten Reformen halten Sie für notwendig – etwa bei Fristen, Klagemöglichkeiten oder Entschädigungsansprüchen?

Ich setze mich im Rahmen von Fachminister*innenkonferenzen und über den Bundesrat seit Jahren für eine Stärkung des Diskriminierungsschutzes durch eine Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) ein. Aus meiner Sicht muss der Merkmalskatalog überarbeitet werden und die Rechtsdurchsetzung erleichtert werden, insbesondere durch eine deutliche Verlängerung der Fristen. Auch der Anwendungsbereich müsste erweitert werden, am besten auch im Hinblick auf den Wohnungsmarkt und das Gesundheitswesen. Hierzu müssten Ausnahmen abgeschafft und der Anwendungsbereich unter Verzicht auf das Erfordernis eines Massengeschäftes vereinheitlicht werden.

Antimuslimischer Rassismus wird von Betroffenen häufig als unterschätztes Problem beschrieben. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja. Antimuslimischer Rassismus gehört für viele Musliminnen und Muslime sowie muslimisch gelesene Menschen in Berlin in nahezu allen Lebensbereichen zum traurigen Alltag, sei es in Bildungseinrichtungen oder im öffentlichen Raum. Deshalb brauchen wir eine konsequente Präventions- und Antidiskriminierungspolitik, die Schutz, Beratung und Teilhabe stärkt. Wir haben in Berlin eine Ansprechperson zu antimuslimischem Rassismus ernannt und wichtige fachpolitische Eckpunkte festgelegt. Nun gilt es, diese Ansätze weiterzuentwickeln und nachhaltig zu verankern.

Viele Menschen berichten von Diskriminierungserfahrungen, ohne diese offiziell zu melden. Welche Erkenntnisse haben Sie über die Dunkelziffer – und wie kann der Staat das Vertrauen der Betroffenen stärken?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wir arbeiten daran, dass die Beschwerdestellen in der Verwaltung bekannter und leichter zugänglich werden und unterstützen die Kolleg*innen dort bei ihrer Arbeit. Gleichzeitig fördert mein Haus über die Landesantidiskriminierungsstelle zivilgesellschaftliche Antidiskriminierungs-Beratungsstellen.

„Wir brauchen eine konstruktive Fehlerkultur“

Die LADG-Ombudsstelle steht zudem in engem Austausch mit der Zivilgesellschaft und den Communities. Wichtig ist aus meiner Sicht aber auch die Bereitschaft der Verwaltung, Fehler einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen – wir brauchen eine konstruktive Fehlerkultur.

Künstliche Intelligenz und automatisierte Entscheidungsverfahren werden zunehmend bei Bewerbungen, Kreditvergaben oder Behördenprozessen eingesetzt. Sehen Sie hier neue Diskriminierungsrisiken, auf die Politik und Gesetzgeber bislang nicht ausreichend vorbereitet sind?

Der rasant zunehmende Einsatz von automatisierten Entscheidungsverfahren (ADM) und KI in allen Lebensbereichen erhöht in der Tat Diskriminierungsrisiken. Recht in diesem Kontext durchzusetzen ist noch sehr schwierig für die Betroffenen und eine große Herausforderung. Andererseits kann eine transparente und gemeinwohlorientierte Nutzung von ADM-Systemen und KI die enormen Potentiale dieser Technologien für einen effizienteren Staat, mehr Chancengerechtigkeit, Teilhabe, Inklusion und Diversity in unserer Gesellschaft heben. Wichtige Kriterien sehe ich hier in einer menschen- und nicht wirtschaftszentrierten Umsetzung der KI-Verordnung. Diese ermöglicht wichtige Handlungsspielraum für KI-Innovationen und eine unabhängige und effiziente Marktüberwachung. Sie stärkt den Diskriminierungs- und Grundrechtsschutz und gewährleiste eine niedrigschwellige Rechtsdurchsetzung.

Die Bundesregierung hat angekündigt, den Schutz vor Diskriminierung weiter auszubauen. Welche Maßnahmen erwarten Sie konkret vom Bund – und wo sehen Sie die Verantwortung der Länder?

Sie wissen ja, der Großteil des Antidiskriminierungsrechts liegt in der Kompetenz der Bundesgesetzgebung. Mit dem Entwurf zur Reform des AGG hat die Bundesregierung allerdings keine proaktive Verbesserung des Diskriminierungsschutzes vorgelegt. Hier finden sich, mit wenigen Ausnahmen, vor allem Nachbesserungen am AGG wegen laufender Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission. Und bei der Umsetzung der EU-Richtlinien über Standards für Gleichbehandlungsstellen kurz vor Ablauf der Umsetzungsfrist sollen nur die minimalen Anforderungen ins deutsche Recht übertragen werden. Hier gibt aus meiner Sicht noch viel Raum für Verbesserungen und es wäre so wichtig für unsere Arbeit gegen jede Form von Diskriminierung, wenn diese Räume auch für tatsächliche Verbesserungen genutzt werden.

Cansel Kızıltepe (SPD) ist Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung in Berlin.

1 Juli 2026 0 Kommentare
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Allgemein

In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz mehr Extremisten und feindliche Handlungen

von Cumali Yağmur 1 Juli 2026
von Cumali Yağmur

 

Die Bedrohungen nehmen zu

Berlin.

Die Entwicklung ist besorgniserregend: In Deutschland steigt die Zahl der Extremisten, die „hybride Bedrohung“ durch Russland nimmt zu und auch von islamistischen Terroristen geht weiterhin Gefahr aus. Was Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen am Dienstag in der Bundespressekonferenz in Berlin als neuen Bericht des Inlandsgeheimdienstes vorstellten, schreibt einen bedrohlichen Trend fort.Die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts in der Übersicht:

■ Mehr Extremisten: Der Verfassungsschutz zählt für das Jahr 2025 bundesweit mehr Extremisten – besonders hoch ist der Anstieg im Bereich des Rechtsextremismus. Hier erfasst der Nachrichtendienst 58.700 Personen – 8450 mehr als im Vorjahr. Mehr als die Hälfte aller Rechtsextremisten sind Mitglieder der AfD. Durch den Mitgliederzuwachs der aktuell als „Verdachtsfall“ eingestuften AfD erklärt sich auch der hohe Anstieg der Zahl der Rechtsextremisten. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremen ist dem Verfassungsschutzbericht zufolge von 15.300 auf 15.600 gestiegen.

Das „linksextremistische Personenpotential“ gibt der Verfassungsschutz mit 42.200 an, nach 38.000 im Vorjahr. Die Zahl der „Gewaltorientierten“ sei von 11.200 leicht auf 11.600 gestiegen. Die Zahl der Islamisten hat sich demnach nur um wenige hundert auf 28.645 erhöht, davon seien geschätzt 9110 gewaltorientiert.

■ Rechtsextremismus als größte Bedrohung: Die größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland geht laut Dobrindt von Rechtsextremisten aus. Das betont der Minister bei der Vorstellung des Berichts. Verfassungsschutzpräsident Selen verweist besonders auf gewalttätige rechtsextreme Jugendgruppen, die im vergangenen Jahr eine große Rolle gespielt hätten – etwa die „Letzte Verteidigungswelle“, gegen die zurzeit ein Terrorismus-Verfahren der Bundesanwaltschaft läuft. Rechtsextreme Straftäter würden immer jünger. Dobrindt persönlich sieht die AfD als „extremistische Partei“, sagt er am Dienstag. Ein Befürworter eines Verbotsverfahrens ist der Innenminister aber nach wie vor nicht. Ein in der vergangenen Woche veröffentlichtes Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte, nach dem die AfD verfassungswidrig und ein Verbotsverfahren aussichtsreich sei, werde durch das Ministerium aktuell „intensiv angeschaut“. Neu im Bereich Rechtsextremismus: Der Verfassungsschutz stuft den rechtsextremen Online-Fernsehsender „AUF1 aus Österreich nun als gesichert extremistisch ein.

■ Konspirative Linksextremisten: Die Behörden haben weiterhin Probleme, die Verantwortlichen für linksextreme Anschläge auf Infrastruktur ausfindig zu machen. „Wir haben es hier mit hochkonspirativen Strukturen zu tun“, erklärt Verfassungsschutzchef Selen. Diese Strukturen setzten sich für jede Aktion neu zusammen. Der Nachrichtendienst habe den „aktionsorientierten Linksextremismus“ deshalb verstärkt in den Blick genommen. Solche Strukturen müssten nachrichtendienstlich noch besser durchdrungen werden. Selen zeigt sich dabei zuversichtlich: „Verschiedene Sicherheitsbehörden sind hier sehr aktiv, und wir schauen mal, was so die nächsten Monate diesbezüglich bringen.“

■ KI wird immer wichtiger – für Geheimdienste und Extremisten: Das betont Verfassungsschutzchef Selen. KI komme in Cyberangriffen zum Einsatz, bei Informationsmanipulation, in rechtsextremer Musik und für islamistische Anschlagsplanungen. Sogar der IS rufe seine Anhänger auf, sich mit KI zu befassen.

■ Mehr feindliche Handlungen durch Staaten: An erster Stelle steht dabei weiterhin Russland. Russische Nachrichtendienste setzten zunehmend sogenannte „Wegwerfagenten“ ein, sowohl um zu spionieren, als auch für Sabotageakte, betont Dobrindt. Bei der Spionage spiele auch China eine große Rolle. Angestiegen sei zudem die Bedrohung durch den Iran: „Auch dort stellen wir fest, dass Ausspähungen und auch Bekämpfung oppositioneller Gruppierungen deutlich zugenommen haben“, so Dobrindt. Es habe nicht nur Einschüchterungs-, sondern auch „Neutralisierungsversuche“ gegeben, Behördendeutsch für Tötungsversuche auf deutschem Boden.

Ein neues Gemeinsames Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen hat erst vor wenigen Wochen seine Arbeit aufgenommen. In dem Zentrum sollen alle relevanten Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten und sich täglich über Bedrohungen austauschen. In den vergangenen Wochen seien beispielsweise Pläne für einen Sprengstoffanschlag bekannt geworden. Die verantwortlichen Personen hätten dingfest gemacht und die Pläne vereitelt werden können, so Dobrindt. Details will er auf Nachfrage nicht nennen.

■ Forderung nach mehr Befugnissen: Was aus diesen Bedrohungslagen folgt, ist für Dobrindt klar: Er pocht weiterhin auf erweiterte Befugnisse für den Verfassungsschutz. „In Anbetracht der Situation sind wir der Überzeugung, dass wir weiter aufrüsten müssen“, erklärt er. Der Inlandsnachrichtendienst solle ein „echter Geheimdienst“ mit „operativen Befugnissen“ werden. „Wir sind bereit, diese Nachrichtendienstreform sehr schnell auch im Bundeskabinett und dann auch im Bundestag zu entscheiden“, sagt der Minister.

In Anbetracht der ­Situation sind wir der ­Überzeugung, dass wir weiter aufrüsten ­müssen.  Alexander Dobrindt (CSU),

1 Juli 2026 0 Kommentare
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