Werde es jeden Tag probieren“ – „100 Mal versucht, Ärmelkanal zu überqueren“: Junge (17) will zur Mutter
Ein Jugendlicher aus dem Sudan hat nach eigenen Angaben bereits 100 Mal versucht, den Ärmelkanal zu überqueren, um zu seiner Mutter nach Großbritannien zu gelangen.
Der 17-jährige Abdul, ein Migrant aus dem Sudan, will unbedingt zu seiner Mutter, die in Großbritannien lebt. Seit sieben Monaten befindet sich Abdul in einem „Zeltdschungel“ in Loon-Plage bei Dünkirchen und wartet auf seine Chance. Nach eigenen Angaben hat er bereits 100 Mal versucht, den Ärmelkanal zu überqueren, wie die britische Zeitung „Daily Mail“ berichtet.
„Ich werde es jeden Tag probieren“
„Das ist mein Weg in die Freiheit. Ich werde es jeden Tag probieren. Es ist mir egal, wenn die Polizei uns weiter aufhalten will und die bösen Männer mich angreifen, weil ich kein Geld habe, um sie zu bezahlen“, zitiert die „Mail“ den jungen Mann.
Erst kürzlich sei es ihm gelungen, die französischen Behörden zu umgehen und mit einem Boot von einem Strand aus loszufahren. Die französische Polizei reagierte mit Gewalt, setzte Tränengas ein und stach auf die Schlauchboote ein, um die Flüchtlinge zu vertreiben. Nach 15 Minuten tauchte jedoch ein neues Boot auf, das ablegen konnte, bevor die Polizei eingreifen konnte.
Auch die neue „Ruanda Bill“ schreckt ihn nicht ab
Trotz der neuen „Ruanda Bill“, die es den Beamten der Einwanderungsbehörde erlaubt, die ersten Migranten in Haft zu nehmen, um sie nach Ruanda abzuschieben, bleibt Abdul standhaft. „Nichts wird mich aufhalten. Ich werde nach England kommen. Ich will nicht nach Ruanda abgeschoben werden, aber ich habe keine Angst, dorthin zu gehen.“
Die britische “Ruanda Bill“ bezieht sich auf einen politischen Vorstoß der britischen Regierung, Asylsuchende, die illegal in Großbritannien ankommen, zur Bearbeitung ihrer Asylanträge nach Ruanda zu schicken. Dies ist Teil eines umstrittenen Migrations- und Asylpakts zwischen dem Vereinigten Königreich und Ruanda. Er zielt darauf ab, die Zahl der Menschen zu reduzieren, die versuchen, auf gefährlichen Routen, wie etwa in kleinen Booten über den Ärmelkanal, ins Land zu gelangen.

Bildung zu Völkermord an Armenier:innen: Leerstelle im Lehrplan
Obwohl Deutschland den Genozid an den Armenier:innen anerkannte, wird er in den Schulen kaum erwähnt. Aus der Vergangenheit zu lernen, ist gerade heute wichtig.
Besucher im Bundestag bei der Abstimmung zu Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern im Juni 2016 Foto: CommonLens/imago
Am 24. April 1915 lassen die türkischen Behörden in Istanbul die gesamte armenische Führungsschicht festnehmen und ermorden. Es ist der Beginn der Vertreibung und systematisch geplanten Vernichtung von etwa 1,5 Millionen Armenier:innen durch das Osmanische Reich. Deutschland trägt eine historische Mitverantwortung an dem Genozid, aufgrund seiner Vergangenheit als militärischer Verbündeter des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg.
„Hart, aber nützlich“, heißt es damals in der deutschen Regierung zum Massenmord an den christlichen Armenier:innen. Die Türkei leugnet diesen Völkermord bis heute. Demgegenüber haben mittlerweile über 30 Länder die Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannt. 2016 verabschiedet auch der Bundestag eine entsprechende Resolution.
Dabei stellte dieser damals fest: „Heute kommt schulischer, universitärer und politischer Bildung in Deutschland die Aufgabe zu, die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert in den Lehrplänen und -materialien aufzugreifen und nachfolgenden Generationen zu vermitteln.“ Seitdem ist kaum etwas passiert: Der Völkermord an den Armenier:innen ist nach wie vor in keinem Bundesland obligatorischer Lehrstoff.
Nur im Lehrplan Brandenburgs oder Sachsen-Anhalt taucht das Thema als mögliches Fallbeispiel für Völkermord und Massengewalt auf. Ein Grund dafür soll sein, dass Lehrer:innen keine Zeit und Kapazitäten hätten. Ein weiterer: Türkischstämmige Schüler:innen und deren Eltern protestierten immer wieder gegen das Thema. Um diesen Konflikt zu vermeiden, lassen einige Lehrer:innen es lieber ganz weg.
Dabei könnte der Unterricht über den Völkermord dazu beitragen, dass Schüler:innen die Konsequenzen von Hass und Vorurteilen leichter erkennen – und sich deshalb eher für eine gerechtere postmigrantische Gesellschaft in Deutschland einsetzen. Denn das Thema „Genozid“ bleibt, etwa angesichts von Russlands Krieg gegen die Ukraine, aktuell – und damit auch, aus der Vergangenheit zu lernen.
Kommentar von
Tigran Petrosyan
Leiter Osteuropa Projekte
Jahrgang 1984. Er hat in Jerewan, Mainz und Berlin Orientalistik; Geschichts- und Kulturwissenschaften studiert und in Berlin über Integration, Migration und Medienwahrnehmung promoviert. Er schreibt vor allem für die taz, ZEIT-ONLINE und für das Journal von Amnesty International. Er ist als Reporter in Osteuropa unterwegs und leitet die Osteuropa-Projekte der taz Panter Stiftung. Herausgeber des Buches „Krieg und Frieden. Ein Tagebuch“ (September 2022).