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Jugendproteste: Was wir nach den Krawallen brauchen, ist eine ehrliche Debatte

von Fremdeninfo 4 November 2026
von Fremdeninfo 4 November 2026
Wer waren die Täter? Randalierer schlagen und treten am Samstag die Scheiben von Frankfurter Geschäften ein, um diese zu plündern. © Florian Wiegand/dpa
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    Artikel von Kommentar von Christoph Koopmann / SZ

Darf man aussprechen, dass ein großer Teil der Beteiligten an der Wochenend-Randale einen Migrationshintergrund hat? Man darf nicht nur, man sollte sogar. Weil sich nur so Lösungen finden lassen.

Was wir nach den Krawallen brauchen, ist eine ehrliche Debatte

Samstagnacht ist etwas kaputtgegangen, und zwar nicht nur Schaufensterscheiben. Genauso zerbarst die Hoffnung sehr vieler junger Menschen, mit friedlichem Protest die Älteren auf ihre Anliegen aufmerksam machen zu können. Seit dem Wochenende geht wirklich viel durcheinander: Der Protesttag von „Gen Z regelt“ hatte ja friedlich begonnen. Auf ihren Demos in 34 deutschen Städten waren Tausende zwar von der Regierung und der Weltlage enttäuschte, auch wütende, aber völlig friedfertige junge Menschen zu erleben.

Die Gewalttaten beherrschen die Debatte

Ihr Protest wurde in mehreren Orten allerdings erstens von Radikalen gekapert, von Linksextremen, von Pro-Palästina-Hardlinern, die mit Böllern, Bengalos und Steinwürfen in die Schlacht mit der Polizei zogen. Zweitens gab es dann die Horden junger Randalierer, die abends und nachts in Frankfurt, Köln, Hamburg kaputtmachten, was sie finden konnten. Nach allem, was man weiß, waren sie ganz andere Leute als die, die nachmittags mit Anti-Merz-Pappschildern demonstriert hatten. Jetzt sind es allerdings diese Gewalttätigen, die die Bilder und Diskussionen von diesem Gen-Z-Samstag beherrschen.

Zwei Dinge wären jetzt angebracht: trotzdem ernsthaft über die inhaltlichen Forderungen der jungen Demonstrierenden zu diskutieren. Aber auch die Debatte über das, was hinterher so übel eskaliert ist, ausnahmsweise mal konsequent zu führen. Man musste ja schon Stunden später fürchten, dass es läuft wie so oft: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt von der CSU sprach von „migrantischen Chaoten“, die da randaliert hätten. Mit solchen Begriffen sind ja meistens vor allem Menschen mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund gemeint. Sein Kabinettskollege Boris Pistorius von der SPD fragte zurück, was denn migrantisch bitte bedeuten solle; das führe jedenfalls in die falsche Richtung.

Die einen finden, über Herkunft soll man nicht sprechen. Die anderen sprechen über nichts anderes

Immer wieder redet man in diesem Land aneinander vorbei, wenn Ausschreitungen wie am Samstag passieren: Auf der linken Seite des Meinungsspektrums finden viele, Herkunft sei kein Kriterium, über das man auch nur reden sollte. Auf der rechten Seite reden viele nur noch darüber. Darf man also aussprechen, dass ein großer Teil der Beteiligten einen Migrationshintergrund hat? Man darf nicht nur, man sollte. Weil nur so eine ehrliche Debatte möglich wird, die im Idealfall sogar so etwas wie Lösungsansätze produziert.

Es waren beinahe zu hundert Prozent Jungen und junge Männer, die da nachts marodierten und brandschatzten. Nach Angaben der Frankfurter Polizei viele mit Migrationshintergrund. Zugleich überwiegend deutsche Staatsbürger. So schätzt es auch die Polizei in anderen Städten ein, in denen es eskaliert ist. Diese mutmaßlichen demografischen Gemeinsamkeiten präventiv zu bestreiten, wäre nicht zielführend.

Das so klar zu benennen wie Dobrindt, bedeutet nicht automatisch, dass man Ressentiments oder rassistische Klischees bedient. Es muss möglich sein, eine sachliche Debatte zu führen, warum so regelmäßig Männergruppen aus dem jetzt ebenfalls viel diskutierten „migrantischen Milieu“ mit Krawallen auffällig werden.

Wo höre man denn auf zu differenzieren, wer „migrantisch“ ist und wer nicht?

Das darf natürlich kein Pauschalurteil über Migranten oder deren Kinder oder Enkel bedeuten. Pistorius stellte ja zu Recht die Frage: Wo höre man denn auf zu differenzieren, wer „migrantisch“ ist und wer nicht? In der zweiten, der dritten Generation? In Frankfurt haben mehr als fünfzig Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, in Köln mehr als vierzig. Es kann hier kein „wir“ gegen „die“ geben, weil alle zur gleichen, nämlich deutschen Gesellschaft gehören.

Das Problem geht also alle an: Es ist nicht wegzudiskutieren, dass es in Teilen des „migrantischen Milieus“ eine kritische Masse zu geben scheint, die mit öffentlicher Gewalt kein Problem hat, die auch die Staatsgewalt nicht respektiert, sogar angreift. Der Recht, Ordnung und Regeln offensichtlich egal sind. Was übrigens auch viele aufregt, die selbst aus Einwandererfamilien kommen.

Was läuft falsch? Darüber muss man reden

Das sollte man weder kleinreden noch entschuldigen. Anstelle wechselseitiger Moralappelle wäre es zur Abwechslung mal schön, es entstünde eine politische Debatte über die Ursachen dieser Enthemmung und die Möglichkeiten, diesen jungen Menschen klarzumachen, dass es so nicht geht. Woher kommt diese Null-Respekt-Haltung? Was läuft in der Erziehung falsch, was in benachteiligten Stadtvierteln, im Bildungssystem, in der Sozialarbeit? Wo gibt es reale Ungerechtigkeiten, die junge Menschen aus bestimmten Milieus frustrieren? Wie muss im Härtefall die Justiz reagieren? Alles Fragen, die unbedingt diskutiert gehören. Ohne Vorurteil und ohne Totschweigen.

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