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Politik

Gregor Gysi über Nahostkonflikt: »Wer Israelflaggen anzündet, ist nicht links«

von Fremdeninfo 16 Mai 2021
von Fremdeninfo

Gregor Gysi über Nahostkonflikt: »Wer Israelflaggen anzündet, ist nicht links«

 
 
Timo Lehmann
 
 Linken-Außenpolitiker Gysi fordert die Regierung auf, in Israel zu vermitteln und dabei auch Verhandlungen mit der gemäßigteren palästinensischen Fatah zu führen. Antisemitische Proteste verurteilt er scharf.
© Christoph Soeder / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Herr Gysi, Israels jüngste Annäherung an die arabische Welt und die Wahl des neuen US-Präsidenten hatten Hoffnung auf eine Entspannung des Nahostkonflikts genährt. Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet jetzt die Lage eskaliert?

Gysi: Es hat mit der Schwäche des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zu tun. Dieser hat veranlasst, ein palästinensisches Viertel in Jerusalem zwangszuräumen. Dabei wurde das Viertel 1956 von der Uno mit Absicherung Jordaniens den Palästinensern zur Verfügung gestellt. Netanyahu pocht darauf, dass damals nicht die Grundbücher geändert wurden. Aber wo sollen die Menschen jetzt hin, die dort leben? Durch diese falsche Politik wird die Stimmung unter den Palästinensern angeheizt.

SPIEGEL: Sie haben Verständnis für die Raketenangriffe der Hamas?

Gysi: Nein, selbstverständlich nicht. Die Angriffe der Hamas auf Israel sind klar völkerrechtswidrig. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Krieg ist, dann ist nur die Bombardierung militärischer, niemals ziviler Ziele gestattet. Die Hamas schießen jedoch Raketen einfach ins Land, ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Ebenso ist es völkerrechtswidrig, wenn Israel ein Bürogebäude in Gaza bombardiert, in dem internationale Journalisten arbeiten und leben.

SPIEGEL: Die israelische Armee teilte mit, in dem von Ihnen angesprochenen Gebäude hätte die Hamas »militärische Ressourcen«. Zudem hat Israel zuvor die dortigen Menschen gewarnt vor dem Angriff…

Gysi: … ja, es wurde gewarnt, weil dort internationale Presse sitzt. Bei Palästinensern geschieht das nicht, denn dann würden auch die Hamas-Kämpfer das Haus verlassen. Die Bombardierung eines solchen Bürogebäudes ist trotzdem nicht akzeptabel, und man kann auch bezweifeln, dass bei internationalen Journalisten »militärische Ressourcen« der Hamas lagern.

SPIEGEL: In der vergangenen Woche wiesen Sie auf die gemäßigtere Fatah hin, der Gruppe der Palästinenser im Westjordanland, die sich einen Machtkampf mit der Hamas liefert. Ihr Vowurf: Israel sei nicht auf Gesprächsangebote der Fatah eingegangen. Dabei hatte Netanyahu jahrelang Verhandlungen angeboten, und der führende Vertreter der Fatah, Mahmud Abbas, ist nicht drauf eingegangen.

Gysi: Tatsächlich hatte auch Abbas einmal Gespräche angeboten. Ich hatte das sogar vermittelt. Bedingung von Abbas jedoch war, dass neben den Regierungen der USA und Israels auch Russland teilnimmt, also ein weiteres ständiges Mitglied des Uno-Sicherheitsrates. Darauf sind Israel und die USA, damals mit Donald Trump, nicht eingegangen, weil die Pläne zur Annexion zunächst nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabische Emiraten und Israel von der israelischen Regierung aufgegeben wurden. Abbas sagte zu mir auch, er brauche ein Ziel für solche Gespräche mit der israelischen Regierung. Grundlage dafür kann jedenfalls nicht sein, wie viel Prozent des Westjordanlandes von Israel juristisch annektiert werden sollen.

SPIEGEL: Während die linke Opposition Netanyahu in Israel für die Angriffe auf Gaza kritisiert, wartet man vergeblich auf die Verurteilung der Hamas-Angriffe durch die Fatah. Finden Sie das richtig?

Gysi: Ich verurteile die Angriffe der Hamas klar und deutlich, aber die Fatah tut es nicht, um Sympathien bei den Palästinenserinnen und Palästinensern nicht zu verlieren. Unabhängig davon müsste es auch im Interesse Israels liegen, wenn es unter den Palästinensern mehr Zustimmung für die Fatah gäbe und nicht für die Hamas.

SPIEGEL: Aber zuletzt hatte die Fatah Wahlen in den Palästinensergebieten verhindert, also im Westjordanland und im Gaza-Streifen. War das ein Fehler?

Gysi: Es ist zu vermuten, dass die Hamas schon vor der Eskalation eine Mehrheit unter den Palästinensern gewonnen hatte. Das wäre nicht gut. Fatah und Hamas sind erfolglos, aber Hamas wirkt widerständiger. Meine Forderung an die westlichen Staaten ist: Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie wir die Fatah in den Palästinensergebieten so stärken, dass sie bei demokratischen Wahlen die Mehrheit erringt und nicht die Hamas. Die Politik Netanyahus stärkt indirekt die Hamas, und das weiß er auch.

SPIEGEL: In ganz Deutschland gab es am Wochenende Demonstrationen, bei denen Israelflaggen brannten und antisemitische Sprüche gerufen wurden. Wie finden Sie es, dass manche dieser Proteste sich als »links« verstehen?

Gysi: Ich habe Verständnis für Demonstrationen, bei denen Menschen sagen, sie seien es leid und wollten endlich ihren eigenen Staat. Völlig inakzeptabel ist, diesen Unmut mit Antisemitismus zu verbinden. Wer antisemitische Sprüche ruft oder Israelflaggen anzündet, ist nicht links und kämpft nicht für die Zweistaatenlösung, sondern verhindert sie eher.

SPIEGEL: Die Linke in Berlin-Neukölln wies darauf hin, dass Deutschland Waffen nach Israel verkauft. Damit, so heißt es in einer Mitteilung, unterstütze die Bundesregierung die israelische Regierung und ihre »Vertreibungspolitik«. Halten Sie das für angemessen, kurz nach einem Raketenangriff der Hamas?

Gysi: Ich hätte das so nicht gesagt. Aber natürlich sind wir Linke dafür, dass Deutschland überhaupt aufhört, Waffen zu verkaufen, insbesondere in Spannungsgebiete. Das gilt auch, aber keineswegs nur für Israel.

SPIEGEL: Die Linke stellt sich besonders gegen die Lieferung der deutschen U-Boote nach Israel. Diese werden von Israel jedoch nicht offensiv eingesetzt, sondern als Rückversicherung und abschreckende Zweitschlagskapazität für den Fall, dass Iran einen Atomangriff erwägt. Ist das nicht ein legitimes Interesse Israels?

Gysi: Die Bundesregierung hat keine Kontrolle über die Art und Weise des Einsatzes von verkauften U-Booten. Wir sind dafür, an keinen Staat U-Boote zu liefern. Auch nicht an die Türkei oder an Saudi-Arabien. Deutschland sollte im Nahostkonflikt endlich eine Vermittlerrolle übernehmen. Das wäre auch die angemessenere Schlussfolgerung aus der deutschen Geschichte.

SPIEGEL: Grüne und SPD bekräftigten zuletzt die Rüstungskooperation mit Israel. Ist das für die Linke ein Hindernis für eine mögliche grün-rot-rote Regierungsbildung?

Gysi: Das werden wir sehen. Da gibt es aber noch andere schwierige Themen zu besprechen.

SPIEGEL: Ist der islamische Antisemitismus aufgrund von Zuwanderung und gescheiterter Integration inzwischen ein genauso großes Problem wie der urdeutsche rechtsradikale Antisemitismus?

Gysi: Schon, wir haben auch ein Problem mit islamischen Antisemitismus in Deutschland. Was ich immer den Vernünftigen sage, sie müssen schärfer dagegen protestieren, dass ihre Religion missbraucht wird. Die Islamisten sind ein wachsendes Problem, aber natürlich gibt es dafür auch Gründe, die in der Politik der westlichen Staaten liegen.

SPIEGEL: Halten Sie es für legitim vor einer Synagoge zu demonstrieren?

Gysi: Unter bestimmten Bedingungen, ja. Wenn es aber um Israels Politik geht, ist dies der falsche Ort. Steine auf Synagogen zu werfen, ist inakzeptabel.

SPIEGEL: Unter welchen Bedingungen ist es denn legitim, vor Synagogen zu demonstrieren?

Gysi: Wenn zum Beispiel jüdische Frauen mehr Zugang zur Synagoge fordern, dürfen sie vor der Synagoge prostieren und ihrer Forderung Ausdruck verleihen. Das ist genauso legitim wie der Protest katholischer Frauen vor einer katholischen Kirche für Frauen in kirchlichen Ämtern.

SPIEGL: Es gibt Juden in Deutschland, die sagen, sie sitzen auf gepackten Koffern. Sie selbst haben jüdische Vorfahren und wurden mehrfach antisemitisch angegriffen. Wäre Israel ein Zufluchtsort für Sie?

Gysi: Dazu erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Der Jazzmusiker Coco Schumann hatte in Deutschland zunächst nie erzählt, dass er in Ausschwitz war. Er sagte, er wollte normal behandelt werden, und andere wären im Umgang mit ihm sonst gehemmt gewesen. Er sei nicht anders, weil er Jude ist, aber einen Unterschied gebe es doch: In seinem Flur stand immer ein gepackter Koffer.

SPIEGEL: Gilt das für Sie auch?

Gysi: Nein, ich glaube, wir können uns auf unseren Rechtsstaat verlassen. Jüdinnen und Juden müssen wir in Deutschland schützen. Das werden wir auch tun. Aber ich kann es auch niemandem verdenken, die oder der einen gepackten Koffer zur Sicherheit bereitstellt.

16 Mai 2021 0 Kommentare
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Antisemitismus

Angriffe auf jüdische Einrichtungen: Harte Strafen angedroht

von Fremdeninfo 16 Mai 2021
von Fremdeninfo
 

Angriffe auf jüdische Einrichtungen: Harte Strafen angedroht

 
 
 Vion dpa
 
 

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Nach den Ausschreitungen bei Protesten gegen Israel in Deutschland hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ein hartes Durchgreifen gegen jede Form von Antisemitismus angekündigt. «Wir werden nicht tolerieren, dass auf deutschem Boden israelische Flaggen brennen und jüdische Einrichtungen angegriffen werden», sagte Seehofer der «Bild am Sonntag». «Wer antisemitischen Hass verbreitet, wird die volle Härte des Rechtsstaates zu spüren bekommen.» Den Polizeien der Länder bot er personelle und materielle Unterstützung an.

Horst Seehofer (CSU), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat. © Kay Nietfeld/dpa/Archivbild Horst Seehofer (CSU), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat.

Angesichts der Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der palästinensischen Hamas waren am Samstag Tausende Menschen in deutschen Städten auf die Straße gegangen, um ihre Solidarität mit den Palästinensern zu bekunden. Bei mehreren Kundgebungen kam es zu Ausschreitungen. In Berlin schlugen Demonstranten auf Polizeibeamte ein und bewarfen sie mit Steinen und Flaschen. Auch in Mannheim wurden Polizisten nach Auflösung einer propalästinensischen Kundgebung mit Steinen beworfen. Schon in den Tagen zuvor hatte es in mehreren Städten antisemitische und anti-israelische Demonstrationen gegeben, bei denen auch Israel-Flaggen angezündet wurden.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) befürchtet eine Verschärfung der Konflikte, sollte die Gewalt im Nahen Osten anhalten. «Schon jetzt sehen wir eine hohe Emotionalisierung und Mobilisierung vor allem bei arabischstämmigen Jugendlichen, aber auch bei türkischen Rechtsextremisten», sagte er der «Welt am Sonntag». «Dabei geht es allerdings nicht um Kritik an Israel. Die verbindende Klammer ist blanker Antisemitismus, den wir mit allen Mitteln des Rechtsstaats konsequent verfolgen.»

Die nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Integration, Serap Güler (CDU), hat nach den jüngsten antisemitischen Kundgebungen von allen in Deutschland lebenden Muslimen gefordert, das Existenzrecht Israels als Teil der deutschen Staatsräson zu akzeptieren: «Ich denke, wir müssen gegen diesen Hass, gegen diese abscheulich hässliche Fratze des Antisemitismus klare rechtsstaatliche Antworten liefern», sagte Güler dem «Tagesspiegel am Sonntag». Deshalb sei es absolut richtig, dass gegen einige dieser Teilnehmer auch Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden.

«Darüber hinaus muss einfach jedem hier lebenden Menschen die deutsche Staatsräson klar sein, die das Existenzrecht Israels nicht in Frage stellt und ebenso die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel und dem Judentum», unterstrich Güler. Das spiele bei manchen leider überhaupt keine Rolle, sodass einerseits die legitime Kritik an der israelischen Politik verwechselte werde mit «Israelkritik» und im schlimmsten Falle mit Israel- und Judenhass. «Es ist hier unsere gesamtgesellschaftliche und politische Aufgabe, das klar einzufordern und deutlich zu machen, dass wir solche Szenen auf unseren Straßen nicht haben wollen», betonte Güler weiter.

Der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff plädierte für ein gemeinsames Eintreten von Muslimen und Juden gegen die zunehmende Polarisierung in Deutschland. «Die jüdische und die muslimische Gemeinschaft können viel gemeinsam haben, und an einigen Orten in Deutschland bestehen enge Kontakte zwischen diesen Gemeinschaften», sagte Issacharoff der «Welt am Sonntag». Diese Verbundenheit könne viel bewirken. «Das kann auch eine Basis sein, dem aktuell wachsenden Hass gemeinsam entgegenzutreten.»

16 Mai 2021 0 Kommentare
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Antisemitismus

Für die lösung Frieden ist der Weg

von Fremdeninfo 16 Mai 2021
von Fremdeninfo

Turgut Yüksel, MdL SPd

 

  Für die lösung Frieden ist der Weg

Ich hatte gestern Gelegenheit, auf Einladung des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft bei der Solidaritätskundgebung mit Israel auf der Hauptwache zu sprechen. Unter anderem Prof. Michel Friedman und der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker haben weitere sehr engagierte Redebeiträge zur aktuellen Situation des Nahost-Konflikts gehalten.

Ich finde es wichtig, Haltung zu zeigen. Israel hat das Recht, sich gegen die Hamas, die Israel vernichten will, zu verteidigen.

Alle Menschen gleich welcher Herkunft oder Religion haben das Recht, Partei zu ergreifen und politische Kritik zu äußern. Dieses Recht legitimiert jedoch keinesfalls Antisemitismus oder gar die Infragestellung des Existenzrechts Israels. Die Gründung Israels ist wesentlich das Ergebnis der barbarischen Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. Alle in Deutschland lebenden Menschen haben daraus eine besondere Verantwortung dem Staat Israel gegenüber.

Wir werden den Nahost-Konflikt ganz sicher nicht auf deutschen Straßen lösen. Wer Steine auf Synagogen wirft, Israel-Fahnen verbrennt oder auf Demonstrationen „Scheiß-Juden“ brüllt, übt keine legitime Kritik, sondern streut Hass und ist Antisemit. Kritik an der Regierungspolitik Israels darf jede und jeder im vernünftigen Rahmen äußern.

Dem palästinensischen Volk wünsche ich Freiheit, Frieden und Demokratie. Ich wünsche mir, dass alle Beteiligten des Konflikts Zeiten des Dialogs und der Verständigung zwischen Partnern wiederfinden.

Mein Mitgefühl gilt allen unschuldigen Opfern in Israel und Gaza, ihren Angehörigen und der Zivilbevölkerung, die unter dem Konflikt leiden muss.

In Deutschland müssen wir alles daran setzen, dass Ausgrenzung, Rassismus und menschenverachtende Ideologien wie der Antisemitismus in unserer Gesellschaft keinen Platz haben

16 Mai 2021 0 Kommentare
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Rassismus

Aufgewachsen mit dem Judenhass – ein Dilemma für die deutsche Politik

von Fremdeninfo 16 Mai 2021
von Fremdeninfo

 

Aufgewachsen mit dem Judenhass – ein Dilemma für die deutsche Politik

Kristian Frigelj
 

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Bei den Versammlungen sollte es offiziell um Solidarität für die Palästinenser in Nahost gehen. Doch am Ende standen der Hass gegen Juden und den Staat Israel im Vordergrund. Auf Kundgebungen in mehreren deutschen Städten wurden am Wochenende unter den Tausenden Teilnehmern immer wieder israelfeindliche sowie antisemitische Hetze verbreitet und das Existenzrecht Israels verneint.

Pro-palästinensische Demonstranten sind in Berlin vor dem Hintergrund der Gewalteskalation im Nahostkonflikt zu Protesten auf die Straße gegangen. Hunderte Menschen versammeln sich am Hermannplatz in Neukölln. Es kommt zu Ausschreitungen. Unser Videoreporter Martin Heller steht vor Ort und berichtet. Quelle: WELT/Martin Heller © WELT/Martin Heller Pro-palästinensische Demonstranten sind in Berlin vor dem Hintergrund der Gewalteskalation im Nahostkonflikt zu Protesten auf die Straße gegangen. Hunderte Menschen versammeln sich am Hermannplatz in Neukölln. Es kommt zu Ausschreitungen. Unser Videoreporter Martin Heller steht vor Ort und berichtet. Quelle: WELT/Martin Heller

In Berlin riefen junge Männer am Samstag etwa auf Arabisch: „Chaibar, Chaibar, oh ihr Juden, Mohammeds Armee wird zurückkehren“ (Verweis auf einen Feldzug des islamischen Propheten gegen die jüdische Siedlung Chaibar, d. Red.) – „Die Intifada ist die Lösung. Wir brauchen keine friedliche Lösung“ – „Beschießt Tel Aviv.“ Es wurden selbst gemachte Schilder hochgehalten, auf denen Hassparolen standen wie „Baby Killer Israel“, „Zionism = Terrorism“ und „Israel does not exist“ („Israel existiert nicht“).

Auch ein Vergleich mit der systematischen millionenfachen Judenermordung im Nationalsozialismus wurde gezogen: „Stop doing what Hitler did to you.“ Als die Versammlung aufgelöst wurde, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Einige warfen Flaschen und Pflastersteine auf Beamte und Reporter.

In Köln skandierten am Samstagnachmittag arabischstämmige Teilnehmer „Israel Kindermörder“; eine junge Frau zeigte ein Plakat mit der Aufschrift „Well done Israel, Hitler would be proud“ („Gut gemacht, Israel, Hitler wäre stolz“); der jüdische Staat begehe „ethnische Säuberungen“. Zeugen meldeten der Polizei, dass jemand erfolglos versucht habe, eine Israel-Flagge zu entzünden. Der mutmaßliche Täter konnte entkommen. In Köln kam es, abgesehen von einigen Rangeleien und wenigen Festnahmen, nicht zu größeren Auseinandersetzungen.

© dpa

Die zahlreichen Raketenangriffe der Hamas auf Israel und die Gegenschläge wirken sich radikalisierend auf die arabischstämmige Community in Deutschland aus. Bei spontanen Versammlungen und angemeldeten Pro-Palästinenser-Demos sehen offenbar viele eine günstige Gelegenheit, ihren Hass auf Juden offener denn je zu zeigen. Vor mehreren Synagogen wurden vergangene Woche Israel-Flaggen verbrannt; bei einer spontanen Versammlung in Gelsenkirchen riefen die Teilnehmer „Scheißjuden“.

„Hohe Emotionalisierung bei arabischstämmigen Jugendlichen“

Es wird ein Juden- und Israelhass sichtbar, den etwa der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir als „migrantischen Antisemitismus“ bezeichnet. Bei den Demos prägt eine große Anzahl wütender junger arabischstämmiger Männer das Bild, wobei neben den palästinensischen Fahnen auch vereinzelt die Flagge der Türkei zu sehen ist.

„Schon jetzt sehen wir eine hohe Emotionalisierung und Mobilisierung vor allem bei arabischstämmigen Jugendlichen, aber auch bei türkischen Rechtsextremisten. Dabei geht es allerdings nicht um Kritik an Israel. Die verbindende Klammer ist blanker Antisemitismus, den wir mit allen Mitteln des Rechtsstaats konsequent verfolgen“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) WELT AM SONNTAG.

Der Judenhass fängt früh an: Unter den Teilnehmer der antisemitischen Demo in Berlin am Samstag sind viele junge Menschen Quelle: dpa © dpa Der Judenhass fängt früh an: Unter den Teilnehmer der antisemitischen Demo in Berlin am Samstag sind viele junge Menschen Quelle: dpa Die Hass-Demos sind männlich geprägt – doch auch viele Frauen machen mit Quelle: Getty Images © Getty Images Die Hass-Demos sind männlich geprägt – doch auch viele Frauen machen mit Quelle: Getty Images

In Köln versuchten Demo-Ordner am Samstag, die wütende Menge zu disziplinieren, damit sie den erforderlichen Corona-Mindestabstand einhielt und es nach der vorzeitigen Auflösung nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. Hetzerische Plakate und Rufe blieben jedoch unbeanstandet.

Auch die Einsatzkräfte reagierten letztlich darauf, dass die einigen Hundert Teilnehmer auf dem Heumarkt zu dicht beieinanderstanden und damit gegen die Auflagen verstießen. Die vorzeitige Auflösung hielt die Einsatzkräfte dann lange in Atem, weil sich immer wieder Gruppen mit Palästinenser-Flaggen zwischen Heumarkt und Kölner Dom zusammenrotteten und keinerlei Respekt vor der Staatsgewalt zeigten.

Dass es in Nordrhein-Westfalen und Berlin zu solchen Eskalationen kommt, ist wenig überraschend, denn dort wurden die Integrationsprobleme einer großen arabisch- und türkischstämmigen Community in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich.

In Stellungnahmen für WELT verurteilen Vertreter der Bundestagsfraktionen einhellig den Antisemitismus. Sie beklagen eine nicht ausreichende beziehungsweise gescheiterte Integrationspolitik.

„Staat darf nicht einknicken und zurückweichen“

Die Frage ist, wie man konkret auf solche Eskalationen reagieren sollte. Der politische Druck wächst nun auf die kommunalen Ordnungsbehörden, bei der Anmeldung von Versammlungen und bei Verstößen strenger vorzugehen.

Großes Unverständnis herrscht dabei fraktionsübergreifend angesichts der Entscheidung der Stadt Hagen, aus Gründen der „Deeskalation“ eine bereits gehisste Israel-Fahne wieder abzuhängen. „Der Staat darf nicht einknicken und zurückweichen, wenn er Zeichen setzt“, sagte SPD-Bundestagsfraktionsvize Dirk Wiese auf WELT-Anfrage und mahnte einen ausreichenden Schutz durch die Polizei an.

Der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Konstantin Kuhle, bewertet die Entscheidung in Hagen als ein „Armutszeugnis angesichts des grassierenden israelbezogenen Antisemitismus. Wenn das Hissen der Flagge Israels zu Sicherheitsproblemen führt, kann die Antwort nicht darin bestehen, den Aggressoren nachzugeben“, sagte Kuhle WELT.

Nach Ansicht der AfD-Fraktion muss der Hebel „bereits im organisatorischen Vorfeld solcher Demonstrationen angesetzt werden, soweit dieses gewalttätige beziehungsweise strafwürdige Eskalationen sucht“, sagte deren innenpolitischer Sprecher Gottfried Curio. Warnhinweise sollten frühzeitig ausgewertet werden.

Bei langfristigen Strategien zur Bekämpfung des Antisemitismus geht es in der Unionsfraktion offenbar auch um eine Begrenzung der Zuwanderung, wenn man die Worte des innenpolitischen Sprechers Mathias Middelberg (CDU) genauer analysiert: Die Zuwanderung müsse „ein Maß bewahren, bei dem Integration noch leistbar ist“.

Integrationsarbeit müsse zielgenau sein: Die Schulen müssten sich damit auseinandersetzen, dass viele Migranten aus dem arabischen Raum von klein auf antiisraelisch und antisemitisch geprägt seien.

In der AfD-Fraktion wird es drastischer ausgedrückt: Dort fordert man ein „grundsätzliches politisches Umsteuern“, das auch einen „weiteren Import ausländischer politischer oder ethnischer Konflikte ausschließt“.

Nach parteiübergreifender Ansicht muss zudem die Integrationsarbeit verbessert werden. „Sowohl der deutsche Staat als auch deutsche Muslime sind aufgefordert, das Problem des Antisemitismus in muslimischen Communitys klar zu benennen und zu bekämpfen“, sagte FDP-Parlamentarier Kuhle und betonte, dass der islamische Religionsunterricht „endlich möglichst frei von ausländischem Einfluss“ organisiert werden müsse.

Er beklagte auch, dass die türkische Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan „über antisemitische Klischees Einfluss auf die Stimmung innerhalb der türkeistämmigen Community in Deutschland“ nehme.

Wann sich die Lage wieder beruhigt, ist unklar: Ein Ende der Demos ist bisher nicht Sicht. Am Sonntagabend war eine Pro-Palästinenser-Kundgebung vor dem Hauptbahnhof in Duisburg angemeldet.

16 Mai 2021 0 Kommentare
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Antisemitismus

Zentralrat der Muslime verurteilt „widerliche Attacken auf unsere jüdischen Mitbürger

von Fremdeninfo 15 Mai 2021
von Fremdeninfo

 

  • Antisemitismus: Im Hass vereint

WELT

Zentralrat der Muslime verurteilt „widerliche Attacken auf unsere jüdischen Mitbürger“

vor 19 Min.

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Repräsentanten in Deutschland lebender Muslime verurteilen die antisemitischen Ausschreitungen der vergangenen Tage. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, äußerte gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Wer unter dem Vorwand von Kritik an Israel Synagogen und Juden angreift, hat jedes Recht auf Solidarität verwirkt.“

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime bei einer Pressekonferenz in Berlin (Archivbild) Quelle: pa/AA/Abdulhamid Hosbas © pa/AA/Abdulhamid Hosbas Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime bei einer Pressekonferenz in Berlin (Archivbild) Quelle: pa/AA/Abdulhamid Hosbas

Er verurteile die „widerlichen Attacken auf unsere jüdischen Mitbürger“ entschieden. „Wer Rassismus beklagt, selbst aber antisemitischen Hass verbreitet, verliert alle Glaubwürdigkeit und muss mit meinem entschiedenen Widerstand rechnen.“

Der hessische Landesgeschäftsführer des als Erdogan-nah geltenden DITIB-Moscheeverbandes, Onur Akdeniz, sagte der Zeitung, er beobachte „mit großer Besorgnis“, dass der Nahost-Konflikt „missbraucht wird, um das emotionale Empfinden der muslimischen Gläubigen in Deutschland zu instrumentalisieren“. Er sehe mit „großem Entsetzen“, dass die „vermeintlichen Proteste“ in Düsseldorf, Münster, Gelsenkirchen und anderen Städten „antisemitische und demokratiefeindliche“ Züge angenommen hätten.

Proteste angesichts der eskalierenden Lage in Nahost hatte es in den vergangenen Tagen viele gegeben – zudem zahlreiche Vorfälle, teils innerhalb der Proteste, die sich gegen gehisste israelische Flaggen oder gegen Synagogen richteten. Auch am Samstag kam es deutschlandweit zu Demonstrationen, in Berlin eskalierte die Lage.

So wurde in Berlin vor der Parteizentrale der CDU eine Israel-Flagge entwendet, während vor dem Rathaus Pankow versucht wurde, eine Flagge anzuzünden. In Gelsenkirchen hatte die Polizei am Mittwochabend eine nicht angemeldete Demonstration beendet, bei der etwa 180 Menschen sich vom Bahnhofsvorplatz in Richtung Synagoge in Bewegung gesetzt hatten. Aus der Gruppe heraus seien antisemitische Parolen skandiert worden, hatte die Polizei mitgeteilt.

Auch in anderen Städten in Nordrhein-Westfalen sowie anderen Bundesländern war es in den vergangenen Tagen zu anti-israelischen und antisemitischen Aktionen gekommen, auch vor Synagogen.

15 Mai 2021 0 Kommentare
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Rassismus

Brennende Israel-Fahnen vor Synagogen: Zentralrat der Juden entsetzt über Angriffe auf Gotteshäuser

von Fremdeninfo 12 Mai 2021
von Fremdeninfo

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Brennende Israel-Fahnen vor Synagogen: Zentralrat der Juden entsetzt über Angriffe auf Gotteshäuser

 
 
Frank Jansen

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Aufgeputschte Israelhasser zünden in Bonn und Münster Israel-Flaggen an. Im Internet kursiert eine Anschlagsdrohung gegen jüdische und israelische Einrichtungen

Hass auf Israel. Junge Araber zündeten Dienstagabend vor der Synagoge in Bonn israelische Flaggen an. Einen ähnlichen Vorfall gab es vor dem jüdischen Gotteshaus in Münster. © Foto: Ulrich Felsmann/NonstopNews/dpa Hass auf Israel. Junge Araber zündeten Dienstagabend vor der Synagoge in Bonn israelische Flaggen an. Einen ähnlichen Vorfall gab es vor dem jüdischen Gotteshaus in Münster.

Der eskalierende Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas wird auch in Deutschland spürbar. Am Dienstagabend zündeten junge Männer arabischer und anderer Herkunft vor den Synagogen in Bonn und Münster israelische Flaggen an. In Bonn flogen auch Steine gegen die Eingangstür des Gotteshauses. Die Polizei konnte in beiden Städten rasch mehrere Tatverdächtige aufspüren. Am Montagabend hatte zudem in Düsseldorf ein unbekannter Täter am Denkmal für die von den Nazis zerstörte Großen Synagoge Müll angezündet. Am Mittwoch wurde zudem eine Drohung mit Anschlägen bekannt, die im Internet kursiert. Ein in Deutschland lebender Syrer, der angeblich für eine Gruppe von Syrern und Palästinensern spricht, postete „wir werden euch verbrennen, wie Hitler es tat“. Möglicherweise gibt es eine Verbindung zum Angriff auf die Synagoge in Bonn. Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist entsetzt.

„Die Bedrohung für die jüdische Gemeinschaft wächst“, sagte am Mittwoch der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Das zeigten die Verbrennungen von israelischen Flaggen vor den Synagogen in Bonn und Münster. Außerdem seien „Israel und Juden insgesamt“ vor allem in den sozialen Medien Hass und Hetze ausgesetzt. Schuster forderte, „der Schutz jüdischer Einrichtungen muss jetzt erhöht werden. Wir erwarten gerade von den Bürgern in Deutschland Solidarität mit Israel und der jüdischen Gemeinschaft. Wir alle gemeinsam müssen uns an die Seite des jüdischen Staates stellen.“

Polizei geht von einer „Resonanztat“ aus

In Bonn, Münster und Düsseldorf übernahm der für politisch motivierte Straftaten zuständige polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen. Bisher ergibt sich folgender Stand: Die in Bonn festgenommenen Verdächtigen im Alter von 20 bis 24 Jahren haben einen arabischen Hintergrund. Die Polizei sucht zudem ein dunkelhaarige Frau, die von Zeugen während des Angriffs auf die Synagoge beobachtet wurde.

Sicherheitskreise sprechen von einer „Resonanztat“ als Reaktion auf die Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas. Nach bisherigen Erkenntnissen gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einem professionell geplanten Anschlag aus, eher von einer „Erregungstat“ angesichts der Bilder von palästinensischen Protesten in Jerusalem und dem wechselseitigen Raketenbeschuss von Hamas und Israel.

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Ähnlich ist die Lage in Münster. Zeugen hatten am Dienstagabend der Polizei eine 15-köpfige Gruppe gemeldet, die vor der Synagoge Parolen rief und eine israelische Fahne verbrannte. Die Beamten konnten noch am Tatort zehn Personen stellen, drei weitere wurden in der Nähe ergriffen. Bei den Tatverdächtigen gebe es mehrere Staatsangehörigkeiten, sagte eine Sprecherin der Polizei dem Tagesspiegel. Fünf sind Syrer, einer stammt aus der Türkei, einer ist Kosovare, zwei sind Iraker, einer hat die israelische Staatsangehörigkeit, einer die libanesische, einer die deutsche, ein weiterer Staatsbürger von Deutschland und Togo. Zehn der Männer sind mehrfach mit unpolitischen Delikten aufgefallen – Raub, Diebstahl, Drogen, Körperverletzung, Bedrohung. Einen Vorlauf mit politisch motivierten Delikten gibt es allerdings nicht.

Der Tatvorwurf wegen des Angriffs an der Synagoge lautet Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Die Polizei prüft, ob auch Paragraf 104 des Strafgesetzbuches infrage komme. Da geht es um „Verletzung von Flaggen und Hoheitszeichen ausländischer Staaten“, die Höchststrafe liegt bei zwei Jahren.

In Düsseldorf scheint es ebenfalls Chancen zu geben, den Täter zu fassen, der am Mahnmal für die ehemalige Synagoge das Feuer entzündete. Der Standort in der Kasernenstraße wird offenbar mit Videokameras überwacht. Der Täter ist vermutlich gefilmt worden.

Josef Schuster macht die Hamas für Eskalation verantwortlich

Josef Schuster betonte am Mittwoch auch, der Zentralrat verfolge mit tiefer Sorge „die gewalttätigen Angriffe auf Israel in den vergangenen Tagen. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer und den Verletzten, denen wir rasche Genesung wünschen! Wir bangen mit den Menschen in Israel um ihre Sicherheit.“ Die Verantwortung für die Eskalation der Gewalt „liegt ganz klar auf Seiten der Hamas“, sagte Schuster. „Die Terrororganisation nutzt das politische Vakuum durch die verschobenen Wahlen in den palästinensischen Gebieten, um sich als Schutzmacht der Palästinenser aufzuspielen. Dafür attackiert sie skrupellos die israelische Zivilbevölkerung und nimmt bewusst Tote und Verletzte auch auf palästinensischer Seite in Kauf. Damit zeigt die Hamas erneut ihr wahres Gesicht. Der Raketenhagel auf Israels Bürgerinnen und Bürger ist abscheulich und durch nichts zu rechtfertigen. Viele Israelis mussten die Nacht in Schutzbunkern verbringen. Israel hat das Recht und die Pflicht, seine Bevölkerung vor den Terrorangriffen der Hamas zu schützen.“

Der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn sagte dem Tagesspiegel, „Terror gegen Israel führt in Deutschland immer wieder zu ganz offenem Antisemitismus: das war 2014 beim Anschlag auf die Wuppertaler Synagoge so, das ist 2021 bei mehreren Angriffen auf Synagogen wieder der Fall. Antisemit*innen ist es völlig egal, was Israel tut oder nicht – sie nutzen jeden Vorwand, um ihren antisemitischen Hass auszuleben. Wenn Israel sich gegen Angriffe verteidigt, führt das dazu, dass das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland von Antisemit*innen bedroht wird. Mehr denn je ist deshalb der Schutz jüdischer Einrichtungen in Deutschland das Gebot der Stunde.“

Justizministerin Lambrecht: antisemitischer Hass ist eine Schande

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) betonte, „wir werden nicht tolerieren, dass auf deutschem Boden israelische Flaggen brennen oder jüdische Einrichtungen angegriffen werden. Antisemitischen Hass werden wir mit allen Mitteln des Rechtstaates bekämpfen. Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland sicher leben können. Das ist der Anspruch für uns alle und dafür trete ich mit aller Vehemenz ein. Die Sicherheitsbehörden müssen das Menschenmögliche tun, um den Schutz jüdischer Einrichtungen zu gewährleisten. Nie wieder dürfen Jüdinnen und Juden in unserem Land in Angst leben.“

Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) verurteilte die Angriffe auf Synagogen und das Verbrennen von Israel-Fahnen in Deutschland. „Dieser antisemitische Hass ist eine Schande“, sagte Lambrecht. „In einer Stunde, in der in Israel Menschen angesichts der Raketenangriffe Todesangst erleiden, zeigen diese Taten nichts als schreckliche Menschenverachtung. Die Täter müssen ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden. Synagogen und jüdische Einrichtungen müssen konsequent und umfassend geschützt werden.“ Lambrecht betonte, „wir stehen fest an der Seite Israels. Die brutalen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf israelische Zivilisten sind durch nichts zu rechtfertigen und müssen sofort beendet werden. Meine Gedanken sind bei Familien und Kindern, die den schlimmen Raketenangriffen ausgesetzt sind. Israel hat das Recht sich zu verteidigen. Ich habe heute meinem israelischen Amtskollegen Benjamin Gantz geschrieben und meine Solidarität mit Israel zum Ausdruck gebracht. Eine weitere Eskalation der Gewalt muss unbedingt vermieden werden.“

Auch der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zeigte sich erschüttert über die nächtlichen Angriffe auf Synagogen in Deutschland und die Verbrennung von israelischen Fahnen. „Diese Form des Protestes verurteile ich auf das Schärfste“, sagte Bätzing am Mittwoch. „Es darf nicht zugelassen werden, dass ein politischer Konflikt mit religiösem Fanatismus verbunden und aufgeladen wird. Angriffe auf Synagogen sind purer Antisemitismus, der mit nichts zu rechtfertigen ist.“

FDP-Politiker fordert „360-Grad-Blick beim Antisemitismus in Deutschland“

Der religionspolitische Sprecher und Antisemitismusbeauftragte der FDP-Fraktion, Benjamin Strasser, sieht in den Angriffen „ein deutliches Beispiel von israelbezogenem Antisemitismus, den Jüdinnen und Juden in Deutschland seit vielen Jahren ertragen müssen“. Unter angeblich legitimer „Israelkritik“ werde unverhohlen das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt und gewalttätiger Antisemitismus relativiert. „Wir brauchen endlich einen 360 Grad-Blick beim Antisemitismus in Deutschland“, forderte Strasser. „Jüdinnen und Juden müssen sich gerade jetzt der Solidarität und dem entschlossenen Handeln der deutschen Bundesregierung sicher sein können. Das beginnt damit, den Raketenterror der Hamas gegen Israel auch international wahrnehmbar zu verdammen. Gemeinsam mit den Landesregierungen muss sichergestellt werden, dass israelische und jüdische Einrichtungen wirksam geschützt werden und durch wahrnehmbare Polizeipräsenz vor Ort verstärkt werden. Zudem muss Antisemitismus von deutschen Sicherheitsbehörden besser als solcher auch erkannt werden. Die Arbeitsdefinition der IHRA muss Grundlage für die Arbeit der entsprechenden staatlichen Stellen werden.“

12 Mai 2021 0 Kommentare
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Kultur

Abschied von der Willkommenskultur

von Fremdeninfo 9 Mai 2021
von Fremdeninfo

 

 

Abschied von der Willkommenskultur

 
Marc Pfitzenmaier

Jimmie Åkesson ist an seinem Ziel. „Das ist ein kleiner, aber historischer Schritt“, twitterte der schwedische Politiker vor wenigen Tagen. Der 41-Jährige steht seit über einem Jahrzehnt an der Spitze der rechtsnationalen Schwedendemokraten, dem schwedischen Pendant zur AfD. Bisher war Åkessons Partei ausgegrenzt. Was sich nun ereignete, ist, als würde sich die AfD mit der CDU und der FDP zusammenschließen, um gemeinsam ein strikteres Asylrecht zu fordern.

Schweden hat sich spätestens in der Flüchtlingskrise von seiner liberalen Einwanderungspolitik verabschiedet. © Bereitgestellt von WELT Schweden hat sich spätestens in der Flüchtlingskrise von seiner liberalen Einwanderungspolitik verabschiedet.

Ob historisch oder nicht – es ist ein Schritt auf einem Weg, den Schweden spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015 geht. Und von dem man schon jetzt sagen kann, dass er das Land gesellschaftspolitisch in eine neue Richtung führt.

Das Ende der „humanitären Supermacht“

Schweden hatte über Jahrzehnte die liberalste Einwanderungspolitik Europas, kein europäischer Staat nahm in seiner Geschichte pro Kopf mehr Asylbewerber auf und erarbeitete sich das – von Kritikern spöttisch, von Fans bewundernd benutzte – Attribut „humanitäre Supermacht“. Es ist eine Ironie der Geschichte: Als Deutschland die Willkommenskultur entdeckte – läutete dies in Schweden das Ende dieser Tradition ein. Die große Zahl der Migranten, die über Deutschland nach Skandinavien zog, überforderte Schweden und beschleunigte dort das Ende der offenen Einwanderungspolitik.

Schweden hat sich spätestens in der Flüchtlingskrise von seiner liberalen Einwanderungspolitik verabschiedet. © Bereitgestellt von WELT Schweden hat sich spätestens in der Flüchtlingskrise von seiner liberalen Einwanderungspolitik verabschiedet.

Schwedens liberale Migrationspolitik wurzelt in den Wirtschaftswunderjahren. Seit den 1960er-Jahren warb das skandinavische Land Arbeitskräfte aus anderen europäischen Ländern an. Anders als Deutschland, wo die „Gastarbeiter“ das Land eines Tages wieder verlassen sollten, wollte Schweden die Menschen langfristig halten, integrieren und schließlich zu Staatsbürgern machen. Als der Aufschwung endete, kamen weiter Menschen, nun auch aus vielen anderen Weltregionen. 1975 bekamen Zuwanderer und Staatsbürger gleiche Rechte und vollen Zugang zum Sozialsystem. Sie erhielten explizit die Wahl, sich an die schwedische Kultur anzupassen oder weiter die heimische zu praktizieren – sofern diese nicht zentralen schwedischen Werten widersprach. Ab 1984 galt ein unbefristetes Bleiberecht für Flüchtlinge.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

In den 90er-Jahren strömten die Flüchtlinge der Balkankriege nach Schweden und Deutschland. Beide Länder boten einen hohen Lebensstandard und viele Jobs – und die Chance, sich dauerhaft niederzulassen. Aber während Deutschland im Jahr 1993 sein Asylrecht verschärfte, blieb Schweden so liberal wie je. Fortan kamen deutlich mehr Asylbewerber nach Schweden als nach Deutschland. Noch 2010 waren es pro Kopf etwa dreimal so viele. Dann kam das Jahr 2015.

Deutschland war mit der größten Zahl an Flüchtlingen seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert – die Zahl der Migranten pro Kopf lag in Schweden sogar noch höher. Deutschland geriet an seine Grenzen, Schweden wurde es zu viel – man zog die Notbremse. Während in Deutschland zahlreiche Menschen einreisten, von denen unbekannt war, woher sie kamen, wies das skandinavische Land Ankömmlinge ohne Ausweisdokumente an den Grenzen ab.

Parallelwelten in den Vorstädten

Die Regierung verschärfte erstmals das Asylrecht – und schaffte das unbefristete Bleiberecht nach drei Jahrzehnten ab. Temporär, für fünf Jahre. Aber diese fünf Jahre sind nun um. Die Zahl der Asylbewerber ist seit dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei auch in Schweden gesunken, aber eine Rückkehr zum einstigen liberalen Einwanderungsrecht ist politisch nicht mehr durchsetzbar. Zu sehr beherrschten die Integrationsprobleme zuletzt immer wieder die Schlagzeilen im Land.

Die Vorstädte der Metropolen Stockholm, Göteborg oder Malmö haben sich über die Jahrzehnte in Parallelwelten verwandelt. Kriminalität und Arbeitslosigkeit sind bei Migranten und ihren Nachkommen höher als im Rest der Bevölkerung. Es gibt Schießereien zwischen Drogenbanden, sogar Bombenanschläge wurden verübt. Im vergangenen August starb ein zwölfjähriges Mädchen in der Region Stockholm versehentlich durch eine Kugel. Sie war nicht die einzige Unbeteiligte, die Opfer der Gewalt wurde. In dem skandinavischen Land, das so stolz war auf Toleranz und Harmonie, wurden 2019 umgerechnet auf die Bevölkerung viermal so viele Menschen durch Schusswaffen getötet wie in Deutschland.

Zu solchen Unruhen wie hier im August 2020 in Malmö kam es in den vergangenen Jahren regelmäßig in Schwedens migrantisch geprägten Vorstädten Quelle: picture alliance/ASSOCIATED PRES © picture alliance/ASSOCIATED PRES Zu solchen Unruhen wie hier im August 2020 in Malmö kam es in den vergangenen Jahren regelmäßig in Schwedens migrantisch geprägten Vorstädten Quelle: picture alliance/ASSOCIATED PRES

Wie hoch der Druck auf die sozialdemokratische Regierung ist, zeigte sich im vergangenen Jahr. Als andere EU-Länder, allen voran Deutschland, Flüchtlinge aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria in Griechenland aufnahmen, weigerte sich Schweden. Das Land stellte sich an die Seite von Polen oder Ungarn, nicht an die von Deutschland.

Ein historischer Moment ereignete sich vor wenigen Monaten im schwedischen Parlament, dem Reichstag. Schwedendemokraten-Chef Åkesson fragte da den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven, ob dieser keinen Zusammenhang zwischen Migration und wachsender Kriminalität sehe. „Ist die Migration so stark, dass die Integration nicht mehr gelingt, riskieren wir auch, mehr Probleme dieser Art zu bekommen. Das ist glasklar“, antwortete der Sozialdemokrat. Für Schweden eine Revolution. Die Sozialdemokraten hatten einen Zusammenhang immer verneint.

So wollen oder können nun auch die regierenden Sozialdemokraten nicht mehr zurück zum Asylrecht vor 2015. Mit einem neuen Gesetz wollen sie die Verschärfungen verstetigen, die seit damals nur temporär gegolten hatten. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde vor wenigen Wochen ins Parlament eingebracht und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ab Juli in Kraft treten. Vom unbefristeten Bleiberecht ist in Schweden kaum etwas übrig. Flüchtlinge sollen nur noch maximal drei Jahre im Land bleiben dürfen, exakt so lange wie in Deutschland. Mit subsidiärem Schutz sind es nur 13 Monate, das ist nur noch ein Monat länger als in Deutschland.

Ohne Sprachkenntnisse kein Aufenthalt

Nach Ablauf der jeweiligen Frist haben nur jene Menschen die Chance auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, die für sich und ihre Familie sorgen können, die schwedische Sprache ausreichend beherrschen und landeskundliche Kenntnisse unter Beweis stellen können. In Deutschland werden solche Kulturkenntnisse erst beim Staatsbürgerschaftstest verlangt.

Schwedens Asylpolitik ist immer noch etwas liberaler als die deutsche, die sich nach dem Willkommenskultur-Intermezzo der Jahre 2015 und 2016 auch wieder deutlich verschärft hat. Aber für die „humanitäre Supermacht“ im Norden ist es nicht weniger als eine neue Ära. Die Sozialdemokraten, einst mit einem Abonnement auf eine komfortable Mehrheit ausgestattet, haben keine Wahl mehr. Die rechtsnationalen Schwedendemokraten machen Druck, sie haben bei der Wahl im kommenden Jahr eine klare Chance auf die Macht. Die Partei, die erst 2010 erstmals den Sprung ins Parlament geschafft hatte, lag bei der bisher letzten Wahl im Jahr 2018 schon bei 17,5 Prozent. Seither bewegt sie sich konstant zwischen 20 und 25 Prozent – im Jahr 2019 war sie eine Zeit lang in den Umfragen sogar stärkste Kraft im Parlament.

Die Schwedendemokraten haben sich neben Sozialdemokraten und Konservativen als eine der drei großen Parteien des Landes etabliert. Von den anderen Parteien wurden die Schwedendemokraten systematisch gemieden, bis heute. Bis vergangenen Sonntag. Da verkündeten Schwedendemokraten, Konservative, Christdemokraten und Liberale ihre Zusammenarbeit. In einem eigenen Gesetzentwurf sind zahlreiche Vorhaben der Sozialdemokraten noch schärfer gefasst – und Ausnahmen gestrichen. Um für die Pläne eine Mehrheit zu bekommen, fehlen ihnen aber zwei Sitze. Aber egal, welcher der beiden Vorschläge verabschiedet wird: Schweden verabschiedet sich in der Migrationspolitik von seiner Tradition.

9 Mai 2021 0 Kommentare
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Bürgermeister Onay übt Kritik an Menschenrechtslage in der Türkei

von Fremdeninfo 9 Mai 2021
von Fremdeninfo

 

Bürgermeister Onay übt Kritik an Menschenrechtslage in der Türkei

Von

Stefan Kreitewolf

–

  1. Mai 2021

Im Fokus: Belit Onay, OB der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Foto: obs/Landeshauptstadt Hannover/© LHH / Sascha Wolters

Kritik aus Hannover: Oberbürgermeister Belit Onay bemängelt die Menschenrechtslage in der Türkei. Auslöser ist das Schicksal einer Ex-Mitarbeiterin der Landeshauptstadt, die seit 2019 in der Türkei inhaftiert war. Die Hintergründe.

Oberbürgermeister Belit Onay hat sich in einem Interview mit der „Neuen Presse Hannover“ über die türkische Regierung geäußert. Onay, der seit November 2019 im Rathaus der niedersächsischen Landeshauptstadt das Sagen hat, wird gegenüber der Zeitung deutlich: Willkürlich werde versucht, „Menschen mundtot zu machen“.

Er nehme mit Befremden zur Kenntnis, wie wenig inzwischen Frauenrechte oder internationale Abkommen in der Türkei wert sind, und wie sehr die Opposition zurückgedrängt werde. Auslöser seiner Aussagen ist das Schicksal einer langjährigen Angestellten der Stadt Hannover.

Die Deutsch-Türkin Yüksel Weßling war Ende 2019 aufgrund angeblicher Verbindungen zu Terrorgruppen während eines Besuchs in der Türkei festgenommen worden. Nach zweimonatiger Haft stand sie bis Mitte April 2021 unter Hausarrest. Vor drei Wochen wurde sie freigesprochen.

Gegenwind aus der Türkei

Mittlerweile hat Weßling die Türkei verlassen – und traf Onay persönlich in Hannover. In Pressemitteilungen, Interviews und per Social Media hatte Onay das Verfahren gegen sie seit Ende 2019 immer wieder öffentlich kritisiert und die Einhaltung rechtsstaatlicher sowie menschenrechtlicher Prinzipien angemahnt.

Der Grünen-Politiker, der seit dem Wahlkampf 2019 immer wieder die Maxime „Zusammenhalt ist stärker als Hass“ formuliert, bekommt seit Jahren Gegenwind aus der Türkei. Mal heißt es in türkischen Medien, die Stadt Hannover setze auf Onays Initiative hin Mitarbeitende unter Druck, nicht in die Türkei zu reisen. Mal werden er und seine Familie in sozialen Medien von Erdoğan-Anhängern massiv bedroht.

Onay hat diesbezüglich vieles erlebt und setzt sich offensiv zu Wehr. Er stehe auch gegenüber der Türkei weiterhin für seine politischen Überzeugungen ein, sagte er in dem Interview.

„Keine Rechtsstaatlichkeit mehr“

Weßling, die 27 Jahre als Sozialpädagogin bei der Landeshauptstadt Hannover beschäftigt war, beschreibt Onay als „kompetente und engagierte Mitarbeiterin“, die an zahlreichen Projekten und Aktivitäten im Bereich der Integrations- und Netzwerkarbeit mitgewirkt habe. Onays ehemalige Mitarbeiterin, die seit einigen Jahren eigentlich in Bonn lebt, war bis zuletzt nur eine von mehr als 60 Deutsch-Türken, die aktuell weiterhin in der Türkei festsitzen. Die Gründe für die einzelnen Ausreisesperren reichen bis ins Jahr 2012 zurück.

Weßlings Tochter Leyla sagte der „Deutschen Welle“: In der Türkei gäbe es „keine Rechtsstaatlichkeit mehr“. Auch im Europarat und auf EU-Ebene müsse Deutschland „die Einhaltung der Menschenrechte zur Voraussetzung für die weitere Zusammenarbeit mit der Türkei machen“

9 Mai 2021 0 Kommentare
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Immer mehr junge Türkinnen und Türken verlassen das Land – Viele wollen nach Deutschland

von Fremdeninfo 7 Mai 2021
von Fremdeninfo

Freitag, 7. Mai 2021 Politik HAZ

Flucht vor Erdogan

Immer mehr junge Türkinnen und Türken verlassen das Land – Viele wollen nach Deutschland

Von Gerd Höhler

Seit 120 Tagen protestieren in Istanbul Studenten gegen Erdogan – und werden von der Polizei hart angefasst.Foto: Hakan Akgun/dpa

Ankara. Es sollte eine Satire sein. Wozu kann ein türkischer Pass in der Pandemie nützlich sein? Wenn schon nicht zum Reisen, dann vielleicht im Haushalt, fanden zwei junge Istanbuler und posteten ein Video auf der Plattform Tiktok. Es zeigt, wie man den türkischen Pass als Lesezeichen, Ofenhandschuh oder Untersetzer verwenden kann. Ergebnis: Die beiden 23-Jährigen wurden festgenommen und in Handschellen dem Staatsanwalt vorgeführt. Auf sie wartet jetzt ein Prozess wegen „öffentlicher Beleidigung von Staatssymbolen“.

Es sind Vorgänge wie dieser, die immer mehr junge türkische Menschen daran zweifeln lassen, ob die Türkei unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan noch ihr Land ist. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von Anfang April 2019 bis Ende März 2020 beantragten in der EU 22 705 türkische Staatsbürger Asyl. Zum Vergleich: 2015 gab es weniger als 3000 Anträge.

Es sind keineswegs nur politische Aktivisten oder Angehörige der kurdischen Minderheit, die aus der Türkei fliehen. Immer mehr gut ausgebildete, hoch qualifizierte junge Leute kehren dem Land den Rücken und suchen ihre Zukunft im Ausland. Einer offiziellen Statistik zufolge wanderten 2019 rund 330 300 Türken aus. Die Mehrzahl war im Alter von 25 bis 29. Umfragen bestätigen den Trend. Nach einer Studie des angesehenen Meinungsforschungsinstituts Metropoll wollen 47 Prozent aller Befragten lieber im Ausland studieren oder arbeiten. Fast jeder vierte von ihnen nennt Deutschland als bevorzugtes Ziel. Die favorisierte Stadt ist Berlin, gefolgt von Düsseldorf, Köln und Frankfurt.

Der Exodus hat mehrere Gründe. Die Wirtschaftslage ist zunehmend schwierig. Die Geldentwertung zehrt an den Einkommen. Im April stieg die offizielle Inflation auf 17,1 Prozent. Unabhängige Ökonomen schätzen die tatsächliche Teuerung auf rund 30 Prozent. Die Arbeitslosenquote erreichte im Februar 13,4 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen finden sogar 27 Prozent keinen Job. Auch die Arbeitslosenstatistik gilt als geschönt. Statt offiziell gemeldeter 4 Millionen könnte es in der Türkei rund 10 Millionen Arbeitslose geben, schrieb kürzlich der Ökonom Mustafa Sönmez.

Die zunehmende politische Gängelung des Bildungswesens durch die islamisch-konservative Regierung ist ein weiterer Auswanderungsgrund. Seit 120 Tagen protestieren in Istanbul Studierende und Lehrende gegen die Ernennung eines Regierungspolitikers zum Rektor der früher als liberal geltenden Bogazici-Universität. Der Staatschef hatte seinen Parteifreund Anfang Januar ohne die üblichen Anhörungen an die Spitze der Hochschule berufen.

Schon 2012 verkündete Erdogan, sein Ziel sei es, eine „fromme Generation“ heranzuziehen. Dazu fördert der Staat den Bau immer neuer religiöser Imam-Hatip-Schulen. Sie übernehmen inzwischen die Rolle allgemeinbildender Schulen. Aber viele junge Türkinnen und Türken interessieren sich mehr für Informatik als für Koranverse. Sie versuchen, sich der Islamisierung von Staat und Gesellschaft zu entziehen und gehen ins Ausland oder träumen zumindest davon. Der ohnehin innovationsschwachen türkischen Wirtschaft droht ein gefährlicher Braindrain. Das Land ist dabei, seine besten Talente zu verlieren.

Staatschef Erdogan mag es recht sein, wenn kritische junge Menschen das Land verlassen. Auf ihre Wählerstimmen kann er ohnehin nicht hoffen. Wie aufmüpfig die Stimmung unter der Jugend ist, erlebte Erdogan im vergangen September bei einer auf Youtube übertragenen Videokonferenz mit Schülern und Studierenden. Je länger Erdogans Rede dauerte, desto mehr kritische Kommentare äußerten die jungen Leute im Chat – von Slogans wie „Keine Stimme für Dich“ bis zu „Bye Bye Erdogan“. Rund 340 000 Dislikes kassierte der Staatschef, bevor seine Mitarbeiter nach 39 Minuten die Kommentarfunktion kurzerhand abschalteten, um die Kritiker mundtot zu machen.

7 Mai 2021 0 Kommentare
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Konsulatsmitarbeiter zwangsversetzt

von Fremdeninfo 6 Mai 2021
von Fremdeninfo

Donnerstag, 6. Mai 2021 Hannover

Konsulatsmitarbeiter zwangsversetzt

Ehepaar wollte Schleuseraffäre um „graue Pässe“ aufdecken – und muss nun zurück in die Türkei

Von Manuel Behrens

Zwei Mitarbeiter des türkischen Generalkonsulars in Hannover sollen zwangsversetzt werden. Sie sollen auf den illegalen Schmuggel von türkischen Staatsbürgern aufmerksam geworden sein.Foto: Tim Schaarschmidt

Die Affäre um türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die im Sommer vergangenen Jahres illegal mit Scheineinladungen auch nach Hannover gekommen waren, geht weiter. Wie Medien in der Türkei berichten, hat das Generalkonsulat der Republik in Hannover am
25. Februar zwei Konsulatsmitarbeiter zurück ins Außenministerium nach Ankara beordert – offenbar gegen deren Willen. Das Ehepaar, das in der Auslandsvertretung in der Nordstadt arbeitet, soll von den unrechtmäßigen Geschäften mit „grauen Pässen“ erfahren haben – und wollte sie aufklären.

Wie die Deutsche Welle Türkei (DW) auf ihrem türkischsprachigen Portal sowie andere türkische Medien berichten, soll das Ehepaar auf den Menschenschmuggel hingewiesen haben. Doch das schien nicht im Interesse der Landesvertretung zu sein. Eine Nachricht der beiden an türkische Behörden sowie alle Generalkonsulate in der Bundesrepublik sei demnach vertuscht worden. Weil beide derzeit krank geschrieben sind, halten sie sich noch in Deutschland auf, heißt es in den Medienberichten. Eine Anfrage zu dem Vorgang an das Generalkonsulat in der Nordstadt blieb bislang unbeantwortet.

43 Personen verschwunden

Mitte April war der Korruptions- und Schmuggelskandal ans Licht gekommen. Im Rampenlicht steht dabei der Unternehmer Ersin K. aus Hannover. Unter dem Vorwand von vermeintlichen Umweltprojekten soll er zwischen dem 30. Juli und
1. August vergangenen Jahres 45 Personen aus der Türkei nach Hannover eingeladen und -geschleust haben. Statt an entsprechenden Workshops teilzunehmen, wollten sich die türkischen Staatsbürger aus ärmlichen Provinzen ein neues Leben aufbauen. Für die „grauen Pässe“, die eine visafreie Einreise in die Bundesrepublik ermöglichen, mussten sie Geld an die türkischen Provinzbehörden zahlen. Die Rede ist von 5000 bis 8000 Euro pro Pass.

Gedacht sind die Pässe eigentlich für dienstliche Auslandsreisen von Staatsbeamten und Politikern. Kommunen können solche Pässe aber auch für Personen beantragen, die zum Beispiel zu Kongressen ins Ausland reisen und eine entsprechende Einladung vorweisen können. Nach der Ankunft in Hannover wurden sie den Personen wieder abgenommen, sodass diese derzeit ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland sind.

Nur zwei von ihnen kehrten wieder in die Türkei zurück, der Rest soll in Deutschland verstreut sein und teilweise Asyl beantragt haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Anklage gegen den „Scheineinlader“ K. wegen des Verstoßes gegen das Aufenthaltsgesetz erhoben, die mittlerweile beim Amtsgericht anhängig ist.

Und der Vorgang in Hannover war offenbar kein Einzelfall. Das türkische Innenministerium ermittelt inzwischen gegen sechs Stadtverwaltungen in den Provinzen Balikesir, Adiyaman, Burdur, Yozgat, Sanliurfa und Ordu. Sie sollen in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen – wie auch dem Unternehmen von Ersin K. – Dienstpässe für Auslandsreisen zu „Volkstanzfestivals“, „Bildungsreisen“ und „Jugendprogrammen“ beantragt haben. Zwischen 1000 und 2000 Türkinnen und Türken sollen so ausgewandert sein. Kurz nach Bekanntwerden des Skandals wurde die Ausgabe der „grauen Pässe“ von türkischer Seite gestoppt.

Anfragen „abgeschmettert“

Doch die Ermittlungen und Konsequenzen in der Türkei beschränken sich auf niedrigere Behördenebenen – so wie die konsularischen Mitarbeiter aus Hannover. Herausgekommen war die Abordnung des Paares in einer parlamentarischen Anfrage der oppositionellen CHP. Der stellvertretende Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, Veli Ababa, kritisierte Regierung und Außenministerium für ihren Unwillen, die Schmuggelaffäre aufzuklären. „Dass die beiden Mitarbeiter für die Entdeckung des Schmuggels bestraft werden, wirft Fragen auf“, zitiert die Deutsche Welle Türkei den Abgeordneten Ababa. Er vermutete hinter dem Vorgang eine Verbindung zwischen Politik und illegalen Schleusergeschäften.

Der Türkeiexperte und Politikwissenschaftler Ismail Küpeli von der Universität Köln sieht das ähnlich. „Die de facto Bestrafung der beiden Diplomaten deckt sich damit, wie die türkische Regierung insgesamt mit dem Skandal um die ,grauen Pässe‘ umgeht“, sagt er auf HAZ-Anfrage. „Anträge der Opposition im Parlament für eine genauere Untersuchung wurden durch die Regierungsmehrheit (AKP und MHP) abgeschmettert.“

6 Mai 2021 0 Kommentare
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