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Flüchtlinge

EU-Asylpolitik: Von der Leyen fordert Abschiebezentren außerhalb Europas

von Fremdeninfo 15 Oktober 2024
von Fremdeninfo

EU-Asylpolitik: Von der Leyen fordert Abschiebezentren außerhalb Europas

Artikel von Von Josef Kelnberger, Brüsse
 
                  
      Initiative in der Asylpolitik: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. © Lisi Niesner/REUTERS

Die Kommissionspräsidentin legt den Staats- und Regierungschefs einen Zehn-Punkte-Plan vor, um die irreguläre Migration einzudämmen. Der hat es in sich.

Von der Leyen fordert Abschiebezentren außerhalb Europas

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will das Asylrecht in der Europäischen Union weiter verschärfen. In einem Brief an die 27 Staats- und Regierungschefs, die sich an diesem Donnerstag zum Gipfel in Brüssel treffen, entwirft sie einen Zehn-Punkte-Plan. Er soll helfen, die Zahl der in Europa ankommenden Migranten zu vermindern und abgelehnte Asylbewerber schneller zur Ausreise zu zwingen. Der brisanteste Punkt in dem Papier sind zweifellos sogenannte „return hubs“, also Abschiebezentren außerhalb der EU.

Der Wille, Asylverfahren in Staaten außerhalb der EU auszulagern, zieht sich durch alle aktuellen Debatten in der europäischen Flüchtlingspolitik. Von der Leyen kündigt an, das Konzept „sicherer Drittstaaten“ im kommenden Jahr rechtlich neu zu regeln. In dem Zusammenhang erwähnt sie in einem Satz die Abschiebezentren als „einen möglichen Schritt vorwärts“. Sie entspricht damit auch Forderungen aus der Europäischen Volkspartei, der sie als CDU-Politikerin angehört. In der Vergangenheit hatte die EU-Kommission solche Ideen abgelehnt.

Als Vorbild für die Auslagerung von Asylverfahren gilt Giorgia Melonis Abkommen mit dem EU-Beitrittsland Albanien. Die italienische Regierungschefin lässt Asylverfahren für Menschen, die außerhalb italienischer Gewässer aufgegriffen werden, unter italienischer Regie in albanischen Lagern durchführen. Von der Leyen erwähnt Meloni in ihrem Brief ausdrücklich: Die ganze EU könne von den Erfahrungen mit diesem Modell lernen, schreibt sie. Die meisten Vorschläge zur Zusammenarbeit mit Drittstaaten, die derzeit in Europa diskutiert werden, gehen jedoch über das Meloni-Modell hinaus: Es ginge nicht um EU-Beitrittsländer wie Albanien, sondern um afrikanische Staaten wie

Wie reagiert die Bundesregierung?

Mit Spannung wird in Brüssel erwartet, wie sich Bundeskanzler Olaf Scholz und die deutsche Regierung zur Idee von Abschiebezentren in Drittstaaten verhält. Sie hatte sich zuletzt einer Initiative von 17 europäischen Staaten angeschlossen, die fordert, einen neuen Rechtsrahmen zu schaffen, um Abschiebungen zu beschleunigen und zu erleichtern.

Von der Leyen beklagt in ihrem Brief selbst, nur 20 Prozent der abgelehnten Asylbewerber würden Europa auch wirklich verlassen. Deshalb sollen Verfahren gestrafft und europaweit harmonisiert werden. Abgelehnten Asylbewerbern will von der Leyen strengere Pflichten auferlegen. Und besondere Regeln sollen für die Abschiebung von straffällig gewordenen Asylbewerbern entwickelt werden, schreibt die Kommissionspräsidentin.

Der Brief dient als Grundlage für das Treffen der Staats- und Regierungschefs beim Gipfel in Brüssel. Fragen der Migration dürften dort das beherrschende Thema sein. Die Zahl der in Europa ankommenden Migranten ist zuletzt gesunken. Ursula von der Leyen führt das vor allem auf die Abkommen mit nordafrikanischen Ländern wie Tunesien zurück, die Migranten an der Überfahrt über das Mittelmeer hindern. Solche Verträge bezeichnet die Kommissionspräsidentin als Erfolgsmodell. Die Debatten um Verschärfungen des Asylrechts in Europa reißen angesichts der Wahlerfolge rechter Parteien in ganz Europa aber nicht ab. Und sie haben neue Fahrt aufgenommen durch das deutsche Vorgehen seit dem Messer-Anschlag von Solingen.

Deutschlands Grenzkontrollen als Gelegenheit für Verschärfungen

Die Bundesregierung hat Kontrollen an allen deutschen Grenzen eingeführt und in ungewohnt scharfer Form die Regierungen in Italien und Griechenland kritisiert, weil sie Asylbewerber, für deren Verfahren sie laut europäischem Recht zuständig wären, nicht zurücknehmen. Andere Staaten nehmen den deutschen Kurswechsel nun als Gelegenheit, Verschärfungen des Asylrechts voranzutreiben, denen sich Deutschland bislang verweigert hat.

Ursula von der Leyen kommt der Bundesregierung in ihrem Brief durchaus entgegen. So plädiert sie wie die deutsche Innenministerin Nancy Faeser dafür, Teile der im Frühjahr beschlossenen europäischen Asylrechtsreform vorzuziehen. Kern der Reform sind Lager an den EU-Außengrenzen, wo Asylbewerber mit geringer Aussicht auf Anerkennung festgehalten und schnell wieder abgeschoben werden sollen. Wegen des großen Aufwands bei der Umsetzung soll das System erst in zwei Jahren starten.

Von der Leyen schlägt nun vor, die umfassende Registrierung und Sicherheitsüberprüfung von Flüchtlingen sofort umzusetzen. Damit könnten die Dublin-Regeln wieder besser zur Geltung kommen: Verantwortlich für das Asylverfahren ist der Staat, in dem die Migranten europäischen Boden erreichen. Im Gegenzug, schreibt von der Leyen, könnten die neuen Regeln für die „Solidarität“ unter den Mitgliedstaaten sofort greifen, was konkret hieße: Italien und Griechenland dürften gewisse Kontingente von Asylbewerbern an andere Staaten abgeben, oder sie würden zumindest finanziell entschädigt.

Im Mittelpunkt der Debatten dürfte bei dem Gipfel auch der polnische Regierungschef Donald Tusk stehen. Er wird seinen Plan erklären, das Asylrecht für eine gewisse Zeit komplett außer Kraft zu setzen. Er begründet den Schritt damit, Russland und Belarus würden weiterhin Migranten an die polnische Grenze schicken, um Polen und die ganze EU zu destabilisieren. Die Kommission hat die polnische Regierung zu Beginn dieser Woche davor gewarnt, gegen europäisches Recht zu verstoßen. Allerdings werden bei dem Brüsseler Gipfel auch neue Wege diskutiert, sich gegen die sogenannte „Instrumentalisierung“ von Migranten zu wehren. Auch Ursula von der Leyen erwähnt dieses Problem in ihrem Brief als eine der zehn Prioritäten. Von einer Aussetzung des Asylrechts ist darin allerdings nicht die Rede.

 
15 Oktober 2024 0 Kommentare
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Information

EXKLUSIV – Gündogan schreibt bewegenden Brief an Deutschland

von Fremdeninfo 13 Oktober 2024
von Fremdeninfo

EXKLUSIV – Gündogan schreibt bewegenden Brief an Deutschland

Bild Zeitung

                                                

                                                          In 82 Länderspielen stand Ilkay Gündogan für Deutschland auf dem Platz © Getty Images
 
In 82 Länderspielen stand Ilkay Gündogan für Deutschland auf dem Platz

Liebe Fans,

mit einem lachenden und einem weinenden Auge werde ich zum Spiel gegen die Niederlande nach München anreisen. Auf der einen Seite freue ich mich darauf, mich noch einmal offiziell gemeinsam mit Manu, Thomas und Toni (wird nicht persönlich vor Ort sein, d. Red.) von euch Fans zu verabschieden sowie viele Mitspieler wiederzusehen, auf der anderen Seite wird mir dann auch nochmal bewusst werden, dass die DFB-Karriere nun endgültig vorbei ist.

Meine DFB-Karriere wird häufig als unglücklich oder unvollständig eingestuft. Ja, ich weiß, was viele Medien oder Experten damit meinen und ja, meine Jahre in der Nationalmannschaft waren sicherlich nicht so erfolgreich wie meine Karriere im Vereinsfußball.

Aber am Ende stehen trotzdem 82 Länderspiele für mein Heimatland – eine Zahl, die ich im Jugendalter niemals für möglich gehalten hätte – eine Zahl, auf die ich unfassbar stolz bin!

Mein stolzester Moment war sicherlich, als ich unsere Mannschaft zum Eröffnungsspiel der Heim-EM als Kapitän anführen durfte. Eine Mannschaft, mit der wir es gemeinsam geschafft haben, endlich wieder eine Euphorie im Land auszulösen nach so vielen schwierigen Jahren.

Man hat es gesehen: Als wir im März unsere Testspiele gewonnen hatten, eine kleine Euphorie aufkam, war plötzlich alles anders. Die Jungs haben wieder an sich geglaubt!

Ein Glaube, der nach all den negativen Erlebnissen so wichtig war – die Negativität war endlich verschwunden und das Selbstvertrauen war zurückgekehrt. Das Zusammenspiel von Spielern, Fans und Öffentlichkeit war wieder intakt und genau das war unsere größte und wichtigste Errungenschaft im vergangenen Sommer.

Ich selbst hatte das Gefühl, dass es an der Zeit ist, Platz für jüngere Spieler zu machen. Dass auch der auf Vereinsebene immer voller werdende Spielplan dabei eine große Rolle gespielt hat und sich Körper und Kopf nach etwas mehr Pausen gesehnt hatten, war ebenfalls ein Hauptfaktor für meine Entscheidung. Zur Heim-EM war ich mit über 60 absolvierten Pflichtspieleinsätzen angereist – in der aktuellen und kommenden Saison könnten es theoretisch noch mehr werden.

Selbstverständlich werde ich aber weiter alle DFB-Spiele verfolgen – als großer Fan einer unfassbar talentierten Truppe, die vom Gefühl her nun immer weiter zusammenwachsen wird.

Bei der nächsten WM mag es wieder zwei, drei Teams geben, die vielleicht auf dem Papier noch stärker sein werden, aber das war schon immer so. Mit dem zuletzt entwickelten Teamgeist wird auch in Amerika bis zum Titelgewinn aber alles möglich sein – da bin ich mir sicher.

Ich wünsche mir tief im Herzen, dass es mit unserer Nationalmannschaft so weitergeht wie zuletzt und sie auch in schwierigen gesellschaftlichen Zeiten für positive Ablenkung sorgen kann.

Wir sehen uns in München, alles Gute

Euer Ilkay

13 Oktober 2024 0 Kommentare
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Nena und die andere Meinung – Ich hätte nie gedacht, dass ich einem Grünen zustimme, aber: Applaus für Özdemir!

von Fremdeninfo 13 Oktober 2024
von Fremdeninfo

Nena und die andere Meinung – Ich hätte nie gedacht, dass ich einem Grünen zustimme, aber: Applaus für Özdemir!

                                                        Artikel von Von FOCUS-online-Nena Brockhaus
                                                 
                                                              Dieses Mal diskutiert Nena Brockhaus Özdemirs Gastbeitrag
 

Die größten Sorgen der Deutschen sind die steigenden Lebenserhaltungskosten und die Migration. Besonders die Debatte um Gewalt von Männern mit Migrationshintergrund bewegt aktuell Deutschland. Schenken Sie mir einen Augenblick für beide Meinungen.

Was Gewalt von Männern mit Migrationshintergrund betrifft, gibt es in Deutschland aktuell zwei Lager. Die einen, die die Debatte engagiert lostreten, wie der grüne Minister Cem Özdemir. Oder auch die Journalisten Ninve Ermagan und Ulrich Wickert.

Und das andere Lager, angeführt von Journalisten wie Melanie Amann, die Ulrich Wickert in der Sendung „Maischberger“ quasi Desinformation vorwarf, als eben jener meinte, dass sich Frauen abends in Hamburg nicht mehr auf den Jungfernstieg trauen.

Zwischentöne in der Debatte fehlen. Ich selbst befinde mich im Lager Özdemir. Wir müssen Dinge konkret ansprechen. Wir brauchen mehr Diskurs. Zwingend und dringend. Zu oft werden Debatten unterdrückt.

Der Grund? Man wolle der AfD nicht in die Karten spielen, heißt es oft. Was die Wortführer vergessen: Nur, weil es Alice Weidel ist, die sagt, dass die Sonne scheint, heißt es noch lange nicht, dass es draußen regnet. Die kritischen Standpunkte zur Migrationspolitik gehören nicht der AfD. 

Özdemir sorgte für Furore

Sehen wir uns einmal die Fakten an. Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) war 2022 etwa ein Drittel der Tatverdächtigen in Deutschland nicht-deutscher Herkunft, während diese Gruppe etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. In bestimmten Bereichen wie Gewaltdelikten, also beispielsweise Körperverletzung und Raub, liegt der Anteil noch höher.

In einigen Bereichen wie sexueller Gewalt, Messerangriffen oder Übergriffen in sozialen Brennpunkten sind Migranten statistisch häufiger vertreten.

Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zeigt, dass der Anteil von jungen Männern mit Migrationshintergrund bei bestimmten Formen der Jugendgewalt überproportional vertreten ist. Die Kriminalstatistiken liefern auch Hinweise darauf, dass bestimmte Migrantengruppen bei sexuellen Delikten überrepräsentiert sind. 

Der grüne Minister Cem Özdemir sorgte für Furore, als er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) einen emotionalen Gastbeitrag über die Ängste seiner Tochter schrieb: „Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, kommt es häufiger vor, dass sie oder ihre Freundinnen von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden.“

Özdemir fordert klare Grenzen

Er schrieb auch: „Doch ich spüre, wie sie das umtreibt. Und wie enttäuscht sie ist, dass nicht offener thematisiert wird, was dahintersteckt: die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern.“

Özdemir forderte klare Grenzen: „Wer einen wertvollen zu unserem Land beitragen kann und will, ist willkommen. Wer nachweislich Schutz sucht, dem helfen wir. Für alle anderen haben wir keinen Platz.“

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem Grünen vollständig zustimme. Doch es ist an der Zeit: Applaus für Cem Özdemir! Doch wir wären nicht bei „Nena und die andere Meinung“ ohne das andere Lager anzuhören:

Journalistin und Autorin Annika Brockschmidt machte ihrem Ärger auf der Plattform X Luft: „Sorge um die Tochter wegen illegaler Migranten ist nun wirklich das sexistischste, rassistischste Klischee schlechthin. Und: nichts anderes wird seit Monaten in sämtlichen deutschen Medien durchgespielt, rauf und runter. So zu tun, als sei das nicht der Fall, ist bizarr.“

Falschdarstellungen durch Medien werden kritisiert

Es gibt Statistiken, die Brockschmidts Meinung durchaus unterstützen. Beziehungsweise Meinungen wie die meine zur Gewalt durch Migranten relativieren.

Beispielsweise soll eine verstärkte Polizeipräsenz in sozialen Brennpunkten oder Vierteln mit hohem Migrantenanteil zu einer überproportionalen Zahl an Festnahmen führen, ohne dass tatsächlich eine Zunahme der Kriminalität vorliegt. Was aber die Statistiken zu den Ungunsten der Migranten verändert.

Auch werden häufig die Falschdarstellungen durch Medien kritisiert. Viele Medienberichte würden sich zu stark auf Verbrechen von Menschen mit Migrationshintergrund fokussieren, was den Eindruck erwecke, dass diese Gruppe generell gewalttätiger ist. Dies führe zu verzerrten Wahrnehmungen.

Auch verzeichnen wir in Deutschland einen langfristigen Rückgang der Kriminalität. Trotz aller medialer Aufmerksamkeit sinkt die Kriminalitätsrate in Deutschland in vielen Bereichen seit Jahren, auch wenn manche Deliktsgruppen wie Messerangriffe in bestimmten Kontexten zunehmen.

Nicht zu vergessen, dass Gewalt gegen Migranten, insbesondere durch rechtsextreme Gruppierungen, ebenfalls ein wachsendes Problem ist, das in der öffentlichen Diskussion oft nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhält wie Gewalt von Migranten.

Auch Historiker hat Problem mit Özdemirs Aussagen

Auch Historiker Jürgen Zimmerer hat ein Problem mit Özdemirs Aussagen und der Debatte um die Gewalt von Migranten. Er warf Özdemir vor, den „xenophob-völkischem Rechtsruck“ mit seinem Artikel zu befeuern. Und die „taz“ argumentierte, dass man einem Menschen den Migrationshintergrund nicht ansehen könne.

Was mir aber viel wichtiger als die Meinung von Özdemir, Brockschmidt, Zimmerer, „taz“ und Co., ist Ihre Meinung, liebe Leser. Wie stehen Sie zu der Debatte um die Gewalt von Migranten?

Sind Sie diese Woche Team Brockschmidt? Oder Team Brockhaus? Seien Sie sich gewiss: Ich lese immer all Ihre Kommentare – jeden Einzelnen. Jede Woche. Schreiben Sie mir auch gerne einmal in die Kommentare mit wem ich als nächstes debattieren soll.

Wenn Sie mögen, lesen wir uns nächste Woche Samstag wieder.

Ihre Nena Brockhaus

13 Oktober 2024 0 Kommentare
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Archive

Grünen-Landeschef gegen weitere Verschärfungen bei Migration

von Fremdeninfo 12 Oktober 2024
von Fremdeninfo

Grünen-Landeschef gegen weitere Verschärfungen bei Migration

                                                                    Artikel von dpa
                                     
 
                                        Grünen-Landeschef Gazi Freitag lehnt weitere Verschärfungen in der Migrationspolitik ab. © Axel Heimken/dpa

 

Schleswig-Holsteins Grünen-Landeschef Gazi Freitag trägt die schwarz-grünen Bundesratsinitiativen zur Migration mit, lehnt Verschärfungen darüber hinaus aber ab. 

Angesichts des steigenden Migrationsdrucks und Signalen der Überlastung aus den Kommunen müssten sie als Regierungspartei Verantwortung übernehmen, sagte Freitag auf einem Landesparteitag. Der Vorstoß der schwarz-grünen Landesregierung zusammen mit den Koalitionen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg (ebenfalls schwarz-grün) sei für seine eigene Partei aber wahnsinnig herausfordernd gewesen.

«Die Maßnahmen, die jetzt beschlossen wurden, sollen dazu beitragen, das System handlungsfähig zu halten, ohne dabei grundlegende menschenrechtliche Standards aufzugeben», sagte Freitag. Ziel sei es, das Asylrecht in seiner Kernfunktion zu schützen. «Es darf keine Aushöhlung des Rechts auf Asyl geben.» Es müsse sichergestellt sein, dass es dabei keine unrechtmäßigen Abschiebungen in unsichere Herkunftsländer gebe und Zugang zu fairen Asylverfahren gewährleistet bleibe. 

«Diese rote Linie durfte und wird auch zukünftig nicht überschritten werden. Weitergehende Maßnahmen können wir Grüne nicht mittragen», sagte Freitag. Die Bundesratsinitiative der drei Landesregierungen fordert effektivere Regeln zur Überstellung von Schutzsuchenden innerhalb Europas.

Freitag beklagt Polemik

Der Landesvorsitzende warf Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und anderen vor, Ängste zu schüren und ein verzerrtes Bild von Migration zu verbreiten. Seine eigene Partei stehe zunehmend unter Beschuss. «Diese ständige Polemik gegen die Grünen ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Es schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und stärkt am Ende rechtsextreme Kräfte.»

Schleswig-Holstein sei ein Paradebeispiel für grüne Regierungsbeteiligung, sagte Freitag. «Wir haben hier gezeigt, dass es möglich ist, ökologischen Wandel und wirtschaftliche Vernunft miteinander zu verbinden.» Die Grünen sind in Schleswig-Holstein seit 2012 durchgängig Regierungspartei.

 
 
12 Oktober 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Pro-Asyl-Expertin Judith: „Strafver­fahren verkommen in der Türkei zur Farce“

von Cumali Yağmur 11 Oktober 2024
von Cumali Yağmur

Pro-Asyl-Expertin Judith: „Strafver­fahren verkommen in der Türkei zur Farce“

 

                                  Stefan Kreitewolf/dtj

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Im DTJ-Interview äußert die rechtspolitische Sprecherin von Pro Asyl, Wiebke Judith, scharfe Kritik an der türkischen Justiz und dem Umgang der deutschen Politik. Ein neues Gutachten von Pro Asyl zeigt, wie die Regierung systematisch Einfluss auf Richter und Staatsanwälte ausübt – und politische Strafverfahren zur „Farce“ werden lässt.

In welchem Ausmaß kann die türkische Justiz heute noch als unabhängig betrachtet werden? Welche konkreten Maßnahmen hat die Regierung ergriffen, um Einfluss auf Richter und Staatsanwälte auszuüben?

Das von Pro Asyl in Auftrag gegebene Gutachten „Zur Lage der Justiz in der Türkei. Rechtsunsicherheit in Strafverfahren mit politischem Bezug“ zeigt, dass zahlreiche Eingriffe der Regierung in den letzten Jahren dazu geführt haben, dass die Unabhängig­keit und Unparteilichkeit des Gerichtswesens ausgehöhlt wurden. So werden zum Beispiel gezielt regierungstreue Kandidat*innen in zentrale Ämter berufen, um sicherzustellen, dass Ermittlungen und Urteile in politischen Verfahren im Sinne der Regierung er­folgen. Richter*innen, die unliebsame Urteile fällen, werden durch Versetzungen abgestraft, ihre Urteile entfalten kaum Präzedenzkraft.

Das hat Konsequenzen: Politische Strafver­fahren in der Türkei sind zu einer Farce verkommen. Die von uns beauftragten Gutachter*innen haben auch mit Anwält*innen in der Türkei gesprochen und dabei festgestellt, dass deren Ver­trauen in die Justiz erschüttert ist. Eine wirksame Verteidigung ihrer Mandant*innen ist bei bestimmten Vorwürfen nicht mehr möglich. Stattdessen geraten Anwält*innen immer häufiger selbst in den Fokus der Strafbehörden.

Wie gravierend ist der politische Einfluss auf die Strafverfolgung in der Türkei? Insbesondere bei Verfahren mit Terrorismusvorwürfen: Ist die Unabhängigkeit der Justiz in diesen Fällen vollständig aufgehoben?

Strafverfahren wegen terrorismusbezogener Tatbestände wie „Propaganda“, „Mitgliedschaft“ oder „Unterstützung“ sind besonders problematisch. Mit solchen Vorwürfen sehen sich oft Menschen konfrontiert, die zur „Kurd*innenfrage“, Korruption oder Menschenrechts­verletzungen arbeiten. Brisant ist etwa, dass die Kriterien für die Feststellung der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sehr vage sind. Zudem besteht die Möglich­keit, als Mitglied einer terroristischen Organisation verur­teilt zu werden, ohne dass diese vagen Kriterien überhaupt geprüft werden.

„Die Behörden sehen, was sie sehen wollen“

Lässt sich von einer systematischen Kriminalisierung politischer Gegner sprechen? Welche Bevölkerungsgruppen sind am stärksten von politisch motivierten Strafverfahren betroffen, und wie funktioniert dieser Mechanismus?

Änderungen der Strafprozessordnung sowie eine Reihe von Verordnungen mit Gesetzeskraft haben die Prinzipien der Fairness und der Waffengleichheit zwischen Anklage und Verteidigung weiter ausgehöhlt. So werden etwa terrorismus­bezogene Verfahren regelmäßig als „geheim“ eingestuft, womit die angeklagte Person keine Möglichkeit auf eine angemessene Vorbereitung hat. Selbst das Recht auf einen Rechtsbeistand und vertrauliche Kommunikation mit der Anwältin oder dem Anwalt wird häufig stark eingeschränkt.

 

Und damit nicht genug: Von der Beschränkung der verbalen Verteidigung bis hin zum Ausschluss der Verteidigung aus dem Gerichtssaal – auch praktisch werden die Verteidigungsmöglichkeiten beschnitten. Die Ermittlungen in den besprochenen Verfahren sind einseitig. Die Behörden sehen, was sie sehen wollen.

Inwiefern? Können Sie das weiter erläutern?

In politischen Verfahren stellt die Staatsanwaltschaft häufig keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der vorgeworfenen Handlung und der zur Last gelegten Tat her, ein hinreichender Tatverdacht wird nicht begründet. Zur Verurteilung kommt es dennoch.

Ein weiterer zentraler Pfeiler sind Aussagen – zum Teil geheimer – Zeug*innen. Sie bleiben oft abstrakt und lassen keine Verbindung zwischen der beschuldigten Person und den ihr zur Last gelegten Ereignissen oder Taten erkennen. Auch ist es für die Verteidigung nicht möglich, die Zeug*innen zu befragen und ihre Zuverlässigkeit zu überprüfen.

Immer weniger Schutzsuchende erhalten Asyl in Deutschland

Das hat nichts mit rechtsstaatlichen Strafverfahren zu tun und zeigt, dass diese Vorwürfe genutzt werden, um die politische Opposition zu verfolgen. Außerdem sind die Ermittlungen selbst schon zum Mittel der Bestrafung geworden: Sie werden schnell eingeleitet, Untersuchungshaft und Ausreiseverbote werden häufig verhängt. Diese Maßnahmen schweben als Damokles­schwert über ganzen Bevölkerungsgruppen.

Inwiefern beeinflusst die Wahrnehmung der Menschenrechtssituation in der Türkei die Entscheidungspraxis der Asylbehörden in Deutschland und anderen EU-Staaten? Welche spezifischen Missstände werden in den Asylverfahren möglicherweise nicht ausreichend gewürdigt?

Viele Menschen aus der Türkei fliehen nach Deutschland, um hier Schutz zu suchen. Im letzten Jahr ran­gierte die Türkei mit 61.181 Erstanträgen auf dem trau­rigen zweiten Platz der Hauptherkunftsländer von Asyl­antragsstellenden in Deutschland. Bis Juni 2024 wurden knapp 16.000 Erstanträge von Antragsstellenden aus der Türkei registriert.

 

Doch obwohl die desolate Menschenrechtslage und der Abbau rechtsstaatlicher Standards in der Türkei umfänglich dokumentiert sind, erhalten immer weniger Personen aus der Türkei Schutz in Deutschland. Die bereinigte Schutz­quote sinkt seit 2019 kontinuierlich und lag im Juni 2024 bei nur noch 13 Prozent.

Wie kann die systematische Verfolgung von kurdischen Asylsuchenden als Teil einer größeren Strategie zur Unterdrückung ethnischer Minderheiten in der Türkei verstanden werden? Inwieweit wird dies in den Asylverfahren berücksichtigt?

Obwohl die schwierige Situation von Kurd*innen in der Türkei durchaus bekannt ist, ist ihre Situation im deutschen Asylverfahren besonders dramatisch: Mit über 80 Prozent der Erstanträge machten Angehörige der Minderheit 2023 den größten Teil türkischer Asylanträge aus. Gleichzeitig sind sie besonders von einer restriktiven Entscheidungspraxis im Asylverfahren betroffen. 2023 erhielten lediglich 6 von 100 Kurd*innen aus der Türkei Schutz in Deutschland durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Bei Angehörigen der türkischen Bevölkerungsgruppe waren es knapp 65 von 100. Das BAMF erkennt keine Gruppenverfolgung von Kurd*innen in der Türkei an. Es wird also in jedem Fall individuell geprüft, ob eine Verfolgung aufgrund zum Beispiel politischer Tätigkeiten vorliegt. Dabei ist es für kurdische Antragsteller*innen besonders schwierig, das BAMF von ihrer Gefährdung zu überzeugen – das berichten uns regelmäßig Anwält*innen, die Asylsuchende vertreten.

„Falsche Grundannahmen bei der Rechtsstaatlichkeit“

Welche konkreten Beweise oder Indizien fehlen häufig in den Asylverfahren, um die verfolgungsspezifischen Risiken für türkische und kurdische Asylsuchende adäquat zu bewerten? Wie könnten diese Lücken geschlossen werden?

Ein zentrales Problem in den Asylverfahren ist aus Sicht von Pro Asyl, dass deut­sche Behörden an der Annahme festhalten, dass die Türkei auch in politisch motivierten Strafverfahren rechtsstaatlichen Kriterien folgt. So wird etwa die Verfolgung von kurdischen Oppositionellen unter dem Deckmantel des „Terrorismus“ in Deutschland immer wieder als ‚legitim‘ bewertet – und die betroffenen Kurd*innen bekommen keinen Schutz. „Die Türkei ist keineswegs ein rechtsfreier Raum“, hält das BAMF in einem Bescheid fest, der Pro Asyl vorliegt.

Grundsätzlich sei es nicht Aufgabe des Bundesamtes, türkische Gerichtsurteile auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen, heißt es in einem anderen Be­scheid. Die von Pro Asyl gesichteten Verfahrensunterlagen bestätigen, dass in deutschen Asylbescheiden die Schlussfolgerungen der türkischen Justiz häufig unkritisch übernommen werden. Das war für uns auch der Grund, warum wir das Gutachten zur Lage der Justiz in der Türkei in Auftrag gegeben haben. Als Herkunftslandinformation muss das BAMF diese neuen Erkenntnisse berücksichtigen und aus unserer Sicht seine Entscheidungspraxis ändern. Es ist aber auch eine wichtige Quelle für Anwält*innen und Richter*innen in Deutschland. Schon jetzt werden falsche Ablehnungen von in der Türkei Verfolgten häufig vor Gericht korrigiert.

Welche Rolle spielen internationale Organisationen und Menschenrechtsgruppen bei der Aufdeckung der repressiven Maßnahmen in der Türkei? Wie wirken sich deren Berichte und Stellungnahmen auf die Asylpraxis und das öffentliche Bewusstsein in den Aufnahmeländern aus?

Die entsprechenden Terrorismus-Gesetze werden schon lange beispielsweise durch die Menschenrechtskommission des Europarats kritisiert. Türkische Höchstgerichte und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben wichtige Urteile zum Schutz individueller Freiheitsrechte gefällt – geändert hat das in der Türkei bislang wenig, wie das neue Gutachten zeigt. Berichte von internationalen NGOs wie Amnesty International oder Human Rights Watch geben wichtige Einblicke in die schwierige Menschenrechtslage in dem Land.

 

Sie finden auch immer wieder Beachtung in Asylentscheidungen, doch bestimmte falsche Grundannahmen bei der angeblichen Rechtsstaatlichkeit von politisch motivierten Strafverfahren in der Türkei halten sich trotzdem hartnäckig. Wir hoffen, dass das neue Gutachten solche Mythen nun eindeutig widerlegt.

„Faire Asylverfahren in Haftlagern nicht möglich“

Inwiefern könnten Reformen im deutschen Asylrecht dazu beitragen, die Anerkennung der verfolgungsspezifischen Risiken für türkische und kurdische Asylsuchende zu verbessern? Welche politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen wären notwendig, um eine gerechtere Asylpraxis zu fördern?

Die Zeichen in Europa und in Deutschland stehen aktuell leider immer mehr auf Abschottung. Anstatt sich auf die Werte von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu besinnen, wurden neue Gesetzesverschärfungen im europäischen Asylsystem beschlossen. Und die könnten auch für türkische Schutzsuchende dramatisch werden: Wenn ihre europaweite Schutzquote weiterhin so niedrig bleibt, dann müssen sie zukünftig an den europäischen Außengrenzen in de facto Haftlagern ihr Asylverfahren durchlaufen. Mit solchen Zentren gibt es schon lange Erfahrungen zum Beispiel in Griechenland und diese haben gezeigt: Faire Asylverfahren sind dort nicht möglich. Als Aufnahmegesellschaft müssen wir uns auch in Deutschland fragen: Was macht es mit uns, wenn wir unsere Grenzen und Herzen vor fliehenden Menschen schließen?

Letzte Frage: Was fordern Sie als Pro Asyl konkret?

Pro Asyl setzt sich dafür ein, dass fliehende Menschen weiterhin Schutz in Europa und Deutschland bekommen. Hierfür braucht es dringend ein Umdenken in der Politik, damit grundlegende Menschenrechte von schutzsuchenden Menschen wieder geachtet werden. Es braucht mehr sichere Zugangswege und für alle hier schutzsuchenden Menschen faire Asylverfahren. Nur so kann sichergestellt werden, dass niemand in ein Land geschickt wird, in dem ihm/ihr schwere Verfolgung, Folter oder willkürliche Haftstrafen drohen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wiebke Judith ist Rechtspolitische Sprecherin und leitet das Team Recht & Advocacy bei Pro Asyl.

Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. 

11 Oktober 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Beobachter sehen Defizite bei Abschiebungen

von Fremdeninfo 10 Oktober 2024
von Fremdeninfo

Beobachter sehen Defizite bei Abschiebungen

Artikel von dpa
                                                  
                                                               Sie sind im Auftrag der Kirche im Einsatz. © Arne Dedert/dpa
 
Typische Problemkonstellationen» sind dem Tätigkeitsbericht zufolge zurückgelassenes Gepäck, fehlende Medikamente, mangelnde Informationen über den Ablauf, Trennung von Familien und Verständigungsprobleme. In vielen Fällen werde die Abschiebung jedoch ohne große oder besondere Probleme vollzogen, heißt es im Fazit. 
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                                          Die Beobachter sind an vielen Tagen vor Ort. © Arne Dedert/dpa

 

Träger der Abschiebungsbeobachtung sind die Diakonie Frankfurt und Offenbach sowie der Caritasverband für die Diözese Limburg, die je eine halbe Stelle finanzieren. Finn Dohrmann (27) und Melisa Ergül-Puopolo (46) waren 2023 bei rund 1.200 Abschiebungen mit Linien- oder Charterflügen dabei.

Wo die Beobachter Defizite sehen

Wenn es Probleme gibt, beginnen diese nach Einschätzung der Beobachter mit der Abholung. «Besonders bei Sammelmaßnahmen in Westbalkanstaaten wurden vermehrt Familien mit (Klein-)Kindern zum Teil mitten in der Nacht abgeholt», heißt es in dem Bericht. «Immer häufiger berichteten Rückzuführende, dass sie bei der Abholung weder die Möglichkeiten hatten, zu packen, noch ihr Geld vom Konto abzuheben.»

Kritisch äußert sich der Tätigkeitsbericht auch zur Abschiebung Kranker. Im vergangenen Jahr seien «vermehrt Krebspatienten abgeschoben worden». Änderungsbedarf sehen die Beobachtenden auch bei Ärzten, die am Flughafen die Flugtauglichkeit bescheinigen müssen – gerade bei Chartermaßnahmen bleibe «kaum Zeit für eine angemessene Anamnese». 

Kinder als Dolmetscher

«Das Thema Rückführung und Kindeswohl stellt seit Jahren bundesweit einen Schwerpunkt der unabhängigen Abschiebungsbeobachtung», heißt es in dem Bericht. Die Beobachter sehen es kritisch, wenn Familien getrennt werden und wenn Kinder als Dolmetscher eingesetzt werden. 

Müssen Minderjährige zum Beispiel ihren Eltern eine angedrohte Zwangsmaßnahme erklären, sei das eine «eindeutige Kindeswohlgefährdung». Dolmetscher seien bei Abschiebungen auf Linienflügen so gut wie nie vor Ort. 

Aus Bayern besonders oft gefesselt

Zwangsmaßnahmen wie Handschellen oder Kopfschutz sind zwar gesetzlich erlaubt, müssen aber verhältnismäßig sein. Abzuschiebende aus Bayern seien «übermäßig oft gefesselt» gewesen, heißt es in dem Bericht. Bei Chartermaschinen nach Afrika sei das sogar «flächendeckend» zu beobachten gewesen. 

Die Zusammenarbeit mit der Bundespolizei, die die Abschiebung am Flughafen durchführt, empfinden die Beobachter als «respektvoll». Auch die Bundespolizei spricht von einer «vertrauensvollen Zusammenarbeit». Der Jahresbericht trage zur Transparenz der polizeilichen Maßnahmen bei, sagt Sprecher Jörg Martienßen.

Innenminister: Wer Straftaten begeht, hat kein Recht zu bleiben 

Hessen will vor allem Straftäter noch konsequenter abschieben. «Die Abschiebung von Straftätern hat für uns oberste Priorität», sagte Innenminister Roman Poseck (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. «Wer bei uns schwere Straftaten begeht, hat kein Recht zu bleiben.» 

Nach Angaben des Ministeriums wurden im vergangenen Jahr 1.406 Menschen aus Hessen abgeschoben. Dazu kamen mehr als 2.000 freiwillige Ausreisen. Ende August waren in Hessen 12.775 Personen ausreisepflichtig. 

«Das Hauptproblem ist, dass Abschiebungen in viele Länder wegen der Situation vor Ort oder der fehlenden Kooperation der Herkunftsstaaten nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich sind», so Poseck. «Trotz aller Anstrengungen bei Abschiebungen und freiwilligen Ausreisen bleibt es für mich dabei, dass wir das Migrationsproblem nur über eine erhebliche Begrenzung des Zuganges werden lösen können.» 

Menschenrechte schützen

«Trotz des zunehmenden Drucks müssen die Menschenrechte von Abzuschiebenden geschützt werden», sagt Rechtsanwältin Ergül-Puopolo, die schon seit 2016 Abschiebungen beobachtet. Die kirchliche Abschiebungsbeobachtung am Frankfurter Flughafen besteht seit 2006. 

Ihr Eindruck aktuell: «Man versucht, alles abzuschieben, was abgeschoben werden kann, um dem politischen Druck standzuhalten», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Mit Blick auf den Fachkräftemangel findet die Juristin das «völlig unverständlich». Zum Teil würden Menschen in genau die Länder abgeschoben, in denen Deutschland um Arbeitskräfte werbe – gerade etwa zwei junge Frauen kurz vor Beginn ihrer fest zugesagten Ausbildung.

 
10 Oktober 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Befragung im Bundestag: Abschiebungen: Faeser setzt auf Kooperation mit Ankara

von Fremdeninfo 9 Oktober 2024
von Fremdeninfo

Befragung im Bundestag: Abschiebungen: Faeser setzt auf Kooperation mit Ankara

Klönmisdche Stadt Aneige

 

                                                                              

                                                

                                                   Nancy Faeser ist Bundesministerin

Um abgelehnte Asylbewerber schneller in die Türkei abschieben zu können, setzt die Bundesregierung auf eine engere Kooperation mit Ankara. „Wir arbeiten daran, und ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Wochen dort Erfolge vermelden können“, antwortete Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) im Bundestag auf Fragen von Abgeordneten nach Fortschritten bei Abschiebungen in die Türkei. 

Ende September hatte die Bundesregierung erklärt, die Türkei habe sich zu praktischen Erleichterungen bei der Abwicklung von Abschiebungen bereiterklärt. Dazu gehört beispielsweise, dass abgelehnte Asylbewerber für eine Beschaffung von Passersatzpapieren für die Rückführung nicht zwingend zur Botschaft in Berlin gebracht werden müssen, sondern dass dies auch zu einem der türkischen Generalkonsulate stattfinden kann.

Türkei gehört zu Hauptherkunftsländern von Asylbewerbern

In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben 23.133 türkische Staatsbürger in Deutschland erstmalig einen Asylantrag gestellt. Die sogenannte Gesamtschutzquote lag bei den Asylanträgen von Menschen aus der Türkei, über die in diesem Jahr entschieden wurde, bei 9,6 Prozent. Knapp 1.300 türkische Staatsbürger wurden im Jahr 2023 aus Deutschland abgeschoben. Ende April 2024 waren etwa 14.500 Türken in Deutschland ausreisepflichtig.

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                          Die Bundesregierung will für weitere Abschiebungen von Straftätern nach Afghanistan sorgen sowie Möglichkeiten für
                             Abschiebungen nach Syrien prüfen. (Symbolbild) Sebastian Gollnow/dpa © Sebastian Gollnow/dpa
 
Deutschland hatte Ende August erstmals seit der Machtübernahme der islamistischen Taliban Menschen nach Afghanistan abgeschoben, im Flugzeug saßen 28 Straftäter. „Es wird zeitnah weitere Abschiebungen nach Afghanistan geben“, sagte Faeser. Geprüft werde auch, wie Abschiebungen von Straftätern nach Syrien organisiert werden könnten.

Fragen stellten die Parlamentarier auch zu einer im Aufbau befindlichen neuen Analyseeinheit im Bundesinnenministerium, die sich mit aus dem Ausland gesteuerter Desinformation beschäftigen soll. „Wir fangen jetzt mit 20 Analysten an“, sagte Faeser. 

Vor der Befragung der Ministerin hatte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, Irene Mihalic, gesagt, die Frage, „wie wir ein Jahr vor der Bundestagswahl mit dem Thema Desinformation und Einflussoperationen umgehen“, sei bislang nicht befriedigend beantwortet. Hier müsse die Bundesinnenministerin wesentlich mehr tun. (dpa)

9 Oktober 2024 0 Kommentare
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Rassismus

Religion wird instrumentalisiert“ – Zentralrat der Muslime zu Krieg in Nahost und Rassismus in Deutschland

von Fremdeninfo 9 Oktober 2024
von Fremdeninfo

„Religion wird instrumentalisiert“ – Zentralrat der Muslime zu Krieg in Nahost und Rassismus in Deutschland

Artikel von Moritz Maier

Rassismus und Antisemitismus

„Religion wird instrumentalisiert“ – Zentralrat der Muslime zu Krieg in Nahost und Rassismus in Deutschland

Der Zentralrat der Muslime beklagt im Zuge des Kriegs in Israel und Gaza eine neue „Welle des Rassismus in Deutschland“. Der Verband ruft zu religionsübergreifender Begegnung auf.

Berlin – Im Zuge des ersten Jahrestags des Terrorangriffs der Hamas auf Israel kam es am Montag in Deutschland zu etlichen Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen. In Israel und Gaza markierte der 7. Oktober ein neues Kapitel der Gewaltspirale. Und auch in Deutschland sind die Spannungen in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen. Antisemitische Vorfälle waren an der Tagesordnung. Ebenso stiegen Ressentiments gegen Muslimas und Muslime. Der Zentralrat der Muslime klagt das an – und ruft zur Versöhnung auf.

Krieg in Nahost mit negativen Folgen auch für Leben in Deutschland

„Wir nehmen wahr, dass die negative Stimmung sehr deutlich zugenommen hat“, sagt Samir Bouaissa, Vorstandsmitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), zu IPPEN.MEDIA. „Als Muslime erfahren wir derzeit eine neue und erschreckende Welle des Rassismus in Deutschland. Unsere Mitglieder geben uns vielfach zu verstehen, wie schmal der Grat für Muslime mittlerweile geworden ist.“

                                                      

Antisemitische Vorfälle erreichten 2023 in Berlin einen „historischen Höchststand“. Zu diesem Urteil kam die RIAS Berlin, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Erstmals kamen die meisten Vorfälle nicht von von Rechts.

 

Während der muslimische Verband steigenden Rassismus beklagt, schilderte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Rahmen des Jahrestags auch für Jüdinnen und Juden eine bittere Situation in der Bundesrepublik: „Es gibt kaum einen Anlass, um an eine Verbesserung der Situation zu denken“, sagte Schuster am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin. Er beschrieb die vergangenen zwölf Monate als ein Jahr, „in dem es eine Explosion antisemitischer Straftaten bis hin zu vereinzelten Anschlägen gab; ein Jahr, in dem antisemitische Vorfälle an der Tagesordnung waren“.

Religionen werden in Nahost instrumentalisiert

Bouaissa vom ZMD sieht in der Eskalation im Nahen Osten die Religionen des Islam und des Judentums missbraucht: „In erster Linie handelt es sich hier um einen völkerrechtlichen Konflikt zwischen zwei Völkern, der nur politisch und diplomatisch zu lösen ist. Es handelt sich nicht um einen Konflikt der Religionen“, so das Vorstandsmitglied. „Religion wird hier von verschiedenen Seiten aus unterschiedlichen Interessenlagen instrumentalisiert und leider viel zu oft als Rechtfertigung für das eigene Handeln beziehungsweise das eigene ‚Rechthaben‘ missbraucht.“

Der ZMD beobachte eine Herabsetzung muslimischen Lebens in Deutschland. „Reaktionen von Politik und Gesellschaft, aber auch von einigen Medien, vermitteln Muslimen in Deutschland einmal wieder das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein“, sagt Bouaissa. „Sie werden oft pauschal mit Extremismus in Verbindung gebracht und müssen gegen große Vorbehalte ankämpfen, genauer gesagt sich immer wieder distanzieren und erklären.“ So werden dem Verbandsmitglied zufolge gegenseitige Vorbehalte und Entfremdung verstärkt.

Gewalt verurteilen – egal von wem sie ausgeht

Der Zentralverband für Muslime spricht sich angesichts der teils düsteren Situation für jüdisches wie muslimisches Leben in der Bundesrepublik für mehr Zusammenhalt der Menschen und Religionen aus. „In Deutschland müssen wir – Muslime, Juden, Christen und Menschen aller Weltanschauungen – entschlossener als je zuvor gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit zusammenstehen“, sagt Bouaissa. Er will jede Form von Extremismus klar benennen und verurteilen – „unabhängig davon, von wem sie ausgeht – sei es von Muslimen, Juden oder Christen. Das fortgesetzte Wegschauen hat zehntausende Leben gekostet und die Welt für Juden und Muslime unsicherer gemacht. Dieser Spirale der Gewalt müssen wir entschlossen entgegentreten.“

Der Wuppertaler Samir Bouaissa spricht sich deshalb für mehr Raum für Begegnung und gegenseitiges Kennenlernen aus. „Denn nur wer einander kennen, verstehen und schätzen lernt, kann die Differenzen und möglichen Hass überwinden.“ Nur so könne friedliches und respektvolles Miteinander gestärkt werden. „Es ist unser Ziel, auch weiterhin mit Empathie aufeinander zuzugehen und den Dialog zu suchen und zu gestalten.“

9 Oktober 2024 0 Kommentare
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Rassismus

Rassismus gegen Weiße gibt es nicht“: Organisation HateAid sorgt für Aufsehen

von Fremdeninfo 9 Oktober 2024
von Fremdeninfo

„Rassismus gegen Weiße gibt es nicht“: Organisation HateAid sorgt für Aufsehen

                                                            Artikel von Paul Hoffmann
 
                                             
                                                 Welche Bevölkerungsgruppen sind Rassismus ausgesetzt – und welche nicht? © PantherMedia/imago
 

Werden weiße Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe schlecht behandelt oder gar benachteiligt, ist das „kein Rassismus“. Diese Erklärung lieferte jüngst die Organisation HateAid auf der Plattform X und sorgte damit für Aufsehen. Doch wie kommt die Organisation, die sich nach eigener Aussage für die Stärkung von Menschenrechten und Demokratie im Netz einsetzt und vom Bund in diesem Jahr mit 600.000 Euro gefördert wird, auf so eine Behauptung?

HateAid greift in seiner Begründung auf eine Definition zurück, nach der Rassismus mehr ist als bloße Diskriminierung. Er sei in Wahrheit eine „Ideologie der Ungleichheit, die über Jahrhunderte durch Sklaverei, Kolonialismus oder die ‚Rassenlehre‘ des Dritten Reiches gewachsen ist“, um Gewalt gegen Schwarze, Farbige oder Indigene „zu rechtfertigen“. Da Weiße dies alles nie erfahren hätten und dazu auch gesellschaftlich privilegiert seien, könne es keinen Rassismus gegen sie geben.

Das leuchtet auf den ersten Blick ein, wirkt aber beim genaueren Hinsehen ausgrenzend – fast so, als müsste man sich durch eine passende Leidensgeschichte dafür qualifizieren, Rassismus gegen sich empfinden zu dürfen. Wie sehen das andere Institutionen? Stimmen sie mit der Erklärung von HateAid überein?

Ganz grundlegend wird Rassismus als eine Art der Diskriminierung definiert, durch die Menschen beispielsweise „wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Haare, ihres Namens oder ihrer Sprache diskriminiert, ausgegrenzt und abgewertet“ werden. So schreibt es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Auch zum Thema „weiß“ liefert die bpb eine Definition. Sie erklärt, dass Weiße Menschen seien, „die keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus haben“. Bei ihnen rede „man meistens gar nicht darüber, dass sie weiß sind. Ihre Hautfarbe, ihre Herkunft und ihre Sicht auf die Welt werden schnell als selbstverständlich angesehen. Und sie werden nicht wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert“.

Gibt es Rassismus gegen Weiße also wirklich nicht? Ja und nein. „Auch Menschen mit weißer Hautfarbe können rassistisch diskriminiert werden – etwa wegen ihrer Religion, ihrer vermeintlichen Herkunft oder auch wegen eines Akzents“, erklärt das WDR-Wissenschaftsmagazin „Quarks“.

Vielmehr sei die Definition des Wortes entscheidend: „Von vielen Rassismusforschern wird ‚weiß‘ als mehr als nur eine Hautfarbe gelesen. Der Begriff ‚weiß‘ meint (aber) nicht alle Menschen mit heller Haut. Er umschreibt eine soziale Kategorie.“

Eine soziale Kategorie? „Weißsein kann unter anderem damit übersetzt werden, dass Menschen unhinterfragbar als gleichwertige Menschen anerkannt werden, ohne sich rechtfertigen oder ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen zu müssen“, sagt der Sozialwissenschaftler Karim Fereidooni dem WDR.

Doch zurück zu HateAid. Die Organisation schränkt unter ihrem Post selber ein, dass man mit „weiß“ nicht alle Menschen mit heller Hautfarbe meine. Lediglich die in einer gesellschaftlich privilegierten Position. Es gebe ja zum Beispiel auch „antislawischen Rassismus gegen Menschen mit osteuropäischem Hintergrund“.

Warum die Macher das aber nicht gleich im Video klarmachen? Das bleibt offen.

9 Oktober 2024 0 Kommentare
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Archive

Warum junge Menschen so anfällig für Extremisten sind: Das sagt Prof. Khorchide

von Cumali Yağmur 9 Oktober 2024
von Cumali Yağmur

Warum junge Menschen so anfällig für Extremisten sind: Das sagt Prof. Khorchide

 
                 Der mutmaßliche Täter des Messerangriffs von Solingen wird zu einem Hubschrauber gebracht. Foto: Uli Deck/dpa

In mehreren deutschen Städten kam es jüngst zu Messerangriffen. Experten warnen vor der Radikalisierung junger Menschen, die sich perspektivlos fühlen und durch soziale Medien beeinflusst werden. Präventionsarbeit in Moscheen und Jugendzentren soll dem entgegenwirken und Alternativen bieten, fordert Prof. Mouhanad Khorchide.

Es ist ein sonniger Mai-Nachmittag, als in der Innenstadt von Mannheim plötzlich Panik ausbricht. Ein Mann zieht ein Messer, verletzt mehrere Passanten – ein Opfer überlebt den Angriff nicht. Die Stadt steht unter Schock. Nur wenige Wochen später, im August, wird das fröhliche Treiben auf dem Solinger Stadtfest unterbrochen. Ein islamistisch motivierter Messeranschlag erschüttert die Veranstaltung. Und im September versucht ein weiterer Attentäter offenbar, das israelische Generalkonsulat zu stürmen.

Drei Städte, drei Taten – doch eine erschreckende Gemeinsamkeit: Sie alle tragen den Stempel des islamistischen Extremismus. Nach diesen Angriffen steht die Frage im Fokus, weshalb besonders junge Menschen in den Bann islamistischer Ideologien geraten.

Mouhanad Khorchide, angesehener Professor für Islamische Theologie an der Universität Münster, forscht schon seit Jahren zu diesem Thema. Khorchide glaubt, dass es kein einheitliches Profil derjenigen gibt, die sich radikalisieren. In einem Gespräch mit dem ZDF hebt er hervor, dass es vor allem junge Männer seien, die sich perspektivlos und hilflos fühlten, die besonders anfällig seien. Sie würden sich oft auf der Suche nach einem Sinn oder nach Selbstbehauptung befinden.

Zwei wesentliche Faktoren der Radikalisierung

Khorchide betont, dass bei der Radikalisierung sowohl psychologische als auch ideologische Aspekte eine Rolle spielten. Viele der Betroffenen hätten Traumata oder psychische Probleme, die oft auf belastende Kindheitserfahrungen zurückzuführen seien. Hinzu komme eine ideologische Komponente, die vor allem durch narrative Erzählungen in den sozialen Medien gestärkt werde. Seit dem Rückzug internationaler Truppen aus den ehemaligen IS-Gebieten habe sich die Terrororganisation neu formiert und ihre Aktivitäten zunehmend ins Digitale verlagert. Besonders problematisch dabei: Immer jüngere Menschen werden in diesen virtuellen Räumen erreicht und radikalisiert. 

Der Professor stellt jedoch klar, dass Religion, anders als vor allem Islam-Gegner und -Kritiker oft behaupten, in Radikalisierungsprozessen keine primäre Rolle spiele. Vielmehr seien es soziale Medien, die als Plattform für Narrative über die Ungerechtigkeiten des Westens dienten. „Es gibt ein dominierendes Narrativ, das Diskriminierung und Ungerechtigkeit anprangert“, sagt der Theologe. Viele Jugendliche würden emotional erreicht, weniger durch religiöse Überzeugungen. Ein Phänomen, das Khorchide dabei hervorhebt, ist der “religiöse Analphabetismus”. Viele der jungen Menschen, die sich radikalisieren, verfügten nur über rudimentäres Verständnis ihrer Religion. Sie würden nicht durch fundiertes religiöses Wissen beeinflusst, sondern durch vereinfachte und emotional aufgeladene Erzählungen, die Feindbilder konstruieren.

Identitätskrise als Radikalisierungsmotor

Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der zur Radikalisierung beitrage, sei die Suche nach Identität. Viele junge Menschen fühlen sich zwischen verschiedenen Kulturen zerrissen. In ihren Herkunftsländern gelten sie als Ausländer oder gar Verräter, in Deutschland werden sie nicht vollständig als Teil der Gesellschaft anerkannt oder beim ersten Fehlverhalten an den Pranger gestellt. Diese Identitätskonflikte treiben manche in die Arme extremistischer Gruppen, die ihnen Zugehörigkeit und Anerkennung versprechen. Besonders über soziale Netzwerke werden diese Jugendlichen leicht erreicht. Radikale Gruppen nutzen heute das Internet, um emotional aufgeladene Inhalte zu verbreiten, die bei jungen Menschen auf fruchtbaren Boden stoßen.

Behörden warnen zunehmend vor der Gefahr von Einzeltätern, die sich schnell und unbemerkt radikalisieren. Der Zugang zu extremistischem Material im Internet und die einfache Vernetzung mit Gleichgesinnten machen es immer schwerer, solche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern. Die zunehmende Verlagerung der Radikalisierung in den digitalen Raum stelle neue Herausforderungen dar, weiß auch Khorchide. Er sieht dementsprechend dringenden Handlungsbedarf in der Präventionsarbeit. Moscheen und Jugendeinrichtungen sollten seiner Ansicht nach verstärkt Angebote schaffen, die jungen Menschen eine positive, weltoffene Form des Islam vermitteln und ihnen helfen, stabile Identitäten zu entwickeln, die Extremisten keinen Raum lassen.

Politischer Islam versus Terrororganisationen

Es gibt jedoch noch eine weitere Dimension: der Unterschied zwischen dem politischen Islam und Terrororganisationen wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Khorchide erklärt, dass der politische Islam auf legalem Weg versuche, Einfluss zu nehmen, während der IS offen Gewalt propagiere. Beide hätten jedoch eines gemeinsam: Sie stellten den Westen als Feindbild dar – ein Narrativ, das auf frustrierte junge Menschen anziehend wirke. Die Attentate in Mannheim, Solingen und München zeigen, wie tief dieses Problem mittlerweile in Deutschland verankert zu sein scheint. Junge Menschen, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen, sind leichte Beute für die emotionalen Botschaften des Extremismus.

Der Islamwissenschaftler warnt vor pauschalen Urteilen: „Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir auf beiden Seiten nicht pauschale Aussagen machen – hier die bösen Muslime oder dort die im bösen Westen“, um ein Narrativ nicht weiter zu bestärken. Moscheen und Jugendzentren müssten stärker in die Pflicht genommen werden. Junge Menschen bräuchten Alternativen, die ihnen ein positives, weltoffenes Verständnis des Islam vermitteln. Nur so könnten die Narrative des Hasses und der Gewalt durchbrochen werden. 

9 Oktober 2024 0 Kommentare
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