Aleviten: Zwischen Selbstbehauptung und Selbstfindung

von Cumali Yağmur

Glaube Deutschland | Von Ceyda Nurtsch/ Dw

Mit rund 800.000 Angehörigen sind die Aleviten die viertgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. In der Türkei häufig angefeindet, versuchen sie hier, ihren Glauben und ihre Kultur in die heutige Zeit zu übertragen.

Zwischen Tradition und Urbanisierung

Aleviten machen rund 13 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime aus. Ursprünglich lebten die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft in dörflichen Gemeinschaften in Anatolien. Ihren Glauben und ihre Riten gaben sie vor allem mündlich weiter. Doch mit der in den 1950er-Jahren in der Türkei einsetzenden Landflucht, der Urbanisierung und der Migration nach Europa lösten sich viele alevitische Dorfgemeinschaften auf. Das Wissen um den alevitischen Glauben ging vielerorts verloren.

Das Alevitentum entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert und ist heute nach dem sunnitischen Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Türkei, der sowohl Türken als auch Kurden und Angehörige anderer ethnischer Minderheiten wie der Zaza angehören. Ihr Glaube entwickelte sich aus einer Verbindung von zentralasiatischem Schamanismus, schiitischen Ideen und islamischem Mystizismus. Im Zentrum steht – neben der Verehrung des Propheten Mohammed – auch das Bekenntnis zu dessen Vetter und Schwiegersohn, dem ersten Imam Ali, und zur Zwölfer-Schia sowie ethische und mystische Elemente.

Riten und Werte

Ihre Zeremonien halten Aleviten in sogenannten Cem-Häusern ab. Im Zentrum ihrer Glaubenslehre stehen Werte wie Humanismus, Gleichberechtigung und Toleranz, die traditionell mündlich durch Gleichnisse, Geschichten und Lieder in der Gemeinschaft weitergegeben werden. In seinen Riten unterscheidet sich das Alevitentum deutlich vom sunnitischen Islam: Etwa in der „Cem-Zeremonie“, dem Gottesdienst, den Männer und Frauen gemeinsam begehen, oder der „Semah-Zeremonie“, bei der sich die Gläubigen zu den Klängen der Langhalslaute (Saz) im Kreis drehen. Aufgrund dieser Unterschiede wurden Aleviten im Osmanischen Reich (1299 bis 1922) häufig als Häretiker verfolgt.

Das Misstrauen gegen Aleviten und ihre Diskriminierung seitens der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft setzte sich auch in der modernen Türkei fort. Das galt auch für die Bektaschi, die Anhänger eines der größten mystischen alevitisch-islamischen Derwisch-Orden aus Anatolien. Beim Massaker von Dersim 1937/38 etwa tötete die türkische Armee Zehntausende Aleviten und zerstörte ganze Dörfer.

Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation

Die zahlreichen Pogrome gegen Aleviten in den 1990er-Jahren – besonders der Brandanschlag in Sivas 1993, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen – brachten einen Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation. In Istanbul, aber auch in deutschen Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin entstanden eine Vielzahl von Vereinen.

Heute existieren in der Bundesrepublik rund 200 lokale alevitische Organisationen. Ein Großteil von ihnen gehört der Dachorganisation Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF, Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) an, die in Nordrhein-Westfalen und Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Das Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut in Hausen-Wied verfolgt zudem den Ansatz, Wissenschaft und kulturelle Tradition zu vereinen.

Die Suche nach den Wurzeln

Gülizar Cengiz ist Vorsitzende des Instituts und Mitglied des Bektaschi-Ordens. „Unser Leitmotiv ist der Ausspruch des muslimischen Mystikers Hadschi Bektasch“, sagt sie: „’Das Ende jeden Pfades ist Dunkelheit, wenn es nicht der Pfad des Wissens ist‘.“ Leider sei über die Jahrhunderte viel Wissen um diese Glaubensphilosophie verloren gegangen. „Mit unseren Feiern und rituellen Zusammenkünften möchten wir dem entgegenwirken“, so Cengiz.

Ein wichtiger Aspekt ist das seit Anfang 2026 stetig wachsende Archiv aus historischen Handschriften sowie Video- und Tonaufnahmen. „Eine Gemeinschaft, die keine Geschichte und keine Erinnerungen an die Vergangenheit hat, läuft Gefahr zu verschwinden“, erklärt Cengiz. Viele Aleviten hatten früher Dokumente aus Angst vor Verfolgung verbrannt oder vergraben.

„Großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit“

Heute stößt die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Alevitentum auf großes Interesse. Das bestätigt auch Cem Kara, Professor für Alevitische Theologie an der Universität Hamburg: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit. Da kommt Wissenschaftlern eine besondere Rolle zu.“

Sein 2024 gegründetes Institut für alevitische Theologie ist weltweit eines der ersten akademischen Institute mit diesem Schwerpunkt. Es bildet Lehrkräfte für den Religionsunterricht aus – und voraussichtlich ab 2027 auch Studierende der Theologie im Nebenfach.

Dekonstruktion etablierter Narrative

Markus Dreßler, Professor für Moderne Türkeiforschung an der Universität Leipzig, leitet ein auf 24 Jahre angelegtes Langzeitprojekt zum alevitischen Archiv. „Wir versuchen Daten aus unterschiedlichen Quellen zu erheben: osmanische Register, alevitische Handschriften, Inschriften von Grabsteinen sowie ethnologisch erhobene Daten (Oral History)“, erklärt er.

Auf Basis dieser Datenbank könnten große Narrative dekonstruiert werden – etwa das der ununterbrochenen Unterdrückung. „Natürlich gab es Diskriminierung und Unterdrückung von Aleviten im Osmanischen Reich und bis heute. Aber es war nicht ununterbrochen und bezog sich nicht auf alle Gruppierungen. Man muss sich den konkreten historischen Kontext und die spezifischen Gruppen angucken“, so Dreßler.


Über die Autorin:
Ceyda Nurtsch berichtet über Politik, Gesellschaft, Menschenrechte und Kultur in der Türkei sowie über Migration.


Wichtigste Korrekturen im Überblick:

  1. Dubletten entfernt: Der Text war doppelt vorhanden; die zweite Hälfte wurde gelöscht.

  2. Grammatik:

    • „…ethnische Minderheiten wie den Zaza“ (Dativ Plural).

    • „…Bekenntnis zu […] dem ersten Imam Ali“ (Dativ).

    • „Die zahlreichen Pogrome […] brachten“ (Plural-Anpassung).

  3. Rechtschreibung:

    • „Zwölfer-Schia“ (Bindestrich).

    • „alevitische“ (Tippfehler „alevititische“ korrigiert).

    • „ethnologisch erhobene Daten“ (Adverb-Form).

  4. Interpunktion: Fehlende Kommas bei Partizipialgruppen („angefeindet, versuchen sie…“) ergänzt.

  5. Struktur: Bildunterschriften und UI-Elemente (wie „Feedback schicken“) wurden in den Fließtext integriert oder als Zwischenüberschriften formatiert.

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