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Flüchtlinge

Asylpolitik und EU: Unmut über den deutschen Sonderweg

von Fremdeninfo 22 September 2024
von Fremdeninfo

Asylpolitik und EU: Unmut über den deutschen Sonderweg

                                                   Artikel von Michael Martens / FAZ 

                                         •

                                          Verwundert in Wien über Berlin: Der griechische Ministerpräsident Mitsotakis © dpa
 

Als der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis in der vergangenen Woche Wien besuchte, ging es in den Gesprächen mit Österreichs Kanzler Karl Nehammer auch um Deutschland. Dass die Regierung des größten EU-Mitgliedsstaates unter dem Eindruck miserabler Wahlresultate und Umfrageergebnisse einen Kurswechsel in der Migrationspolitik anstrebt oder das zumindest behauptet, beschäftigt auch andere Hauptstädte der Union.

 Für Verwunderung sorgt dabei nicht zuletzt der Umstand, dass deutsche Politiker die Überlastung Deutschlands durch irreguläre Einwanderung gern auf mangelnde Solidarität anderer EU-Staaten zurückführen, zugleich aber durch einen in vielen Ländern als absurd empfundenen Alleingang in der Sozialpolitik die Voraussetzungen für die eigene Krise nähren und aufrechterhalten. Schließlich alimentiert Deutschland selbst in letzter Instanz abgelehnte, also ausreisepflichtige Asylbewerber noch großzügig aus Steuergeldern und stellt sie mittelfristig, gleichsam als Belohnung für den Rechtsbruch der verweigerten Ausreise, inländischen Transferempfängern gleich. Das gibt es in dieser Form sonst nirgends in der EU. „Kein Wunder, dass ausreisepflichtige Ausländer euer Land nicht verlassen, wenn ihr Deutschen sie fürs Dableiben bezahlt“, lautet der Einwand sinngemäß.

In Wien zeigte sich Nehammer bei der Pressekonferenz mit Mitsotakis zwar vorsichtig optimistisch über einen neuen Realismus Deutschlands in Migrationsfragen, übte aber zugleich in diplomatischem Ton deutliche Kritik: „Der deutsche Weg“, sagte Nehammer in etwas verschnörkeltem Kanzleideutsch, habe „lange gebraucht, einer zu werden, der sich dem Realismus annähert“. Er könne sich erinnern, dass der österreichische Innenminister Gerhard Karner (der ebenso wie Nehammer der konservativen ÖVP angehört) „sehr viele Gespräche“ mit seiner deutschen Kollegin Nancy Faeser (SPD) geführt habe „und auf Unverständnis gestoßen ist, als wir gewarnt haben davor, dass das Migrationsthema weiter ein großes ist für die Europäische Union, (dass es) weiter eine große Herausforderung ist und wir alle gemeinsam uns anstrengen müssen, damit wir den Kampf gegen die illegale Migration führen“. Er lobte, dass in Deutschland nun ein „Umdenken“ beginne.

 Europa müsse bei Rückführungen abgelehnter Asylbewerber besser werden und dafür auch „mit der Wucht“ und der „Marktmacht“ der EU arbeiten. Das alles werde künftig hoffentlich rascher durchgesetzt werden, „weil die Bundesrepublik Deutschland ein wichtiges Land der Europäischen Union ist, ein mächtiges Land aufgrund seiner Wirtschaftsleistung“. Die Entwicklung in Deutschland werde dazu beitragen, Rückführungen zu erleichtern, mutmaßte Nehammer.

Kein Geld in Dänemark für abgelehnte Asylbewerber

Auch Mitsotakis sprach über Deutschland. „Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen europäischen Mitgliedstaaten vorzuschreiben, was ihre Politik sein sollte, aber die Realität ist, dass es Länder gibt in Europa, die einen sehr großen Reiz ausüben“, sagte er unter anderem. In einem Interview wiederholte er kurz darauf kaum verhohlene Kritik: „Deutschland hatte eine extrem tolerante und, ich würde sagen, sozial großzügige Politik gegenüber Migranten, die jetzt eine große soziale Gegenreaktion ausgelöst hat.“

 Insbesondere durch die sogenannten Analogleistungen, also die Zahlung von Sozialhilfe sogar an abgelehnte Asylbewerber, die zur Ausreise verpflichtet sind und dazu auch in der Lage wären, erweist sich Deutschland aus der Sicht vieler EU-Partner als Magnet für immer mehr irreguläre Einwanderung. Zwar wurden die deutschen Gesetze „verschärft“, weshalb sich abgelehnte Asylbewerber inzwischen 36 statt wie zuvor 18 Monate unberechtigt in Deutschland aufhalten müssen, um Bürgergeld zu erhalten. Dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt, wird in vielen EU-Staaten dennoch mit Unverständnis aufgenommen.

Andere Länder muten das ihren Steuerzahlern nicht zu. Die niederländische Regierung will abgelehnten Asylbewerbern ab 2025 keinerlei staatliche Unterstützung mehr zahlen. In Frankreich ist das schon so. In Dänemark gibt es nur noch Nahrungsmittel, Kleidung und Unterkunft in Abschiebelagern. Zypern, wo gemessen an der Bevölkerungsgröße zeitweilig noch mehr Asylanträge als in Deutschland gestellt wurden, schickt inzwischen nach eigenen Angaben mehr abgelehnte Asylbewerber zurück, als neue kommen.

Ein Grund dafür ist laut Innenminister Kon­stantinos Ioannou neben der Beschleunigung der Verfahren die Streichung staatlicher Unterstützung für abgelehnte Asylbewerber. Nur wer zur freiwilligen Ausreise bereit ist, bekommt dafür Geld vom Staat. Alle anderen bekommen, sobald ihr Asylantrag rechtsgültig abgelehnt wurde, nichts mehr. Eine Kampagne in sozialen Medien, die auf ein Publikum in Hauptherkunftsländern wie Nigeria, Kamerun oder der Demokratischen Republik Kongo zugeschnitten ist, soll die Botschaft vermitteln, bevor Migranten überhaupt aufbrechen.

Deutschlands Beharren auf einem Sonderweg wirkt da zusehends absurd. Ein Gesprächspartner aus der konservativen griechischen Regierungspartei Nea Dimokratia drückt es so aus: „Während der Eurokrise haben die Deutschen uns ständig gemahnt, unsere Hausaufgaben zu machen, und sie hatten ja auch recht damit. In der Migrationspolitik würden wir die Mahnung gern zurückgeben: Nun solltet ihr endlich eure Hausaufgaben machen.“ Das sei allemal besser, als durch dauerhafte Grenzkontrollen die Errungenschaften der Schengen-Zone zu untergraben. Ob Berlin die europäischen Signale hört?

22 September 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Mehr Geld für Rückkehr – Schweden will Flüchtlinge mit Ausreiseprämie loswerden – Forscher bleibt skeptisch

von Fremdeninfo 22 September 2024
von Fremdeninfo

Mehr Geld für Rückkehr – Schweden will Flüchtlinge mit Ausreiseprämie loswerden – Forscher bleibt skeptisch

                                                                                                   Artikel von FOCUS Online
                                                         
                                                           Neuer restriktiver Kurs in Schweden: Rückkehrprämie für Migranten geplant Jessica Gow/TT/TT News Agency/AP © Jessica Gow/TT/TT News Agency/AP
 

Mit einer Rückkehrprämie will die schwedische Regierung Migranten zur Ausreise bewegen. Der Forscher Bernd Parusel erläutert in einem Interview mit dem „Spiegel“ die Hintergründe und möglichen Auswirkungen dieser Maßnahme.

Schweden galt lange Zeit als Vorzeigeland im Umgang mit Migranten mit einer offenen Willkommenskultur. Doch der Ruf nach Abschottung wird im Land immer lauter. Die schwedische Regierung plant, die Anreize für die freiwillige Rückkehr von Migranten in ihr Heimatland deutlich zu erhöhen.

Ab 2026 sollen Rückkehrwillige bis zu 350.000 schwedische Kronen erhalten , umgerechnet etwa 30.000 Euro, wenn sie freiwillig das Land verlassen. Im Rahmen einer Neuausrichtung der Einwanderungspolitik des Landes erklärte Migrationsminister Johan Forssell, dass man sich auf dem Weg zu einem grundlegenden Wandel befinde.

Die Erhöhung der Prämie ist eine Forderung, die direkt dem Wahlprogramm der rechten Schwedendemokraten entspringt, von deren Unterstützung die Regierung abhängig sei, erklärt der Politikwissenschaftler Bernd Parusel im Interview mit dem „ Spiegel “. Inzwischen sei es in Schweden so, dass die bürgerlichen Parteien sich zunehmend den Rechten angenähert hätten.

Der konservative Premierminister Ulf Kristersson ist 2022 mit dem Versprechen angetreten, die Einwanderung einzudämmen und die Kriminalitätsrate zu senken. Seine Minderheitsregierung wird von den Schwedendemokraten unterstützt, die bei den letzten Wahlen 20,5 Prozent der Stimmen erhielten und damit zweitstärkste Partei wurden

Rückkehrprämie für Migranten: Experte riet klar davon ab

Die Initiative zur Erhöhung der Rückkehrprämie soll ab 2026 greifen. Derzeit liegt die Prämie für Erwachsene bei rund 880 Euro und für Kinder bei 440 Euro, wobei der Höchstbetrag pro Familie auf rund 3500 Euro begrenzt ist.

Die Rückkehrprämien gibt es jedoch bereits seit 1984, aber laut Ludvig Aspling von den rechten Schwedendemokraten sei das Angebot wenig bekannt und werde nur von wenigen in Anspruch genommen.

Parusel, der als Senior Researcher beim Schwedischen Institut für Europäische Studien (SIEPS) arbeitet, äußerte sich skeptisch über die Wirksamkeit einer erhöhten Prämie und schließt sich somit der Meinung des Regierungsexperten an.

Die Entscheidung, die Prämien zu erhöhen, erfolgte entgegen den Empfehlungen der kürzlich von dem Experten durchgeführten Regierungsstudie.

Ähnliches Angebot in Dänemark mit bescheidenen Ergebnissen

Der Experte „riet klar davon ab, was so klar selten oder noch nie vorgekommen ist“, sagt Parusel im „Spiegel“-Interview. „Die Ausreiseprämie würde nicht zum gewünschten Erfolg führen, dafür viel kosten und viele Menschen von der Integration abschrecken.“ Dass die Regierung den Rat des Experten ignoriert, sei laut Parusel „schon sehr erstaunlich“.

Zudem gebe es in Dänemark seit Jahren ein ähnliches Angebot, das jedoch nur bescheidene Ergebnisse erzielt habe. Parusel schätzt, dass in Schweden nur einige Hundert Menschen jährlich ausreisen würden. „Die positiven Effekte dürften marginal sein“, sagte er.

Die Regierung hoffe, dass vor allem diejenigen das Land verlassen, die keine Arbeit finden und sich nicht integrieren können. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass eher Menschen mit besseren Möglichkeiten das Land verlassen würden.

Schwedens Wandel von der „humanitärer Supermacht Europas“ zur knallharten Asylpolitik

Im Laufe der Jahre, insbesondere seit den 1990er Jahren, hat Schweden eine beträchtliche Zahl von Migranten aufgenommen. Die meisten kamen aus Kriegs- und Krisengebieten wie dem ehemaligen Jugoslawien, Syrien, Afghanistan, Somalia, Iran und Irak.

Seit 2016 ist jedoch eine deutliche Wende in der schwedischen Einwanderungspolitik zu beobachten, die sich durch eine entschlossene und strenge Haltung auszeichnet.

Während der Migrationskrise im Jahr 2015 nahm Schweden im Verhältnis zu seiner Bevölkerung mehr Flüchtlinge auf als die meisten anderen europäischen Staaten. Bis zu diesem Zeitpunkt galt Schweden in Europa als einer der Vorreiter einer offenen und großzügigen Asylpolitik mit einer besonders hohen Aufnahmebereitschaft. Heute hat sich die Situation deutlich verändert.

Die Migrationspolitik in Schweden sei über die Jahre restriktiver geworden, was auch von Sozialdemokraten und Grünen unterstützt worden sei, sagt Parusel. Die aktuelle Regierung setze diese Entwicklung nur konsequent fort.

Es geht ausdrücklich um Abschreckung“

Die Berichte über Gangkriminalität und Teenager, die als Auftragsmörder bis nach Dänemark reisen , würden zwar ein Problem aufzeigen, doch diese Probleme gingen eher von Menschen aus, die bereits in der zweiten Generation in Schweden leben.

„Es müsste also eher um Integration, Chancengleichheit und Prävention gehen“, so der Forscher zum „Spiegel“. Stattdessen würden Geflüchtete zum Sündenbock gemacht.

Schweden wolle nun fast schon mit Gewalt sein Bullerbü-Image ablegen und die Zahl der Migranten weiter senken. „Es geht ausdrücklich um Abschreckung“, so Parusel.

Schweden folge damit einer europaweiten Entwicklung und sei sogar ein Motor dieser Entwicklung. Dass auch Deutschland eine Kehrtwende in der Migrationspolitik vollzogen hat, würden viele in Stockholm mit einer gewissen Genugtuung sehen, meint der Forscher.

„Sie sagen, dass Deutschland nun ebenfalls erkannt habe, dass hohe Zuwanderungszahlen problematisch sein können. Gleichzeitig gibt es aber auch die Sorge, dass strengere Maßnahmen dazu führen könnten, dass wieder mehr Migranten nach Skandinavien kommen“, so Parusel.

22 September 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Migrationsforscher: „Es ist sinnvoll, aussichtslose Asylanträge zu entmutigen“

von Fremdeninfo 20 September 2024
von Fremdeninfo

Migrationsforscher: „Es ist sinnvoll, aussichtslose Asylanträge zu entmutigen“

                                                   Artikel von Michael Martens/FAZ
                                    
                  Ein Boot mit Flüchtlingen nähert sich am 11. August im Mittelmeer südlich der Insel Lampedusa dem Rettungsschiff
                 „Astral“ der Hilfsorganisation Open Arms. © Reuters

 

Herr Knaus, die Bundesregierung entfaltet in jüngster Zeit einen hektischen Aktivismus, um die vor Jahren außer Kon­trolle geratene illegale Einwanderung nach Deutschland einzudämmen. Nun sollen verschärfte Grenzkontrollen die Lösung sein. Was genau meinen Sie, wenn Sie vor Scheinlösungen warnen, die nur Enttäuschungen produzieren?

Das Ziel, irreguläre Migration zu stoppen, ist legitim. Die entscheidenden Fragen sind: Wo und wie? Sowohl die Regierung als auch die Opposition von CDU/CSU begehen einen strategischen Fehler, wenn sie versprechen, dieses Ziel an den deutschen Grenzen erreichen zu können. Zur Wirkung von Binnengrenzkontrollen wissen wir seit 2015 viel. Österreich hat sie seit Herbst 2015, Frankreich auch. In beiden Ländern sind die Asylantragszahlen seither stark gestiegen. Das EU-Recht erlaubt es an der Grenze aufgegriffenen Personen, einen Asylantrag zu stellen. Österreich hatte 2022 fast 110.000 Asylanträge. Das waren mehr als 2015 und gemessen an der Bevölkerungszahl auch viel mehr als Deutschland – nach sieben Jahren Grenzkontrollen.

CDU-Chef Merz sagt aber, er wolle nicht nur Kontrollen, sondern auch sofortige Zurückweisungen an der Grenze. Sie warnen, der gewünschte „Dominoeffekt“ werde sich nicht einstellen. Warum nicht?

Diese Idee ist nicht neu. Als es aus Bayern und vom damaligen Innenminister Horst Seehofer 2018 einen ähnlichen Vorschlag für Zurückweisungen an den deutschen Grenzen gab, hat Angela Merkel dem sogar zugestimmt – unter einer Bedingung: Seehofer sollte seine Parteifreunde in Wien, wie den damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz, davon überzeugen, diese Zurückweisungen zu akzeptieren. Wiens Reaktion darauf war 2018 dieselbe wie nun 2024: Österreich, das pro Kopf seit 2014 sogar noch mehr Schutz vergab als Deutschland, war nicht bereit, Zurückweisungen entgegen der geltenden Dublin-Regeln zu akzeptieren. Wie aber sollen Zurückweisungen nachhaltig sein, wenn die Nachbarländer sie ablehnen – solange man nicht auch Grenzzäune und Mauern baut? Ist Deutschland jetzt bereit dazu, die Schengen-Zone für immer abzuschaffen? Und wie sollen Zurückweisungen an der grünen Grenze funktionieren, die Tausende Kilometer lang ist? Sollen da alle zwanzig Meter Grenzpolizisten stehen? Wer an einer Stelle abgewiesen wird, probiert es an einer anderen nochmals. Das sehen wir seit 2016 in Südosteuropa auf der sogenannten Balkanroute, die angeblich schon vor Jahren geschlossen wurde.

Den Gegenvorschlag der Ampel, Flüchtlinge nahe der deutschen Grenze festzuhalten, bezeichnen Sie ebenfalls als untauglich. Warum?

Das wäre eine Art Turbo-Dublin im Kleinen. Werden Bayern oder Sachsen dann lauter Aufnahmezentren bauen? Wieso sollte das, was seit Jahren schon mit Italien und Griechenland scheitert, dann auf einmal funktionieren? Deutschland beantragte 2023 in 20.000 Dublin-Fällen, dass ein Asylverfahren in Italien und Griechenland stattfinden sollte. Es gelangen aber nur 14 Überstellungen. Die Frustration darüber ist nachvollziehbar. Deutschland und Österreich machen gemeinsam etwa 20 Prozent der EU-Bevölkerung aus, trafen seit 2014 aber mehr als die Hälfte aller positiven Asylentscheidungen in der EU. Würde das Dublin-System funktionieren, wäre das unmöglich. Derweil ist der bürokratische Aufwand enorm. Deutschland beantragte 2023 etwa 75.000-mal, eine Person in ein anderes EU-Land zu überstellen. Nur 5000-mal kam es tatsächlich dazu. Gleichzeitig übernahm Deutschland selbst 4300 Dublin-Fälle aus anderen Ländern. Am Ende von Zehntausenden bearbeiteten Akten hatte Deutschland im vergangenen Jahr also 700 Asylanträge im Jahr weniger. Bei insgesamt 350.000 Asylanträgen. Das Dublin-System erinnert an Sisyphus und seinen Felsblock.

Reden wir also über Lösungen. Sie haben sich in der Migrationsforschung unbeliebt gemacht, da Sie die Verlagerung europäischer Asylverfahren in afrikanische Staaten befürworten. Als Vorbild nennen Sie die überarbeitete Asylpartnerschaft zwischen Großbritannien und Ruanda vom Dezember 2023. Doch die ist gescheitert. Wie kann das also eine Lösung sein?

Man kann aus der gescheiterten britischen Kooperation mit Ruanda viel lernen. Gescheitert ist sie zwei Gründen: Erstens wurde sie von den Tories dilettantisch betrieben. Die britische Regierung hatte vor Klärung der Frage, wie glaubwürdige Asylverfahren in Ruanda sichergestellt werden können, schon einen Stichtag festgelegt, ab dem sie alle danach ankommenden Asylbewerber überstellen wollte. Wie zu erwarten war, sind die Gerichte in London dagegen eingeschritten. Erst danach, um berechtigte Einwände der Gerichte zu klären, hat die Regierung Ende 2023 einen neuen Vertrag mit Ruanda geschlossen. Darin verpflichtete sich Ruanda, dass es keine Abschiebungen jener geben würde, die aus Großbritannien in das Land gebracht würden, selbst bei einem negativen Asylbescheid. Auch abgelehnte Asylbewerber hätten also in Ruanda bleiben können. Dazu wurde das nationale Asylverfahren verbessert. Es wurden auch internationale Richter eingeladen, sich daran zu beteiligen. Ein anerkannter englischer Richter hätte Ko-Vorsitzender der ruandischen Asyl-Berufungskammer werden sollen.

Hätte?

Ja, weil die Tories im Sommer abgewählt wurden und die jetzige Regierung aus politischen Gründen gegen das Projekt ist und die Kooperation mit Ruanda ausgesetzt hat. Nun wissen wir aber: Seriöse Asylverfahren in Ruanda sind möglich. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bringt seit 2019 Tausende Asylsuchende aus Libyen für Asylverfahren nach Ruanda. Ruanda ist dafür sicher, sonst könnte das UNHCR das nicht tun. Die Menschen, denen Asyl zuerkannt wird, können entweder in Ruanda bleiben oder sich für ein Umsiedlungsprogramm bewerben, vor allem in die USA oder nach Kanada. Es geht also.

Was hindert die Bundesregierung dann daran, aus den Fehlern Londons zu lernen und ein rechtssicheres Abkommen mit Ruanda oder anderen Drittstaaten anzustreben, um Asylverfahren dorthin auszulagern?

Derzeit das EU-Recht. Außerdem braucht es auch eine klare Strategie bezüglich der Angebote an mögliche Partnerländer. Ich höre manchmal, Abkommen mit Drittstaaten seien keine „magische Lösung“. Das stimmt. Aber ein Rückgang der irregulären Migration und der Zahl der Toten im Mittelmeer binnen Wochen auf nur drei Prozent der früheren Zahlen, wie er durch die EU-Türkei-Erklärung im Jahr 2016 in der Ägäis erreicht wurde, ist eine große politische Anstrengung allemal wert und würde viele Leben retten. Wenn man einem afrikanischen Partnerland im Gegenzug für seine Kooperation die geordnete Aufnahme von Flüchtlingen durch Kontingente, erleichterte Mobilität für die eigenen Bürger und Entwicklungshilfe zur Bekämpfung der extremen Armut anbieten würde, würde die AfD zwar sicher auch dagegen protestieren – aber Parteien der Mitte und alle, denen etwas an human kontrollierten Außengrenzen ohne Tausende Tote jedes Jahr liegt, sollten das unterstützen.

Abgesehen vom rassistischen Einwand, ein afrikanischer Staat könne per se keine ausreichenden Standards bieten, führen Gegner der Ruanda-Idee an, es sei illusorisch, Hunderttausende Menschen in das Land zu bringen. Sie sagen, darum gehe es auch nicht. Aufgrund der Signalwirkung einer Stichtagsregelung würde sehr bald kaum noch jemand kommen, wenn klar ist, dass die Reise nach Europa in Ruanda endet. Was macht Sie da so sicher?

Ruanda wäre nie bereit gewesen, für Hunderttausende Menschen Asylverfahren durchzuführen. Auch die Türkei war dazu im Rahmen ihrer Vereinbarung mit der EU 2016 nicht bereit. Es geht darum, dass man die irreguläre Migration in die EU mithilfe einer Stichtagsregelung systematisch entmutigt. Zwischen der EU und der Türkei wurde 2016 ein Stichtag vereinbart, nach dem alle, die danach noch auf den griechischen Inseln ankamen, damit rechnen mussten, wieder in die Türkei zurückgebracht zu werden. Das bewirkte einen sofortigen drastischen Rückgang der Migration. Entscheidend war, dass die Botschaft geglaubt wurde. Dafür bieten die Partnerländer an, Asylverfahren nach den Standards des UNHCR auf ihrem Boden abzuhalten oder zuzulassen. So ließen sich die irreguläre Migration und das Sterben auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln ebenso wie im zentralen Mittelmeer schnell reduzieren. Und Tausende Leben retten. Damit die Partnerstaaten mitmachen, muss es aber Angebote geben, die in deren langfristigem Interesse sind. Man kann zum Beispiel legale Arbeitsmigration für junge Menschen anbieten, die sich in geregelten Verfahren dafür bewerben.

Wir müssen auch über Pull-Faktoren reden. Die niederländische Regierung will abgelehnten Asylbewerbern ab 2025 keine staatliche Unterstützung mehr zahlen. Wäre das auch ein Weg für Deutschland?

Ausreisepflichtige Personen, deren Antrag auf Asyl in letzter Instanz abgelehnt wurde und die ausreisen könnten, bekommen auch in Österreich keine Unterstützung mehr. Es gibt Ausnahmen für Fälle, wenn Menschen unverschuldet nicht ausreisen können, aber das sind nicht viele. In ganz Österreich gibt es derzeit weniger als 1100 Menschen, die eine endgültige negative Asylentscheidung haben, aber weiter eine Grundversorgung bekommen. Das ist ein Dach über dem Kopf, sieben Euro am Tag für Verpflegung und dazu 40 Euro im Monat. Alle anderen, die endgültig abgelehnt wurden, bekommen nichts mehr. Dazu kommen in der Schweiz wie in Österreich im Fall von fast aussichtslosen Asylanträgen sehr schnelle Verfahren. In Deutschland gab es 2024 schon wieder fast 11.000 Asylanträge aus den Westbalkanstaaten, Moldau und Georgien. Nur 21 dieser Anträge wurden positiv beschieden. In Österreich gab es aus diesen Ländern nur 225 Anträge bei 12 positiven Entscheidungen. In diesem Jahr könnten wieder 30.000 Menschen in Deutschland einen Asylantrag stellen, die von Anfang an keine Chance auf Anerkennung haben. Es gab schon 1000 Anträge aus Vietnam – mit einer einzigen Anerkennung. 2500 Anträge aus Kolumbien, bei drei Anerkennungen. Indem man Anreize senkt, dass solche meist aussichtslosen Anträge überhaupt gestellt werden, könnte man Behörden und Gerichte schnell entlasten.

Mit anderen Worten: Deutschland sollte sich an dem niederländischen oder dem österreichischen Beispiel orientieren und abgelehnten Asylbewerbern keine staatliche Unterstützung mehr zahlen?

Es ist sinnvoll, aussichtslose Asylanträge effektiv zu entmutigen. Wer Schutz braucht, soll ihn bekommen – aber wer ihn nicht braucht, sollte möglichst keinen Anreiz dazu haben, Asylanträge zu stellen. Das sicherzustellen wäre auch keine „Verschärfung“, sondern ein Schutz des Rechts auf Asyl.

Also keine staatliche Unterstützung mehr für abgelehnte Asylbewerber. Sie kritisieren zudem, dass die Ampel auf europäischer Ebene eine mögliche Lösung blockiere, nämlich die von einer Mehrheit der EU-Staaten gewünschte Streichung des „Verbindungskriteriums“. Worum geht es?

Um die Schaffung der rechtlichen Voraussetzung dafür, dass die EU mit möglichen sicheren Drittstaaten über Rückführungen von Asylsuchenden verhandeln kann. Das eine ist das internationale Recht: Wer die EU erreicht, darf für Asylverfahren nur in Länder gebracht werden, in denen menschenrechtliche Standards erfüllt und faire Asylverfahren gewährleistet sind. Das Verbindungskriterium im geltenden EU-Recht schreibt aber zusätzlich dazu noch vor, dass die betreffende Person eine biographische Verbindung zu diesem sicheren Land haben muss. Das ist weder Teil der Flüchtlingskonvention noch der Europäischen Menschenrechtskonvention. Eine große Mehrheit der EU-Staaten fordert schon lange eine Aufhebung des Verbindungskriteriums. Die CDU auch. Die Regierung lehnt das bisher entschieden ab. Warum? Es geht dabei eindeutig nicht um die Einschränkung der Menschenrechte.

Wie ließe sich das Verbindungskriterium denn abschaffen?

Die EU-Kommission müsste es vorschlagen. Dann liegt es an den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament. Im nächsten Sommer soll das ohnehin neu diskutiert werden – doch warum warten, während der Schengen-Raum vor unseren Augen zusammenbricht und weiter Jahr für Jahr Tausende im Mittelmeer ertrinken? Ampel und Opposition könnten der Kommission sofort Deutschlands Bereitschaft zur Streichung des Verbindungskriteriums signalisieren. Dann könnte man ernsthafte Verhandlungen für 2025 vorbereiten. Das Ziel muss es sein, die irreguläre Migration in die EU ähnlich effektiv zu reduzieren, wie dies mit der EU-Türkei-Erklärung im März 2016 anfangs gelang. Im Winter 2015/16 kamen in drei Monaten mehr als 150.000 Menschen in Booten aus der Türkei nach Griechenland. Im Sommer 2016 waren es dann in drei Monaten nur noch 5000, und im Winter 2017 in drei Monaten nur 4000. Ein Rückgang um 97 Prozent. Diese Einigung reduzierte die irreguläre Migration vier Jahre lang. Dann brach die EU-Türkei-Erklärung zusammen. Das Ergebnis davon sah man schnell. In Deutschland, Österreich und der Schweiz stieg die Zahl der Asylanträge allein von Syrern und Afghanen von 200.000 in den drei Jahren zwischen 2017 bis 2019 auf 450.000 in den Jahren von 2021 bis 2023. Trotz neuer Zäune, nationaler Grenzkontrollen und wachsender Gewalt an den Grenzen in Südosteuropa.

Insbesondere bei den Grünen gibt es aber, gelinde gesagt, gewisse Vorbehalte gegen die Idee, europäische Asylverfahren nach Afrika zu verlagern.

Abkommen mit sicheren Drittstaaten sind eine moralische Alternative zu Gewalt, Tod und Rechtlosigkeit an Europas Grenzen. Und zum derzeitigen Kontrollverlust. Um irreguläre Migration zu kontrollieren und das Sterben im Mittelmeer zu verringern, sind seriöse Asylverfahren in Drittstaaten legitim, auch wenn sie mit dem Ziel verbunden sind, zugleich irreguläre Migration zu reduzieren. Man muss sich dabei von dem Kampfbegriff der „Externalisierung“ verabschieden.

Sie warnen, wer jeden Versuch zur Eindämmung der illegalen Migration aus ideologischen Gründen ablehne, mache die Rechnung ohne Putin. Wie meinen Sie das?

Wenn putinfreundliche Parteien wie die AfD, die FPÖ oder Le Pens RN bei Wahlen in ganz Europa immer stärker werden, weil es Parteien der Mitte nicht schaffen, ihre Versprechen zur Begrenzung der irregulären Migration einzulösen, ist das für den Frieden existenzbedrohlich. Putin ist die größte Fluchtursache in Europa. Er hat den Krieg gegen die Ukraine entfesselt. Die Vertreibung von Millionen ist dabei ein explizites Ziel. Er schleust mit Belarus Zehntausende Migranten aus anderen Ländern an die europäischen Außengrenzen. Von seiner Rolle in Syrien seit 2015 nicht zu reden. Ein Scheitern der Versuche, irreguläre Migration mit rechtsstaatlichen Mitteln unter Kontrolle zu bekommen, ist für Putin und seine Verbündeten das größtmögliche Geschenk. Angesichts des Ernstes der Lage brauchen wir aber Vorschläge zur Reduzierung der Migration, die auch tatsächlich funktionieren können. Gefährlich wird es, wenn Parteien der Mitte Lösungen präsentieren, die die Erwartungen nicht erfüllen können. Für den Plan der Zurückweisungen an deutschen Grenzen etwa müsste eine Notlage ausgerufen werden. Es ist fast sicher, dass der Europäische Gerichtshof das nicht akzeptieren würde. Dann stünde fast der gesamte Bundestag gegen das höchste europäische Gericht. Das wäre ein idealer Nährboden für die Anti-EU-Kampagnen von AfD und BSW. Und am Ende gar für die von Putin erhoffte Debatte über ein Ausscheiden Deutschlands aus der EU.

20 September 2024 0 Kommentare
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Zahl der Migranten in Deutschland so hoch wie seit den 1950er Jahren nicht mehr

von Fremdeninfo 20 September 2024
von Fremdeninfo

Zahl der Migranten in Deutschland so hoch wie seit den 1950er Jahren nicht mehr

Knapp 3,5 Millionen Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge und geduldete Personen leben derzeit in Deutschland. Das ist ein neuer Höchststand seit den 1950er-Jahren. Die Linke kritisiert trotzdem die Migrationsdebatte und spricht von „gefährlichem Unsinn“.

 

                                                      

                                                        Menschen kommen in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen an Boris Roessler/dpa

 

Die Zahl der in Deutschland lebenden Flüchtlinge hat mit knapp 3,5 Millionen einen Höchststand seit der Nachkriegszeit erreicht. Laut Ausländerzentralregister lebten zum Ende des ersten Halbjahres 2024 rund 3,48 Millionen Flüchtlinge in der Bundesrepublik, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) berichtet. Dem Bericht zufolge sind das so viele wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr. Die Zeitung beruft sich auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag.

„Das sind gerade einmal vier Prozent der Bevölkerung“, sagte die fluchtpolitische Sprecherin der Linken-Gruppe im Bundestag, Clara Bünger, der Zeitung. Bünger kritisierte angesichts dieser Zahlen die Migrationsdebatte in Deutschland. „Trotzdem wollen Politiker von Ampel, CDU und AfD den Menschen weismachen, diese kleine Minderheit sei für all ihre Probleme verantwortlich. Das ist gefährlicher Unsinn, der allein die extreme Rechte stärkt.“

Der Ton in der Migrationsdebatte in Deutschland hatte sich mit dem mutmaßlich islamistischen Messerangriff von Solingen Ende August verschärft. Die Bundesregierung schlug daraufhin unter anderem Maßnahmen gegen gewaltbereiten Islamismus sowie deutliche Verschärfungen im Aufenthalts- und Asylrecht vor. Zudem wurden Grenzkontrollen zu allen Nachbarländern eingeführt. Der Union gehen die geplanten Schritte aber nicht weit genug.

Die Zahl von 3,48 Millionen Geflüchteten umfasst laut „NOZ“ alle Menschen, die aus humanitären Gründen in Deutschland Schutz suchen, von Asylbewerbern über anerkannte Flüchtlinge bis zu geduldeten Personen. Davon stammten rund 1,18 Millionen aus der Ukraine.

Aufgrund von Abschiebungen und Ausreisen sei die Zahl der Ausreisepflichtigen in Deutschland rückläufig, hieß es weiter. Mitte 2024 verzeichnete die Statistik 226.882 Ausreisepflichtige und damit 15.760 weniger als noch Ende 2023. 80,5 Prozent der Ausreisepflichtigen seien geduldet, weil sie etwa mit Blick auf die Situation in ihrem Herkunftsland nicht abgeschoben werden können.

FDP-Chef Christian Lindner hatte zuletzt weitere Schritte zur Eindämmung der Asylbewerber-Zahlen in Deutschland gefordert. Lindner verwies gegenüber der „Rheinischen Post“ auf den Vorschlag seines Parteikollegen, Justizminister Marco Buschmann, modellhaft eine Form der Zurückweisung an deutschen Grenzen einzuführen. „Zudem muss alles diskutiert werden, was die Magnetwirkung des deutschen Sozialstaats reduziert.“

Politiker von SPD, Union und FDP dringen zudem darauf, Maßnahmen der EU-Asylreform in Deutschland so rasch wie möglich umzusetzen. SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese sieht in der mühsam ausgehandelten Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) zwar einen „echten Meilenstein“ für einen besseren Schutz der EU-Außengrenzen. Bis zur vollständigen Umsetzung dauere es aber bis Mitte 2026. „Ich begrüße daher grundsätzlich die Idee, Maßnahmen im Rahmen des europarechtlich Umsetzbaren vorzuziehen und national zu regeln“, sagte Wiese.

20 September 2024 0 Kommentare
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Politik

Migrationshintergrund“ wecke dabei falsche Assoziationen. Die Bundesregierung lobt das als „wertvollen Beitrag“

von Fremdeninfo 19 September 2024
von Fremdeninfo

„Migrationshintergrund“ fordern

Artikel von Sabine Menkens/  Welt 
 
Der Kinder- und Jugendbericht der Ampel betont, dass junge Menschen in einer Gesellschaft voller Gegensätze aufwachsen. Die Autoren finden, der Begriff „Migrationshintergrund“ wecke dabei falsche Assoziationen. Die Bundesregierung lobt das als „wertvollen Beitrag“.
                                          
                                            Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) Annette Riedl/dpa
 

Die Bundesregierung ist gesetzlich dazu verpflichtet, in jeder Legislaturperiode einen Kinder- und Jugendbericht vorzulegen. Der Report einer Sachverständigenkommission, den Familienministerin Lisa Paus (Grüne) am Mittwoch präsentierte, ist bereits der 17. Und die Lage der Kinder und Jugendlichen hat sich seit dem ersten Bericht im Jahr 1965 fundamental verändert.

Damals herrschte Babyboom in Deutschland, die Zahl der Unter-20-Jährigen überstieg die Zahl der Senioren über 65 Jahren um ein Vielfaches. Seit 2006 ist das Verhältnis gekippt: Inzwischen werden jedes Jahr doppelt so viele 60. Geburtstage wie erste Geburtstage gefeiert, betonte Paus. Und je spärlicher der Nachwuchs wird, desto größer scheint der Eifer, etwas über die Generation zu erfahren, auf der in der alternden Gesellschaft so viele Hoffnungen und Erwartungen ruhen.

Doch auch das stellte Paus klar: „Die ,Generation Z’ gibt es nicht. Die heutige junge Generation in Deutschland ist die diverseste, die es je gab.“ Gemeinsam sei jungen Menschen allerdings der Wunsch nach Orientierung und Sicherheit.

Derzeit jedenfalls falle der Blick in die Welt und ihr eigenes Leben kritisch aus, sagte Paus. „Die Folgen von Krieg und Klimakrise, weltweite Fluchtbewegungen und auch die Nachwirkungen der Pandemie oder der Fachkräftemangel in so vielen Arbeitsbereichen belasten Kinder und junge Menschen erst recht, wenn sie das Gefühl haben, mit ihren Sorgen und mit ihren Bedürfnissen in der Politik nicht vorzukommen.“ Dringend notwendig sei deshalb die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre auch für Bundestagswahlen; die Forderung findet sich auch im Koalitionsvertrag der Ampel.

Der mehr als 700 Seiten starke Bericht wurde im Auftrag der Bundesregierung von einer unabhängigen Sachverständigenkommission erstellt. Vor allem hat das Gremium vorhandene Studien und Erkenntnisse zusammengeführt und ausgewertet. Zusätzlich haben die Autoren ein Stimmungsbild unter den Betroffenen selbst erhoben: Mehr als 5400 Kinder und junge Menschen von fünf bis 27 Jahren wurden durch Workshops und Befragungen eingebunden.

Weg mit dem Begriff „Migrationshintergrund“?

Der Bericht zeichnet das Bild einer Jugend, die unter sehr unterschiedlichen sozialen Bedingungen aufwächst, mit großen Unterschieden zwischen Stadt und Land, Ost und West, Religion und Weltanschauung, sexueller Orientierung und kultureller Herkunft. 41 Prozent der Kinder unter sechs Jahren und 37 Prozent der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen stammen inzwischen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte.

In der Folge macht die Kommission den weitreichenden Vorschlag, sich von der statistischen Kategorie „Migrationshintergrund“ abzuwenden. Dieser Begriff suggeriere eine „homogene, nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehörende Personengruppe“, heißt es in dem Bericht. Stattdessen zeige man auf, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene „mit unterschiedlichen Nationalitäten, ethnischen Identifikationen und kulturellen Zugehörigkeiten ausgestattet sind – in verschiedenen Kombinationen und mit einem individuellen Maß der persönlichen Identifizierung“.

In ihrer am Mittwoch vom Kabinett verabschiedeten Stellungnahme begrüßte die Bundesregierung diesen Vorschlag: „Die konsequente Abwendung der Kommission vom statistischen Merkmal ,Migrationshintergrund’ als pauschale Differenzkategorie zur Beschreibung scheinbar geteilter natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit ist aus Sicht der Bundesregierung ein wertvoller Beitrag für die weitere Diskussion in diesem Bereich.“ Der steigende Anteil junger Menschen, die in Einwanderungsfamilien aufwüchsen, habe Auswirkungen auf das Zusammenleben aller jungen Menschen in Deutschland. „Die Bundesregierung teilt die Einschätzung, dass es Aufgabe aller ist, in dieser Einwanderungsgesellschaft ,anzukommen’.“

Allerdings, auch das gesteht die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme ein, sei man sich bewusst, dass junge Menschen in Deutschland in einer Zeit „tiefgreifender, teils krisenhafter Entwicklungen“ aufwüchsen, die „von Unsicherheit und einem hohen gesellschaftlichen Transformationsdruck“ geprägt sei. „Die Krisen der vergangenen Jahre haben bei vielen auch seelische Spuren hinterlassen.“ Kriegerische Bedrohungslagen, die Fluchtmigration und der Klimawandel würden als „fundamental und dauerhaft“ erlebt, beim Ringen um Prioritäten sehe die junge Generation ihre Belange nicht ausreichend beachtet.

In diesen Sätzen spiegelt sich auch Selbstkritik. Denn vor allem das Agieren in der Corona-Pandemie mit Kita- und Schulschließungen und sozialer Isolation junger Menschen rügte die Sachverständigenkommission hart: „Viele junge Menschen fühlten sich als bloße Objekte der Pandemie-Politik, deren Bedürfnisse in den politischen Entscheidungsprozessen vernachlässigt wurden.“

Die psychischen Belastungen hätten als Spätfolge der Corona-Pandemie zugenommen, sagte die Kommissionsvorsitzende Karin Böllert von der Universität Münster. „Wir haben noch nie so viele junge Menschen gehabt, die sich einsam fühlen. Für sie hat die Pandemie gefühlt kein Ende gefunden, weil sie viele soziale Kontakte verloren haben.“ Die psychosoziale Unterstützung für junge Menschen müsse daher dringend ausgebaut werden. Im derzeit in Arbeit befindlichen Versorgungsstärkungsgesetz seien daher auch Sonderzulassungen für Kinder- und Jugendtherapeuten vorgesehen, um den Versorgungsengpass abzumildern, versprach Paus.

Der Bericht zeigt allerdings nicht nur negative Entwicklungen auf. So wird das Verhältnis innerhalb der Familie als sehr positiv beschrieben. „Die heutige junge Generation neigt dazu, Erziehungsstile ihrer Eltern zu schätzen und sich bei Problemen an sie zu wenden“, heißt es im Bericht. Ihre persönlichen Beziehungen zu Personen aus anderen Generationen würden als „bedeutungsvoll und positiv, als erfüllend und stärkend“ beschrieben.

Nach dem gesamtgesellschaftlichen Generationen-Verhältnissen gefragt, seien die Bewertungen jedoch deutlich negativer ausgefallen, heißt es weiter. „Wie sich die Demografie in Deutschland genau entwickeln wird, hängt maßgeblich von Entscheidungen in Bereichen der Migrations-, Asyl-, Bildungs-, Familien- und Sozialpolitik ab. In all diesen Politikfeldern stehen Entscheidungen von weitreichender Bedeutung an, die für das Generationengefüge insgesamt, vor allem aber für die Lebensperspektiven der jüngeren Generationen in einer alternden Gesellschaft erhebliche Auswirkungen haben können.“

19 September 2024 0 Kommentare
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Religion

Ausweisung eines islamischen Predigers – Gericht entscheidet

von Cumali Yağmur 18 September 2024
von Cumali Yağmur

Ausweisung eines islamischen Predigers – Gericht entscheidet

Oberverwaltungsgericht Bremen

von dpa

Das Innenressort sieht in den Predigten eines Islamisten eine Gefahr für die Öffentlichkeit und ordnet seine Ausreise an. Doch er wehrt sich erfolgreich vor Gericht. Nun wird erneut verhandelt.

Bremen – Darf ein salafistischer Prediger aus Bremen ausgewiesen werden? Das soll eine Verhandlung vor dem Bremer Oberverwaltungsgericht klären. Zum Auftakt ordnete ein Islamwissenschaftler von der Uni Erlangen verschiedene Aussagen aus Predigten des Tunesiers ein. Er erklärte, dass es im Salafismus eine klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt. Nach seinem Gutachten hat der Imam teilweise eindeutige Formulierungen verwendet – gegen Juden und für die Unterstützung muslimischer Kämpfer.

 

Der Mann hat gegen seine Ausweisung geklagt, nachdem die Bremer Innenbehörde im Jahr 2021 anordnete, dass er das Land verlassen muss. Laut Verfassungsschutz verbreitete der Mann als Imam des Islamischen Kulturzentrums Bremen (IKZ) verfassungsfeindliche Ansichten. Er soll sich auch werbend über terroristische Vereinigungen geäußert haben. Nach Einschätzung des Innenressorts gefährdet der Salafist die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Gegen die Ausweisung und die Anordnung eines 20-jährigen Einreise- und Aufenthaltsverbots und die Androhung der Abschiebung in die Tunesische Republik ging der Imam gerichtlich vor. Das Verwaltungsgericht hob die Bescheide des Innensenators im Jahr 2022 auf. Nun wird der Fall vor dem Oberverwaltungsgericht verhandelt.

Innenbehörde: Salafisten lehnen Demokratie ab

Dem Innenressort zufolge sind das IKZ und die maßgeblichen Akteure dort dem politische Salafismus zuzuordnen. Dieser räume seiner Islaminterpretation absoluten Geltungsanspruch ein. „Salafisten lehnen die Demokratie ab“, teilte eine Sprecherin mit. „In der salafistischen Rechtsauffassung sind Körperstrafen für Kapitalverbrechen und die Züchtigung der Frau legitimiert.“ Der Mann hat in Deutschland vier Kinder, mehrere von ihnen sollen vor Gericht befragt werden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Verhandlung soll noch heute oder spätestens am Donnerstag mit einem Urteil abgeschlossen werden, wie der Vorsitzende Richter sagte. dpa

18 September 2024 0 Kommentare
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Zurückweisungen: Unions-Innenminister stellen sich gegen Migrationspläne der Ampel

von Fremdeninfo 17 September 2024
von Fremdeninfo

 Zurückweisungen: Unions-Innenminister stellen sich gegen Migrationspläne der Ampel

                                                                                 Artikel von Delhaes, Daniel Neuerer, Dietmar
                                     
                                        Kontrolle an der deutsch-polnischen Grenze: Die Bundesregierung will mit solchen Maßnahmen
                                   die irreguläre Migration eindämmen. data-portal-copyright=
 

Unter den Länderinnenministern herrscht Uneinigkeit über die Verschärfungen der Migrationsregeln. Von den SPD-geführten Ressorts kommt Zustimmung, CDU und CSU stellen sich quer.

Die von der Ampel-Koalition geplanten Maßnahmen zur Eindämmung der irregulären Migration stoßen bei Unions-Innenministern auf Ablehnung. Die Ressortchefs von Baden-Württemberg und Bayern, Thomas Strobl (CDU) und Joachim Herrmann (CSU), sehen als derzeit einzig wirksames Mittel zur Flüchtlingsbegrenzung umfassende Zurückweisungen an deutschen Grenzen.

„Es geht darum, illegale Migranten erst gar nicht ins Land zu lassen und nicht darum, sie zu inhaftieren oder ihnen einen Wohnsitz zuzuteilen. Es geht darum, sie schon an der Grenze zurückzuweisen“, sagte Strobl dem Handelsblatt.

Herrmann forderte von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), sie solle die Bundespolizei endlich anweisen, konsequent Flüchtlinge zurückzuweisen, auch wenn sie hier in Deutschland einen Asylantrag stellen wollen. „Denn Flüchtlinge an den deutschen Landgrenzen kommen ausnahmslos aus sicheren Drittstaaten“, sagte er dem Handelsblatt.

An der Frage weitreichender Zurückweisungen von Asylbewerbern war am Dienstag vergangener Woche ein gemeinsames Treffen zwischen Regierung, der Union als größter Oppositionskraft im Bundestag und Bundesländern gescheitert. Die Ampel hatte die Unionsforderung wegen europarechtlicher Bedenken abgelehnt.

Stattdessen möchte die Bundesregierung das Verfahren für sogenannte Dublin-Überstellungen beschleunigen. Dabei geht es um die Rücknahme Schutzsuchender durch jene europäischen Länder, die für die Bearbeitung ihrer Asylverfahren zuständig sind – in der Regel jene Staaten, in denen Asylsuchende zuerst europäischen Boden betreten haben. Bei der Umsetzung ist die Regierung auf die Mitwirkung der Länder angewiesen.

NRW setzt auf schnellere Abschiebungen und mehr Kompetenzen für die Sicherheitsbehörden

Gespräche dazu sollen „zeitnah“ stattfinden, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Bei den SPD-Länderinnenministern stoßen die geplanten Maßnahmen bereits auf Zustimmung.

Nach einer Videokonferenz mit Innenministerin Faeser am vergangenen Freitag kündigten die Ressortchefs aus Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Saarland und Berlin an, die Umsetzung beschleunigter Zurückweisungsverfahren in ihren Ländern mit der Bundesregierung vorzubereiten und entsprechende organisatorische Maßnahmen zu ergreifen.

Der sächsische Innenminister, Armin Schuster (CDU), hält davon wenig. Faeser wolle ein ohnehin nicht funktionierendes Verfahren beschleunigen, sagte er mit Blick auf die Dublin-Verfahren. „Das ist paradox.“ Außerdem delegiere die Ministerin mit ihrem Vorschlag das Thema weg vom Bund, „denn die Asylsuchenden sollen unter Beteiligung der Landesjustiz in unseren Haftanstalten unterkommen“.

Der Freistaat Sachsen verfügt laut Schuster in seiner zentralen Abschiebeeinrichtung in Dresden über 24 Haft- und 34 Gewahrsamsplätze. Nordrhein-Westfalen stellt nach Angaben des Flüchtlingsministeriums von Ressortchefin Josefine Paul (Grüne) mit der bestehenden Unterbringungsanstalt für Ausreisepflichtige (UfA) in Büren rund 23 Prozent der bundesweit zur Verfügung stehenden Haftplätze. Dort werde „in zahlreichen Fällen Amtshilfe für Bundespolizei oder andere Bundesländer“ geleistet, sagte ein Ministeriumssprecher.

Seinen Angaben zufolge wird die konsequente Umsetzung aller Maßnahmen der Landesregierung und der von der Bundesregierung vorgestellten Ideen zum Bedarf von mehr Haftplätzen im Ausreisegewahrsam führen. Daher plane das Land, eine zweite Abschiebehaftanstalt zu bauen.

Nach dem Messeranschlag von Solingen setzt die schwarz-grüne Landesregierung in NRW auf schnellere Abschiebungen und mehr Kompetenzen für Polizei und Verfassungsschutz. Man habe das „umfassendste Sicherheits- und Migrationspaket in der Geschichte unseres Landes“ beschlossen, erklärte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) in der vergangenen Woche im Düsseldorfer Landtag.

Bayerns Innenminister fordert „echte Wende in der Asylpolitik unseres Landes“

Das Maßnahmen-Paket weite die Kompetenzen der Sicherheitsbehörden aus, erläuterte Wüst. NRW wolle etwa eine zentrale Übersicht der abzuschiebenden Menschen einführen und den Datenaustausch unter Behörden erleichtern. Zusätzliche Asylkammern sollen in den Verwaltungsgerichten geschaffen und die zentralen Ausländerbehörden bei Abschiebungen gestärkt werden, kündigte Wüst an.

Der NRW-Ministerpräsident unterstützt auch die von Innenministerin Faeser angeordneten zusätzlichen Kontrollen an allen deutschen Landgrenzen. Solange die EU-Außengrenzen nicht geschützt würden, müsse es möglich sein, die Binnengrenzen zu schützen, sagte Wüst.

Die vorübergehenden Kontrollen laufen seit dem 16. September und sollen zunächst sechs Monate dauern. Als Gründe für die Maßnahme wurden neben der Begrenzung der irregulären Migration auch der Schutz der inneren Sicherheit vor aktuellen Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus und vor grenzüberschreitender Kriminalität genannt.

Bayerns Innenminister Herrmann hält Grenzkontrollen jedoch für nicht ausreichend, um die illegale Migration nach Deutschland spürbar einzudämmen. „Wir brauchen dringend eine echte Wende in der Asylpolitik unseres Landes“, sagte er. „Die Bundesregierung erkennt nach wie vor den Ernst der Lage nicht.“ Entscheidend seien „umfassende Zurückweisungen von Flüchtlingen an unseren Grenzen“

17 September 2024 0 Kommentare
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Religion

Die jugendlichen Terroristen des ‚Islamischen Staates‘

von Cumali Yağmur 17 September 2024
von Cumali Yağmur

Die jugendlichen Terroristen des ‚Islamischen Staates‘

Artikel von Cathrin Schaer

Die Zahl der wegen Terrorismus verhafteten Teenager in Europa steigt. Mit Erfolg rekrutiert die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ europäische Jugendliche für ihre Anschläge.

Er attackierte das israelische Generalkonsulat in München und lieferte sich einen Schusswechsel mit deutschen Polizisten, in dessen Verlauf er erschossen wurde. Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass der 18-jährige Emrah I. offenbar von dschihadistischer Propaganda beeinflusst war, wofür es im Vorfeld jedoch kaum Indizien gegeben hatte.

Der einzige Hinweis, der auf seinen Anschlagsversuch in München hätte deuten können, stammt aus dem Frühjahr 2023. Damals fand die österreichische Polizei nach Beschwerden über eine Schlägerei, an der der junge Mann beteiligt war, bei ihm ein Computerspiel, auf dem auch eine Al-Kaida-Flagge zu sehen war. Inzwischen geht die Polizei davon aus, dass Emrah I. sich in den vergangenen Monaten über das Internet radikalisiert hat.

Wachsende Zahl jugendlicher Terroristen

Emrah I. ist nicht allein. Zwischen März 2023 und März 2024 registrierten Forscher des Washingtoner Instituts für Nahostpolitik weltweit 470 einschlägige Rechtsfälle im Zusammenhang mit der Extremistengruppe „Islamischer Staat“ (IS). An mindestens 30 Fällen waren Teenager oder Minderjährige beteiligt. Doch die tatsächliche Zahl könnte „deutlich höher“ sein, heißt es in dem Report. Denn viele Länder gäben das Alter der Verhafteten nicht an.

Eine andere Studie unter der Leitung des Terrorismus-Experten Peter Neumann vom King’s College in London untersuchte 27 aktuelle Fälle mit IS-Bezug. Das Ergebnis: Zwei Drittel der in diesem Kontext Verhafteten waren Minderjährige.

Anfang September wurde ein 14-Jähriger in Uruguay festgenommen, nachdem er sich im Internet als „einsamer Wolf“ bezeichnet hatte. Wenige Tage später verhafteten die Schweizer Behörden einen 11-Jährigen. Er hatte in den sozialen Medien extremistische Botschaften verbreitet.

So durchsuchte die österreichische Polizei im Fall des möglichen Anschlags auf Besucher eines Taylor-Swift-Konzerts in Wien die digitalen Netzwerke des 19-jährigen österreichischen Hauptverdächtigen. Die deutsche Polizei nahm daraufhin einen 15-Jährigen in Brandenburg fest, der im Verdacht stand, den Österreicher zu unterstützen.

Experten gehen nicht davon aus, dass sich die Botschaften explizit an europäische Teenager richten. Eher hänge die wachsende Zahl jugendlicher Angreifer mit der Art und Weise zusammen, in der sie auf den sozialen Medien und Messaging-Plattformen Zugang zu IS-Inhalten erhielten.

Angriffe von Jugendlichen werden in der Regel von der IS-Gruppe „inspiriert“ und nicht direkt von einer Person etwa aus Afghanistan befohlen. Das ist eine ganz andere Dynamik als noch im Jahr 2014, als der IS große Teile des Irak und Syriens eroberte. Damals standen die potenziellen Rekruten oft in direktem Kontakt mit einem Ansprechpartner im Nahen Osten, der sie ermutigte, ihre Heimat zu verlassen und ins „Kalifat“ zu kommen.

 

17 September 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Konsequenter Kurs bei Migration – Knallharte „Asyl-Bremse“ wirkt: Österreich hat geschafft, wovon Deutschland träumt

von Fremdeninfo 15 September 2024
von Fremdeninfo

Konsequenter Kurs bei Migration – Knallharte „Asyl-Bremse“ wirkt: Österreich hat geschafft, wovon Deutschland träumt

                                                              Artikel von Von FOCUS-online-Göran Schattauer
                                        
                                                      Sven Hoppe/dpa © Sven Hoppe/dpa
 

Österreich will keine Migranten aufnehmen, die Deutschland an der Grenze zurückgewiesen hat. Die klare Ansage passt ins Bild der knallharten Politik, die unsere Nachbarn seit längerem fahren – mit Erfolg. Die Asyl-Zahlen sinken drastisch. Was machen die Ösis besser?

Österreichs Innenminister Gerhard Karner von der konservativen Regierungspartei ÖVP fand klare Worte über die deutschen Pläne, Migranten an der Grenze zurückzuschicken: „Österreich wird keine Personen entgegennehmen, die aus Deutschland zurückgewiesen werden“, so Karner jüngst gegenüber der „Bild“-Zeitung. Da gebe es „keinen Spielraum“.

Das Machtwort des Ministers überrascht nicht.

Am 29. September wird in Österreich der Nationalrat neu gewählt, die Abgeordnetenkammer des Parlaments (183 Sitze). In aktuellen Umfragen liegt die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) vorn. Sie kämpft für eine „Festung Österreich“ und treibt die Migrations-Debatte voran, die im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielt, ähnlich wie in Deutschland.

Harter Kurs: Zwischen „Asyl-Bremse“ und „Festung Österreich“

So fordert die FPÖ einen kompletten „Asylstopp“. Im Fall einer Regierungsübernahme will sie radikal gegen Zuwanderung vorgehen und die Ausweisung von Migranten in ihre Heimatländer forcieren. Die Zahl der Asylanträge solle auf null heruntergefahren werden, da Österreich von sicheren Drittstaaten umgeben sei. „Wir brauchen Remigration“, so FPÖ-Chef Herbert Kickl. Offenbar sind viele Menschen in der Alpenrepublik ähnlicher Meinung.

Die derzeit regierende ÖVP will an ihrem bisherigen Kurs festhalten, der mit dem Wort „Asyl-Bremse“ treffend beschrieben ist. Innenminister Karner: „Es ist notwendig, dass wir das System schützen, damit wir es für jene nützen können, die unsere Unterstützung und Hilfe brauchen.“

Die ÖVP kämpft seit längerem konsequent gegen Asylmissbrauch und Schlepperkriminalität. Es gibt mehr Grenzkontrollen und Abschiebungen. Asylverfahren wurden beschleunigt, die Bedingungen für den Familiennachzug verschärft, etwa durch DNA-Tests. Künftig will die Partei kriminelle Asylbewerber in Gefängnisse im Kosovo verlegen.

Was das gebracht hat, lässt sich aus den Statistiken herauslesen: Österreich verzeichnet einen signifikanten Rückgang der Anträge auf Asyl!

  • Im Jahr 2023 wurden landesweit rund 59.000 Anträge gestellt, das waren 48 Prozent weniger als im Jahr 2022. Damals registrierte man noch mehr als 112.000 Anträge.
  • 2024 wurden in Österreich bis Ende Juli rund 15.200 Asylanträge gestellt. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr wären es etwa 26.100 Anträge.
  • Damit würde die Zahl der Asylbegehren das zweite Jahr in Folge deutlich und auf den niedrigsten Stand seit 2020 sinken.

    Schnellverfahren, strikte Kontrollen, moderner Grenzschutz

    Es scheint, als zahle sich der harte Kurs der österreichischen Regierung aus. Zu den „Bausteinen“ der Asylpolitik zählen vermehrt Schnellverfahren, die innerhalb von 28 Tagen abgeschlossen sein müssen. Daneben gibt es noch Eilverfahren, bei denen sogar innerhalb von 72 Stunden ein Ergebnis feststehen muss.

    Zum Vergleich: In Deutschland dauerte das behördliche Verfahren 2023 durchschnittlich 6,8 Monate, im Jahr zuvor waren es noch 7,6 Monate.

    Auch die Gerichtsverfahren bei Klagen gegen einen Asylbescheid ziehen sich – vor allem wegen fehlenden Personals bei den Verwaltungsgerichten – in die Länge. 2023 dauerten Verfahren durchschnittlich 20,7 Monate, im Jahr 2022 warteten die Menschen sogar 26 Monate. 

    Auch beim eigentlichen Grenzschutz agieren unsere Nachbarn entschlossen und unnachgiebig.

    So verstärken österreichische Polizisten in Serbien, Ungarn und Nordmazedonien die Sicherung der Grenze entlang der sogenannten Balkanroute, über die traditionell viele Migranten nach Nordeuropa strömen. Beamte sind mit neuester Technik ausgestattet, etwa mit Nachtsicht- und Wärmebildkameras. Auch eine hochmoderne Drohnenflotte und sogenannte Herzschlag-Sensoren zur Kontrolle von Lastkraftwagen kommen zum Einsatz.

  • Deutsche Bundespolizei schaut neidisch auf Nachbarland

    Die Bundespolizei in Deutschland kann von solchen Bedingungen oftmals nur träumen. Erst vergangene Woche beklagte Andreas Roßkopf, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Bereich der Bundespolizei, gegenüber FOCUS online: „Wer einen modernen Grenzschutz will, muss investieren. Sowohl in Personal als auch in Ausstattung. Dies ist über die letzten Jahre vernachlässigt worden.“

    Roßkopf zu FOCUS online: „Wir müssen durch intelligente, moderne und flexible Grenzkontrollen mit sehr moderner Ausstattung arbeiten können, zum Beispiel mit Drohnen, Kennzeichenerkennung, mobile Kontrollstellen sowie modernsten Fahndungs- und Bearbeitungsfahrzeugen. Dies alles ist so gut wie nicht vorhanden.“

    Österreich gehört in der EU neben Dänemark zu den Hardlinern bei der Migrationspolitik. Die Maßnahmen scheinen die Asylbewerberzahlen spürbar zu drücken und entfalten offenbar eine Abschreckungswirkung.

    Kein Wunder, dass deutsche Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordern, sich ein Beispiel am Nachbarland zu nehmen. Auch wenn Kritiker bezweifeln, dass die sinkenden Zahlen allein auf den harten Asyl-Kurs Wiens zurückzuführen sind.

    Österreichs Grüne halten sich in Asylfragen zurück

    Fakt ist: In Österreich regiert seit 2020 eine Koalition aus der konservativen ÖVP und den Grünen. In der Asylpolitik gibt eindeutig die ÖVP den Ton an. Der grüne Regierungspartner hält sich auf diesem Feld weitgehend zurück und konzentriert sich auf Bereiche wie Klimaschutz und Menschenrechte.

    In Deutschland hingegen erwiesen sich die mitregierenden Grünen in Asylfragen immer wieder als Zauderer, Bremser und Blockierer. Egal, ob es um eine bessere Kontrolle der Zuwanderung ging oder um jährliche Obergrenzen für Flüchtlinge. Um die Ausweitung der als sicher geltenden Herkunftsstaaten oder um die Abschiebung illegaler Migranten. Zuletzt sperrten sie sich vehement gegen Zurückweisungen an der deutschen Grenze.

    Viele Maßnahmen, die Deutschland schon längst hätte einführen können, um seine Grenzen besser zu schützen und illegale Zuwanderung einzudämmen, wurden nicht umgesetzt. Sie scheiterten am Widerstand der Grünen oder einflussreicher linker Kreise innerhalb der SPD.

    Ampel-Regierung in Berlin reagiert immer nur auf Druck

    Mittlerweile scheint auch bei den Ampel-Parteien ein Umdenken einzusetzen. Schritt für Schritt reagieren sie auf den Druck von CDU/CSU sowie vieler Kommunen und Landkreise, die mit dem Flüchtlingsproblem seit Jahren überfordert sind. Die Wahlerfolge der AfD und schreckliche, von Zuwanderern begangene Straftaten beschleunigen diesen Prozess.

    2023 wurden in Deutschland insgesamt rund 352.000 Asylanträge gestellt.

    Im laufenden Jahr 2024 (Januar bis August) waren es fast 175.000. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sank die Zahl der Erstanträge um 21,7 Prozent, die Zahl der Folgeanträge um 9,1 Prozent.

    Auch wenn damit tendenziell ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist – im Vergleich zu Österreich hinkt Deutschland erheblich hinterher. Vielleicht ein Grund, genauer auf unser Nachbarland zu schauen – und etwas zu lernen.

15 September 2024 0 Kommentare
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Nach Hanau feierte Deutschland Karneval, nach Solingen schiebt Deutschland ab“

von Cumali Yağmur 13 September 2024
von Cumali Yağmur

 

Nach Hanau feierte Deutschland Karneval, nach Solingen schiebt Deutschland ab“

Artikel von Cornelia Geißler./ B.Z.

 

 

Hanau ist kein Einzelfall“ ist der Abend überschrieben, die Zuschauerreihen sind etwa zur Hälfte besetzt, das Publikum spendet im Lauf der anderthalb Stunden oft Zwischenapplaus. Said Etris Hashemi sagt, dass es ihm anfangs sehr schwerfiel, über das Ereignis zu sprechen, das sein Leben für immer veränderte. Nach einem Jahr aber schloss er sich der Initiative „19. Februar Hanau“ an, die sich – so fasst er die Ziele zusammen – für Aufklärung einsetzt, Konsequenzen aus dem Anschlag fordert, sich um Erinnerungsarbeit kümmert und für Gerechtigkeit engagiert.

In einem Punkt sei wirklich etwas erreicht worden, denn es wurde „eine komplett neue Erinnerungskultur“ geschaffen. In anderen Fällen noch habe sich die Aufarbeitung in einer Weise auf die Täter konzentriert, dass deren Ideologie in den Mittelpunkt geriet. Beim Zuhören fällt einem schnell der NSU ein, dessen Opfer während der Mordserie diskreditiert wurden. Said Etris Hashemi sagt: „Wir haben eine neue Erinnerungskultur geschaffen. Die Namen der Opfer von Hanau sind bekannt. Dazu haben viele Menschen beigetragen. Darauf können wir als Gesellschaft stolz sein.“

Der Moderator Stephan Anpalagan veröffentlichte vor einem Jahr das Buch „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft“, in dem er etliche Fälle zusammenträgt, in denen Menschen aus migrantischen Familien sich in Deutschland diffamiert, ausgegrenzt und zurückgewiesen sehen. Er kommt mit Said Etris Hashemi zu einem optimistischen Punkt: Die Zivilgesellschaft sei inzwischen weiter, als man es nach den Politiker-Auftritten der vergangenen Tage annehmen könnte. Die Stadt Hanau habe sich dagegen gestellt, als der Anschlag als „fremdenfeindlich“ charakterisiert wurde. Es waren Hanauer Bürger, keine Fremden, die von einem von rechtsextremer Ideologie getriebenen Deutschen ermordet wurden.

Auch die Autorin Gilda Sahebi sagt: „Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Gesellschaft so dämlich agiert oder denkt wie die Politik.“ Anpalagan konfrontierte sie auf der Bühne mit dem Zitat: „Nach Hanau feierte Deutschland Karneval, nach Solingen schiebt Deutschland ab.“ Nach dem islamistischen Anschlag auf dem Stadtfest von Solingen, bei dem drei Menschen starben und sechs Personen schwer verletzt wurden, waren plötzlich Abschiebungen möglich. Sahebi wehrt sich gegen einen Vergleich der Vorfälle, „denn am Ende steht immer ein Ereignis weniger schlimm da als das andere, das ist falsch“.

Sahebis neues Buch heißt „Wie wir uns Rassismus beibringen“. Sie habe überlegt, einen anderen Titel zu wählen, „Das R-Wort“ nämlich, weil sie findet, dass es hierzulande eine Scheu gebe, Rassismus zu benennen, wo er vorkomme. „Es läuft seit den 1870ern schief“, sagt sie, „schon das Kaiserreich wehrte sich gegen die angebliche Slavenflut aus dem Osten. Die Idee, dass Deutschland ein monoethnischer Staat sein soll, wie sie von Björn Höcke wieder verbreitet wird, ist sehr tief verankert.“ Mitten in Europa sei es aber gar nicht möglich, ohne Zuwanderung zu leben. Die Probleme lägen vor allem in den Strukturen begründet, etwa wenn es nicht genug Sprachkurse gebe, nicht ausreichend Beschäftigte in den Ausländerbehörden.

„Ein Land mit einer Bevölkerung von 84 Millionen Menschen muss drei Millionen Zuwanderer aufnehmen können“, sagt Gilda Sahebi. Sie macht eine einfache Rechnung auf: Eine Gruppe von 84 Leuten könne doch auch damit umgehen, wenn drei neue hinzukämen. Aber statt den Islamismus zu bekämpfen, werde jetzt zum Migrationsgipfel gerufen. Sie ist sich mit dem Moderator einig, dass die Politik hektisch versuche, auf die Ergebnisse der Landtagswahlen zu reagieren und auch schon die Bundestagswahl im kommenden Jahr denke. Es gehe aber nicht um die Wähler, sagt Gilda Sahebi. Sie betont:  „Ich bin moralisch nicht hochwertiger als ein AfD-Wähler.“ Es gehe um die Zukunft der Gesellschaft.

Und was hätte sich, um zum Anfang zurückzukommen, Said Etris Hashemi gewünscht? Dass man nicht die Opfer verdächtigt hätte, denn von den Überlebenden in Hanau wurden sofort die Handys beschlagnahmt, als läge etwa ein Fall von Clankriminalität vor. Dass man sich mehr um Respekt bemüht hätte, denn als man seiner Familie die Sachen von seinem toten Bruder zuschickte, waren es die eines anderen Mannes. Dass gründlicher ermittelt worden wäre, denn es war erst die Initiative „19. Februar Hanau“, die genauere forensische Analysen in Auftrag gab. Stephan Anpalagan will dann noch wissen, wie er sich in der Rolle als Buchautor fühle. „Wenn man mich früher gefragt hätte, was ich einmal sein könnte, hätte ich vielleicht gedacht, Rapper. Ein Buch zu schreiben, wäre unvorstellbar gewesen. Heute versuche ich, eine Stimme für diejenigen zu sein, die normalerweise nicht gehört werden.“ 

13 September 2024 0 Kommentare
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