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Bundeslandwirtschaftsminister stößt Debatte an: Özdemir fordert Trennung von Asyl- und Arbeitsmigration

von Fremdeninfo 28 September 2024
von Fremdeninfo

Bundeslandwirtschaftsminister stößt Debatte an: Özdemir fordert Trennung von Asyl- und Arbeitsmigration

                 Artikel von Philipp Blanke/ Tagesspiegerl
Mit deutlichen Worten äußert sich der Grünen-Agrarminister zur Migration. Er appelliert an alle demokratischen Kräfte. Besonders Erfahrungen, die seine Tochter machte, bekümmern ihn.
                                   
                                      Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, spricht im Bundestag. © Foto: dpa/Hannes P Albert
 

Die Überschriften waren teils reißerisch: „Özdemir sorgt sich um seine Tochter: „Unangenehm begafft und sexualisiert““ titelte der Focus. „Özdemir fordert ehrliche Debatte über Migration“ hieß es moderater beim Spiegel. Anderswo hieß es „Özdemir rechnet mit Asyl-Politik ab“ oder „Tochter von Cem Özdemir „von Männern mit Migrationshintergrund sexualisiert“.

Der Bundeslandwirtschaftsminister fordert in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ seine eigene Partei (Grüne), aber auch das von ihm sogenannte „liberal-progressive Lager“ auf, sich einer ehrlichen Debatte über die Migration zu stellen.

Özdemir Worte haben Sprengkraft. Als Kind türkischer Gastarbeiter in Baden-Württemberg geboren und seit Jahren einer der prominentesten Grünen-Politiker im Bund, stand insbesondere seine Karriere auch oft stellvertretend für die Aufstiege und Aufstiegsmöglichkeiten der sogenannten migrantischen Generation in Deutschland.

Özdemir ist besorgt wegen Erfahrungen seiner Tochter

Özdemir geht auf seine Geschichte und seine eingewanderten Eltern. „Sie schätzten deutsche Tugenden und die Verlässlichkeit des demokratischen Systems. Baden-Württemberg war längst unsere Heimat“, schreibt der 58-Jährige. Der Minister betont, erschreibe den Gastartikel nicht nur als Politiker, auch als Vater.

Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, kommt es häufiger vor, dass sie oder ihre Freundinnen von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir über Erfahrungen, die seine Tochter in Berlin machen musste

„Während gerade die junge Generation gut begründete Sorgen haben müsste, Sorgen um das Erstarken autoritärer Kräfte, Kriege, Bürgerkriege und Unterdrückung, Klimakrise und Artensterben, dominiert gerade ein ganz anderes Thema die Debatten nicht nur bei uns im Land“, schreibt Özdemir. „Deshalb müssen wir das Thema Migration dringend angehen, damit eine Debatte über andere dringende Themen überhaupt erst wieder möglich wird. Und zwar in zwei Richtungen: reguläre und irreguläre Migration trennen. Politisches Asyl und Zuwanderung auseinanderhalten. Der Kompass ist verrutscht. Zeit, ihn wieder richtig einzustellen“, heißt es weiter.

Özdemir besorgen zudem Erfahrungen, die seine Tochter nicht nur beim Urlaub mit Freunden an der Ostsee (rassistische Beleidigungen), sondern auch regelmäßig in Berlin machen musste: „Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, kommt es häufiger vor, dass sie oder ihre Freundinnen von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden.“

Seine Tochter sei enttäuscht, dass das Grundproblem dahinter nicht offensiver thematisiert werde: „die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern.“ Özdemir macht klar: „Ich kann die Erfahrungen meiner Tochter nicht ignorieren. Als Vater will ich es nicht, als Politiker darf ich es nicht.

Die Angst vor Instrumentalisierungen einer Debatte durch die AfD und andere rechtsextreme Kreise dürfe die Debatte jedoch nicht verhindern, schreibt Özdemir: „Ich bin davon überzeugt, dass es der AfD am meisten nützt, wenn real existierende Probleme, die diese Rechtsextremisten politisch ausbeuten wollen, von uns aus Angst und falscher Rücksichtnahme gar nicht erst thematisiert werden.“

Asylpraxis ist zu einem Recht des Stärkeren geworden

Es sei an der Zeit, sich einzugestehen, dass sich die Asylpraxis des vergangenen Jahrzehnts immer mehr zu einem Recht des Stärkeren entwickelt habe, schreibt Özdemir. „Es kommen eben gerade nicht nur die Verletzlichsten und Schutzbedürftigsten aus den Krisengebieten der Welt, sondern in ganz überwiegender Zahl die Stärkeren, das heißt junge Männer.“ Diese Entwicklung würde zunehmend die Akzeptanz für das Grundrecht auf Asyl aushöhlen und zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen führen, ist Özdemir überzeugt.

Wir müssen eine klare Grenze ziehen zwischen denen, die uns brauchen (Asylpolitik), und Menschen, die wir brauchen (Fachkräftezuwanderung).

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir

Özdemir plädiert für „mehr Konsequenz bei der Identitätsfeststellung, mehr Härte und Sanktionen bei Straftaten, weniger Nachsicht in der Präventionsarbeit – denn jede Straftat, die sich in dieses Schema fügt, kostet Vertrauen.“ Die Realität eines Einwanderungslandes sei lange konsequent ausgeblendet worden, bemängelt der Minister und fügt hinzu: „Diese Ignoranz hat nicht nur den Zusammenhalt unseres Landes gefährdet, sondern auch unseren Wohlstand und die Produktivität.“

In seinem Fazit spricht sich Özdemir für eine klare Differenzierung bei der Migration aus: „Wir müssen eine klare Grenze ziehen zwischen denen, die uns brauchen (Asylpolitik), und Menschen, die wir brauchen (Fachkräftezuwanderung). Asyl und Arbeitsmigration müssen getrennt werden. Und für beides müssen wir die jeweiligen Spielregeln klarer definieren, mutiger vorantreiben und selbstbewusst vertreten. Wer einen wertvollen Teil zu unserem Land beitragen kann und will, ist willkommen. Wer nachweislich Schutz sucht, dem helfen wir. Für alle anderen haben wir keinen Platz.“

Die Demokratie in Deutschland sei nicht nur unter Stress, sondern werde „akut angegriffen“, schreibt Özdemir. „Viel zu lange haben wir auf die vermeintliche Sonderrolle Deutschlands vertraut, die eine tiefe Resilienz gegen Demokratiefeinde aus den Erfahrungen zweier Diktaturen ableitete.“ Diese Sonderrolle gebe es allerdings nicht. Spätestens bis zur nächsten Bundestagswahl 2025 müssten demokratische Kräfte das „Vertrauen der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit in die Problemlösungskompetenz unseres demokratischen Gemeinwesens“ zurückgewinnen – sonst gerate etwas dauerhaft ins Rutschen.

28 September 2024 0 Kommentare
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Archive

Kann die Erfahrungen meiner Tochter nicht ignorieren“ – Özdemir fordert Kehrtwende bei Migration

von Fremdeninfo 28 September 2024
von Fremdeninfo

Kann die Erfahrungen meiner Tochter nicht ignorieren“ – Özdemir fordert Kehrtwende bei Migration

Cem Özdemir (Grüne) berichtet in einem Gastbeitrag bei der FAZ, dass seine Tochter in Berlin von jungen Männern mit Migrationshintergrund sexuell belästigt wird. Ihre Freundin sei wiederum Opfer rassistischer Übergriffe. Der Landwirtschaftsminister fordert eine Wende in der Migrationspolitik.

Von Faz

                                                              

                                                                Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) HCPlambeck/WELT

Ungewohnt persönliche Worte von Cem Özdemir (Grüne): In einem Gastbeitrag bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) geht Deutschlands Landwirtschaftsminister, selbst ein Kind türkischer Einwanderer, hart mit der derzeitigen Migrationspolitik ins Gericht – und nennt als Hauptgrund für seine deutliche Kritik verstörende Erfahrungen seiner Tochter.

Seine Tochter mache im nächsten Jahr Abitur und überlege gerade, was sie gerade mit ihrem Leben anfangen wolle, schreibt Özdemir. Und ihm bereite Sorgen, wie sich das Land seit seiner Schulzeit verändert hat. „Wenn ich ihr zuhöre, bin ich nicht sicher, ob das Erwachsenwerden heute so unbeschwert ist, wie ich es damals empfunden habe.“

Während die Freundin einer Tochter aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe auf einem Campingplatz in Mecklenburg an der Ostsee verbal dermaßen beleidigt und angefeindet worden sei, dass der Urlaub nach einem Tag habe abgebrochen werden müssen, sehe sich Özdemirs Tochter in Berlin vor allem sexueller Belästigung durch junge Männer mit Migrationshintergrund ausgesetzt. „Gegen solche Übergriffe hat sie sich, wie viele Frauen, das sprichwörtliche dicke Fell zugelegt“, berichtet Özdemir. „Doch ich spüre, wie sie das umtreibt. Und wie enttäuscht sie ist, dass nicht offensiver thematisiert wird, was dahintersteckt: die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern.“

Er schreibe den Beitrag nicht nur als Politiker Özdemir, sondern als sich sorgender Vater. „Während gerade die junge Generation gut begründete Sorgen haben müsste, Sorgen um das Erstarken autoritärer Kräfte, Kriege, Bürgerkriege und Unterdrückung, Klimakrise und Artensterben, dominiert gerade ein ganz anderes Thema die Debatten nicht nur bei uns im Land.“ Deutschland müsse das Thema Migration dringend angehen, damit eine Debatte darüber überhaupt wieder möglich werde, fordert Özdemir.

Die Erfahrungen seiner Tochter könne Özdemir nicht ignorieren. „Als Vater will ich es nicht, als Politiker darf ich es nicht.“ Es sei nun wichtig, Realitäten zu benennen, zu „sagen, was ist. Und uns eingestehen, dass wir es uns in der Echokammer der eigenen Selbstvergewisserung viel zu gemütlich eingerichtet haben – links wie rechts.“

Dabei müsse reguläre und irreguläre Migration auseinandergehalten werden. „Der Kompass ist verrutscht. Zeit, ihn wieder richtig einzustellen.“ Die deutsche Asylpraxis habe sich im vergangenen Jahrzehnt „immer mehr zu einem Recht des Stärkeren entwickelt. Es kommen eben gerade nicht nur die Verletzlichsten und Schutzbedürftigsten aus den Krisengebieten der Welt, sondern in ganz überwiegender Zahl die Stärkeren, das heißt junge Männer.“ Diese Entwicklung höhle zunehmend die Akzeptanz für das Grundrecht auf Asyl aus und führe zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen.

Wir müssen wissen, wer im Land ist“

Die Realität eines Einwanderungslandes wie Deutschland sei lange konsequent ausgeblendet worden. „Diese Strategie kann man nur mit Amnesie erklären. Und zwar durch diejenigen, die mit Anwerbeabkommen und großzügiger Flüchtlingsaufnahme Deutschland faktisch zum Einwanderungsland gemacht haben“, sagt Özdemir. „Diese Ignoranz hat nicht nur den Zusammenhalt unseres Landes gefährdet, sondern auch unseren Wohlstand und die Produktivität.“

Deutschlands Landwirtschaftsminister fordert: „Wir müssen wissen, wer im Land ist. Wir müssen dafür sorgen, dass nur die im Land sind, die hier sein dürfen.“ Bei denen, die hier sind, müsse Deutschland in die Integration und Identifikation mit gesellschaftlichen Werten investieren. „Und mit Vehemenz als Aufnahmegesellschaft einfordern, was es dafür braucht: Sprache, Arbeit, Bekenntnis zum Grundgesetz!“

Am Ende seines Beitrags ruft der Landwirtschaftsminister die „demokratischen Kräfte“ dazu auf, bis zur Bundestagswahl das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. „Sonst gerät etwas dauerhaft ins Rutschen, wofür wir dann alle Verantwortung tragen, die wir wissend um die drohenden Gefahren für unser Land nicht gehandelt haben“, mahnt Özdemir.

28 September 2024 0 Kommentare
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Archive

Polizisten tragen Vater des Hanau-Attentäters in Gerichtssaal

von Fremdeninfo 27 September 2024
von Fremdeninfo

Polizisten tragen Vater des Hanau-Attentäters in Gerichtssaal

Zum ersten Termin kam er nicht, beim zweiten holte ihn die Polizei ab: Dem Vater des Attentäters von Hanau werden unter anderem Volksverhetzung und Nötigung vorgeworfen. Im Gerichtssaal legte er sich auf den Boden. Verhandelt wurde trotzdem.

 

                                       

                                                                Bild © picture-alliance/dpa

Zum eigentlichen Prozessbeginn am 11. September war Hans-Gerd R. nicht erschienen. Von einer Zwangsvorführung sah die Richterin des Hanauer Amtsgerichts damals ab. Auch zum zweiten Termin am Donnerstag kam der Vater des Attentäters von Hanau nicht freiwillig. Als Polizisten den heute 76-Jährigen zu Hause abholen wollten, öffnete er nicht. Die Beamten verschafften sich dann über die Terrasse Zugang zum Haus.

Sie fanden Hans-Gerd R. angezogen im Bett liegend vor. Er gab an, Herzprobleme zu haben. Ein Rettungswagen wurde gerufen. Die Besatzung sollte ihn begutachten. Er lehnte eine Behandlung allerdings ab.

Aus Polizeiauto in den Saal getragen

Der Mann wurde schließlich trotzdem zum Gericht gefahren. Zwei Beamten trugen ihn an Armen und Beinen aus dem Polizeiauto. Die Schuhe des Angeklagten brachte ein Polizeibeamter in den Saal. Dort sollte ihn eine als Sachverständige anwesende Ärztin untersuchen, das wollte Hans-Gerd R. allerdings auch nicht. Er wurde von drei Polizisten und zwei Wachtmeistern auf einen Stuhl gesetzt, legte sich dann aber auf den Boden.

Der Prozess begann dennoch. Man könne auch im Liegen teilnehmen, sagte die Vorsitzende Richterin. Der Staatsanwalt sagte: „Wir würden ihn nicht hierher zerren lassen, wenn nicht bekannt wäre, dass er regelmäßig mit seinem Hund unterwegs ist.“

Dabei könnte das Verfahren in weiten Teilen auch in Abwesenheit des Angeklagten geführt werden, da er inzwischen auf die rechtlichen Folgen seines Fernbleibens hingewiesen worden sei. Die Verteidigung von Hans-Gerd R. kündigte am Donnerstag einen Aussetzungsantrag an.

Hausfriedensbruch, Beleidigung, Bedrohung

Sein Sohn, ein 43-Jähriger, hatte am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen und anschließend seine Mutter und sich selbst getötet.

Für den Prozess gegen den Vater sind drei Anklagen und sechs Strafbefehle zusammengefasst worden, darunter Hausfriedensbruch, Beleidigung, Bedrohung, Nötigung, Volksverhetzung, Störung des öffentlichen Friedens und Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz. Die mutmaßlichen Tatzeiträume erstrecken sich den Angaben zufolge vom 13. Januar 2021 bis zum 10. Juli 2023.

Eine Beleidigung betrifft ein Schreiben, in dem Hans-Gerd R. das Spezialeinsatzkommando Frankfurt, das in der Nacht zum 20. Februar 2020 in Hanau eingesetzt war, als „Terroreinheit“ bezeichnet. Beim Hausfriedensbruch geht es um das Betreten einer Kita trotz Verbots.

Mehrfach zu Geldstrafen verurteilt

Der Vater des Hanau-Attentäters wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Geldstrafen verurteilt. Hans-Gerd R. hatte sich nicht an die Anordnung gehalten, sich den Häusern nicht zu nähern, in denen die Angehörigen der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau wohnen. Mehrfach soll er diese provoziert und beleidigt haben.

Trotz eines Annäherungsverbots hatte er sich der Mutter eines Opfers des Anschlags genähert. Zudem hatte er Hinterbliebene bedroht sowie Anschlags-Opfer und Teilnehmer einer Demonstration rassistisch beleidigt. Zwischenzeitlich kam er auch in Polizeigewahrsam.

27 September 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Ein neuer Migrationsdeal mit der Türkei Erdogan und Scholz

von Fremdeninfo 27 September 2024
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Ein neuer Migrationsdeal mit der Türkei

                          Artikel von Mona Jaeger/Faz
                                                            
 
                                         
                                                             Treffen mit Folgen: Scholz und Erdoğan am Montag in New York © dpa

 

Abschiebungen in die Türkei sind heikel. Das Land ist von großer geopolitischer Bedeutung für Deutschland und NATO-Partner. Gleichwohl sind inzwischen 13.500 Türken in Deutschland ausreisepflichtig. Die Zahl der türkischen Asylbewerber war im vergangenen Jahr dermaßen angestiegen, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) das Thema an sich zog. „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“ – das hatte sich der Kanzler im Oktober 2023 selbst aufgetragen. Beim Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan kurze Zeit später im November gelang offenbar ein Durchbruch. Seither zeige sich die Türkei sehr kooperativ, heißt es in Berlin gegenüber der F.A.Z.

Nun gibt es erste greifbare Ergebnisse: Die Bundesregierung hat nach monatelangen Verhandlungen mit der Regierung in Ankara damit begonnen, eine große Zahl von türkischen Staatsbürgern in ihr Heimatland abzuschieben. Nach Informationen der F.A.Z. sollten vorerst insgesamt 200 Türken in mehreren Linienflügen in die Türkei gebracht werden. Und dies soll erst der Anfang einer Offensive zur Abschiebung von Türken sein, wie die F.A.Z. aus Regierungskreisen erfuhr.

Demnach hat die Türkei wohl ange­boten, bis zu 500 Staatsbürger je Woche aus Deutschland zurückzunehmen. Entsprechende Vorbereitungen laufen. Zwar lehnt die Türkei weiter ab, dass Abschiebungen per Charterflug stattfinden. Allerdings scheint sie bereit zu sein, künftig solche Flüge zu akzeptieren, wenn sie „Spezialflug“ heißen.

Im vergangenen Jahr war die Zahl türkischer Asylbewerber sprunghaft angestiegen, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 150 Prozent. Die Türkei stieg in Deutschland auf Platz zwei der Herkunftsländer hinter Syrien auf. In diesem Jahr sind die Zahlen mittlerweile rückläufig, die Türkei nimmt nun Platz drei hinter Afghanistan ein. Ein wichtiger Grund für die Migration war die schlechte wirtschaftliche Lage in der Türkei mit einer offiziellen Inflation von mehr als 80 Prozent. Das schlug sich in einer niedrigen Schutzquote nieder. Nur 13 Prozent der Asylanträge wurden positiv beschieden. Damit ist die Schutzquote für Türken deutlich geringer als für Syrer oder Afghanen.

Besonders stark stieg die Zahl der Anträge 2023 in der zweiten Jahreshälfte, was mit der Wiederwahl von Präsident Erdoğan zu tun hatte, die unter Anhängern der Opposition ein Gefühl von Per­spektivlosigkeit bewirkte. Neben der gleichbleibend hohen staatlichen Repression war auch das verheerende Erdbeben im Februar ein wichtiger Grund für die Migration. Mehr als 10.000 Kurzzeitvisa wurden an Erdbebenüberlebende ausgegeben, von denen manche in Deutschland anschließend Asyl beantragten. In anderen Fällen wurde die Migration in die EU dadurch erleichtert, dass Türken für Serbien kein Visum brauchen und deshalb nur eine Grenze, meist die ungarische,überwinden mussten.

Die Zunahme der Asylbewerber aus der Türkei ist vor allem ein kurdisches Phänomen. Im vergangenen Jahr gaben 84 Prozent der Antragsteller an, Kurden zu sein. In den kurdischen Gebieten im Südosten der Türkei sind Armut, politische Repression und die Entfremdung vom türkischen Staat besonders groß.

Wegen der niedrigen Schutzquote stieg auch die Zahl der ausreisepflichtigen Türken rasch an. Ende 2023 galt das für mehr als 13.500 Türken. Im selben Jahr wurden dagegen nur 871 türkische Staatsbürger abgeschoben, ausschließlich mit Linienflügen. Mehr als 10.000 der Ausreisepflichtigen hatten eine Duldung. Bei ei­nem Viertel lag das an fehlenden Reisedokumenten, was wohl einiges über die bisherige Kooperationsbereitschaft der türkischen Konsulate aussagt.

Genau das soll sich jetzt geändert haben. Deutschland hatte vor einiger Zeit der Türkei eine Liste übersandt mit 200 Namen von ausreisepflichtigen Staats­bürgern. Die Türkei gab schnell ei­ne positive Rückmeldung: Ja, wir nehmen diese Leute zurück. Danach wurde diese Liste von den deutschen Ausländerbehörden in Zusammenarbeit mit den türkischen Generalkonsulaten abgearbeitet. Beide Stellen müssen zusammenarbeiten, wenn etwa Pässe abgelaufen sind und neue beschafft werden müssen. Das war bisher immer ein kniffliger Punkt. Wenn ein Herkunftsland will, kann es an dieser Stelle Abschiebungen deutlich verzögern. Anders die Türkei: Sie sicherte den deutschen Stellen nun zu, dass die Zusammenarbeit mit den Generalkonsulaten „völlig problemlos“ laufen werde, heißt es in Berlin. Auch soll die Arbeit der türkischen Stellen vereinheitlicht werden, um die Mitarbeit bei Abschiebungen zu erleichtern. Ein neues Abkommen oder ein Vertrag müssen für die Abschiebungen nicht geschlossen werden.

Eine Einigung zeichnet sich auch bei einem anderen schwierigen Punkt ab: den Abschiebeflügen. Größere Gruppen von Personen lassen sich dauerhaft eigentlich nur per Charterflug außer Landes bringen. Bisher hatte sich die Türkei geweigert, solche Charterflüge zuzulassen, weil sie einen Imageschaden fürchtete. Das Land will nicht in einem Atemzug mit anderen Herkunftsländern wie Syrien und Afghanistan genannt werden. In der Türkei sieht man sich nicht als Herkunftsland, sondern als unfreiwilliges Transit- und Zielland globaler Migration. Wegen dieser

Befindlichkeiten waren Abschiebungen bisher nur in Linienflügen möglich, was die Zahl der Abschiebungen beschränkte.

Schaden am Selbstbild als aufsteigende Regionalmacht

Offiziell argumentierte die türkische Regierung gegenüber der Bundesregierung, dass sie bei großen Gruppen in Charterflugzeugen befürchte, dass womöglich keine individuelle Prüfung des Asylantrags stattgefunden habe. Dem hat Deutschland widersprochen, denn das Asylrecht wird immer geprüft, egal ob eine oder 500 Personen abgeschoben werden. Gleichzeitig will sich auch Deutschland kooperativ zeigen. Die Lösung könnte ganz einfach sein: Die Türkei hat sich offenbar bereit erklärt, künftig Charterflüge zu akzeptieren, wenn sie offiziell „Spezialflüge“ genannt werden.

Anders als bei anderen Herkunftsländern spielen Geldtransfers von Asylbewerbern aus Deutschland an Angehörige in der Heimat kaum eine Rolle. Viele türkische Familien haben ohnehin Verwandte in Deutschland. Auch Fachkräfteabkommen, wie sie mit anderen Ländern geschlossen wurden, sind für die Türkei nicht attraktiv. Die Verbindungen zu Deutschland sind so eng, dass türkische Ärzte, Pfleger und IT-Fachkräfte von sich aus den Weg nach Deutschland finden, ohne dass das im Interesse der Türkei wäre.

Schwerer wiegt für Ankara der Schaden am Selbstbild als aufsteigende Regionalmacht, deren Attraktivität durch die Asylbewerber infrage gestellt wird. In­sofern ist es ein Zugeständnis an die Türkei, dass offiziell nicht von einem Charterflug, sondern von einem „Spezialflug“ die Rede ist. Möglich ist das auch deshalb, weil die türkische Regierung Zugriff auf die teilstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines hat. Von türkischer Seite hieß es gegenüber der Bundesregierung offenbar, wenn dieses Modell laufe, seien bis zu 500 Abschiebungen pro Woche möglich.

Zahl der vergebenen Visa hat sich mehr als verdoppelt

Was bekommt die Türkei dafür, dass sie sich so kooperativ zeigt? Offiziell erstaunlich wenig. Die Türken haben im Gespräch mit deutschen Stellen deutlich gemacht, dass ihr Fernziel die Visafreiheit für Deutschland ist. Kurzfristig hat Deutschland nur zugesagt, dass daran gearbeitet werde, Visaanträge schneller zu bearbeiten. Darüber hat das Bundes­innenministerium auch schon mit dem Auswärtigen Amt gesprochen.

Die langen Wartezeiten und vielen Ablehnungen sind ein Dauerthema in der türkischen Bevölkerung. Im Internet kursieren Beispiele von Geschäftsleuten, die ihren Messeauftritt versäumt haben, und von Studenten, die ihren Studienbeginn verpasst haben, Bürger, die nicht an der Hochzeit ihrer in Deutschland lebenden Cousins teilnehmen konnten. Ein Grund für die langen Wartezeiten ist das gestiegene Interesse an Reisen nach Deutschland. Zwischen 2021 und 2022 hat sich die Zahl der vergebenen Visa mehr als verdoppelt.

Zum Frust der Türken trägt bei, dass die EU dem Land 2016 im Rahmen des Flüchtlingsdeals Visafreiheit unter Bedingungen zugesichert hatte. Einen Teil der damals aufgestellten 72 Kriterien hat die Türkei allerdings bis heute nicht erfüllt, darunter Reformen der Terrorgesetzgebung und des Datenschutzes. Solange die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei hoch ist, ist aber fraglich, ob dem Land Visafreiheit gewährt würde, selbst wenn es die Bedingungen erfüllte. Die jetzt in Aussicht gestellten schnelleren Verfahren sind wiederum kein richtiges Zugeständnis. Denn es liegt auch in deutschem Interesse, dass berechtigte Personen ein Visum bekommen.

Mit Drohungen kommt man nicht weit

Doch warum ist die Türkei jetzt zu Abschiebungen bereit, da sie sich doch so lange geweigert hat? Im November vergangenen Jahres war Erdoğan in Berlin. Im Kanzleramt gab es ein zweistündiges Abendessen mit Scholz. Dabei sprach der Kanzler das Thema Abschiebungen an. Danach hieß es aus Regierungskreisen, Scholz habe gefordert, dass es für Abschiebungen in die Türkei „einen belastbaren Mechanismus“ geben müsse. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe solle dazu bald Ergebnisse vorlegen.

Was technokratisch klingt, war offenbar schon eine sehr konkrete Verein­barung zwischen den beiden Regierungschefs. Im System Erdoğan zählt vor allem, dass der Präsident selbst den Prozess unterstützt. Wenn es auf der obersten Ebene eine Einigung gebe, sei mit der Türkei vieles möglich, so die Erfahrung in Berlin. Außerdem dürfe man bei der Türkei nicht zu institutionell denken. Sondern man müsse Leute kennen, Vertrauen aufbauen, beharrlich bleiben. Mit Drohungen komme man nicht weit.

Trotzdem hat es von November bis jetzt gedauert, weil die Ansprechpartner in der Türkei, die sich um die praktischen Fragen kümmerten, immer wieder wechselten und zunächst keine Freigabe von höherer Stelle bekamen. Wobei es den Prozess erleichtert haben könnte, dass der türkische Amtskollege von Bundes­innenministerin Nancy Faeser (SPD), Ali Yerlikaya, ein Pragmatiker ist, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Süleyman Soylu. Der Wechsel im vergangenen Jahr schlägt sich auch in einer größeren Kooperationsbereitschaft bei der Bekämpfung von Drogen- und Schleuserkriminalität nieder. Soylu wurde dagegen eher als Teil des Problems als der Lösung betrachtet.

Schon im Mai hatte Erdoğans außenpolitischer Berater Akif Cağatay Kılıç in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ gesagt: „Wenn türkische Staatsbürger sich ohne Erlaubnis in einem anderen Land aufhalten, sind sie zur Rückkehr in die Türkei verpflichtet.“ Die Herausforderung liege darin, „eine Zusammenarbeit ins Rollen zu bringen, die bisher nicht bestand“.

 

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27 September 2024 0 Kommentare
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Religion

Ein „islamischer Vatikan“ in Albanien? Diese Idee könnte schlafende Hunde wecken

von Fremdeninfo 27 September 2024
von Fremdeninfo

Ein „islamischer Vatikan“ in Albanien? Diese Idee könnte schlafende Hunde wecken

                                                                 Artikel von Christiane Jaenick /BZ 
                                      
                                            Die Große Moschee von Tirana soll 4500 Gläubigen Platz bieten. © Depositphotos/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Dass der Balkan noch immer ein Pulverfass ist, daran besteht leider kein Zweifel. Allerdings beschränken sich internationale – auch deutsche – politische Analysten in diesem Zusammenhang zumeist auf Akteure aus Belgrad, Pristina oder Sarajevo. Tirana bleibt meistens unter dem Radar. Wenn überhaupt, wird Albanien als angesagte Urlaubsdestination erwähnt oder als ewiger Beitrittskandidat, der geduldig im Warteraum der Europäischen Union sitzt. Aber manchmal ist Albanien auch gut für eine Sensation.

Als der albanische Premierminister Edi Rama vor wenigen Tagen am Vorabend der UN-Generalversammlung in New York die Idee publik machte, in der Hauptstadt Tirana einen „Souveränen Staat des Bektashi-Ordens“ zu errichten, war ihm zumindest die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit sicher für sein neues Projekt. Er wolle „eine tolerante Version des Islam“ fördern, auf die Albanien stolz sei, erklärte Rama den Journalisten der New York Times.

Die Bektashi gehören dem sufistischen Islam an und sind seit dem 17. Jahrhundert in Albanien beheimatet. Sie bildeten in der Vergangenheit nach dem sunnitischen Islam und der Orthodoxen Kirche die drittstärkste Religionsgemeinschaft in Albanien. Bis zum Verbot aller Derwisch-Orden in der Türkei durch Kemal Atatürk war Anatolien das Zentrum der Bektashi gewesen, nach 1930 wurde es Albanien, das damals die größte Zahl religiöser Anhänger hatte.

Die Bektashi spielten in der albanischen Nationalbewegung, genannt Rilindja, Wiedergeburt, in der Zeit zwischen 1870 und 1912 eine große Rolle. So wollte Naim Frashëri, einer der bedeutendsten Dichter der albanischen Nationalbewegung, die Bektashi zum religiösen Pfeiler der nationalen Bewegung machen. Die Bektashi sind besonders tolerant. Frauen und Männer haben die gleichen Rechte und besuchen religiöse Zeremonien gemeinsam. Frauen müssen keinen Schleier tragen. Die religiösen Zeremonien finden in der Tekke statt, was „Rückzugsort“, „Schutz“ oder „Asyl“ bedeutet.

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                                     Das derzeitige Oberhaupt der Bektashi, Baba Mondi, mit Gläubigen bei der Feier des Ashura-Festes im Bektaschi-Schrein von Sari Salltik, Kruje, Albanien.  © Philippe Lissac/imago
 

Die Familie des späteren kommunistischen Diktators Enver Hoxhas war eng mit dem Bektashi-Orden verbunden. Bevor Hoxha nach Frankreich zum Studium aufbrach, soll sein Vater ihn dazu gebracht haben, den Segen von Baba Selim der Tekke von Zall zu erhalten. Der bekannteste Bektashi aus den frühen Hoxha Zeiten war Baba Faja Martaneshi, der seine eigene Partisaneneinheit hatte. Auf alten Fotos steht er mit Turban und wallendem schwarzen Bart, den Patronengürtel umgeschlungen, manchmal neben Hoxha. Dessen Sinneswandel hat er nicht mehr erlebt, denn am 18. März 1947 wurde er aus einem Hinterhalt erschossen.

Angelehnt an die chinesische Kulturrevolution von Mao erklärte Enver Hoxha am 6. Februar 1967 Albanien zum ersten und einzigen atheistischen Staat der Welt. Innerhalb der folgenden Monate wurden alle Gotteshäuser in Albanien, darunter 530 Tekkes geschlossen. Nach der Aufhebung des Religionsverbots in Albanien nach dem Sturz der Diktatur wurde Tirana wieder zum internationalen Zentrum des Bektashi Ordens. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges sollen 15–20 Prozent der Albaner dem Bektashi Orden angehört haben, heute rechnet man mit ca. 5 Prozent.

Das derzeitige Oberhaupt der Bektashi, Edmond Brahimaj, den Anhängern als Baba Mondi bekannt, äußerste sich in ersten Interviews hocherfreut zu Ramas Plänen und hob hervor, diese Initiative würde eine neue Ära weltweiter religiöser Toleranz und der Förderung des Friedens einläuten. Die Bektashi würden nun in der Lage sein, vatikanähnliche Souveränität zu erlangen, die es ermöglichten, „religiöse und administrative Angelegenheiten autonom zu regeln“. Der Orden könne dann seine Rolle bei der Förderung des globalen interreligiösen Dialogs und der Bekämpfung des zunehmenden gewalttätigen Extremismus auf der ganzen Welt stärken.

Er erklärte auch schon mal, wie er beabsichtige, über sein kleines Land zu herrschen. Danach würden alle Entscheidungen mit Liebe und Freundlichkeit getroffen werden. Details wie etwa die Frage, wer Anspruch auf einen Pass habe, müssten noch geklärt werden, er fügte aber hinzu, die Farbe des Passes sei Grün, eine wichtige Farbe im Islam. In den sozialen Netzen kursierten sofort „Mustervorschläge

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                                                       Baba Mondi mit Besuchern am Wallfahrtsort Sari Salltik © Philippe Lissac/imago

 

Aber lustig ist das nicht. Nicht zum ersten Mal überrascht der albanische Premierminister nicht nur das internationale, sondern auch das heimische Publikum, seine eigene Partei einbegriffen. Seit dem überschlagen sich in Albanien und darüber hinaus Kommentare und Analysen, die sich mit dem Für und Wider, mit der Machbarkeit oder Absurdität von Ramas Idee beschäftigen. Vermutlich möchte sich Rama durch die Idee eines islamischen Staates, der für Toleranz und Förderung des Friedens steht, international profilieren. Und was könnte das national bedeuten? Entstünde da eine Art islamischer Vatikan mitten in Tirana? Oder würde aus dem unscheinbaren Wohngebiet am Rande der Hauptstadt ein Mekka 2.0?

Kritik kam unverzüglich von der albanischen Opposition, die Ramas Plan als abenteuerlich und verfassungswidrig bezeichnet. Akil Pano, Pfarrer und Professor für Philosophie in Tirana, forderte den albanischen Präsidenten Bajram Begaj auf, den Nationalen Sicherheitsrat einzuberufen. Schließlich definiere die albanische Verfassung Albanien als unteilbares Territorium. Es könnte ein Präzedenzfall geschaffen werden, nach dem andere (nationale) Minderheiten ebenfalls das Recht auf eigene Territorien einfordern würden. Die Idee Ramas bezeichnete Pano in einem Fernsehinterview als Landesverrat.

Wenn Baba Mondi in ersten Interviews sagt „Wir verdienen einen Staat…Wir sind die Einzigen auf der Welt, die die Wahrheit über den Islam sagen und ihn nicht mit der Politik vermischen“, läuten die Alarmglocken auch für die Muslimische Gemeinschaft Albaniens. Auch sie hätten von dieser Initiative erst aus den Medien erfahren. Dabei wäre eigentlich der Interreligiöse Rat Albaniens die Institution gewesen, die Rama vorher hätte konsultieren müssen.

Auch Sonila Meço meldet sich zu Wort, die Urenkelin des Bektashi Führers Baba Kamberi, der einer der ersten Opfer der Hoxha Diktatur im Kampf gegen den Klerus gewesen war. Meço verweist darauf, dass der albanische Staat nach dem Sturz der Diktatur nicht genug unternommen habe, die Religionsgemeinschaft der Bektashi angemessen zu

entschädigen. Und nun wolle man ihnen einen ganzen Staat schenken? Sie wisse nicht welche Rolle der hohe Bektashi-Klerus bei dieser Initiative spielen würde, aber da sie selbst Bektashi sei, nehme sie ihr Recht auf Meinungsäußerung in Anspruch.

Auch Vertreter des Bektaschi-Ordens in der Türkei reagierten auf den Plan. Man verstehe nicht, warum es einen solchen Staat brauche. Würden die türkischen Bektashi dazu gehören? Oder wäre der Staat eine „albanische Sache“? Man befürworte jedenfalls keinen auf Glauben basierenden Staat.

Kritik an Ramas Idee gibt es allerdings auch aus einer ganz anderen Richtung. Kreshnik Spahiu, Gründungsvorsitzender der albanischen nationalistischen rechtspopulistischen Partei „Allianz Rot und Schwarz“ (AKZ) merkte auf dem Portal Repolitix an, er warte darauf, dass der albanische Premierminister „die Idee einer Union Albaniens mit dem Kosovo bei den Vereinten Nationen vorstellte, … die das jahrhundertealte Streben der Albaner nach Identität und nationaler Einheit zum Ausdruck“ bringe. Das sei „einfacher als die Schaffung mehrerer religiöser Ministaaten“. Spahiu hat sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, seine AKZ hat seit ihrer Gründung 2012 bei Wahlen nie den Einzug ins Parlament geschafft. Rama mag mit seinem Vorschlag schlafende Hunde geweckt haben. Ein Spiel mit dem Feuer.

Christiane Jaenicke studierte Geschichte mit Schwerpunkt Südosteuropa. Ab 1999 für die OSCE und EU auf dem Balkan im Einsatz, darunter als Senior-Beraterin im albanischen Außenministerium in Tirana für den albanischen OSZE-Vorsitz 2020. Heute freie Autorin und gelegentlich unterwegs als Wahlbeobachterin.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

27 September 2024 0 Kommentare
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Politik

Nach drei verlorenen Landtagswahlen: Grünen-Spitze tritt geschlossen zurück

von Fremdeninfo 25 September 2024
von Fremdeninfo

Nach drei verlorenen Landtagswahlen: Grünen-Spitze tritt geschlossen zurück

Artikel von Von Markus Balser, Vivien Timmler, Berlin/ SZ  sz.de
                                                   
 
Die Grünen-Parteivorsitzenden Ricarda Lang und Omid Nouripour bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in der Bundesgeschäftsstelle in Berlin. © Fabian Sommer/dpa

Die Parteichefs Ricarda Lang und Omid Nouripour übernehmen die Verantwortung für das schlechte Abschneiden der Grünen bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland. Der gesamte Bundesvorstand soll neu gewählt werden.

Grünen-Spitze tritt geschlossen zurück

Die Spitze der Grünen tritt geschlossen zurück. Das haben die Parteivorsitzenden Ricarda Lang und Omid Nouripour am Mittwoch bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz bekannt gegeben. „Wir sind zum Ergebnis gekommen: Es braucht einen Neustart“, sagte Grünen-Chef Nouripour. Jetzt sei „Zeit für Leute, die neu anpacken“, sagte er. Nötig seien „neue Gesichter, um die Partei aus dieser Krise zu führen“, sagte seine Co-Chefin Ricarda Lang. Jetzt sei nicht die richtige Zeit, „um am Stuhl zu kleben“.

Neben Lang und Nouripour wird auch der gesamte sechsköpfige Bundesvorstand mit Wirkung zum Parteitag in Wiesbaden im November die Ämter niederlegen. „Bis dahin führen wir die Grünen geschäftsführend“, sagte Ricarda Lang. Es brauche eine „strategische Neuaufstellung“ der Partei, gerade im Hinblick auf das kommende Jahr. Die anstehende Bundestagswahl sei „nicht einfach irgendeine Wahl“. Jetzt sei die Zeit gekommen, Verantwortung zu übernehmen. „Wir übernehmen sie, in dem wir einen Neustart ermöglichen.“

Der Bundeswirtschaftsminister und designierte Kanzlerkandidat der Grünen Robert Habeck bezeichnete den Rücktritt als „großen Dienst an der Partei“. Der Schritt zeuge „von großer Stärke und Weitsicht“ und sei keineswegs selbstverständlich. „Es ist ein großer Dienst an der Partei“, so Habeck. Er sagte aber auch, die Niederlagen bei den letzten Wahlen seien unstrittig vom Bundestrend beeinflusst gewesen. „Wir tragen hier alle Verantwortung, auch ich. Und auch ich will mich ihr stellen.“

Die Grünen sind im Osten an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert

Ursache für den Rücktritt des Grünen-Vorstands sind vor allem die desaströsen Ergebnisse bei gleich drei Landtagswahlen in Ostdeutschland in Folge. Nur in Sachsen ist der Partei der Wiedereinzug in den Landtag gelungen. In Thüringen und Brandenburg hingegen scheiterten die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen und flogen aus den Landesparlamenten.

Zwar fanden die Parteivorsitzenden bei allen drei Wahlen mal mehr, mal weniger schlüssige Begründungen für das schlechte Abschneiden der Grünen: der Anti-Grünen-Wahlkampf der Union, der Aufruf zum taktischen Wählen, die Themenkonjunktur. Letztlich war die Partei aber nicht in der Lage, schlüssige Lehren aus den verloren gegangenen Wahlen zu ziehen.

„Das Wahlergebnis in Brandenburg ist das Zeugnis der tiefsten Krise dieser, unserer Partei seit einer Dekade“, sagte Nouripour am Mittwoch. Es sei notwendig, diese Krise zu überwinden – und auch möglich. Aber: „Dafür braucht es Veränderung.“ Lang ergänzte: „Es braucht neue Gesichter, um die Partei aus dieser Krise zu führen.“ Die Entscheidung sei den Parteivorsitzenden nicht leicht gefallen. „Aber wir treffen sie aus Überzeugung.“

Auch kein „Feng-Shui-Moment“ bei den Grünen

Vor allem Omid Nouripour hatte sich in den vergangenen Wochen und Monaten immer stärker von der Ampelkoalition distanziert und auch seiner eigenen Ernüchterung über die Arbeit mit SPD und FDP Ausdruck verliehen. Erst bezeichnete er das Bündnis als „Übergangsregierung“, dann gab er zu: „Der große Feng-Shui-Moment wird wohl nicht mehr kommen.“ Daran scheint er nun auch in seiner Rolle als Grünen-Parteichef nicht mehr zu glauben.

Dazu gehören neben Lang und Nouripour auch ihre Stellvertreter Pegah Edalatian und Heiko Knopf sowie der Bundesschatzmeister Frederic Carpenter und die politische Geschäftsführerin der Grünen, Emily Büning. Insbesondere Letztere war in den vergangenen Monaten immer stärker in die Kritik geraten. Schon nach der verloren gegangenen Europawahl hatten viele die Schuld bei Büning und ihrem Kampagnenmanagement gesucht.

Als potenzielle Nachfolgerin von Lang und Nouripour wird insbesondere Franziska Brantner, Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, gehandelt. Sie soll dem Vernehmen nach auch für die Bundestagswahlkampagne der Grünen für das kommende Jahr zuständig sein und gilt als eine enge Vertraute des designierten Grünen-Kanzlerkandidaten Robert Habeck. Genau wie der Wirtschaftsminister gilt sie als Pragmatikerin und als eine, die die Partei wieder mehr in die Mitte rücken will.

25 September 2024 0 Kommentare
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Archive

Fazit nach Landtagswahlen: Die AfD profitiert von der Unfähigkeit der demokratischen Parteien

von Cumali Yağmur 24 September 2024
von Cumali Yağmur

 

 Fazit nach Landtagswahlen: Die AfD profitiert von der Unfähigkeit der demokratischen Parteien

 

Pressemitteilung vom Türkische Gemeinde Deutschland

 Am 23. September 2024

Bei den Landtagswahlen in Brandenburg ist die AfD mit knapp 30 Prozent auf dem zweiten Platz gelandet. Die Türkische Gemeinde in Deutschland e.V. sieht den Erfolg der AfD vor allem im Misserfolg der demokratischen Parteien und in der verantwortungslosen Debatte über die Themen Migration und Asyl.

„Der Erfolg der AfD ist nicht ihnen alleine zuzuschreiben, sondern auch der Unfähigkeit der demokratischen Parteien, diese faschistische Partei in ihre Schranken zu weisen“, sagt Gökay Sofuoğlu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. „Seit Monaten wird eine verantwortungslose Debatte über Migration geführt, die am Ende nur der AfD hilft. Die angeblich einfachen Lösungen, wie z.B. Grenzkontrollen trotz Schengen oder Obergrenzen für Geflüchtete, kennen wir bisher eher vom rechten Rand, nicht aber von demokratischen Parteien. Dinge zu fordern, die juristisch nicht haltbar sind und die die guten Beziehungen zu unseren Nachbarländern leichtsinnig gefährden, zerstören das Vertrauen in unsere Demokratie und Politik. Die derzeitige Migrations- und Asylpolitik der Bundesregierung schafft es nicht, der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ganz im Gegenteil: sie macht immer mehr eine Politik, die Menschen mit Migrationsgeschichte unter Generalverdacht stellt und gleichzeitig die AfD und ihre Wähler*innen in ihrer Haltung bestätigt.“

Aslıhan Yeşilkaya-Yurtbay, Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V., sagt: „Wir erleben in der öffentlichen Debatte doch immer mehr, dass Menschen nicht mehr an Fakten interessiert sind, sondern mit gefühlten Wahrheiten gelockt werden. Das sehen wir auch in anderen Ländern, das ist alarmierend. Die Zahl der Asylanträge ist geringer als noch im letzten Jahr und über 70% der Kommunen sagen, dass sie sich mit der Unterbringung von Migrant*innen und Geflüchteten nicht überfordert fühlen. Warum zeichnen Politiker*innen also permanent Schreckensszenarien? Es geht nicht darum, Fehler und Probleme in der Migrationspolitik zu negieren. Es gibt diese Fehler und Probleme. Aber politische Maßnahmen im Bereich Migration müssen auf europäischer Ebene getroffen werden. Daher schaden diese Debatten mehr als sie Teil der Lösung sind.“

24 September 2024 0 Kommentare
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Antisemitismus

Frankfurt University of Applied Science: Kampagne gegen Antisemitismusforscherin

von Fremdeninfo 24 September 2024
von Fremdeninfo

Frankfurt University of Applied Science: Kampagne gegen Antisemitismusforscherin

                                                       Artikel von Thomas Thiel

• 18 St

                                               
                                                  Propalästinensische Aktivisten nehmen sie ins Visier: die Antisemitismusforscherin Julia Bernstein © epd
 
Let’s talk – der 7. Oktober, der Krieg in Gaza und die Folgen in Deutschland“ lautet der Titel der Tagung, zu der die Bildungsstätte Anne Frank in diesen Tagen an die Frankfurt University of Applied Science geladen hat. Eine dieser Konsequenzen wurde schon deutlich, bevor die Tagung überhaupt angefangen hatte: Veranstaltungen mit oder über Juden finden an deutschen Hochschulen immer häufiger unter Polizeischutz statt. Vor einer Woche konnte Volker Beck, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft seinen Vortrag über jüdische Feiertage an der Technischen Universität Berlin nur halten, weil sechzig Polizeibeamte die Angriffe von propalästinensischen Aktivisten im Zaum hielten. Am Montag traf es nun Julia Bernstein.
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                                                   Der Ort des Geschehens: Campus der Frankfurt University of Applied Science © Fabian Wilking
 

Die an der Frankfurter Hochschule lehrende Antisemitismusforscherin war seit Donnerstag zur Zielscheibe einer Hetzkampagne geworden. In einem Studentenchat wurde ihr zionistische Propaganda vorgeworfen, verbunden mit dem Aufruf, ihre Seminare zu meiden. Später wurde ihre Telefonnummer herumgeschickt. Zwei Posts können nach Auffassung der Hochschulleitung als direkte Bedrohung verstanden werden. Die Hochschule will sie juristisch prüfen.

Die Polizei muss Bernsteins Vortrag schützen

Wenig später kündigten die Gruppierungen Students for Palestine und Palästina e.V. einen Infostand vor dem Konferenzgebäude an, aus dem wohl eine Demonstration hervorgehen soll. Auch ihr Aufruf war mit einer namentlichen Attacke auf Bernstein verbunden, der ohne jeden Beleg vorgeworfen wird, eine Antisemitismus-Definition zu vertreten, die Kritik an israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik als rassistisch brandmarke.

Gemeint ist die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, auf die sich auch die deutsche Hochschulrektorenkonferenz verpflichtet hat. Sie verurteilt Doppelstandards und Dämonisierung in Bezug auf Israel und lässt für die Kritik an israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik breiten Raum. Am Ende ist es der Polizei zu verdanken, dass Bernstein ihren Vortrag gefahrlos halten kann.

Manche steigen aus Furcht auf Online um

Zuvor haben die Aktivisten ihre Thesen noch einmal bestätigt. Bernstein hatte nach dem 7. Oktober ein Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz mitbegründet in Reaktion auf den dramatischen Anstieg der Judenfeindlichkeit seit dem Massaker der Hamas. Der Hass, die Hetze und die subtilen Anfeindungen, die Juden an den Hochschulen entgegenschlagen, dokumentiert Bernstein in ihrem Vortrag in niederschmetternder Ausführlichkeit.

Redner würden eingeladen, die – wie übrigens auch manche Mitglieder von Students for Palestine und von Palästina e.V. – die Hamas verteidigten oder glorifizierten, Terrorsymbole und NS-Vergleiche an die Wände geschmiert, Porträts von Hamas-Geiseln abgerissen. Vielerorts komme es zu Mobbing, mancherorts flögen die Fäuste. Die Folge sei, dass viele Juden an den Hochschulen ihr Judentum versteckten. Nach einer internen Umfrage des Netzwerks sind es 76 Prozent. Viele wünschen sich laut der Umfrage dauerhafte Polizeipräsenz auf dem Campus und Zugangskontrollen. Manche, wie Bernstein selbst, sind aus Furcht vor Anfeindungen auf Online-Lehre umgestiegen.

Nun ist das Netzwerk noch zu klein, um aus den Zahlen weitreichende Schlüsse zu ziehen. Sie stehen jedoch in erstaunlich deutlichen Gegensatz zu dem zuletzt zu beobachtenden Versuch, das Geschehen zu entdramatisieren und antisemitische Eskalationen auf wenige Hochschulen zu beschränken. Julia Bernstein kritisiert im Gespräch, dass es dazu keine verlässliche Forschung gebe. Eine oft herangezogene Studie der Universität Konstanz, nach der judenfeindliche Einstellungen an Hochschulen nicht übermäßig verbreitet sind, erfasse den israelbezogenen Antisemitismus nicht angemessen. Es brauche nun wohl Polizeischutz, um gewisse Formen des Antisemitismus zu erforschen, sagt Bernstein.

Vor dem Hörsaalgebäude sucht Hochschulpräsident Kai-Oliver Schocke derweil das Gespräch mit den Aktivisten. In der Sache bleibt er hart, aber die Folgen sind unklar. Die Demonstration am Nachmittag müsse die Hochschule genehmigen, sagt er. Aber nicht nur das Netzwerk der jüdischen Hochschullehrenden vermisst bislang eine klare Positionierung der Hochschule zu dem Angriff auf Julia Bernstein.

24 September 2024 0 Kommentare
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Archive

Berlin: SPD-Mitglieder kritisieren Migrationspolitik der Ampel

von Fremdeninfo 24 September 2024
von Fremdeninfo

Berlin: SPD-Mitglieder kritisieren Migrationspolitik der Ampel

                         von der Spiegel

Grenzkontrollen und Abschiebeflüge nach Afghanistan: Die Ampel geht in der Migrationspolitik mit neuer Härte vor. Mehr als 200 SPD-Mitglieder sehen die Werte der Sozialdemokratie gefährdet.

                                               

                                                 Berlin: SPD-Mitglieder kritisieren Migrationspolitik der Ampel © Michael Kappeler / dpa

Nach dem Attentat in Solingen fährt die Bundesregierung einen deutlich härteren Kurs in der Migrationspolitik. Vielen Mitgliedern der SPD geht das zu weit. In einem offenen Brief fordern sie führende Sozialdemokraten auf, das Asylrecht zu verteidigen und Menschenrechte zu wahren.

»Es kann und darf jedoch nicht der Fall sein, dass das Ziel, Bürger*innen zu schützen, genutzt wird, um Menschen pauschal auszugrenzen, ganze Gruppen der Gesellschaft zu stigmatisieren und rassistische und fremdenfeindliche Narrative zu bedienen«, heißt es in dem Brief. Unter den Unterzeichnern finden sich vor allem Berliner Lokalpolitiker, aber auch Mitglieder des Bundestags und Europaparlaments.

rauer, Wut und Entsetzen

Diese hätten mit Trauer, Wut und Entsetzen verfolgt, wie führende Sozialdemokraten und -demokratinnen einen Diskurs der Ausgrenzung und Stigmatisierung mit befeuert hätten. Darunter verstehen Unterzeichner etwa Maßnahmen von Zurückweisungen an der Grenze, aber auch die Darstellung grenznaher Inhaftierungen als »vermeintliche Lösung für ein so komplexes Problem wie Extremismus«.

Nach dem Terroranschlag des Syrers Issa Al H. Ende August auf ein Stadtfest in Solingen wird in der Bundespolitik wieder über Migration diskutiert. CDU-Chef Friedrich Merz hatte nach dem Anschlag in der Solinger Innenstadt mit drei Toten und acht Verletzten unter anderem einen Aufnahmestopp für Geflohene aus Syrien und Afghanistan sowie Abschiebungen in diese Länder gefordert.

Anfang September hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) Grenzkontrollen an deutschen Außengrenzen angekündigt, zudem waren erstmals verurteilte Straftäter nach Afghanistan abgeschoben worden. Kanzler Olaf Scholz hatte schon Monate zuvor einen neuen Kurs der Härte in der Asylpolitik beschworen, nun wird dieser umgesetzt.

»Die vorgeschlagenen Maßnahmen der Kürzung der Sozialleistungen unter das Existenzminimum und Hinderung der Einreise entmenschlichen Asylsuchende und sind dabei weder mit dem europäischen Gedanken, dem europäischen Recht, noch mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar«, heißt es in dem Brief weiter. Damit würden rechtspopulistische und -extreme Narrative gestärkt werden.

»Die SPD darf nie die menschenfeindlichen Narrative und Positionen rechter Parteien aufgreifen und damit normalisieren«, heißt es, deshalb wolle man die SPD-Spitze im Bundestag, in der Bundesregierung und im Willy-Brandt-Haus dazu auffordern, sich für eine humane Asylpolitik einzusetzen.

 

24 September 2024 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Asylpolitik und EU: Unmut über den deutschen Sonderweg

von Fremdeninfo 22 September 2024
von Fremdeninfo

Asylpolitik und EU: Unmut über den deutschen Sonderweg

                                                   Artikel von Michael Martens / FAZ 

                                         •

                                          Verwundert in Wien über Berlin: Der griechische Ministerpräsident Mitsotakis © dpa
 

Als der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis in der vergangenen Woche Wien besuchte, ging es in den Gesprächen mit Österreichs Kanzler Karl Nehammer auch um Deutschland. Dass die Regierung des größten EU-Mitgliedsstaates unter dem Eindruck miserabler Wahlresultate und Umfrageergebnisse einen Kurswechsel in der Migrationspolitik anstrebt oder das zumindest behauptet, beschäftigt auch andere Hauptstädte der Union.

 Für Verwunderung sorgt dabei nicht zuletzt der Umstand, dass deutsche Politiker die Überlastung Deutschlands durch irreguläre Einwanderung gern auf mangelnde Solidarität anderer EU-Staaten zurückführen, zugleich aber durch einen in vielen Ländern als absurd empfundenen Alleingang in der Sozialpolitik die Voraussetzungen für die eigene Krise nähren und aufrechterhalten. Schließlich alimentiert Deutschland selbst in letzter Instanz abgelehnte, also ausreisepflichtige Asylbewerber noch großzügig aus Steuergeldern und stellt sie mittelfristig, gleichsam als Belohnung für den Rechtsbruch der verweigerten Ausreise, inländischen Transferempfängern gleich. Das gibt es in dieser Form sonst nirgends in der EU. „Kein Wunder, dass ausreisepflichtige Ausländer euer Land nicht verlassen, wenn ihr Deutschen sie fürs Dableiben bezahlt“, lautet der Einwand sinngemäß.

In Wien zeigte sich Nehammer bei der Pressekonferenz mit Mitsotakis zwar vorsichtig optimistisch über einen neuen Realismus Deutschlands in Migrationsfragen, übte aber zugleich in diplomatischem Ton deutliche Kritik: „Der deutsche Weg“, sagte Nehammer in etwas verschnörkeltem Kanzleideutsch, habe „lange gebraucht, einer zu werden, der sich dem Realismus annähert“. Er könne sich erinnern, dass der österreichische Innenminister Gerhard Karner (der ebenso wie Nehammer der konservativen ÖVP angehört) „sehr viele Gespräche“ mit seiner deutschen Kollegin Nancy Faeser (SPD) geführt habe „und auf Unverständnis gestoßen ist, als wir gewarnt haben davor, dass das Migrationsthema weiter ein großes ist für die Europäische Union, (dass es) weiter eine große Herausforderung ist und wir alle gemeinsam uns anstrengen müssen, damit wir den Kampf gegen die illegale Migration führen“. Er lobte, dass in Deutschland nun ein „Umdenken“ beginne.

 Europa müsse bei Rückführungen abgelehnter Asylbewerber besser werden und dafür auch „mit der Wucht“ und der „Marktmacht“ der EU arbeiten. Das alles werde künftig hoffentlich rascher durchgesetzt werden, „weil die Bundesrepublik Deutschland ein wichtiges Land der Europäischen Union ist, ein mächtiges Land aufgrund seiner Wirtschaftsleistung“. Die Entwicklung in Deutschland werde dazu beitragen, Rückführungen zu erleichtern, mutmaßte Nehammer.

Kein Geld in Dänemark für abgelehnte Asylbewerber

Auch Mitsotakis sprach über Deutschland. „Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen europäischen Mitgliedstaaten vorzuschreiben, was ihre Politik sein sollte, aber die Realität ist, dass es Länder gibt in Europa, die einen sehr großen Reiz ausüben“, sagte er unter anderem. In einem Interview wiederholte er kurz darauf kaum verhohlene Kritik: „Deutschland hatte eine extrem tolerante und, ich würde sagen, sozial großzügige Politik gegenüber Migranten, die jetzt eine große soziale Gegenreaktion ausgelöst hat.“

 Insbesondere durch die sogenannten Analogleistungen, also die Zahlung von Sozialhilfe sogar an abgelehnte Asylbewerber, die zur Ausreise verpflichtet sind und dazu auch in der Lage wären, erweist sich Deutschland aus der Sicht vieler EU-Partner als Magnet für immer mehr irreguläre Einwanderung. Zwar wurden die deutschen Gesetze „verschärft“, weshalb sich abgelehnte Asylbewerber inzwischen 36 statt wie zuvor 18 Monate unberechtigt in Deutschland aufhalten müssen, um Bürgergeld zu erhalten. Dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt, wird in vielen EU-Staaten dennoch mit Unverständnis aufgenommen.

Andere Länder muten das ihren Steuerzahlern nicht zu. Die niederländische Regierung will abgelehnten Asylbewerbern ab 2025 keinerlei staatliche Unterstützung mehr zahlen. In Frankreich ist das schon so. In Dänemark gibt es nur noch Nahrungsmittel, Kleidung und Unterkunft in Abschiebelagern. Zypern, wo gemessen an der Bevölkerungsgröße zeitweilig noch mehr Asylanträge als in Deutschland gestellt wurden, schickt inzwischen nach eigenen Angaben mehr abgelehnte Asylbewerber zurück, als neue kommen.

Ein Grund dafür ist laut Innenminister Kon­stantinos Ioannou neben der Beschleunigung der Verfahren die Streichung staatlicher Unterstützung für abgelehnte Asylbewerber. Nur wer zur freiwilligen Ausreise bereit ist, bekommt dafür Geld vom Staat. Alle anderen bekommen, sobald ihr Asylantrag rechtsgültig abgelehnt wurde, nichts mehr. Eine Kampagne in sozialen Medien, die auf ein Publikum in Hauptherkunftsländern wie Nigeria, Kamerun oder der Demokratischen Republik Kongo zugeschnitten ist, soll die Botschaft vermitteln, bevor Migranten überhaupt aufbrechen.

Deutschlands Beharren auf einem Sonderweg wirkt da zusehends absurd. Ein Gesprächspartner aus der konservativen griechischen Regierungspartei Nea Dimokratia drückt es so aus: „Während der Eurokrise haben die Deutschen uns ständig gemahnt, unsere Hausaufgaben zu machen, und sie hatten ja auch recht damit. In der Migrationspolitik würden wir die Mahnung gern zurückgeben: Nun solltet ihr endlich eure Hausaufgaben machen.“ Das sei allemal besser, als durch dauerhafte Grenzkontrollen die Errungenschaften der Schengen-Zone zu untergraben. Ob Berlin die europäischen Signale hört?

22 September 2024 0 Kommentare
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