Große Pläne ohne Wirkung: Wie am Kronsberg öffentliches Geld versickert sein könnte

von Cumali Yağmur

Von:Andreas Schinkel/ Haz 

Trotz enormer Fördersummen ist Hülya Iris Integrationsverein insolvent. Was ist rund um die angekündigten Projekte passiert – oder vielmehr: nicht passiert? Eine Spurensuche.

Wie kann es sein, dass ein kleiner Stadtteilverein, der mehr als 1,2 Millionen Euro Fördergeld akquiriert, Insolvenz anmeldet? Diese Frage treibt Politiker, aber auch Behörden und nicht zuletzt den Insolvenzverwalter um. Vereinsgründerin Hülya Iri, einst SPD-Ratsfrau, sowie ihre Tochter Esma Bozdemir, aktuelle Vereinsvorsitzende, schweigen beharrlich. Für beide gilt die Unschuldsvermutung. Eine Ahnung dessen, was im Vereinsbüro am Jakobskamp passiert ist, oder vielmehr nicht passiert ist, bekommt man, wenn man sich eines der geplanten Vorhaben genauer anschaut.

Es sollte ein großes Projekt werden. Unter dem Titel „Sport Kronsberg – Kampf gegen Antisemitismus“ wollte Iri ein Paket aus Sportkursen, Fußballturnieren und Workshops für Jugendliche schnüren. Das geht aus der Projektbeschreibung hervor, die dieser Redaktion vorliegt. Die Grundidee war, sportliche Aktivitäten mit Gesprächen über antisemitische Vorurteile zu verbinden. Zweifellos keine schlechte Idee in einem Stadtteil, in dem fast 60 Prozent der Bewohner eine Migrationsgeschichte haben und in dem immer wieder Jugendliche auffällig werden.

45 Sporteinheiten sowie 45 Workshops hatte Iri geplant. Mindestens 15 Jugendliche sollten jeweils an den Kursen teilnehmen. Das Fußballtraining sollte mittwochs und samstags von 17 bis 20 Uhr stattfinden. Der Clou daran war, dass die Jugendlichen nicht unter sich kicken, sondern in „gemischten Gruppen“ mit „unterschiedlichen Akteuren aus dem Stadtbezirk (Polizei, Politik, Stadtverwaltung)“ zusammenspielen. Auch Turniere und Kampfsportübungen waren geplant. Iri nennt einen Trainer aus der Türkei, der über Erfahrung im Kampfsport verfüge und Jugendliche im Fußball trainiert haben soll, dessen „Qualifikationsnachweise“ aber bei einem Erdbeben in der Türkei verschwunden seien.

„Sport Kronsberg“ war für die Jahre 2025 und 2026 geplant. Iri hat dafür Fördergeld vom Land beantragt – und bekommen. Insgesamt 54.558 Euro bewilligte das Landessozialamt. Die Summe deckt jedoch nicht die vom Verein veranschlagten Gesamtkosten von 70.840 Euro ab. 6.440 Euro wollte der Verein selbst aufbringen. Ausgezahlt hat das Landesamt an Iris Verein bisher 27.279 Euro.

Nach mehr als einem Jahr Laufzeit sollte das Großprojekt Spuren hinterlassen haben. Doch unter dem Projektnamen lässt sich im Internet nichts finden. Das ist ungewöhnlich, denn üblicherweise veröffentlichen Vereine Fotos ihrer Veranstaltungen, insbesondere wenn diese staatlich gefördert wurden. Der Integrationsverein verfügt jedoch nicht einmal über eine eigene Homepage.

Fragen dieser Redaktion, wie viele Workshops und Sportkurse bereits gegeben wurden, wo das regelmäßige Sporttraining stattfand und welches Fazit der Verein nach mehr als der Hälfte der Projektdauer ziehe, ließen die Anwälte Iris und ihrer Tochter unbeantwortet.

Wer Fußballtraining und Kampfsport anbieten will, braucht einen Sportplatz oder eine Halle. Beim TSV Bemerode, dem mit Abstand größten Verein im Viertel, weiß man von keiner regelmäßigen Trainingseinheit eines anderen Vereins auf dem eigenen Gelände. „Mir ist keine Anfrage eines Integrationsvereins bekannt“, sagt der Vereinsvorsitzende Manfred Duttke. Auch bei der Stadtverwaltung zuckt man mit den Achseln. „Weder städtische Sporthallen noch Schulaulen wurden von dem Verein angemietet“, sagt ein Stadtsprecher. Im von der Stadt betriebenen Stadtteilzentrum Krokus, einem zentralen Anlaufpunkt im Viertel, ist das Großprojekt ebenfalls unbekannt. „Es hat weder Absprachen noch Kooperationen mit dem Integrationsverein gegeben“, sagt ein Sprecher.

Wöchentlich Kicken ließe sich zur Not auch auf einem Bolzplatz. Boxübungen könnte man auf der grünen Wiese anbieten. Laut Iris Projektplan sollten aber Vertreter von Polizei, Stadtverwaltung und Lokalpolitik beim Kicken mitmachen. Ist das geschehen? Die Stadt teilt mit, dass kein Mitarbeitender an einem Fußballtraining teilgenommen habe, das der Verein Integrationsarbeit Kronsberg organisiert habe. Bezirksbürgermeister Bernd Rödel (SPD), zugleich Vorsitzender des Integrationsbeirats Kirchrode-Bemerode-Wülferode, sagt: „Mir ist ein solches Projekt im Stadtbezirk nicht bekannt.“

Die Polizei Hannover berichtet, dass keiner ihrer Beschäftigten an Trainingseinheiten oder Turnieren des Projekts „Sport Kronberg“ teilgenommen habe. Jedoch hatte die Polizei mit Iris Verein in der Vergangenheit zu tun. Im Mai 2024, also vor dem Sportprojekt, trafen sich Vertreter der Polizei, darunter Polizeipräsidentin Gwendolin von der Osten, mit Iri, deren Tochter und einem Mitarbeiter des Vereins sowie 15 Jugendlichen. „Dabei wurde die Arbeit der Polizei vorgestellt“, sagt ein Polizeisprecher.

Zudem habe es einen Kontakt zwischen dem Vereinsmitarbeiter und Polizeibeamten gegeben, heißt es weiter. In diesem Zusammenhang seien Polizisten zusammen mit dem Vereinsmitarbeiter auf „Fußstreife“ gegangen, um Jugendliche „proaktiv“ anzusprechen. Der Vereinsmitarbeiter soll die Polizisten gefragt haben, ob sie an einem Fußballspiel teilnehmen wollten. „Nach aktuellem Kenntnisstand hat ein solches Fußballspiel mit dem Verein nicht stattgefunden“, sagt eine Sprecherin.

Iri lässt SPD-Mitgliedschaft ruhen

Iri, Gründerin eines insolventen Integrationsvereins, äußert sich gegenüber der SPD

Hülya Iri, Gründerin eines Integrationsvereins,

der bundesweit Schlagzeilen macht, lässt ihre Mitgliedschaft in der SPD ruhen – und kommt damit einem drohenden Parteiordnungsverfahren zuvor. Auch ihre beiden Kinder Esma und Emre sind vorläufig nicht mehr Mitglieder der SPD. Tochter und Sohn gehören zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Integrationsarbeit Kronsberg. Die Tochter hatte zuletzt den Vorsitz des Vereins inne.

Der Verein hat Ende März Insolvenz angemeldet, obwohl er über mehrere Jahre mehr als 1,2 Millionen Euro Fördergeld bekommen hat, vor allem aus staatlichen Kassen. Ein Insolvenzverwalter prüft derzeit, ob alle Fördermittel für die beantragten Zwecke, etwa Sportprojekte mit Jugendlichen und Beratung von Migranten, verwendet wurden. Es gilt die Unschuldsvermutung. Hülya Iri und ihre Tochter haben sich zu den Vorgängen bisher nicht geäußert.

„Wir erklären hiermit, unsere Mitgliedschaft in der SPD vorläufig ruhen zu lassen, solange das entsprechende Verfahren andauert“, haben Iri und ihre Kinder nach Angaben der SPD gegenüber dem Parteivorstand erklärt. Zugleich stellten Iri und ihre Kinder klar, dass die Tätigkeit im Verein in keinerlei Zusammenhang mit der SPD stehe, heißt es weiter vonseiten der SPD. Der Verein sei unabhängig und verfolge ausschließlich eigene, nicht parteigebundene Ziele.

Die SPD-Spitze begrüßt den Schritt. Er trage dazu bei, weiteren Schaden von der Partei abzuwenden. „Gleichzeitig fordern wir die Familie auf, nunmehr aktiv zur Aufklärung beizutragen“, teilt die SPD-Führung mit.

asl

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