Diskriminierung fördert islamistische Radikalisierung

von Cumali Yağmur

Artikel von Pitt von Bebenburg/ F.R

Ein Forschungsnetzwerk zeigt die Ursachen islamistischer Radikalisierung auf. Diskriminierung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Sieben Jahre lang hat Hakan Çelik mit einem jungen Mann gearbeitet, um ihn vom Weg in den radikalen Islam abzubringen. Schließlich mit Erfolg. „Vertrauen ist die Grundvoraussetzung“, berichtet Çelik, der die hessische Beratungsstelle des „Violence Prevention Network“ leitet.

Die Abwendung gelingt selten durch Argumente.“ Es gehe vor allem um Emotionen und um Erfahrungen. Die entscheidende Frage laute: „Gehöre ich dazu, oder gehöre ich nicht dazu?“ Deswegen sei es so wichtig, Ausgrenzung zu verhindern, sagt Hakan Çelik, am Donnerstag im Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) in Frankfurt.

„Kein Mensch wacht morgens auf und ist plötzlich radikal“

Fünf Jahre lang haben Forschungsteams mit mehr als 100 Beteiligten aus unterschiedlichen Fachrichtungen sowie Praktiker:innen wie Çelik in dem Netzwerk RADIS versucht, die Ursachen und Auswirkungen von islamistischer Radikalisierung zu ergründen. Daraus haben sie mehrere Handlungsoptionen abgeleitet. Eine davon: Die Diskriminierung der 5,5 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland, die es noch in vielen Gesellschaftsbereichen gibt, muss enden.

Dieses und weitere Ergebnisse haben die Forscherinnen und Forscher in einem Buch und einem Dokumentarfilm zusammengestellt. Es ist die bisher umfassendste Bestandsaufnahme zu dem Thema, die vom Herausgeber-Team Shaimaa Abdellah, Manuela Freiheit, Julian Junk und Sina Tultschinetski vorgestellt und mit Fachleuten wie Çelik diskutiert wurde. Das Thema ist brisant, denn radikalisierte Menschen können eine Gefahr darstellen: Zwischen 2001 und 2023 habe es in Deutschland 15 islamistisch motivierte Anschläge gegeben, bei denen 21 Menschen getötet und mindestens 120 verletzt worden seien, heißt es in dem Band.

„Kein Mensch wacht morgens auf und ist plötzlich radikal“, stellt die Politikwissenschaftlerin Susanne Pickel von der Universität Duisburg-Essen schon im Titel ihres Beitrags fest und fragt: „Warum radikalisieren sich Menschen?“ Ihr Forschungsteam hatte eine repräsentative Befragung durchgeführt, dazu weitere Interviews geführt, etwa mit Lehrkräften.

Ursachen von islamistischer Radikalisierung

„Auslöser für Radikalisierungsprozesse ist meist ein sozialer oder individueller Bedeutungsverlust“, konstatiert Pickel. „Der Mensch hat den Eindruck, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.“ Das Gefühl, an den Rand gedrängt und gemobbt zu werden, werde zur „dominierenden Wahrnehmung“. Das könne „zu einem Rückzug in die eigene Gruppe und der Hinwendung zu radikalen Religionsauslegungen“ führen.

Bei der Erhebung habe fast jede zweite muslimische Person, genauer: 45 Prozent, angegeben, „bereits aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit diskriminiert worden zu sein“. Die Folgen bei manchen Musliminnen und Muslimen: „Hinwendung zu fundamentalistischer Religionspraktik, Ausbildung von Feindbildern, zum Beispiel gegenüber der jüdischen Bevölkerung, Abwendung von der Demokratie“.

Was hilft? „Gutes Zusammenleben gibt es nur über Anerkennung, Wertschätzung und Respekt einer Koexistenz der Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft“, analysiert Pickel. Was schadet dagegen? Ihr Forschungsteam hat Schulbücher gefunden, in denen „eine Auffassung vom Islam als gewalttätiger, kompromissloser Religion“ gezeichnet werde. Diese Bücher nennt die Politikwissenschaftlerin als „Negativbeispiele“.

Zwei Faktoren, die in Radikalisierung führen

Nach Überzeugung des Bielefelder Konfliktforschers Andreas Zick gibt es zwei zentrale Faktoren, die in Radikalisierung führen, nämlich „die Verlockung eines radikalen Islam“ und „das Erleben eines Feindbildes Islam“. Deswegen fragt auch er: „Machen wir es den extremen Gruppen zu leicht? Wie kann Zugehörigkeit gelingen, wenn die Mehrheitsgesellschaft auf Distanz geht?“

Bei der Prävention könnte deutlich stärker angesetzt werden, konstatiert der Forschungsverbund. Bei der Repression hingegen habe sich einiges getan. „Zwischen 2011 und 2023 wurden insgesamt 80 Antiterrorgesetze erlassen“, heißt es in einem Beitrag. Damit seien die Kompetenzen der Sicherheitsbehörden systematisch erweitert worden.

Seit sich der Nahost-Konflikt 2023 mit dem Hamas-Massaker an Israelis und dem Angriff Israels auf Gaza zuspitzte, knüpften Islamisten daran an. Hinzu kämen die Radikalisierung durch digitale Medien und Verfälschungen mithilfe künstlicher Intelligenz (KI), konstatiert auch Çelik. „Das wird sehr stark auf uns zukommen.“ Denn für anfällige Jugendliche sei KI „derzeit auch so eine Art Imam“.

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