Artikel von Anna Kröning /Welt
Ex-Kulturstaatsministerin Claudia Roth bereut ihre Reaktion auf den Antisemitismus-Skandal auf der Berlinale. Sie macht dafür in einem Interview „erheblichen Druck“ des Zentralrats der Juden verantwortlich.
„Eine absolut toxische Debatte“ – Claudia Roth erhebt Vorwürfe gegen den Zentralrat der Juden © AFP/MICHAEL MATTHEY
Grünen-Politikerin Claudia Roth hat die Debatten über Israel und Antisemitismus während ihrer Amtszeit als Kulturstaatsministerin rückblickend als „toxisch“ bezeichnet. Im Podcast „Jung & Naiv“ mit Tilo Jung ging es unter anderem um die Frage, unter welchen Umständen Roth von einem Genozid im Gazastreifen sprechen würde. Als Beispiele für die Auseinandersetzungen während ihrer Amtszeit wurden die Documenta 15 im Jahr 2022 und die Berlinale 2024 thematisiert.
Sie selbst sei anlässlich der Berlinale 2024 „massiv kritisiert“ worden, beklagte Roth. „Eine absolut toxische Debatte. Sie begann nicht mit der Berlinale, sondern die fing mit der Documenta an.“
Bei der „Documenta fifteen“ im Jahr 2022 war auf dem riesigen Banner „People’s Justice“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi unter anderem eine Figur zu sehen, deren Darstellung an antisemitische Karikaturen erinnerte und die einen Hut mit SS-Runen trug. Eine weitere Figur mit Schweinegesicht trug einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“, dem Namen des israelischen Auslandsgeheimdienstes. Nach öffentlichen Protesten wurde das Werk zunächst verhüllt und anschließend abgebaut.
Schon vor der Eröffnung hatte es Antisemitismusvorwürfe gegen die künstlerische Leitung der Documenta, das indonesische Kollektiv Ruangrupa, und gegen eingeladene Künstler gegeben. Dabei ging es auch um eine mutmaßliche Nähe zur Israel-Boykottbewegung BDS, die für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ steht. Nach dem Antisemitismus-Eklat trat nicht Ruangrupa, sondern Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann zurück. Roth, damals Kulturstaatsministerin, distanzierte sich von den antisemitischen Darstellungen.
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Zwei Jahre später kam es bei der Berlinale erneut zu einer heftigen Debatte über Israel und Antisemitismus. Der Dokumentarfilm „No Other Land“ von dem israelischen Filmemacher Yuval Abraham und dem Palästinenser Basel Adra wurde mit dem Berlinale-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Der Film beschäftigt sich mit der Situation von Palästinensern im Westjordanland. Bei der Preisverleihung beschrieb Abraham die unterschiedlichen Lebensbedingungen von Israelis und Palästinensern und sprach in diesem Zusammenhang von „Apartheid“. Adra sagte, Zehntausende Menschen in Gaza würden von Israel „abgeschlachtet“ und „massakriert“.
Roth distanzierte sich damals von Äußerungen bei der Preisverleihung. Im Gespräch mit Jung bewertete sie dies nun kritisch. Bereits mit Blick auf die Documenta gestand sie ein: „Vielleicht war ich nicht laut genug.“ Zugleich betonte sie, für das Abhängen des dort gezeigten Werks nicht selbst verantwortlich gewesen zu sein.
Auch ihre Reaktion auf die Berlinale bezeichnete Roth rückblickend als falsch, beklagte den massiven öffentlichen Druck. Sie habe damals einen „Fehler“ gemacht, die palästinensischen Preisträger Basel Adra und Yuval Abraham dafür zu kritisieren, dass sie in ihrer Rede von „Apartheid“ und „Genozid“ durch Israel gesprochen hatten. Sie habe versucht, sich dafür bei ihnen später zu entschuldigen: „Ich war zu schwach oder überfordert in dieser Lage. Es war ein Fehler.“
Angeblicher Druck durch Zentralrat der Juden
Roth zeigte sich nun voller Reue, dass sie sich nicht stärker der palästinensischen Seite angeschlossen habe. Sie führte dies auf „erheblichen Druck“ zurück, der vor allem durch den Zentralrat der Juden ausgeübt worden sei. Zugleich kritisierte sie eine aus ihrer Sicht bestehende Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs, wenn Kritik an Israel als antisemitisch bewertet werde.
Roth berichtete zudem von Gesprächen mit Freunden aus dem Ausland. „Manche gute Freunde von mir, ausländische Freunde sagen mir: Wann befreist du dich endlich von dieser Schuld der Geschichte? Oder wann gehst du anders damit um? Wann wirst du so frei, anders damit umzugehen?“, sagte die Grünen-Politikerin. Als Beispiel für ihre heutige Einschätzung der Lage im Westjordanland sagte sie, es sei „Apartheid“, wenn die israelische Regierung verfüge, dass „Palästinenser nicht mehr auf den Straßen“ fahren dürften.
Roth betonte zugleich, es sei richtig, gegen Antisemitismus vorzugehen. Kritik müsse aber möglich sein „an einer Regierung, die faschistische Züge hat oder Faschisten innerhalb der Regierung, die Netanjahu-Regierung, die das Völkerrecht mit Füßen“ trete. Sie begrüße deshalb den Antrag der Grünen im Deutschen Bundestag zur Unterstützung einer Zweistaatenlösung für Israel und die Palästinenser.
Ihre Äußerungen stießen auf Kritik in den sozialen Netzwerken. Volker Beck, Ex-Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, schrieb ironisch, es sei gut, dass Roth aus ihrem Herzen keine Mördergrube mehr mache.