Die große Transformation: Robotik, KI und das Ende des Kapitalismus – Kapitel 1: Einführung und Grundbegriffe

Künstliche Intelligenz auf der Bühne, Karl Marx hinter den Kulissen

von Can Taylan Tapar
Robotlar, Yapay Zekâ ve Kapitalizmin Sonu - Giriş ve Temel Kavramlar

von Can Taylan Tapar

Die Sprunginnovationen der Technologie waren im Laufe der Menschheitsgeschichte stets auch die Bruchlinien gesellschaftlicher Ordnungen. Während die Dampfmaschine Breschen in die Mauern des Feudalismus schlug, die Bauern in die Fabriken trieb und so den Kapitalismus gebar, haben Fließbänder und Elektrizität diese Ordnung globalisiert. Heute steht die Menschheit an der Schwelle einer qualitativ völlig neuen Ära, die wahlweise als „Vierte Industrielle Revolution“, „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ oder „Vollautomatisierung“ bezeichnet wird und sich fundamental von ihren Vorläufern unterscheidet.

Künstliche Intelligenz (KI) und unbemannte Robotik sind längst keine bloßen mechanischen Arme mehr, die lediglich die menschliche „Muskelkraft“ substituieren. Große Sprachmodelle, generative KI und neuronale Netze kommodifizieren in rasantem Tempo nun auch die „kognitive Arbeit“ – das Denken, Analysieren, Codieren und Schöpfen –, die einst als die unantastbare Festung des Menschen galt. Die Dynamik in den Produktionslinien verläuft nicht linear, sondern exponentiell. „Dunkelgrafische Produktion“ (lights-out manufacturing), bei der in den Fabriken sprichwörtlich das Licht ausgeschaltet wird, autonome Lkw und Algorithmen, die Logistikzentren menschenleer steuern, sind keine Science-Fiction-Fantasien mehr; sie haben längst Einzug in die Bilanzen der Konzerne gehalten.

Doch wie deutet die Mainstream-Ökonomie diese immense technologische Beschleunigung? Die Geschichte, die in den Korridoren der Finanzwelt, in peer-reviewten akademischen Journalen und in den Glaspalästen der Konzerne erzählt wird, bleibt stets dieselbe: „Technologie steigert die Produktivität, senkt die Kosten, schafft neue Profitzonen und führt die Menschheit hin zu kreativeren Tätigkeiten.“ Für sie ist die KI ein neuer, makelloser Treibstoff, der den kapitalistischen Motor noch schneller drehen lässt.

Genau an diesem Punkt betritt ein vor rund 160 Jahren verfasstes Meisterwerk, Das Kapital, die Bühne und zerfetzt dieses rosarote Bild. Karl Marx hatte jenen Bruchpunkt felsefisch und wissenschaftlich vorausgesehen, an dem sich die Produktivkräfte (sprich: die Technologie) so weit entwickeln, dass sie die Fesseln des Kapitalismus sprengen. Die marxistische politische Ökonomie begreift die Künstliche Intelligenz nicht als neuen Treibstoff des Kapitalismus, sondern als jenen „Killer“, der den inhärenten, größten genetischen Widerspruch des Systems zur Explosion bringen wird. Denn der Kapitalismus unterschreibt sein eigenes Todesurteil an dem Tag, an dem er in jede Fabrik einen Robotik-Arbeiter stellt.

Diese Behauptung mag auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheinen. Doch je tiefer wir in die Wirtschaftswissenschaften eintauchen und die richtigen Fragen stellen, desto klarer wird die Wahrheit, die diesem unsichtbaren Widerspruch zugrunde liegt.

Frage 1: Was bitteschön verkörpert das Phänomen, das in der alltäglichen Praxis und im Corporate-Finance-Bereich als „Profit“ oder „Gewinn“ definiert wird, aus einer objektiven und polit-ökonomischen Perspektive? Ist Profit – wie Mainstream-Ökonomen behaupten – lediglich das Resultat gelungener Finanzprognosen, einer eingegangenen Risikoprämie oder von Markt-Arbitrage?

Die heutige Finanzwelt präsentiert uns den Begriff des Profits in einem prachtvoll verzierten Gewand: „die richtige Aktie kaufen“, „Markttrends antizipieren“, „Innovationen vorantreiben“ oder „das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nutzen“. All dies sind jedoch nur die Erscheinungsformen des Profits auf dem Markt – sprich: seine Illusion.

Aus Sicht der politischen Ökonomie ist Profit objektiv betrachtet etwas völlig anderes: Er ist das Resultat davon, dass im Produktionsprozess die Mehrarbeit der einen Klasse von einer anderen Klasse unentgeltlich angeeignet wird.

Das Steigen eines Aktienkurses auf dem Monitor oder die Vermehrung von Geld auf den digitalen Konten einer Bank fallen nicht vom Himmel. Der Finanzsektor kann aus sich heraus keinen neuen, konkreten Wert Schöpfen. Hinter jedem Gebäude, das wir auf der Straße sehen, hinter jedem Auto, in das wir einsteigen, und hinter jeder Software, die wir nutzen, steht eine konkrete Realität: menschliche Arbeit. Damit etwas Profit abwerfen kann, muss es zuerst als „Wert“ in der Welt existieren. Die Mainstream-Ökonomie besitzt eine schier unendliche Expertise darin, zu erklären, wie der Profit verteilt wird (Finanzen, Börse, Zinsen); sie neigt jedoch systematisch dazu, zu verschleiern, wo und wie der Profit überhaupt erst entsteht (Ökonomie). Der Ursprung des Profits liegt nicht in den Tresoren der Banken, sondern in den Codes der Fabriken und an den Werkbänken der Produktion.

Frage 2: Auf welchem mathematischen und gesellschaftlichen Mechanismus basiert die von Karl Marx in die ökonomische Literatur eingeführte Theorie des „Mehrwerts“ exakt? Wie vollzieht sich der Prozess der unentgeltlichen Aneignung lebendiger Arbeit hinter der Fassade völlig legaler und einvernehmlicher Arbeitsverträge?

Das größte Genie des Systems besteht darin, diese Ausbeutung hinter einem völlig legalen und freiwilligen Vertrag zu verbergen. In der Sklaverei liegt die Ausbeutung offen zutage: Der Sklave arbeitet den ganzen Tag für seinen Herrn. Im Feudalismus ist sie unmissverständlich: Der Leibeigene bestellt drei Tage die Woche sein eigenes Land und drei Tage das Land des Grundherrn. Im Kapitalismus hingegen unterschreibt der Arbeiter einen Vertrag: „Ich werde 8 Stunden am Tag arbeiten und erhalte dafür 30.000 TL (bzw. Euro) im Monat.“ Auf den ersten Blick herrscht absolute Gerechtigkeit.

Hinter den Kulissen jedoch sieht die mathematische Realität wie folgt aus: Der Wert, der in einer Gesellschaft produziert werden muss, damit der Arbeiter überleben, seine Miete zahlen, sich ernähren und am nächsten Tag wieder zur Arbeit erscheinen kann (also die Reproduktionskosten der Arbeitskraft), wird in Wahrheit bereits in den ersten 3 Stunden dieses 8-Stunden-Arbeitstages erzeugt. Der Arbeiter produziert in diesen ersten 3 Stunden den Gegenwert seines eigenen Lohns (notwendige Arbeit).

In den verbleibenden 5 Stunden arbeitet und produziert der Arbeiter jedoch unentwegt weiter. Den Wert, der in diesen restlichen 5 Stunden geschaffen wird, nennt Marx den Mehrwert. Kraft des Arbeitsvertrags eignet sich der Kapitalist das Produkt dieser 5-stündigen Arbeit völlig kostenlos an. Es erweckt den Anschein, als würde dem Arbeiter die gesamte Arbeitszeit von 8 Stunden vergütet; in Wahrheit wurden jedoch nur seine nackten Existenzsicherungskosten bezahlt. Das, was wir als „Profit“ bezeichnen, ist nichts anderes als die auf dem Markt zu Geld gemachte Form jener unbezahlten Arbeitsstunden, die der Arbeiter dem Patron Tag für Tag schenken muss.

Frage 3: Warum können hochtechnologisierte Maschinen, Robotersysteme, Softwarelösungen und Rohstoffe (in der marxistischen Literatur als „konstantes Kapital“ bezeichnet) aus sich heraus keinen neuen Wert oder Profit erzeugen? Wie funktioniert das Gesetz der Wertübertragung technologischer Inputs auf das Endprodukt?

An dieser Frage scheitern Mainstream-Finanzanalysten am häufigsten. In der marxistischen Literatur werden Fabriken, Maschinen, Computer und Rohstoffe als konstantes Kapital (Fixkapital) klassifiziert. Warum „konstant“? Weil sie ihren eigenen Wert eins zu eins, ohne jeglichen Zuwachs, auf das von ihnen erzeugte Produkt übertragen.

Veranschaulichen wir dies an einem konkreten Beispiel: Nehmen wir an, Sie besitzen in einer Textilfabrik eine hochentwickelte Nähmaschine im Wert von 100.000 Euro. Wir gehen davon aus, dass diese Maschine im Laufe ihres gesamten Lebenszyklus 100.000 Hemden nähen kann. An jedem Arbeitstag verschleißt diese Maschine, verbraucht Strom und nutzt sich ab. Mathematisch gesehen überträgt sie mit jedem genähten Hemd exakt 1 Euro ihres eigenen Wertes auf das Produkt. Ist das Hemd fertiggestellt, bleibt der darin enthaltene Maschinenanteil mit 1 Euro konstant. Die Maschine kann nicht urplötzlich von sich aus sagen: „Ich habe heute besonders effizient gearbeitet und dem Hemd einen Wert von 1,50 Euro hinzugefügt.“ Ebenso verhält es sich mit dem Rohstoff Stoff: Ein Stoff im Wert von 5 Euro geht auch nur als ein Wert von 5 Euro in das Hemd ein.

Maschinen und Roboter sind nichts anderes als in der Vergangenheit verausgabte, geronnene menschliche Arbeit. Sie Schöpfen keinen neuen Wert; sie geben lediglich den in ihnen akkumulierten Wert sukzessive an das neue Produkt ab (Abschreibung).

Es gibt im Produktionsprozess nur eine einzige Ware, die mehr Wert schaffen kann, als sie selbst besitzt – die also eine „Differenz“ zwischen dem eingesetzten Wert und dem Output generiert: die lebendige menschliche Arbeitskraft (variables Kapital). Denn der Mensch ist das einzige Wesen auf der Erde, das einen Wert produzieren kann, der über seine eigenen Reproduktionskosten (seinen Lohn) hinausgeht. Der Roboter hingegen konsumiert Strom und seine Bauteile verschleißen – weder mehr noch weniger.

Und genau hier beginnt das Paradoxon: Wenn die einzige Quelle des Profits der aus der lebendigen menschlichen Arbeit herausgepresste Mehrwert ist, dann trocknen Sie – theoretisch betrachtet – die Quelle des Profits völlig aus, sobald Sie den Menschen komplett aus der Fabrik verbannen und durch Roboter ersetzen.

Hier endet der erste Teil unserer Artikelserie. Im nächsten Kapitel werden wir uns dem inhärenten Widerspruch widmen und das „Roboter-Paradoxon“ sezieren: „Wenn Roboter keinen Wert schaffen, wie kann es dann sein, dass derjenige Fabrikbesitzer, der das erste Robotersystem implementiert, dadurch steinreich wird?“

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