Migrantenjugend im digitalen Zeitalter: Politische Passivität und soziologischer Wandel

von Cumali Yağmur
Cumali Yağmur

                           Von: Cumali Yağmur


In meinem heutigen Artikel werde ich mich mit der Organisierung und der politischen Teilhabe von migrantischen Jugendlichen im digitalen Zeitalter befassen.

Unter den migrantischen Minderheiten ist der Anteil derer, die sich politisieren und an der Politik ihres Wohnsitzlandes beteiligen, verschwindend gering. Oft fungieren die erste und zweite Generation lediglich als Auslandsvertretungen von Parteien und Gruppen aus ihren Herkunftsländern. Es ist eine bekannte Tatsache, dass es in deutschen Parteien, Gewerkschaften und sozialen Einrichtungen nur sehr wenige migrantische Mitglieder gibt und die vorhandenen Mitglieder kaum aktiv mitwirken. Dieses Problem besteht seit Jahren: Migranten und Jugendliche organisieren sich nicht ausreichend im Sinne ihrer eigenen Probleme und setzen sich nicht genügend für ihre Rechte ein.

Die Tendenz, Strukturen aus den Herkunftsländern zu repräsentieren, unterscheidet sich prozessbedingt kaum zwischen der ersten und zweiten Generation sowie den Neuankömmlingen aus verschiedenen Ländern. Auch diejenigen, die in letzter Zeit über den Asylweg gekommen sind und ein Aufenthaltsrecht erhalten haben, betreiben über ihre Unterstützer in Europa lediglich die Politik ihrer eigenen Länder. Diese Strukturen verschwinden jedoch nach einiger Zeit, wenn sie keine Basis finden. Die von ihnen gegründeten Vereine schließen mit der Zeit, da sie bei der migrantischen Minderheit auf wenig Interesse stoßen.

Bei den Jugendlichen, die in Europa und Deutschland geboren und aufgewachsen sind, zeigt sich hingegen eine Generation, die mit Politik kaum etwas am Hut hat. Diese jungen Menschen lassen sich weder von den politischen Agenden der Herkunftsländer ihrer Familien beeinflussen, noch zeigen sie großes Interesse an den Parteien in den Ländern, in denen sie leben. Die Wahlbeteiligung unter Migranten ist äußerst gering. Es fehlt an Motivation, sie an die Wahlurnen zu bringen, oder an einer starken Organisationsstruktur, in die sie kanalisiert werden könnten.

Das in den letzten Jahren eingeführte aktive und passive Wahlrecht für in Deutschland lebende türkische und kurdische Migranten bei den Wahlen in ihren Herkunftsländern hat die lokalen Probleme der Migranten gewissermaßen überschattet. Dass die Parteien die politischen Debatten aus der Türkei nach Europa und Deutschland tragen, drängt die eigentlichen Probleme der hiesigen Migranten in den Hintergrund. Ohne gegen das Wahlrecht an sich zu sein, halte ich diese Situation unter den gegebenen Umständen für schädlich für die grundlegenden Probleme der Migranten an ihrem Wohnort und betrachte dies als eine falsche Entwicklung. Ich bin der Meinung, dass dieses Thema neu diskutiert und tiefgreifend bewertet werden muss.

In Europa herrscht eine Atmosphäre, als fänden die Wahlen in der Türkei hier statt; Migranten vergessen ihre eigenen Sorgen und arbeiten für Parteien in der Türkei. Auch die Parteien, die aus der Türkei kommen und in Europa und Deutschland Wahlkampf betreiben, tun dies mit einem türkeizentrierten Verständnis, ohne die hiesigen politischen und sozialen Strukturen ausreichend zu kennen.

Die neue Generation der Jugendlichen steht der deutschen Gesellschaft näher, da sie in dieser geboren und aufgewachsen ist. Doch als „Kinder des digitalen Zeitalters“ legen sie Tablet und Telefon kaum aus der Hand. Dieser Zustand, der zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend geworden ist, wurde mit der fortschreitenden Technologie zu einem Teil des Lebens. Da auch Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland ständig Zeit in der digitalen Welt verbringen, schwächen sich die Bindungen zu ihren Familien ab und sie führen ein politikfernes Leben.

Da dieses Problem in Europa immer größer wird, wurde in einigen Ländern die Handynutzung an Schulen verboten. Auch in Deutschland wird darüber diskutiert, aber eine Entscheidung scheint noch lange auf sich warten zu lassen. Doch was wird ein Verbot verhindern? Ein Verbot nur in den Schulen reicht nicht aus; die Jugendlichen verbringen den Großteil ihrer Zeit außerhalb der Schule weiterhin am Telefon. In einer Zeit, in der die Technologie so weit fortgeschritten ist, geht es nicht nur um Verbote, sondern darum, den richtigen und produktiven Umgang mit diesen Werkzeugen zu lehren, ohne dem täglichen Leben zu schaden. Ohne sich gegen die Technologie zu stellen, muss sichergestellt werden, dass die Gesellschaft diese Möglichkeiten sinnvoller nutzt.

In den entwickelten kapitalistischen Ländern können die Menschen mit dem atemberaubenden Tempo der Technologie nicht schritthalten. Migrantische Minderheiten, die in diesen Ländern leben, kämpfen mit sozialen Problemen und sehen sich gleichzeitig einer durch die digitale Transformation verursachten Entfremdung gegenüber.

Die Gründe für das Desinteresse der Jugendlichen an der Politik sollten akribisch untersucht werden. Liegt das Hauptproblem darin, dass ältere Politiker nicht die Sprache der Jugend sprechen, oder darin, dass den Jugendlichen in der Politik nicht genügend Raum gegeben wird? Man muss den Ursachen auf den Grund gehen und Jugendliche entsprechend den Bedingungen der neuen Ära zur Politik ermutigen. Nicht nur migrantische Jugendliche, auch deutsche Jugendliche gehen auf Distanz zu traditionellen Organisationen; die Jugendorganisationen der Parteien haben ihre alte Stärke verloren.

Der Rechtsruck der Gesellschaft in Europa und der Aufstieg der AfD in Umfragen, die in einigen Regionen zur stärksten Partei geworden ist, ist ein Beweis dafür, wie gefährlich dieses Vakuum ist. Insbesondere die Wahlergebnisse in Ostdeutschland zeigen, dass diese Regionen beginnen, unter die Kontrolle rechtspopulistischer Bewegungen zu geraten.

Die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in Parteien aktiv sind, ist sehr gering. Gesellschaftliche Faktoren wie familiäre Umstände und Ausgrenzung schrecken Jugendliche von der Politik ab. Zudem müssen viele Jugendliche aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schon in jungen Jahren arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Während sie arbeiten, um ihre Bildungs- und Lebenshaltungskosten zu decken, finden sie keine Zeit für politisches Engagement. Obwohl sie im Alltag Zielscheibe von Nationalismus und Rassismus sind und bei der Suche nach Arbeit, Wohnung oder Praktikumsplätzen Diskriminierung erfahren, gelingt es ihnen nicht, diese Probleme in einen politischen Kampf umzuwandeln.

Da migrantische Jugendliche sich nicht untereinander organisieren können und nicht über ausreichende Erfahrung verfügen, können sie keine unabhängige Struktur aufbauen. Heute haben sich die gesellschaftlichen Strukturen in Europa verändert; an die Stelle der ehemals aktiven politischen Gruppen ist eine tiefe Stille getreten. In Gymnasien und Universitäten wird Politik nicht mehr ausreichend diskutiert. Jugendliche mit Migrationshintergrund nehmen nicht nur nicht den Platz in der Gesellschaft ein, der ihnen zusteht, sondern entwickeln auch kein Organisationsmodell. Vielleicht zeichne ich ein pessimistisches Bild, aber aus der Sicht eines Soziologen erkenne ich einen großen Wandel in den gesellschaftlichen Strukturen.

Es ist eine Tatsache, dass die Konkurrenz zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und einheimischen Jugendlichen in Deutschland hoch ist. Es ist jedoch ein großer Fehler, dass sich migrantische Jugendliche immer noch als „Ausländer“ definieren und sich selbst außen vor halten. Das Fehlen von „Idol“-Politikern, an denen sich Jugendliche heute orientieren könnten, entfremdet sie ebenfalls von der Politik. Der Mangel an charismatischen und visionären Persönlichkeiten in den deutschen Parteien, die Jugendliche beeinflussen könnten, war in den letzten Jahren eine herbe Enttäuschung. Der Platz der ehemals einflussreichen Führungspersönlichkeiten konnte nicht gefüllt werden, und neue Politiker können nicht die gleiche Wirkung auf die Gesellschaft erzielen.

Sich verändernde gesellschaftliche Strukturen beeinflussen den politischen Bereich ebenso tiefgreifend wie alle anderen Lebensbereiche. Solange Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland keine neuen Organisationsstrukturen rund um ihre Probleme aufbauen, werden diese Probleme nicht gelöst werden. Die Geschichte hat gezeigt, dass Minderheiten nur dann Erfolg hatten, wenn sie ihre eigenen Organisationen gründeten und für demokratische und gleiche Rechte kämpften.

Obwohl jede Partei in Deutschland Jugendorganisationen hat, sind diese keine starken Strukturen mehr, die die gesamte Gesellschaft umfassen. Jugendliche mit Migrationshintergrund können ihre Ansichten in diesen Strukturen nicht ausreichend repräsentieren. Unter den heutigen Bedingungen ist es unerlässlich, dass sich diese Jugendlichen nicht nur auf „Migrantenthemen“, sondern auf alle politischen Inhalte konzentrieren – vom Klima über die Wirtschaft und Justiz bis hin zur Digitalisierung. Sie müssen sich in allen Bereichen weiterbilden und ihren Platz in der Politik der Zukunft einnehmen. Die Migrationsfrage ist in Europa kein Problem einer einzelnen Nation, sondern ein gesellschaftliches Problem; daher müssen sich migrantische Jugendliche in allen Bereichen der Politik spezialisieren und ihre eigenen originären Organisationen schaffen.

Der gesellschaftliche Rechtsruck in Europa könnte weitere reaktionäre Formationen auslösen. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass neben der AfD auch andere rechtsextreme Parteien entstehen könnten. Dagegen müssen Demokraten, Sozialisten und migrantische Jugendliche in der Gesellschaft ihre eigenen Organisationen gründen und eine gemeinsame Basis für den Kampf schaffen.

Ähnliche Beiträge