Von: Cumali Yağmur
Die Gruppe der aus Russland stammenden sogenannten „Aussiedler“ (etnische deutsche Spätaussiedler), die ursprünglich die CDU unterstützte, hat sich nun der AfD zugewandt, da sie bei der Union nicht mehr das fand, was sie suchte. Obwohl die AfD eine einwanderungsfeindliche Rhetorik pflegt, versucht sie gleichzeitig, die Gunst bestimmter Migrantengruppen zu gewinnen. Doch warum geben Menschen mit Migrationsgeschichte der AfD ihre Stimme?
Jüngsten Untersuchungen zufolge gelang es der AfD bei der Bundestagswahl, 12 % der Stimmen von Wählern mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Während sich diese Wählergruppe früher eher linken Parteien zuwandte, hat sich dieses Verhalten gewandelt; sie wählen mittlerweile über das „gesamte politische Spektrum“ hinweg.
Konservative Werte und Gemeinsamkeiten
Die AfD vertritt politische Positionen, die für bestimmte Migrantengruppen attraktiv sein können. Themen wie Familienpolitik, traditionelle Wertvorstellungen, Genderkritik, Homophobie und patriarchale Strukturen können eine Brücke zwischen konservativen Migranten und der AfD schlagen.
Die Logik „Ich bin integriert, ich will keine neuen Migranten mehr“ überwiegt.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass sich viele Menschen mit Migrationsgeschichte selbst nicht mehr als „Migranten“ definieren. Personen, die sich als vollständig in die Gesellschaft integriert betrachten, können eine härtere Haltung gegenüber Neuankömmlingen einnehmen. Aus dem Instinkt heraus, die eigene Position und die sozialen Standards zu schützen, fürchten sie, dass eine stärkere Zuwanderung ihnen Nachteile bringen oder ihren Lebensstandard senken könnte.
Dies ist einer der Hauptgründe, warum die Partei insbesondere unter deutsch-türkischen Wählern auf „Stimmenfang“ geht und sie in Social-Media-Kampagnen direkt anspricht. Einige Wähler handeln aus Protest, da sie glauben, nicht ausreichend repräsentiert zu werden. Individuen, die sich ungehört oder gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen, neigen dazu, „Protestparteien“ zu wählen, um diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Ein Teil der Wählerschaft kennt die Parteiprogramme zwar nicht im Detail, stimmt aber aufgrund der Wut auf das bestehende System für solche Parteien. Experten fassen diese komplexe Situation wie folgt zusammen: „Einerseits gibt es die Angst, dass die Diskriminierung mit einer Regierungsbeteiligung der AfD zunehmen wird, andererseits existiert eine gewisse Sympathie für die Partei.“
Sie finden Gemeinsamkeiten über Nationalismus und ähnliche Werte. Auch die Existenz türkischer Nationalisten darf hierbei nicht ignoriert werden. Rassismus ist ein Phänomen, das in allen Teilen der Gesellschaft vorkommen kann, und die AfD versucht, diese Zielgruppe durch die Ansprache nationalistischer Gefühle zu beeinflussen. MHP-nahe oder nationalistisch-konservative Kreise sehen die Werte der AfD als ihren eigenen nahestehend an. Als Spiegelbild dieser Situation finden sich auch türkischstämmige Namen auf den Kandidatenlisten der AfD bei Kommunalwahlen. Beispielsweise gab es bei den Kommunalwahlen in Baden-Württemberg zwei türkischstämmige Kandidaten der AfD, einen Mann und eine Frau.
Sozioökonomische Enttäuschung
Ein niedriges Bildungsniveau, Armut, steigende Preise und eine sinkende Kaufkraft verstärken den Zulauf zur AfD. Menschen in wirtschaftlicher Not fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und suchen nach einem „starken Anführer, der auf den Tisch haut“, um ihrem Ärger Luft zu machen. Diese Wut kann so dominant werden, dass die Wähler sogar die fremdenfeindliche Politik der AfD ignorieren, die sich eigentlich gegen sie selbst richten könnte.
So geht der Wähler aus Verärgerung über das aktuelle System zur Wahlurne und gibt der AfD seine Stimme. Manche trösten sich über ihren eigenen Zorn und ihre Unzufriedenheit hinweg, indem sie sich für die AfD entscheiden.