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Verwaltung ohne Diskriminierung: „Rassismuskritik ist ein Handlungsauftrag“

von Fremdeninfo 22 April 2026
von Fremdeninfo 22 April 2026
Vanessa Efande Mbome leitet das Büro für Migration und Inklusion des Landkreises Darmstadt-Dieburg. © Rolf Oeser
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Artikel von Claudia Kabel/ F.R.

 

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg wurde für ein bundesweites Modellprojekt ausgewählt. Er ist die einzige Kreisverwaltung im Programm. Insgesamt wollen 16 Kommunen eine Verwaltung ohne Diskriminierung entwickeln. Wie funktioneirt das?

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg wurde als einzige Kreisverwaltung für das bundesweite Modellprojekt „Kommunen für Alle? – Rassismuskritik in kommunalen Verwaltungen“ ausgewählt. Bundesweit beteiligen sich 16 Kommunen an dem Projekt der Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus (ECCAR).

Frau Efande Mbome, Sie leiten das Büro für Migration und Inklusion, das in der Kreisverwaltung Darmstadt-Dieburg das Projekt für 1.800 Mitarbeitende umsetzt. Was versteht man unter einer rassismuskritischen und diskriminierungssensiblen Verwaltung?

Wir als Verwaltung haben im Rahmen des Gleichbehandlungsgesetzes den verfassungsrechtlichen Auftrag, für alle Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Beeinträchtigung zugänglich zu sein. Nun stellen wir uns die Frage, wo Unterschiede in unseren Lebensrealitäten Ungleichbehandlungen erzeugen können. Wie wir diese erkennen können, aber auch, wie wir ihnen entgegenwirken können. Rassismuskritik ist also ein Handlungsauftrag.

Wie äußert sich Rassismus in der Verwaltung?

Eine aktuelle bundesweite Studie zeigt, wie sich Rassismus in Behörden äußern kann – etwa in Form von Spannungen oder Unsicherheiten im Umgang miteinander. Dabei können Vorurteile und Stereotype den Gesprächsverlauf beeinflussen. Mögliche Indikatoren sind zum Beispiel ein unterschiedlicher Tonfall, variierende Geduld im Gespräch oder auch eine uneinheitliche Handhabung bei der Nachforderung von Unterlagen. Als Verwaltung ist es unser Anspruch, solche Mechanismen zu erkennen und ihnen aktiv entgegenzuwirken. Entsprechend setzen wir uns kontinuierlich mit unseren eigenen Strukturen und Abläufen auseinander, um diskriminierungssensibel zu handeln.

Geht Rassismus dabei nur von der Verwaltung aus oder sind auch die Mitarbeitenden betroffen?

Die Fragestellung greift zu kurz, da sie eine einseitige Perspektive nahelegt. Tatsächlich können nicht nur Bürger:innen, sondern auch Verwaltungsmitarbeitende von Rassismus und Diskriminierung betroffen sein – etwa wenn sie selbst eine familiäre Einwanderungsgeschichte haben oder ihnen diese zugeschrieben wird. Zugleich ist es wichtig zu betonen, dass Rassismus sich nicht nur auf individueller Ebene wiederspiegelt, sondern auch in gesellschaftlichen Strukturen. Gerade deshalb verstehen wir uns als rassismuskritische Verwaltung, die diese Zusammenhänge reflektiert und aktiv an einem respektvollen und fairen Miteinander arbeitet.

Was bedeutet das?

Formulare und Amtssprache wirken zunächst neutral. In der Praxis treffen sie aber auf sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Wer in mehreren Bereichen – etwa beim Zugang zu Bildung, Wohnraum oder Information – strukturell benachteiligt ist, hat weniger Gelegenheit, sich Systemwissen anzueignen, welches zum Ausfüllen des Formulars notwendig ist. So entsteht eine Kette von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: fehlende Informationen, komplexe Verfahren und institutionelle Anforderungen. Das führt dazu, dass Teilhabechancen ungleich verteilt sind – nicht durch individuelles Verschulden, sondern durch kumulierte Benachteiligung. Entscheidend ist: Diese Ausschlüsse entstehen, weil unsere gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen bestimmte Lebensrealitäten besser abbilden als andere.

Wie gehen Sie praktisch vor, um Rassismus zu vermeiden?

Seit 2022 bieten wir in der Kreisverwaltung bereits jährlich verschiedene Angebote zum Thema rassismuskritische Verwaltung an. Das sind Gespräche, Fortbildungen, Lesungen oder Plakataktionen, um unsere Mitarbeitenden für das Thema zu sensibilisieren. Wir fragen uns konkret: Wo gibt es Unsicherheiten oder Vorbehalte im Umgang mit Vielfalt und wie können wir dabei unterstützen, diese abzubauen.

Und wo wäre das?

Zum Beispiel, wie spreche ich jemanden an? Wir fragen zum Beispiel nicht sofort nach, wo jemand herkommt, wenn es für das Gespräch/Thema keine Rolle spielt. Oder, wie gestalte ich eine Veranstaltung, damit möglichst alle teilnehmen können? Da spielt neben Barrierefreiheit auch die Uhrzeit oder der Tag eine Rolle. Welche Speisen biete ich an, wie gestalte ich einen Einladungsflyer, damit viele ihn verstehen? Berücksichtige ich bei meiner Terminplanung zum Beispiel auch andere Feiertage außer die christlichen? Für die Terminvergabe haben wir einen Vielfaltskalender aufgelegt. Der zeigt zum Beispiel an, wann Ramadan ist.

Zur Person

Vanessa Efande Mbome (35) leitet seit 2023 das Büro für Migration und Inklusion. Sie hat unter anderem in Mannheim Soziologie studiert und ist seit 2017 beim Landkreis Darmstadt-Dieburg beschäftigt.

Aus Hessen sind neben dem Landkreis Darmstadt-Dieburg auch Offenbach und Hofheim am Projekt beteiligt.

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Klingt so, als sei der Landkreis ganz gut aufgestellt. Was wird sich durch die Teilnahme am Projekt ändern und wo wollen Sie das Fördergeld von 10.000 Euro einsetzen?

Wir wollen unsere Angebote nachhaltig verankern und verstetigen. Das Projekt geht bis 2028. In dieser Zeit wollen wir Fortbildungsangebote ausbauen und die Gesprächskultur vertiefen hin zu der Frage, wo fängt Rassismus in den Abläufen und in Entscheidungen an? Wie kann ich mein eigenes Verhalten, meine Bedenken und Unsicherheit reflektieren? Da es sich um ein europäisches Projekt handelt, haben wir die Möglichkeit uns mit anderen Städten und Gemeinden auszutauschen und andere Fortbildungsinhalte auszuprobieren. Zudem wollen wir ein Mitarbeitenden-Netzwerk gründen für Verwaltungskräfte mit

Migrationsgeschichte. Daraus erhoffen wir uns, neben einem sicheren Raum zum Austausch, auch die Einbindung der Perspektiven und Expertisen in Veränderungsprozesse. Denn letztendlich geht es um Organisationsentwicklung.

Das heißt, die teilnehmenden Kommunen werden zur Blaupause für andere Städte und Landkreise?

Im Rahmen des bundesweiten Projekts wird ein Expertengremium gegründet, das Handlungsempfehlungen für Verwaltungen aufstellt, wie man rassismuskritische Organisationsentwicklung betreiben kann. Wir Kommunen sollen an diesen Empfehlungen mitwirken und sie erproben, damit alle Verwaltungen in Deutschland sie umsetzen könnten

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