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AKP-Abgeordneter hetzt in Moschee von Grauen Wölfen in Neuss

von Fremdeninfo 15 Januar 2023
von Fremdeninfo

AKP-Abgeordneter hetzt in Moschee von Grauen Wölfen in Neuss

Artikel von Erkan Pehlivan •

 

 

 Der „Wolfsgruß“ der ultranationalistischen Grauen Wölfe während einer Pro-Türkischen Demonstration. (Symbolbild) © Peter Kneffel/dpa

 AKP-Abgeordneter hetzt in Moschee von Grauen Wölfen in Neuss

Ein AKP-Abgeordneter fordert in einer Moschee der „Grauen Wölfe“ in Neuss, die Gegner Erdogans überall in der Welt zu vernichten.

Neuss – Der Wahlkampf der türkischen Regierungspartei AKP läuft auch in Deutschland auf Hochtouren. Im vergangenen September waren Abgeordnete der Erdogan-Partei vor allem in Moscheen der Ditib und der nationalistischen „Graue Wölfe“ (Türk Federasyon) zu Beusuch, um dort um Stimmen zu werben. Fr. de hatte darüber umfangreich berichtet.

Auch in diesem Monat sind AKP-Abgeordnete in deutschen Moscheen präsent, wie fr.de berichtet. Dazu zählt Mustafa Açıkgöz, der auf Twitter ein Video von seiner Rede in der zu den Grauen Wölfen angehörigen „Yunus-Emre Moschee“ in Neuss gepostet hat. In der Rede vom 13. Januar fordert er die Vernichtung von Kurden, die er als PKK bezeichnet, und Anhängern der Gülen-Bewegung, die er als „Fetö“ betitelt.

„Kein Lebensrecht“ – AKP bläst zur Jagd auf Kurden und Gülen-Anhänger

„Genauso wie wir ihnen kein Lebensrecht in der Türkei geben, werden wir ihnen es auch in Deutschland nicht geben. Egal wohin sie in der Welt flüchten, wir werden die PKK- und Fetö-Terroranhänger vernichten“, so der AKP-Abgeordnete. Der türkische Parlamentarier warnt seine Landsleute vor diesen beiden Gruppen. „Diese beiden Gruppen sind sehr gefährlich. Die eine ist die PKK, gottlose Feinde der Religion. Die andere ist die Fetö, eine niederträchtige Terrororganisation, die den muslimischen Glauben verändern, verfälschen und christianisieren will. Ihr müsst wachsam sein“, so Açıkgöz in der Moschee der Grauen Wölfe.

Anschließend verspricht der AKPler, die Kurden und Gülen-Anhänger auch in Deutschland zu jagen. „Mit Allahs Erlaubnis werden wir sie überall auf der Welt aus den Löchern, in die sie sich verkrochen haben, herausziehen und vernichten. Darauf könnt ihr euch verlassen“, so Açıkgöz in der Moscheegemeinde der Grauen Wölfe.

Rede von AKP-Abgeordneten in Moschee in Neuss löst Entsetzen aus

Die Rede des AKP-Abgeordneten ruft bei Experten Entsetzen aus. „Die Hassrede des AKP-Abgeordneten Mustafa Acikgöz zeigt, dass hier Regimegegner zur Zielscheibe dieses aufgehetzten Mobs werden können“, erklärt der Türkei-Forscher und Politikwissenschaftler Professor Burak Copur aus Essen im Gespräch mit Fr.de von IPPEN.Media.

Er mahnt weiter zur Vorsicht. „Es ist dringend an der Zeit, dass die Sicherheitsbehörden und die Politik frühzeitig klare Kante zeigen, dass wir in Deutschland eine Gefährdung des friedlichen Zusammenlebens und der öffentlichen Ordnung nicht dulden werden“, so Prof. Copur.

Aufrufe zu Gewalt gegen Gegner von Erdogan auch in Deutschland

Auch Eren Güvercin, Gründungsmitglied der Alhambra Gesellschaft, äußert sich empört im Gespräch mit unserer Redaktion. Solche Reden seien ein Aufruf zu Gewalt gegen Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdodgan. „Solche Hassreden wie von Acikgöz animieren die Anhänger dazu, nicht nur solchen Reden zu applaudieren, sondern auch zur Tat zu schreiten. Oppositionelle und Kritiker des AKP-Regimes werden damit zum Abschuss freigegeben“, so Güvercin.

Der Türkei-Experte geht davon aus, dass bis zu den Wahlen in der Türkei im Juni dieses Jahres weitere AKP-Abgeordnete in deutschen Moscheen hetzen werden. Er fordert deshalb von der Bundesregierung eine klare Haltung. „Es braucht ein klares und unmissverständliches Zeichen seitens der Politik und der muslimischen Verbände. Sind Moscheen wirklich Orte der Spiritualität und des Glaubens oder Filialen der AKP?“

Besuch auch bei Ditib-Moscheen und anderen Organisationen

Der AKP-Abgeordnete postete auf Twitter unter anderem auch Fotos von seinem Besuch in der Ditib-Moschee in Aachen, dem türkischen Unternehmerverband MÜSIAD und der AKP-Lobbyorganisation UID. Der jüngste Besuch von Açıkgöz zeigt erneut die Zusammenarbeit der AKP mit dem Moscheeverband Ditib sowie mit den Grauen Wölfen. Die UID gilt als Organisator der Wahlkampftouren von AKP-Politikern und auch Politikern der nationalistischen MHP, zu denen auch die Grauen Wölfe zählen. In der Türkei gilt die MHP als stiller Koalitionspartner der AKP. (Erkan Pehlivan)

15 Januar 2023 0 Kommentare
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Güven zur İyi-Partei: UID verliert Funktionär an türkische Opposition

von Fremdeninfo 15 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Güven zur İyi-Partei: UID verliert Funktionär an türkische Opposition

Von

dtj-online

–

13.01.2023

 
 
 
T
Quelle IyI Parti Bülent Güven und Meral Aksener Hand in Hand“
Bülent Güven, hier mit Meral Akşener, war einst bei der SPD aktiv, dann für die Erdoğan-nahe UID. Nun wechselt er zur İyi-Partei, deren Vorsitzende Akşener ist. Quelle: https://twitter.com/iyiparti

Bülent Güven, Kandidat für den Vorsitz der AKP-nahen Union Internationaler Demokraten, wechselt zur İyi-Partei. Das zeigt: Die türkisch-nationalistische Oppositionspartei wendet sich mehr und mehr den Auslandstürken zu.

Nun muss sich der Hamburger Deutsch-Türke Bülent Güven möglicherweise mit dem Label des Verrats auseinandersetzen. Das zu verdienen ist innerhalb der türkischen-politischen Community ohnehin nicht schwer. Es reicht beispielsweise aus der AKP auszutreten und zur Opposition überzulaufen.

Dabei führte der designierte UID-Cheffunktionär noch vor wenigen Monaten eine Delegation deutscher Pressevertreter in die Türkei, um Lobbyarbeit für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu machen. Nun kehrt er der AKP und seinem einstigen „Präsidenten“ den Rücken und tritt der İyi-Partei bei.

Wechsel zu Akşener aus Überzeugung?

Die AKP hat so schlechte Umfragewerte wie nie zuvor, wobei sie sich mittlerweile wieder etwas stabilisiert haben und der Negativtrend gestoppt werden konnte. Das sinkende Schiff zu verlassen ist ein eher pragmatischer Schritt. Wenn auch noch die Vorsitzende einer aufstrebenden Partei persönlich um einen wirbt, dann fällt die Entscheidung leichter. Heute wird deutlich, dass sich dieser Wechsel in der Twitter-Chronik von Bülent Güven latent angebahnt hat.

Am 13. Dezember 2022 teilte Güven einen Beitrag der links-liberalen Tageszeitung Sözcü, am 25. Dezember kritisierte er die Erhöhung der Energiepreise in Zusammenhang mit dem steigenden Mindestlohn. Der Staat müsse entweder die Zinsen senken oder den Bürgerinnen und Bürgern finanziell helfen. Zudem teilte Güven am 2. Januar eine Beileidsbekundung für die CHP in Frankfurt, nachdem ein Fenster der dortigen Filiale eingeschlagen wurde. Logisch, da die CHP der Koalitionspartner der İyi-Partei wäre und somit auch seiner.

Twitter-Chronik belegt eine Reihe an Widersprüchen

Einige alte Tweets von Bülent Güven zeichnen das Bild einer Person, die entweder die Meinung oft und rasch verändert oder kein gefestigtes Weltbild zu haben scheint. Im Mai 2015 schrieb er: „Dass die MHP und CHP syrische Flüchtlinge als ein Problem thematisieren zeigt, dass sie die Türkei niemals zu einem großen Land machen werden“. Im April 2019, also kurz nach dem Wahlsieg der CHP in Istanbul und Ankara, twitterte Güven: „Der Sieg der CHP in Istanbul und Ankara ist ein Erfolg der AKP. Die CHP wurde erfolgreich, indem sie die AKP nachgeahmt hat und nationalistische sowie konservative Kandidaten aufgestellt und ähnliche Aussagen getätigt hat. Die AKP hat nicht nur die Türkei, sondern auch die CHP verändert“.

Nur einen Monat darauf twitterte Güven über die CHP, dass sich deren Ideologie weder auf politischem Parkett noch in den Medien verändert habe. Dass die Saadet-Partei als politischer Arm der Milli-Görüş-Bewegung mit der CHP Seite an Seite steht, kritisierte Güven am 11. Mai 2019 so: „Die Entstehung von Milli Görüş basiert auf der repressiven Ideologie der CHP auf die religiöse Bevölkerung. Dass die Saadet-Partei dennoch mit der CHP in der gleichen Reihe steht, zeigt, dass sie entweder ihre Mission nicht verstanden hat oder diese verleugnet“.

Güven als Talk-Gast und Autor bei der Zeit

Güven stellte als vermeintlicher Erdoğan-Vertrauter gute Beziehungen zu deutschen Medienvertretern her. So gelang es ihm, im Frühling 2021 einen Gastbeitrag in der Zeit zu platzieren. Darin forderte er, dass konservative Muslime in Deutschland mehr Teilhabe erhalten müssen.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? In einem Gespräch mit der als rechts einzustufenden Nachrichtenseite Tichys Einblick wird Güven dazu zitiert. Demnach sei der Text sein privates Angebot an die Zeitung gewesen. Die Redaktion des Ressorts „Streit“ habe das Angebot „interessant“ gefunden.

Treffen mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo

Auch liest man in Tichys Einblick von Güvens Begegnung mit der deutsch-türkischen Zeit-Journalistin Özlem Topçu, die bei einer Türkei-Reise 2020 mit Güven gemeinsam unterwegs war. Bei diesen Reisen waren aber auch Journalisten anderer renommierter Medienanstalten anwesend.

Auch als Güven 2017 und 2018 – damals in der Funktion des UID-Vizevorsitzenden – zwei Mal die Redaktion der Zeit besuchte, waren mindestens einmal Topçu sowie der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo dabei. Im Sommer 2021 wechselte Topçu zum Spiegel und wurde gemeinsam mit Katrin Kuntz Vize-Chefin des Auslandsressorts.

İyi-Partei interessiert Güvens zweifelhafter Ruf nicht

Meral Akşener und ihrer İyi-Partei scheint gleichgültig zu sein, dass die UID vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Güven sollte Vorsitzender dieser ins Visier des Verfassungsschutzes geratenen Organisation werden. Dies wurde nur deshalb unterbunden, weil er mit einer Äußerung in einer Phoenix-Talkshow in Ungnade fiel.

Dort sagte Güven, dass Angela Merkel seine Bundeskanzlerin sei. Unschicklich für einen potentiellen Vorsitzenden von Erdoğans wichtigstem Apparat außerhalb der Türkei. Seine Versuche, wieder Gefallen bei Erdoğan zu finden, blieben 2020 erfolglos. Dafür besuchte Güven seinen „Reis“ (zu Deutsch: Führer) und twitterte das stolze Foto mit dem Kommentar: „Wir danken unserem lieben Präsidenten“.

Güvens Schmeicheleien kommen bei Erdoğan nicht an

Als Mitglied der SPD-Hamburg und trotz seiner Aussagen bei Phoenix verkündete er nun, wer wirklich sein Staatsoberhaupt ist. Doch das half ihm nicht mehr. Vorsitzender der UID wurde nach der Abwahl Bülent Bilgis, womöglich auch durch Einflussnahme seines Vorgängers Zafer Sırakaya, Köksal Kuş – ein eher zurückhaltender Mann aus der politischen Schule der nationalistischen MHP.

Für seinen Einsatz für die AKP wurde Güven nicht belohnt. Anders als Mustafa Yeneroğlu und der erwähnte Sırakaya wurde Güven kein AKP-Abgeordneter, nicht Vorsitzender der UID und nicht einmal Vorsitzender der AKP-Wahlkoordinationsstellen im Ausland.

İyi-Partei: Was kann der neue Mann leisten?

Letzteres gilt für UID-Aktivisten als begehrtes Absprungbrett für eines der beiden Höchstziele. Güven blieb also nicht viel übrig. Er musste ins Risiko gehen. Ohne ein Werben der İyi-Partei wäre das aber aussichtslos gewesen.

Stellt sich die Frage, ob die İyi-Partei mit Güven eine demokratische Lösung anbieten kann und welche Rolle er spielen soll. Denn einem „Verräter“ und Abtrünnigen der UID werden die mehrheitlich für Erdoğan votierenden Deutsch-Türken kaum Beachtung schenken.

15 Januar 2023 0 Kommentare
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Archive

Merz schießt gegen „kleine Paschas“ – Lehrerverband zwiegespalten

von Fremdeninfo 13 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Merz schießt gegen „kleine Paschas“ – Lehrerverband zwiegespalten

Von

dtj-online

–

12.01.2023

=“Betriebsrätekonferenz von CDU und CDA“
Archivfoto: Friedrich Merz, Vorsitzender der CDU, spricht bei der Betriebsrätekonferenz von CDU und CDA im Konrad-Adenauer-Haus. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Weil CDU-Chef Friedrich Merz in einer Diskussion rund um die Silvester-Krawalle Kinder mit Migrationshintergrund als „Paschas“ bezeichnete, steht er in der Kritik. Doch von Seiten des Lehrerverbands gibt es eine weniger entrüstete Reaktion.

CDU-Chef Friedrich Merz hat mit einer Aussage über Migrantenkinder und deren Gehorsam gegenüber Lehrerinnen und Lehrern für Aufregung gesorgt. Im Kontext der Krawalle in der Silvesternacht hatte Merz am Dienstagabend in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ gesagt: „Und dann wollen sie diese Kinder zur Ordnung rufen und die Folge ist, dass die Väter in den Schulen erscheinen und sich das verbitten. Insbesondere, wenn es sich um Lehrerinnen handelt, dass sie ihre Söhne, die kleinen Paschas, da mal etwas zurechtweisen.“

Mit dem eigentlich aus dem Militär stammenden Begriff „Pascha“ werden umgangssprachlich besonders Männer bezeichnet, die sich wie selbstverständlich von einer Frau oder ihrer Mutter bedienen lassen.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbands, gab Merz am Mittwoch recht, „auch wenn man natürlich einschränken muss, dass das jetzt nicht ein Generalverdacht oder Pauschalvorwurf an alle Familien mit einem entsprechenden Migrationshintergrund sein kann“. Grundsätzlich gebe es aber ein Problem, dass insbesondere weibliche Lehrkräfte nicht ernstgenommen und deren Autorität nicht anerkannt würde.

„Überwiegend Jugendliche aus dem arabischen Raum“

Edgar Bohn, Vorsitzender des Grundschulverbands, konnte Merz‘ Behauptung nicht bejahen. „Die zitierte Aussage und die Pauschalierung kann ich nicht bestätigen und halte sie für sehr überzeichnet und nicht zutreffend“, widersprach Bohn.

„Das sind eben überwiegend Jugendliche aus dem arabischen Raum, die nicht bereit sind, sich hier in Deutschland an die Regeln zu halten, die Spaß daran haben, diesen Staat herauszufordern“, hatte Merz weiter in der Sendung behauptet. Er wolle auch keine Entschuldigungen akzeptieren, etwa wenn man sage, diese Kinder hätten eine schwere Kindheit oder es in Deutschland schwer und würden nicht genug betreut und nicht genug umsorgt. „In diesem Land hat jeder eine Chance. Die sind selten so gut gewesen wie gegenwärtig. Und wer sich nicht daran hält, man muss es deutlich sagen, hat in diesem Land nichts zu suchen.“

El-Mafaalani blickt voraus: „Werden Sie wahrscheinlich zurücknehmen müssen“

Für seinen Auftritt erntete Merz viel Kritik. Ökonom Marcel Fratzscher, der ebenfalls in der Sendung gesessen hatte, äußerte sich am Mittwoch zu den Aussagen des CDU-Vorsitzenden via Twitter: „Es ist Populismus, weil Herr Merz von einer kleinen Minderheit implizit und explizit auf alle Menschen mit arabischen Wurzeln verallgemeinert.“ Er ärgere sich sehr, zu den Aussagen in der Sendung geschwiegen zu haben, so Fratzscher.

Ebenfalls zu Gast in der Sendung war der Soziologe Aladin El-Mafaalani vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück. Merz rede ihm „ein bisschen viel über Arabischstämmige“. Die Polizei habe eine ganze Reihe anderer Nationalitäten erfasst. „Also wahrscheinlich werden Sie in ein, zwei Wochen das zurücknehmen müssen.“ El-Mafaalani sagte zu Merz‘ Aussagen zudem: „Sie reproduzieren ja so ein bisschen Stereotype.“

Alabali-Radovan: Bemerkung schürt rassistische Ressentiments

Auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) widersprach Merz. Es sei eine typische Denke, es gehe um irgendwelche Menschen, die hierhergekommen seien und sich nicht an die Regeln hielten. „Das ist aber nicht der Fall“, sagte Giffey am Mittwoch nach dem „Gipfel gegen Jugendgewalt“ im Berliner Roten Rathaus. „Die jungen Leute, über die wir hier mehrheitlich reden, das sind Berliner Kinder.“ Noch deutlicher wurde die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan: „Diese Bemerkung schürt rassistische Ressentiments.“

Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Emily Büning, warf dem CDU-Mann ein veraltetes Gesellschaftsbild vor. „Friedrich Merz hat sein Gesellschaftsbild seit 1990 nicht mehr aktualisiert und versteht nicht, dass wir längst eine vielfältige Gesellschaft sind“, erklärte sie am Mittwoch gegenüber „Zeit online“.

AfD stützt Merz

Der Auftritt Merz‘ sei „so gruselig und von menschenverachtendem Ton geprägt, dass einem die Worte fehlen“, schrieb Maurice Conrad, Klimaschutzaktivist bei Fridays for Future, auf Twitter. „Wenn die CDU so weitermacht, ist sie der NPD rhetorisch näher als der demokratischen Mitte.“

Starke Kritik äußerte auch SPD-Chefin Saskia Esken. „Wer in Talkshows Deutschlands Kinder mit Migrationshintergrund als unerwünschte Personen bezeichnet, spaltet das Land und zerstört damit bewusst den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“, sagte Esken den Zeitungen der Mediengruppe Bayern. Leif-Erik Holm, Vizechef der AfD-Bundestagsfraktion, nannte hingegen Merz‘ Kritik völlig berechtigt.

dpa/dtj

13 Januar 2023 0 Kommentare
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Zuzugsstopp: Türkei ändert Ausländerpolitik grundlegend

von Fremdeninfo 13 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Zuzugsstopp: Türkei ändert Ausländerpolitik grundlegend

Von

Stefan Kreitewolf

–

11.01.2023

Ein Blick auf Istanbul: In der Metropole sind mehr als 50 Stadtviertel vom Zuzugsstopp für Ausländer betroffen. Foto: Jack Krier / Unsplash

Millionen Vertriebene haben in der Türkei Zuflucht gefunden. Besonders Syrer sind vielerorts aber nicht mehr willkommen. Nun verhängte die Regierung in einzelnen Stadtvierteln gar einen Zuzugstopp. Welche Rolle das für den Wahlkampf spielt.

Wende in der türkischen Ausländerpolitik: In 1.200 Stadtvierteln werden landesweit keine Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer mehr erteilt. Innenminister Süleyman Soylu (AKP) zufolge sind „weder Flüchtlinge noch andere Ausländer“ berechtigt, sich in den betreffenden Stadtteilen niederzulassen.

Zwar betrifft der Zuzugsstopp für Ausländer kaum fünf Prozent der Stadtviertel in der Türkei. Er zielt jedoch besonders auf die ausländerreichsten Städte des Landes ab. Und es trifft vor allem syrische Migranten: In Antep, nahe der syrischen Grenze gelegen, sind rund 20 Prozent der Stadtviertel betroffen, in der Grenzstadt Kilis gar mehr als 90 Prozent.

Pogrom-ähnliche Gewaltausbrüche gegen Syrer

Aber auch gutbetuchtere Einwanderer, wie deutsche Rentner und Auswanderer, trifft die neue Regelung. Besonders an der türkischen Riviera sind mit Alanya, Antalya und Fethiye sind gleich mehrere Städte betroffen. Hinzu kommt die Millionenmetropole Istanbul. Und das hat viele Gründe.

Denn neben den zunehmenden Ressentiments gegen Syrer – DTJ-Online berichtete bereits vor eineinhalb Jahren von Pogrom-ähnlichen Gewaltausbrüchen in mehreren Großstädten – sind es vor allem die schwächelnde Wirtschaft des Landes sowie der Ausverkauf auf dem Immobilienmarkt, der die türkischen Verantwortlichen auf den Plan rief.

Lokale Bevölkerung leidet am meisten

Besonders Russen und Ukrainer sind derzeit auf der Suche nach einer Bleibe in der Türkei. Das führt zu einer Verdrängungsdynamik, unter der die lokale Bevölkerung leidet. In vielen Städten werden die Mieten in zentrumsnahen Stadtvierteln erhöht, Häuser abgerissen und teure Immobilienprojekte für Käufer aus dem Land realisiert.

Viele türkische Einwohner müssen deswegen an den Stadtrand ziehen. Das führte bereits zu Demonstrationen und Konflikten. Auch Gewerkschaften schlugen Alarm. Nun reagierte die türkische Regierung.

Wahlkampf mit strikter Ausländerpolitik

Im Wahljahr ist die Regierung bemüht, die sozialen Probleme des Landes anzugehen. Das beinhaltet auch ein Rückkehrprogramm für Syrer: Vor dem Hintergrund der zunehmend feindseligen Stimmung gegen Flüchtlinge startete Ankara bereits im Frühjahr 2022 den Versuch, eine Million Geflüchtete in ihre Heimat zurückführen.

Der Zuzugsstopp ist ein weiterer Versuch der Erdoğan-Regierung, die Türken mit einer „Türkei-First-Politik“ milde zu stimmen. Besonders die nationalistische İyi-Partei und die Zafer-Partei, eine Protestpartei, hetzen aber immer schärfer gegen Ausländer. Das Thema dürfte im Wahlkampf noch eine entscheidende Rolle spielen.

13 Januar 2023 0 Kommentare
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Information

Erdoğan, der gescheiterte Putsch und die „schwarzen Türken“

von Fremdeninfo 12 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Erdoğan, der gescheiterte Putsch und die „schwarzen Türken“

Von

Süleyman Bağ

–

15.07.2019

 
 
 
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=„Jahrestag Putschversuch in der Türkei“ width=“696″ height=“439″>
Archiv: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht zu seinen Anhängern am frühen 16.07.2017 vor dem Präsidentenpalast in Ankara bei der Einweihung eines Denkmals (Hintergrund) im Gedenken an die Opfer des gescheiterten Putschversuchs am 15.07.2016. Foto: Uncredited/Presidency Press Service POOL/dpa

Seit Jahrzehnten sind aus den Dörfern Anatoliens Millionen von Menschen in die Großstädte der Türkei ausgewandert. Die Binnenmigranten waren arme, traditionsbewusste und religiöse Menschen, die sich in den Großstädten wie Istanbul eine bessere Zukunft für sich und für ihre Kinder erhofften.

Viele von diesen bildungsfernen Anatoliern landeten in „Gecekondu“-Siedlungen, den ärmlichen Gegenden in den Randbezirken der Großstädte, und mussten sich mit schlecht bezahlter, einfacher Arbeit über Wasser halten. Sie bildeten eine neue Unterschicht, deren Zugehörige die Soziologin Nilüfer Göle treffend als „schwarze Türken“ bezeichnet. Ihr Gegenpol, die „weißen Türken“, die säkularen Eliten der Großstädte, die das wirtschaftliche, kulturelle und politische Leben bestimmten, sahen in ihnen eine Gefahr. Eine Gefahr für ihren Wohlstand, ihre Macht und ihr kemalistisches Modernisierungsprojekt von Staat und Gesellschaft. Die Mitglieder dieser türkischen Unterschicht waren für die kemalistischen Machteliten entweder „Reaktionäre“, weil sie zu religiös waren, Separatisten, weil sie dem kurdischen Teil der Bevölkerung angehörten, oder Kommunisten, weil sie die alevitische Widerstandstradition aus osmanischer Zeit mit linker Rhetorik fortsetzten. Auf jeden Fall sahen die „weißen Türken“ in ihnen eher Untertanen als gleichberechtigte Bürger mit einem Anspruch auf Grundrechte.  

Viele der „schwarzen Türken“ schlossen sich in ihrer neuen Umgebung aufstrebenden religiösen Gemeinden wie der Gülen-Bewegung an. Sie erhofften sich von den sogenannten „Cemaats“ nicht nur eine neue religiös-kulturelle Heimat, sondern auch Zugang zum städtischen Arbeitsmarkt und bessere Bildungschancen für ihre Kinder.

Der Freiheitswille der „schwarzen Türken“

Der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, der ebenfalls den von Göle beschriebenen „schwarzen Türken“ zugerechnet werden kann, betrat 1994 als Bürgermeister von Istanbul die große politische Bühne. Die Machtbasis für seine steile Karriere bis zum Spitzenamt des säkularen Staates speiste sich eben aus jener Unterschicht, aus der auch er hervorgegangen war. Erdoğan versprach ihr mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand. Er und seine Partei, die Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP), banden die „schwarzen Türken“ mit der Formel „Kampf gegen Korruption, Armut und Verbote“ über 15 Jahre an sich.

Erdoğans Versprechen an seine Wähler auf dem Weg an die Macht waren mehr Grundrechte für alle, Vereinbarkeit von Islam und Demokratie und die EU-Mitgliedschaft der Türkei. Als er aber 2011 mit knapp 50 Prozent der Wählerstimmen zum dritten Mal allein an die Macht gewählt wurde und das ultra-nationalistische Ergenekon-Netzwerk, das ihn zuvor stürzen wollte, geschwächt war, begann etwas, das die türkische Öffentlichkeit erst knapp zehn Jahre später allmählich zu erkennen beginnt. Dabei spielen die beiden Istanbul-Wahlen und Erdoğans gescheiterte Strategie, den CHP-Hoffnungsträger Ekrem Imamoğlu um jeden Preis zu stoppen, eine wichtige Rolle. Nach Soner Cağaptay von der US-Denkfabrik Washington Institut hat Erdoğan mit der Annullierung der Wahlen vom 31. März 2019 selbst dazu beigetragen, dass die Wähler den „neuen Erdoğan“ durchschaut haben. Cağaptay zufolge war der konservative Erfolgspolitiker Erdoğan über Jahre hinweg Vertreter der breiten religiösen Bevölkerungsgruppe und der Arbeiterschicht, also dem Teil der Gesellschaft, der vom kemalistischen System ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde. Nicht mehr Erdoğan, sondern Imamoğlu beanspruche nun, die Stimme der Ausgegrenzten und Benachteiligten zu sein.

Vom Mann des Volkes zum Mann des (tiefen) Staates

Erdoğan gab sich auf dem Weg nach oben stets als Mann des Volkes auf. Oben angekommen entwickelte er sich zum Mann des (tiefen) Staates. Seine neuen Ünterstützer heißen nicht mehr Fethullah Gülen oder Ahmet Altan. Der Erstgenannte, ein gemäßigter muslimischer Gelehrte, dem Erdoğan vorwirft, den gescheiterten Putsch heute vor drei Jahren angezettelt zu haben, ist für das neue Regime zum Staatsfeind Nummer 1 geworden. Der zweite, ein einflussreicher liberaler Intellektueller, sitzt seit 2016 im Gefängnis. Erdoğans neue Partner sind jetzt der Vorsitzende der rechtsnationalen MHP, Devlet Bahçeli, und offenbar auch Doğu Perinçek, der als Sprecher des Ergenekon-Netzwerks auftritt.

Erdoğan und seine AKP vollzogen an der Spitze des Staates einen Wandel, wie ihn Franz Kafka in seiner Erzählung „Die Verwandlung“ sehr anschaulich beschreibt. Er verwandelte sich zwar nicht wie Gregor Samsa von heute auf morgen zu einem anderen Wesen, doch ist er seit langem nicht mehr der einfache Anatolier aus dem Armenviertel von Kasımpaşa, der sich glaubhaft für mehr Demokratie und Grundrechte einsetzt. Im Gegenteil: Er und seine Familie leben in luxuriösen Palästen und Villen, seine Frau reist mit Markenhandtaschen im Wert von mehr als 10 000 Euro um den Globus und macht Schlagzeilen mit Einkaufstouren, wie man sie sonst nur von Promis kennt, aber nicht von Politikergattinnen. Seine Politik als „Staatsmann“ gleicht zunehmend einer Autokratie und er versteht sich zunehmend als unantastbare Verkörperung der Nation, der Religion und des Staates.

Machterhalt um jeden Preis

Um seine Macht zu festigen, spielte der gescheiterte Putsch vom 15. Juli 2016 eine wichtige Rolle. Für manche Beobachter hat Erdoğan selbst den Putsch inszeniert. Auch wenn es wohl nie zu beweisen sein wird, lieferte er für diese Annahme reichlichen Anlass, da er den Putschversuch als „Gottes Segen“ bewertete und auch nach drei Jahren kein ernsthaftes Interesse daran zeigt, die wahren Hintergründe des Putsches aufzuklären. Das einst unter ihm blühende und aufstrebende Land am Bosporus hat sich seitdem in ein großes Gefängnis verwandelt: Hunderte und Tausende Journalisten, Juristen, Akademiker, Polizisten, Soldaten, Lehrer, Unternehmer, Studenten und über 800 Mütter samt ihrer Kleinkinder sitzen wegen tatsächlicher oder angeblicher Beteiligung am Putsch in überfüllten Haftanstalten.

Sie gehören zu jenen „schwarzen Türken“, die Erdoğan seit den Wahlen 2002 immer wieder an die Macht getragen haben. Gestern wurden sie von den Kemalisten mit dem politischen Kampfbegriff „Mürteci“ (Rückständige/Reaktionäre) unterdrückt und verfolgt. Heute, unter Erdoğan, sind sie nicht mehr „Mürteci“, sondern Anhänger von „FETÖ“. Dieses neue Kampfbegriff steht inzwischen in der türkischen Politik für die muslimische Bewegung um den Prediger Gülen und die Verfolgung von tausenden unschuldigen Menschen.

12 Januar 2023 0 Kommentare
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Frauen

Chemiewaffen-Vorwurf: Fincancı wegen Terrorpropaganda verurteilt

von Fremdeninfo 12 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Chemiewaffen-Vorwurf: Fincancı wegen Terrorpropaganda verurteilt

Von

dtj-online

–

12.01.2023

 
 
 
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„Chefin türkischen Ärztekammer wegen Terrorpropaganda verurteilt“
Istanbul: Şebnem Korur Fincancı, Präsidentin der Ärztekammer der Türkei und bekannte Menschenrechtlerin, spricht mit Journalisten nach ihrer Entlassung aus dem Frauengefängnis Bakırköy. Foto: Emrah Gürel/AP/dpa

Die Chefin der türkischen Ärztekammer (TTB) und bekannte Menschenrechtlerin Şebnem Korur Fincancı ist in der Türkei zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Ein Istanbuler Gericht befand die 63-Jährige am Mittwoch der Terrorpropaganda schuldig und verhängte zwei Jahre und acht Monate Haft gegen sie. Fincancı muss nicht ins Gefängnis, unter anderem wegen der vorausgegangenen Zeit in Untersuchungshaft. Dafür könnte sie Approbation als Ärztin verlieren. Die TTB-Chefin gilt auch als ausgesprochene Kritikerin des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Die Vorwürfe beziehen sich auf ein Interview Fincancıs mit dem Sender Medya Haber TV. Dem Verständnis der türkischen Staatsanwaltschaft zufolge betreibt der Sender Propaganda für die PKK, die nicht nur in der Türkei als Terrororganisation gelistet ist. Das Verteidigungsministerium hatte Beschwerde gegen die Ärztekammerchefin eingereicht. Fincancı wies die Vorwürfe zurück.

Chemiewaffen im Einsatz gegen terroristische PKK?

In dem Interview hatte sich Fincancı für eine unabhängige Untersuchung der unbestätigten Vorwürfe ausgesprochen, wonach das türkische Militär Chemiewaffen im Kampf gegen die auch in Deutschland als Terrororganisation eingestufte PKK im Nordirak eingesetzt haben soll. Die türkische Regierung hatte die Vorwürfe vehement zurückgewiesen.

Nach der Urteilsverkündung stimmte das Publikum Sprechchöre in dem überfüllten Gerichtssaal an und feierte die Entscheidung zur Entlassung Fincancıs aus der Untersuchungshaft. Manche riefen, erst am Beginn des „Widerstandes“ zu stehen. Fincancı hatte seit Oktober 2022 in Untersuchungshaft gesessen.

Nach der Verkündung des Urteils dankte sie zunächst der Presse, die trotz des Drucks über ihren Fall berichtet habe. Weiter sagte sie: „Angst nützt nichts. Wir sollten nicht vergessen, was wir erlebt haben. Sie haben die Verantwortung, es der Öffentlichkeit zu vermitteln, genauso wie es die Verantwortung von uns Ärzten ist. Wenn diese Tage vorüber sind, werden wir gemeinsam diejenigen sehen, die ihre Verantwortung erfüllt haben, und diejenigen, die dies nicht getan haben. Deshalb möchte ich denen danken, die dieser Verantwortung nachkommen und sich mit uns solidarisieren.“

dpa/dtj

12 Januar 2023 0 Kommentare
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Rassismus

Reem Alabali-Radovan: Integrationsbeauftragte drängt auf Diskriminierungs-Beschwerdestellen in jedem Bundesland

von Fremdeninfo 11 Januar 2023
von Fremdeninfo

Reem Alabali-Radovan: Integrationsbeauftragte drängt auf Diskriminierungs-Beschwerdestellen in jedem Bundesland

Artikel von Felix Keßler •

 

 CDU-Chef Merz schürt laut der Integrations-Staatsministerin Reem Alabali-Radovan mit seinen Aussagen zu den Silvesterkrawallen »rassistische Ressentiments«. Sie fordert deutlich mehr Unterstützung.

 

Reem Alabali-Radovan: Integrationsbeauftragte drängt auf Diskriminierungs-Beschwerdestellen in jedem Bundesland

Reem Alabali-Radovan: Integrationsbeauftragte drängt auf Diskriminierungs-Beschwerdestellen in jedem Bundesland © Christian Ditsch / epd / IMAGO

Auch Tage nach den Ausschreitungen in der Silvesternacht wird die Debatte über den Anteil der Täter mit Migrationshintergrund mit Härte geführt – und nach Ansicht der Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan, bedauerlicherweise immer wieder auch mit rassistischen Vorurteilen. Sie rief dazu auf, die Angreifer »nach ihren Taten zu beurteilen und nicht nach ihren Vornamen«

Vornamen«.

Die SPD-Staatsministerin warf der Union vor, sie stigmatisiere Menschen mit Einwanderungsgeschichte und ihre Nachkommen. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hatte am Dienstagabend in der ZDF-Sendung Markus Lanz in einer Debatte zu den Krawallen in der Silvesternacht erneut auf den Migrationshintergrund vieler Festgenommener in Berlin verwiesen.

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»Diese Bemerkung schürt rassistische Ressentiments«

Auch prangerte Merz an, dass etwa Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen täglich verbale Gewalt und Respektlosigkeiten erlebten. Dabei gehe es auch um Eltern, die sich beschwerten, wenn ihre Kinder zurechtgewiesen würden. Merz sprachen dabei mit Bezug auf die Söhne von Migranten von kleinen »Paschas« – und wurde dafür noch in der Sendung kritisiert. Alabali-Radovan sagte nun: »Diese Bemerkung schürt rassistische Ressentiments.«

In dem von ihr am Mittwoch vorgelegten Lagebericht »Rassismus in Deutschland: Ausgangslage, Handlungsfelder, Maßnahmen« zieht Alabali-Radovan ein gemischtes Fazit. So heißt es etwa: »Vielfalt ist längst Realität, sie muss aber auch in allen Bereichen zur Normalität werden«. Das bedeute vor allem gleichberechtigte Chancen für alle in jedem Bereich der Gesellschaft. Um das zu erreichen, sollten mehr unabhängige Beschwerdestellen eingerichtet werden, an die sich wenden kann, wer rassistische Diskriminierung etwa durch die Polizei, private Vermieter oder Lehrkräfte erlebt hat.

Bericht nennt diskriminierende Stellenanzeigen und Vertrauensverlust gegenüber Polizei

Sie werde einen Expertenrat Antirassismus einberufen, kündigte Alabali-Radovan an. Dieser solle konkrete Vorhaben vorschlagen und eine Arbeitsdefinition von Rassismus erarbeiten. Als ein Beispiel für indirekte rassistische Diskriminierung nennt der Bericht Stellenanzeigen, in denen von Bewerbern Deutschkenntnisse auf muttersprachlichem Niveau verlangt werden, auch wenn diese für die Ausübung der Tätigkeit nicht erforderlich sind. »In einem solchen Falle stellt die scheinbar neutrale Anforderung an die Sprachkompetenz einen Ausschluss von Eingewanderten dar«, wird in dem Bericht festgehalten.

11 Januar 2023 0 Kommentare
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Zuzugsstopp: Türkei ändert Ausländerpolitik grundlegend

von Fremdeninfo 11 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Zuzugsstopp: Türkei ändert Ausländerpolitik grundlegend

Von

Stefan Kreitewolf

–

11.01.2023

Ein Blick auf Istanbul: In der Metropole sind mehr als 50 Stadtviertel vom Zuzugsstopp für Ausländer betroffen. Foto: Jack Krier /

Millionen Vertriebene haben in der Türkei Zuflucht gefunden. Besonders Syrer sind vielerorts aber nicht mehr willkommen. Nun verhängte die Regierung in einzelnen Stadtvierteln gar einen Zuzugstopp. Welche Rolle das für den Wahlkampf spielt.

Wende in der türkischen Ausländerpolitik: In 1.200 Stadtvierteln werden landesweit keine Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer mehr erteilt. Innenminister Süleyman Soylu (AKP) zufolge sind „weder Flüchtlinge noch andere Ausländer“ berechtigt, sich in den betreffenden Stadtteilen niederzulassen.

Zwar betrifft der Zuzugsstopp für Ausländer kaum fünf Prozent der Stadtviertel in der Türkei. Er zielt jedoch besonders auf die ausländerreichsten Städte des Landes ab. Und es trifft vor allem syrische Migranten: In Antep, nahe der syrischen Grenze gelegen, sind rund 20 Prozent der Stadtviertel betroffen, in der Grenzstadt Kilis gar mehr als 90 Prozent.

Pogrom-ähnliche Gewaltausbrüche gegen Syrer

Aber auch gutbetuchtere Einwanderer, wie deutsche Rentner und Auswanderer, trifft die neue Regelung. Besonders an der türkischen Riviera sind mit Alanya, Antalya und Fethiye sind gleich mehrere Städte betroffen. Hinzu kommt die Millionenmetropole Istanbul. Und das hat viele Gründe.

Denn neben den zunehmenden Ressentiments gegen Syrer – DTJ-Online berichtete bereits vor eineinhalb Jahren von Pogrom-ähnlichen Gewaltausbrüchen in mehreren Großstädten – sind es vor allem die schwächelnde Wirtschaft des Landes sowie der Ausverkauf auf dem Immobilienmarkt, der die türkischen Verantwortlichen auf den Plan rief.

Lokale Bevölkerung leidet am meisten

Besonders Russen und Ukrainer sind derzeit auf der Suche nach einer Bleibe in der Türkei. Das führt zu einer Verdrängungsdynamik, unter der die lokale Bevölkerung leidet. In vielen Städten werden die Mieten in zentrumsnahen Stadtvierteln erhöht, Häuser abgerissen und teure Immobilienprojekte für Käufer aus dem Land realisiert.

Viele türkische Einwohner müssen deswegen an den Stadtrand ziehen. Das führte bereits zu Demonstrationen und Konflikten. Auch Gewerkschaften schlugen Alarm. Nun reagierte die türkische Regierung.

Wahlkampf mit strikter Ausländerpolitik

Im Wahljahr ist die Regierung bemüht, die sozialen Probleme des Landes anzugehen. Das beinhaltet auch ein Rückkehrprogramm für Syrer: Vor dem Hintergrund der zunehmend feindseligen Stimmung gegen Flüchtlinge startete Ankara bereits im Frühjahr 2022 den Versuch, eine Million Geflüchtete in ihre Heimat zurückführen.

Der Zuzugsstopp ist ein weiterer Versuch der Erdoğan-Regierung, die Türken mit einer „Türkei-First-Politik“ milde zu stimmen. Besonders die nationalistische İyi-Partei und die Zafer-Partei, eine Protestpartei, hetzen aber immer schärfer gegen Ausländer. Das Thema dürfte im Wahlkampf noch eine entscheidende Rolle spielen

11 Januar 2023 0 Kommentare
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Deutscher Pass: Alte Staatsbürgerschaft soll weiter behalten werden können

von Fremdeninfo 10 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

Deutscher Pass: Alte Staatsbürgerschaft soll weiter behalten werden können

Von

dtj-online

–

09.01.2023

 
 
 

 

 

 

„Hürden für Einbürgerung sollen deutlich gesenkt werden“
Der deutsche Reisepass zählt zu den wertvollsten Pässen der Welt. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Deutscher oder Deutsche zu werden, soll einfacher werden. Eine der Hürden im Einbürgerungsprozess, die Bundesinnenministerin Faeser aus dem Weg räumen will, ist die bislang noch geltende Regelung, dass Nicht-EU-Bürger ihre alte Staatsbürgerschaft aufgeben sollen.

Wer sich in Deutschland einbürgern lassen will, soll dafür künftig grundsätzlich nicht mehr die Staatsangehörigkeit des Herkunftslandes seiner Familie aufgeben müssen. Das geht aus einem Entwurf des Bundesinnenministeriums für ein neues Staatsangehörigkeitsrecht hervor, der am Freitag den anderen Ressorts der Bundesregierung zur Abstimmung zugeleitet wurde.

Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Vorhaben für ein „modernes Staatsangehörigkeitsrecht“ lockert zudem für bestimmte Gruppen die Anforderungen an den Erwerb der deutschen Sprache. Dieser ist im Regelfall Voraussetzung für die Einbürgerung. Außerdem wird die Mindestaufenthaltszeit bis zur Antragstellung verkürzt.

In dem Entwurf, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es, dass es Erleichterungen beim Sprachnachweis geben sollte und die Verpflichtung zu einem Einbürgerungstest für alle Ausländer wegfallen sollte, die mindestens 67 Jahre alt sind. Damit solle die Lebensleistung der sogenannten Gastarbeiter-Generation gewürdigt werden, der in den ersten Jahren in Deutschland keine Sprachkurse offen standen. Profitieren sollen aber nicht nur ältere Menschen, die über ein Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen sind, sondern alle Angehörigen dieser Altersklasse. Auf eine schriftliche Prüfung wird in diesem Fall verzichtet. Das hilft etwa Analphabeten, die es unter den früheren Gastarbeitern gibt.

Bei besonderen Leistungen nach drei Jahren möglich

Außerdem soll es, was den Sprachnachweis angeht, auch für jüngere Einbürgerungswillige eine Härtefallregelung geben. In Ausnahmefällen – etwa wegen der Pflegebedürftigkeit eines Familienmitglieds – soll es ausreichen, sich ohne nennenswerte Probleme im Alltag in deutscher Sprache mündlich verständigen zu können.

Das Vorhaben ist Teil einer von SPD, Grünen und FDP angekündigten umfassenden Reform der Migrations- und Integrationspolitik. Getragen wird es von dem Verständnis, dass die Verleihung der Staatsangehörigkeit den Weg zu Teilhabe und Mitwirkung öffne, wovon sowohl die Eingebürgerten als auch die Gesellschaft profitieren sollten.

Der Entwurf sieht generell die Möglichkeit zur Einbürgerung nach fünf Jahren rechtmäßigen gewöhnlichen Aufenthalts in Deutschland vor – bisher waren es acht. Bei besonderen Integrationsleistungen – etwa herausragenden Leistungen in Schule und Beruf, ehrenamtlichem Engagement oder besonders guten Sprachkenntnissen – sollen drei Jahre ausreichen.

Hier Geborene müssen sich nicht entscheiden

Die sogenannte Optionspflicht für in Deutschland geborene Kinder von Ausländern soll komplett abgeschafft werden. Das bedeutet, dass sie sich als junge Erwachsene nicht mehr zwischen der deutschen Staatsbürgerschaft und der Staatsbürgerschaft der Eltern entscheiden müssen.

Die für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit eines Kindes ausländischer Eltern durch Geburt im Inland erforderliche Dauer des rechtmäßigen gewöhnlichen Aufenthalts eines Elternteils wird zudem von acht auf fünf Jahre verkürzt.

Die 2019 eingeführte Einbürgerungsvoraussetzung der „Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse“ soll aus dem Staatsangehörigkeitsgesetz gestrichen werden. Eine Einbürgerung kommt allerdings dem Entwurf zufolge nicht infrage, wenn „der Ausländer gleichzeitig mit mehreren Ehegatten verheiratet ist oder er durch sein Verhalten zeigt, dass er die im Grundgesetz festgelegte Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht akzeptiert“.

Grüne: „Überfällig“

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, Filiz Polat, bezeichnete das Reformvorhaben als „überfällig“. Deutschland sei seit langem ein Einwanderungsland. „Menschen, die sich in unsere Gesellschaft einbringen, Steuern zahlen, haben einen Anspruch auf Teilhabe, mitzubestimmen sowie zu wählen.“

Der Koalitionspartner FDP betonte die Auswirkungen des Staatsangehörigkeitsrechts auf die Wirtschaft. „Wenn wir unseren Wohlstand wahren wollen, brauchen wir mehr reguläre Einwanderung in den Arbeitsmarkt“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Konstantin Kuhle. Daher müsse die Ampel-Koalition zügig ein Einwanderungsgesetz mit einem Punktesystem nach dem Vorbild erfolgreicher Einwanderungsländer auf den Weg bringen. In diesem Zusammenhang müsse auch die Einbürgerung erleichtert werden.

Mehrstaatigkeit dürfe aber nicht über viele Generationen weitervererbt werden, sondern der Doppelpass müsse möglichst auf die ersten Generationen begrenzt bleiben, forderte Kuhle. Schon bei den Beratungen im Vorfeld hatte sich die FDP für diesen sogenannten Generationenschnitt ausgesprochen.

Für die CDU eine „Entwertung“

Der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Thorsten Frei (CDU), kritisierte die Pläne. Er sagte der „Welt“: „Was ich dazu lese, klingt nach einer 180-Grad-Wende beim Staatsbürgerrecht.“ Deutschland sei sehr attraktiv für Menschen aus dem Ausland, die hier gerne leben und arbeiten möchten; das sei generell positiv, das Land brauche Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Aber: „Die Pläne der Ampel erscheinen mir wie eine Entwertung der deutschen Staatsangehörigkeit.“

Auch die CSU reagierte ablehnend auf den Entwurf des Innenministeriums. Dieser sei „nicht zustimmungsfähig“, sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt im Fernsehsender Welt. Die doppelte Staatsbürgerschaft werde zur Regel und die Staatsbürgerschaft verramscht.

dpa/dtj

10 Januar 2023 0 Kommentare
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Frauen

„Sie werden dich töten“: Sängerin Hozan Canê spricht über ihre Zeit in türkischen Gefängnissen

von Fremdeninfo 10 Januar 2023
von Fremdeninfo

 

„Sie werden dich töten“: Sängerin Hozan Canê spricht über ihre Zeit in türkischen Gefängnissen

Von

Deniz Tutku

–

09.01.2023

Hozan Canê hat kurdische Wurzeln und besitzt nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Foto: Selahattin Sevi

Die deutsch-kurdische Sängerin Hozan Canê verbrachte mehr als zwei Jahre in türkischen Gefängnissen. Die erste Zeit mit Anhängerinnen der Gülen-Bewegung lässt sie nicht los. Sie hätten ihr wohl das Leben gerettet, doch ein Baby löst bei ihr noch heute Alpträume aus.

Deutschsprachige Medien haben ihren Fall genau beobachtet. Schließlich ist die Kölner Sängerin Saide İnanç (Künstlername Hozan Canê) hierzulande viel bekannter als in der Türkei. Nach einem Auftritt im nordwesttürkischen Edirne wurde sie 2018 an einem Hügelhang festgenommen. „Von 60 Menschen wurde nur ich aus dem Bus begleitet. Die anderen durften weiterfahren“, erzählt die 52-Jährige dem Exil-Journalisten Selahattin Sevi von kronos.news.

Was sie dann in den darauffolgenden Wochen erlebte, beschäftigt jetzt mit ihr auch ihre Psychologen. „Als der Bus weiterfuhr, blieb ich mit dutzenden Soldaten alleine im Dunkeln zurück.“ Sie sei in eine Hütte geschleppt worden. „Ich habe nichts gemacht, ich bin eine deutsche Staatsbürgerin.“ Es half nichts. Sie sei wie eine Selbstmordattentäterin nackt durchsucht worden – ohne ärztliche Begleitung. Dabei sollen die Soldaten sie an der Vagina verletzt haben, was zu tagelangen Blutungen geführt habe. Und als wäre das nicht genug, hätten die Soldaten ihr eine Akte zum Unterschreiben vorgelegt. „Ich habe das nicht getan. Vielleicht wollten sie mir Straftaten anhängen“, so die Sängerin.

Nach einigen Tagen in diversen Polizeirevieren und Haftanstalten landete Canê nach eigenen Angaben in „einem regelrechten Loch“. Nur ein Bett und eine Metalltür. Es gebe keine andere Zelle „mit Frauen der PKK“, habe man ihr zu verstehen gegeben. Als sie auf ihre Asthma-Erkrankung hinwies, habe sie das Angebot erhalten, in einen „Gemeinschaftsraum mit Leuten aus der Gülen-Bewegung“ zu kommen. „Sie werden dich töten“, habe ein Gefängniswärter gesagt. Warum? „Weil ihr Terroristen seid. Du bist ein PKK-Terrorist und sie sind auch Terroristen.“ Die 52-Jährige habe eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie trotz der „Lebensgefahr“ dorthin wolle. Das habe sie gemacht. „Ihr habt mich schon getötet“, habe sie entgegnet. Ihre Hoffnung sei gewesen, dass Frauen dort möglicherweise ihre Blutung an der Vagina stoppen könnten. Denn allein in einer Zelle hätte sie weniger Chancen zum Überleben gehabt.

Viele Ratten und ein Baby

Angekommen in dem angesprochenen Haftraum sei die Sängerin mit offenen Armen empfangen worden. Man habe ihr etwas zu essen gebracht und ein Pyjama. Seit einer Woche habe sie schließlich immer noch das Kostüm von der Bühne getragen. Den Raum umschreibt sie mit „wie aus einem schlechten Film“: Offene Toilette, ein kleines Fenster weit oben an der Decke, stinkende Bettdecken und Ratten. Sie kann sich nur noch an den Namen Emine erinnern. Eine Frau, die an der Bank Asya Geld angelegt habe. Das reicht in der heutigen Türkei, um als Terrorist zu gelten. Einige Frauen hätten den Koran gelesen, Emine nicht. Sie habe weder lesen noch schreiben können.

Das Schlimmste erlebte Canê ihren Angaben zufolge erst später. Bevor sie so richtig in ihrer neuen Umgebung ankam, habe sie Babygeräusche gehört. „Ist hier ein Baby?“, habe sie erstaunt gefragt. Die Frauen hätten genickt. Es sei erst wenige Wochen alt gewesen. Eine Insassin habe die Sängerin in den Arm genommen und sie zu ihrem Etagenbett geführt. Sie wollte anscheinend nicht, dass Canê das Baby sieht. „Ruh dich erstmal aus. Du kannst sie ja morgen sehen“, habe sie sie vertröstet.

Am nächsten Tag habe sie sich nicht mehr zurückhalten können. „Das Baby weinte andauernd und ich wollte es nur noch umarmen“, so die Sängerin. Auch heute, Jahre später, tut sie sich sichtlich schwer, darüber zu sprechen. Den ersten Anblick auf das Baby habe sie nicht mehr vergessen können. „Das Baby lag verwahrlost da. Der ganze Körper war rot. Jeden Tage träume ich davon.“ Hunderte Babys werden in türkischen Zellen groß. Die Haftbedingungen dürften dabei nicht sehr viel anders sein als jene, die Hozan Canê vorfand.

Kurze Zeit später wurde sie nach Druck der deutschen Botschaft in ein anderes Gefängnis verlegt. Schließlich konnte sie die Türkei im Jahr 2021 verlassen (DTJ berichtete). Die Anschuldigungen der türkischen Justiz weist sie zurück. „Ich habe weder Atatürk noch Erdoğan beleidigt, ich bin nicht so erzogen worden.“ Sie wird derzeit in Köln psychologisch behandelt. Was mit dem Baby und ihrer Mutter passiert ist, weiß sie nicht.

10 Januar 2023 0 Kommentare
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