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Einwandererinnen und Flüchtlingspolitik
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Flüchtlinge

EU-Bericht: Italien blockiert Rücknahme von Asylbewerbern

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Archive

Vater des Hanau-Attentäters „Hoffentlich zieht er weg“

von Fremdeninfo 19 Juni 2023
von Fremdeninfo

Vater des Hanau-Attentäters „Hoffentlich zieht er weg“

Stand: 18.06.2023 09:54 Uhr

Der Vater des Hanau-Attentäters belästigt immer wieder Angehörige der Opfer. Nun schickte er eine klare Botschaft an die Mutter eines der Ermordeten. Was tun die Behörden?

Von Robert Bongen, Julian Feldmann und Sebastian Friedrich, NDR

Die Botschaft ist unmissverständlich. Und sie bereitet Serpil Temiz Unvar Sorgen: „In aller Deutlichkeit, wenn Ihnen als Migrant das Land des Deutschen Volkes zuwider ist, dann verlassen Sie es bitte, aber auch zügig, und gehen Sie bitte dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind.“ Der Satz stammt aus einem Brief, den Temiz Unvar Mitte Mai bekommen hat. Der Absender: Hans-Gerd R. Dessen Sohn hatte im Februar 2020 in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen und anschließend seine Mutter und sich selbst erschossen. Unter den Getöteten war auch Ferhat, der Sohn von Serpil Temiz Unvar.

Seit der Tat kommen sie und ihre Familie nicht zur Ruhe. Ihr Haus in Hanau liegt nur wenige Hundert Meter entfernt vom Haus des Attentäters, in dem dessen Vater weiterhin lebt. Immer wieder kommt es zu Belästigungen und Einschüchterungsversuchen durch Hans-Gerd R. Zuletzt schickte der 76-jährige Mann ihr gleich mehrere Briefe. Sie liegen dem ARD-Magazin Panorama vor. Darin schreibt er, Temiz Unvar „und ihre Gruppierungen“ seien „eine große Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit und für das Deutsche Volk“.

Ein Foto von Ferhat Unvar hängt an einer Wand

Ferhat Unvar wurde am 19. Februar 2020 zusammen mit acht weiteren Menschen erschossen.

Einschüchterungsversuche mit Schäferhund

Serpil Temiz Unvar hatte nach dem rassistischen Anschlag von Hanau 2020 die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“ gegründet, eine Anlaufstelle vor allem für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die im Alltag mit Rassismus konfrontiert sind. Zusammen mit mehreren Mitstreitern besucht sie regelmäßig bundesweit Schulen, um über Rassismus aufzuklären. Diese Arbeit scheint Hans-Gerd R. ein Dorn im Auge zu sein.

Zuletzt hatte Unvar dessen Einschüchterungsversuche öffentlich gemacht und unter anderem Reportern des ARD-Magazin Panorama berichtet, wie R. Ende Oktober vergangenen Jahres mit seinem Schäferhund minutenlang wenige Meter vor dem Küchenfenster ihres Hauses gestanden und sie in ein unangenehmes Gespräch verwickelt hat.

Hans-Gerd R.

Immer wieder belästigt Hans-Gerd R. die Hinterbliebenen des Anschlags.

Mitte Mai schrieb ihr Hans-Gerd R., dass sie „das Maß eines friedvollen Zusammenlebens zwischen dem deutschen Volk und den Migranten enorm überschritten“ habe. R. nennt sich selbst in dem Brief „Miteigentümer der Bundesrepublik Deutschland“ und fordert Temiz Unvar auf, alle „durch ihre Mithilfe ins Netz gestellten Verleumdungen, Verletzungen, Veröffentlichungen gegen Hans-Gerd R., gegen Familie R. und gegen die Bundesrepublik Deutschland“ zurückzuziehen. Gleichzeitig stellt er in weiteren Schreiben absurde Schadensersatzforderungen in siebenstelliger Höhe. Als Absender ist jeweils die Wohnadresse von Hans-Gerd R. vermerkt, die er als „Gedenkstätte R.“ bezeichnet.

Für Temiz Unvar zeigen die Briefe, dass R. ähnlich rassistisch denke wie sein Sohn. Sie vermutet, dass R. sie für den Tod seines Sohnes und seiner Frau verantwortlich macht. „Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum er immer wieder versucht, mich und meine Familie einzuschüchtern“, sagte Temiz Unvar im Gespräch mit Panorama. Die Situation sei für ihre Kinder und sie selbst schwer zu ertragen. Sie lebt seit 27 Jahren in dem Stadtteil. „Wir wollen nichts mit ihm zu tun haben. Hoffentlich zieht er weg und lässt uns endlich in Ruhe.“ Sie hofft, dass die Zuständigen alles unternehmen, um die Situation vor Ort zu klären.

Claus Kaminsky

Hanaus Oberbürgermeister Kaminsky hat Anzeige erstattet.

Anzeige wegen Volksverhetzung

Inzwischen hat Temiz Unvar den Brief von Mitte Mai, in dem R. er ihr die Ausreise nahelegt, der Polizei und auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) übergeben. Der zeigte den Vater daraufhin wegen Volksverhetzung an. Gegenüber Panorama bezeichnete er den Brief als „schriftlich dokumentierten Rassismus“ und „widerlich“. Dennoch: „Grundsätzlich gilt, dass die gesetzlichen Möglichkeiten begrenzt sind. Wir als Stadt Hanau sowie die Polizei müssen uns im rechtsstaatlichen Rahmen bewegen.“

Gegen den Vater des Attentäters hat die Stadt Hanau ein Betretungsverbot für die Hanauer Kitas und Schulen sowie das Rathaus ausgesprochen. „Wenn mir Verstöße von Herrn R. gegen den Rechtsstaat bekannt werden, bringe ich diese sofort zur Anzeige“, so Kaminsky. Schon im März hatte er das Agieren des Vaters als „subtilen Terror“ bezeichnet: „Natürlich wäre es am besten, wenn der Vater die Stadt verließe, wenn er seinen Wohnort wechselt. Das wäre sogar für ihn auch das Bessere. Aber es gibt keine rechtliche Möglichkeit, das zu erzwingen.“

Gedenken in Hanau
>Player: audioDas Hanauer Dilemma mit dem Attentäter-Vater

 

Attentat von Hanau Der „subtile Terror“ des Vaters

Der Vater des Hanau-Attentäters fällt immer wieder mit Beleidigungen und Einschüchterungsversuchen auf. mehr

Insgesamt 48 Verfahren gegen Hans-Gerd R.

Die Hanauer Staatsanwaltschaft hat aufgrund der Anzeige mittlerweile ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung gegen Hans-Gerd R. eingeleitet. Darüber hinaus verhängte das Amtsgericht Hanau gegen ihn ein Annäherungsverbot. Ihm ist nun unter anderem untersagt, sich der Wohnung von Familie Unvar auf eine Entfernung von weniger als 70 Metern zu nähern und Verbindung aufzunehmen, auch unter Verwendung von Fernkommunikationsmitteln. Das bedeutet: Mit jedem weiteren Brief an Familie Unvar macht sich Hans-Gerd R. strafbar. Ihm droht dann ein Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten.

 

Der Terror nach dem Terror

Panorama berichtete im März über den Vater des Hanau-Attentäters ndr

Es ist nicht das erste Mal, dass R. ein Annäherungsverbot auferlegt worden ist – gegen das er auch bereits mehrmals verstoßen hat. Zweimal nahm die Polizei ihn in den vergangenen Monaten vorübergehend in Gewahrsam, weil er sich dem Haus der Familie Unvar genähert hatte. Zuletzt saß R. Anfang März sogar kurzzeitig im Gefängnis, weil er eine Geldstrafe nicht zahlen wollte. Die verhängte Ersatzfreiheitsstrafe von 70 Tagen wurde dann allerdings ausgesetzt, weil die Staatsanwaltschaft Vermögen einziehen konnte. Seitdem befindet er sich wieder auf freiem Fuß.

Nach Recherchen von Panorama hat die Staatsanwaltschaft Hanau mittlerweile insgesamt 48 Verfahren gegen Hans-Gerd R. eingeleitet. Dabei geht es um Beleidigung, Bedrohung, falsche Verdächtigung, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Allein in 30 Fällen wird dem Vater vorgeworfen, gegen das Gewaltschutzgesetz verstoßen zu haben, weil er sich etwa Angehörigen der Opfer des Attentats genähert haben soll. Wegen sechs solcher Verstöße ist R. inzwischen rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch eine Geldstrafe wegen Beleidigung in zwei Fällen ist mittlerweile rechtskräftig.

Anfragen von Panorama ließen R. und sein Anwalt unbeantwortet.

19 Juni 2023 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Parteitagsbeschluss zu EU-Asylplänen: Ricarda Lang sieht Streit der Grünen entschärft

von Fremdeninfo 18 Juni 2023
von Fremdeninfo

 

Parteitagsbeschluss zu EU-Asylplänen: Ricarda Lang sieht Streit der Grünen entschärft

  Von dpa

 Nach einem kleinen Parteitag hätten die Grünen deutlich gemacht, dass sie Verschärfungen des Asylsystems ablehnen. Die Partei fordert stattdessen Nachbesserungen.

 Grünen-Chefin Ricarda Lang hält die Lage in ihrer Partei nach den Debatten um die EU-Asylentscheidung auf einem kleinen Parteitag vom Wochenende für entschärft. Sie habe eine inhaltlich zerrissene, aber keine gespaltene Partei erlebt, sagte Lang am Sonntag im Deutschlandfunk.

Die Grünen hätten deutlich gemacht, dass sie die von den EU-Innenministerinnen und -Innenministern geplanten Verschärfungen des Asylsystems auf europäischer Ebene ablehnten, fügte die Bundeschefin in dem Interview an.

Im ZDF bekräftigte Lang die von ihrer Partei auf dem Parteitag in Bad Vilbel beschlossenen Forderungen. Die Mitglieder hätten für die jetzt anstehenden weiteren Verhandlungen über die Ausgestaltung der Asylregeln auf EU-Ebene aus ihrer Sicht „klare Ziele“ formuliert, sagte sie dem Sender. Dazu gehöre „ganz klar, dass Kinder und Familien aus den Grenzverfahren ausgenommen werden

 

 

 

Inhaltlich zerrissen, aber nicht gespalten, sagt Parteichefin Lang über die Grünen © dpa/Bernd von Jutrczenka

 

Auf dem kleinen Parteitag der Grünen in Bad Vilbel wurde über einen kürzlich ausgehandelten Asylkompromiss beraten, der unter anderem Asylverfahren an den EU-Außengrenzen vorsieht. In der Partei werden die Pläne vielfach extrem kritisch gesehen.

Der Parteitag stimmte am Ende für einen vom Bundesvorstand vorgelegten Leitantrag, in dem Nachbesserungen gefordert werden. Generell betonen die Grünen dabei zugleich, zunächst die weiteren Verhandlungen auf der Ebene der EU abwarten zu wollen.

Im Deutschlandfunk äußerte sich die Parteichefin zugleich betont skeptisch über ein Abkommen zwischen der EU und dem Mittelmeeranrainerstaat Tunesien über eine Rücknahme vom Migrantinnen und Migranten. Solche Abkommen hingen maßgeblich von der Menschenrechtssituation ab, sagte Lang. Bei Tunesien habe sie dabei riesige Zweifel.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und ihr französischer Amtskollege Gérald Darmanin waren am Sonntag für Gespräche nach Tunesien gereist. Von dort starten besonders viele Flüchtlinge in Richtung EU. (AFP)

18 Juni 2023 0 Kommentare
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Frauen

Bundesländer melden starken Anstieg bei häuslicher Gewalt

von Fremdeninfo 18 Juni 2023
von Fremdeninfo

Bundesländer melden starken Anstieg bei häuslicher Gewalt

Artikel von Martin Lutz •  Die Welt

Die Bundesländer melden für das vergangene Jahr einen drastischen Anstieg bei Opfern von Straftaten und Verbrechen im privaten Bereich. Die Ursachen scheinen vielschichtig, Experten zufolge sind die Nachwirkungen der Pandemie aber ein wesentlicher Grund.

Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Wie Recherchen von WELT AM SONNTAG bei den Innenministerien und Landeskriminalämtern der 16 Bundesländer ergaben, wurden bundesweit 179.179 Opfer von der Polizei registriert. Das entspricht einem Anstieg von 9,3 Prozent gegenüber dem Jahr 2021. Als Täter werden Partner, Ex-Partner und Familienangehörige erfasst. Zwei Drittel der Opfer sind Frauen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich viele Betroffene nicht trauen, Anzeige zu erstatten.

Beim Vergleich der Bundesländer verzeichnet das Saarland mit 19,7 Prozent (3178 Opfer) den stärksten Zuwachs. Dahinter kommen Thüringen (plus 18,1 Prozent, 3812 Opfer) und Baden-Württemberg (plus 13,1 Prozent, 14.969 Opfer). Insgesamt melden 15 Bundesländer deutlich mehr Opfer. Die Zahlen sanken nur im Land Bremen (minus 13,6 Prozent, 2615 Opfer). Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen weist 37.141 Opfer (plus 8,5 Prozent) aus. Auffällig ist, dass dort die Zahl der Körperverletzungen bei häuslicher Gewalt im Fünf-Jahres-Vergleich um 26,2 Prozent gestiegen ist.

Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte dazu: „Die Zündschnur ist bei vielen Menschen kürzer geworden und der allgemeine Ton rauer. Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert.“ Dies mache auch an den Haustüren nicht halt: „Zu Hause ist mehr Gewalt eingezogen.“ Die Daten der Länder fließen in ein umfassendes Lagebild ein, das vom Bundeskriminalamt erstmals vorgelegt wird. Unter häusliche Gewalt fallen etwa Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung.

BKA-Präsident Holger Münch, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Familienministerin Lisa Paus (Grüne) werden das Papier am 3. Juli in Berlin präsentieren. Zudem lassen sie derzeit eine große „Dunkelfeldstudie“ erstellen. „Häusliche Gewalt geschieht oftmals im verdeckten, im privaten Bereich. Scham- und Schuldgefühle der Betroffenen führen häufig dazu, dass die Taten im Dunkeln bleiben und nur selten polizeilich angezeigt werden. Dieses Dunkelfeld ist ungleich größer als das Hellfeld“, so Paus. Sie plant eine staatliche „Koordinierungsstelle“, die häusliche Gewalt ressortübergreifend bekämpfen soll.

Faeser fordert gegenüber WELT AM SONNTAG mehr Kontrollen der Polizei, wenn diese Täter nach gewaltsamen Übergriffen aus der Wohnung verwiesen hat: „Das muss konsequent kontrolliert werden, damit Täter nicht schnell wieder zurückkehren.“ Denn häusliche Gewalt sei keine Privatsache, sondern ein gravierendes gesellschaftliches Problem. „Gewalt fängt nicht erst mit Schlägen oder Misshandlungen an: Es geht auch um Stalking und Psychoterro

Konfliktmuster der Pandemie „wirken schmerzlich fort“

Die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, macht Nachwirkungen der Corona-Pandemie für den Anstieg der Gewalt verantwortlich. „Offenkundig hat die angespannte Lebenssituation der Corona-Jahre sich in erhöhter familiärer Gewaltbereitschaft niedergeschlagen. Die finanziellen und gesundheitlichen Sorgen, die räumliche Enge, die Unsicherheit über die Zukunft haben als eine Art Brandbeschleuniger für Gewalt in Partnerschaft und Familie gewirkt“, sagte sie. Mit dem Ende der Pandemie lasse sich das nicht einfach zurückdrehen: „Es sind Konfliktmuster entstanden, die schmerzlich fortwirken.“

Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik bei der Diakonie, nannte die Zunahme bei den Opfern erschreckend. „Ein Grund für den Anstieg könnte sein, dass das Bewusstsein für häusliche Gewalt insgesamt gestiegen ist und nach den unsicheren Jahren der Pandemie Frauen jetzt eher Fälle von Gewalt anzeigen“, sagte sie. Als Pilotprojekt wird in Berlin und Hannover derzeit eine Tarn-App für häusliche Gewalt getestet, 2024 sollen weitere Städte folgen.

 Betroffene Frauen können dabei durch Druck auf das Handydisplay einen Notruf an die Polizei schicken, ohne mit ihr sprechen zu müssen. So sollen Täter nicht mitbekommen, wenn sich ein Opfer an die Polizei wendet. „Die Downloadzahlen liegen im hohen dreistelligen Bereich“, heißt es beim Verein Gewaltfrei in die Zukunft, der die App entwickelt hat. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Justiz mit rund 1,7 Millionen Euro gefördert. Bislang wird vor allem das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ genutzt, das rund um die Uhr unter 08000 116 016 geschaltet ist. Seit dem Start 2013 gab es 387.710 Beratungen.

18 Juni 2023 0 Kommentare
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Politik

Türken in Deutschland: Wie man Erdogan-Anhänger besser integrieren kann

von Fremdeninfo 16 Juni 2023
von Fremdeninfo

 

Türken in Deutschland: Wie man Erdogan-Anhänger besser integrieren kann

Artikel von Cem Özdemir • FAZ

Feiernde Erdogan-Anhänger in der Münchner Ludwigstraße, nachdem dieser die Wahl in der Türke

Man stelle sich vor, Markus Lanz, Caren Miosga oder Dunja Hayali würden einen Regierungsskandal aufdecken – und müssten daraufhin das Land verlassen. So ergeht es Can Dündar, einem in der Türkei bekannten Journalisten. Er kann nicht mehr zurück in seine Heimat und lebt seit einigen Jahren im Berliner Exil. Warum? Er hat es gewagt, seinen Job zu machen.

Can Dündar hat 2015 über illegale Waffenexporte an Islamisten in Syrien recherchiert und geschrieben. Im Dezember 2020 wurde er in Abwesenheit zu fast drei Jahrzehnten Haft verurteilt – wegen angeblicher Terrorunterstützung und Spionage. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bezeichnete das Urteil als „Akt der Barbarei“. In freien Ländern gäbe es „dafür Journalistenpreise, in der Türkei hingegen Kerker“.

Zwei Drittel wählten einen Despoten

Wie viele andere setzte auch Can Dündar große Hoffnungen in die jüngsten Wahlen in der Türkei. Sie wurden herbe enttäuscht. Erdogan erhielt von denjenigen, die in Deutschland als türkische Staatsbürger an der Wahl teilnahmen, zwei Drittel der Stimmen. Sie wählten einen Despoten, während sie hierzulande alle Vorzüge der liberalen Demokratie selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen. Beides ist ihr Recht. Doch nehmen sie damit bewusst in Kauf, dass in den nächsten Monaten und Jahren noch viele Menschen wie Can Dündar zu uns kommen, weil sie in der Türkei schikaniert, bedroht oder unter fadenscheinigen Gründen angeklagt werden. Denn von Erdogan kam auch nach dieser Wahl kein versöhnendes Wort, im Gegenteil. Das lässt schlimmes erahnen.

In Deutschland ist das Problembewusstsein für diese Gemengelage eher bescheiden. Tatsächlich ist die Situation nicht einfach. Denn zum einen tritt die türkische Regierung die Demokratie und Freiheit vieler Menschen mit Füßen. Zum anderen ist das Land Teil der Nato und Wirtschaftspartner. Doch das kann nicht bedeuten, beide Augen vor dem zu verschließen, was in Deutschland vor sich geht – es wäre schon mal ein Anfang, zumindest ein Auge zu öffnen.

Das wäre bitter nötig, um die in Deutschland lebenden Gegner des Erdogan-Regimes zu schützen, die sich für eine demokratische Türkei einsetzen. Der lange Arm Erdogans darf sie hier nicht erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, in deutschen Großstädten auf Anhänger – auch fanatische Anhänger – Erdogans zu treffen, von ihnen beleidigt, bedroht und angegriffen zu werden, ist keineswegs gering. Schon wer sich in Berlin in ein „falsches“ Taxi setzt, kann sein blaues Wunder erleben. Soll man in Deutschland nun tatsächlich Taxis meiden – nur, weil man für Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit eintritt? Immer mehr Bürger türkischer Herkunft fragen sich, ob sie sich hier in Deutschland, auch zum Schutz ihrer Familie, selbst zensieren müssen.

Tatsächlich schreitet die gesellschaftliche Spaltung nicht nur in der Türkei voran, sondern auch hier in unserem Land. Türkeistämmige Deutsche werden attackiert und bedroht, sobald sie sich mit einer kritischen Meinung in den Strukturen von der Türkei verbundenen Verbänden oder Vereinen oder in mehrheitlich türkisch geprägten Sozialräumen bewegen. Oder sie laufen Gefahr, über eine berüchtigte App der Zentralbehörde der türkischen Polizei als vermeintliche Terrorunterstützer denunziert und bei der nächsten Einreise in die Türkei verhaftet zu werden.

Es gibt de facto Parallelgesellschaften, die unsere Demokratie und unsere Freiheiten herausfordern, deren Protagonisten andere bedrohen, beleidigen oder denunzieren. Es würde hier schon helfen, wenn Staat und Behörden sich dessen bewusst sind und genau hinschauen. Der Eindruck, dass die Sicherheit derer, die sich in Deutschland fest verwurzelt fühlen und sich zugleich für die Demokratie in der Türkei einsetzen, im Vergleich zur Sicherheit der antidemokratischen Scharfmacher nur nachrangig ist, wäre jedenfalls fatal für das Vertrauen in unseren Staat.

Man öffnet die Büchse der Pandora

Es geht hier nicht um Sozialpädagogik. Es geht nicht darum, fanatische Anhänger nationalistischer und faschistischer Ideen von Demokratie und Humanismus zu überzeugen. Wo es gelingt – großartig. Doch sollte man nicht naiv sein und sich darauf verlassen. Unsere Verantwortung gilt zuallererst denen, die bedroht werden. Es muss jederzeit klar werden, dass in Deutschland ausschließlich das deutsche Grundgesetz gilt – und wir auch keine doppelten Sicherheitsstandards zwischen Deutschen und Migranten zulassen. Wer hierzulande mit türkischen Nationalisten und Rassisten zusammenarbeitet, sich nicht gegen sie durchsetzt oder zurücksteckt – wie die Stadt Köln, die aus Angst vor Ultranationalisten ein Mahnmal zum Völkermord an den Armeniern entfernen lassen will –, öffnet die Büchse der Pandora. Denn die Feinde der offenen Gesellschaft verstehen solches Handeln als Aufforderung weiterzumachen.

Man kann das Richtige übrigens auch falsch tun. In Hessen wurden zwei Journalisten der türkischen Regimepresse, die die Privatanschrift eines Whistleblowers veröffentlicht hatten, zwischen den zwei Wahlgängen verhaftet. Die Vorwürfe gegen die Journalisten sind ein Jahr alt. Unsere Justiz ist unabhängig; und dennoch stellt sich die Frage: Warum geben wir den Erdogan ergebenen Propagandanachrichten diese Steilvorlage – um ihn im Wahlkampf tatsächlich als Kämpfer der Meinungsfreiheit zu inszenieren und er uns Zensur vorzuwerfen kann?

Auch dürfen wir das System muslimischer Verbände, die mehr politische Interessenvertreter sind als Religionsgemeinschaften, nicht weiter mit naiver Zusammenarbeit unterstützen und legitimieren. Dialog? Ja, sicher. Kooperation? Nein, nicht unter diesen Umständen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Ditib- und Milli-Görüş-Moscheen in Wahlkampfzentralen der türkischen Regierung verwandelt wurden, wo die Opposition keinen Platz hatte. Ebenso wenig, dass die Verbände ihre Eigenständigkeit immer bloß behaupten und im Zweifel die Interessen aus Ankara umsetzen. Sind sich alle Entscheidungsträger in Deutschland darüber im Klaren, dass die nächste Generation der Imame aus der Türkei noch nationalistischer und fundamentalistischer sein wird als die heutige? Wissen alle, die für Staatsverträge mit Ditib, Milli Görüş und anderen gegenüber offen sind oder andere Abkommen treffen wollen, dass sie Erdogan damit direkt in deutsche Schulen holen? Ich habe berechtigte Zweifel.

Ringen um Kopf und Herz

Nicht naiv zu sein, bedeutet auch, um Kopf und Herzen der Türkeistämmigen zu ringen – genauso übrigens, wie es bei Russischstämmigen notwendig ist, wenn wir sie nicht an Putin verlieren wollen. Das bedeutet, dass wir der Diasporapolitik Ankaras mehr entgegensetzen müssen. Allem voran eine aktive Religionspolitik mit klugen Finanzierungs- und Ausbildungskonzepten etwa, die mit freiheitlich-demokratisch überzeugten Muslimen das muslimische Leben in Deutschland gestaltet. Über die YTB, das Amt für Auslandstürken, reisen jedes Jahr Tausende Jugendliche in die Türkei, um ihnen „türkische Geschichte“ und „Heimatliebe“ in der AKP-Version einzutrichtern.

Wäre es nicht besser, wir würden stattdessen Reisen zu bedeutenden Gedenkstätten der deutschen und der europäischen Geschichte anbieten – von der Paulskirche über das Haus der Geschichte in Bonn bis zu Weimar und Buchenwald, damit jeder versteht, woher dieses Land kommt und was es sein möchte? Nicht zuletzt brauchen wir Gegenangebote in den sozialen und in den traditionellen Medien. Wenn andere offen Propaganda betreiben, dann kann unsere naive Antwort doch nicht lauten, die Hände in den Schoß zu legen oder darauf zu hoffen, dass sie täglich in die Bibliothek gehen, um sich mit Qualitätszeitungen einzudecken. In vielen Haushalten laufen vor allem Fernsehsender, die Erdogan nahestehen. Insbesondere junge Türkeistämmige werden bei sozialen Medien wie Twitter und Instagram durch Influencer aus dem Milieu der AKP und der faschistischen Grauen Wölfe ideologisiert. In Deutschland leben neben Exilpolitikern und Exilwissenschaftlern auch Exiljournalisten aus der Türkei.

Warum nutzen wir sie nicht, um der aufgeheizten Propaganda gegen alle Werte unseres Landes etwas entgegenzusetzen? Ein Deutsch-Türkisches (oder auch Deutsch-Russisches) Arte, das neben Nachrichten auch niedrigschwellige Unterhaltungsangebote produzieren könnte, ist nach wie vor eine Idee, die es Wert ist, in die Tat umgesetzt zu werden – übrigens eine Idee, die theoretisch immer recht viel Zustimmung erfährt. Passiert ist dennoch nichts, sicher auch, weil es etwas kosten würde. Jetzt zahlen wir eine Rechnung, die nicht billiger ist.

Im Umgang mit radikalisierten Anhängern von AKP und MHP in Deutschland herrscht entweder Ratlosigkeit oder man will sich die Realität schönreden. Die Angriffe auf unsere Demokratie, auf unseren Zusammenhalt, auf unsere bürgerlichen Freiheiten werden nicht geringer werden. Wir dürfen nicht naiv sein.

16 Juni 2023 0 Kommentare
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Flüchtlinge

rauriger Rekord: Deutlich mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht

von Fremdeninfo 16 Juni 2023
von Fremdeninfo

 

 

Gesellschaft

Trauriger Rekord: Deutlich mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht

von

dtj-online

Ukrainische Flüchtlinge nach ihrer Registrierung in Deutschland. Foto: Soeren Stache/dpa

Immer mehr Krisen zwingen immer mehr Menschen zur Flucht, Millionen weltweit. Druck auf die Asylsysteme könnten Regierungen aber rausnehmen, sagt das UN-Flüchtlingshilfswerk, und erklärt auch, wie.

Ukraine, Afghanistan, Sudan: Weltweit ist die Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge auf einen Rekord gestiegen. Aktuell sind rund 110 Millionen Menschen auf der Flucht, Zweidrittel davon in ihren Heimatländern, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Mittwoch in Genf berichtete. Die Organisation verlangt mehr Anstrengungen, um Fluchtursachen zu bekämpfen und Flüchtenden beizustehen. Im Juni 2022 waren rund 100 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen.

Die Zahlen seien verheerend, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. „Es ist ein Armutszeugnis für den Zustand unserer Welt“, meinte er. Es gebe immer mehr Krisen, aber kaum Lösungen. Für 5,7 Millionen im eigenen Land Vertriebene endete die Flucht im vergangenen Jahr, aber nur 340.000 Flüchtlinge kehrten aus dem Ausland in ihre Heimat zurück.

Migration und Flucht nicht in einen Topf werfen

Migration und Flucht dürften nicht in einem Topf geworfen werden, sagte Grandi. Wenn reichere Länder mehr legale Wege der Einwanderung für Menschen böten, die in einem anderen als ihrem Heimatland Arbeit suchten, würden weniger Migranten Asyl beantragen, sagte er. Asyl und ähnlicher Schutz ist Menschen vorbehalten, die vor Krieg, Konflikten, Verfolgung und Gewalt fliehen. Nach der UN-Flüchtlingskonvention sind alle Länder verpflichtet, sie aufzunehmen.

Weil legale Migrationswege fehlten, seien die Asylsysteme überlastet, sagte Grandi. Behörden erkennen bei vielen Asylbewerbern angegebene Fluchtgründe aber nicht an. Schutzbedürftige gerieten in Verruf, sagte Grandi. In Deutschland wurden 2022 bei knapp 230.000 Asylentscheiden die Anträge von fast 50.000 Personen abgelehnt. Rund 50.000 weitere Fälle erledigten sich – etwa, weil Personen in anderen Ländern registriert waren oder Anträge zurückzogen.

Krise im Sudan verschärft die Lage weiter

Grandi äußerte die Befürchtung, dass sich die aktuelle Krise im Sudan ausweiten könnte. Noch seien Hunderttausende Geflohene in Nachbarländern untergekommen. Aber der Osten des Landes sei als Terrain von Menschenschmugglern bekannt. Wenn Recht und Ordnung im Sudan nicht bald wieder hergestellt würden, könnten diese Schmuggler Sudanesen auf die Fluchtrouten „nach Libyen und weiter“ bringen, wie Grandi sagte.

Vom Mittelmeerstaat Libyen starten viele Flüchtlingsboote Richtung Europa. Im Sudan gibt es seit Mitte April einen Machtkampf zwischen Truppen des De-facto-Präsidenten und dessen bisherigem Stellvertreter. Seit dem Beginn der Gewalt sind UN-Angaben zufolge mittlerweile fast 1,9 Millionen Menschen geflohen.

Türkei nimmt die meisten Flüchtlinge auf

Das UNHCR nannte am Mittwoch die aktuelle Flüchtlingszahl. Der jährliche Bericht „Global Trends“, den es gleichzeitig veröffentlichte, betrachtet die Flüchtlingslage jeweils im vorangegangenen Jahr. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat nach UNHCR-Angaben 2022 die schnellste Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst: Ende 2022 waren nach dem Bericht 5,7 Millionen Menschen innerhalb der Grenzen in der Ukraine vertrieben worden oder ins Ausland geflüchtet.

Insgesamt seien damals weltweit insgesamt 108,4 Millionen Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Krieg, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und den Folgen des Klimawandels gewesen, 19,1 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. Gut ein Drittel der Vertriebenen flüchtete ins Ausland. Davon waren wiederum Zweidrittel in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen. Sie harren meist in Nachbarländern ihrer Heimat aus, in der Hoffnung auf eine baldige Heimkehr.

„Asyl zu beantragen, ist keine Straftat“

Es sei ein Mythos, dass die Flüchtlinge vor allem in reiche Länder etwa in Europa oder Nordamerika strebten, sagte Grandi. Die Türkei beherbergte Ende 2022 die meisten Flüchtlinge, gefolgt vom Iran, wo überwiegend Afghanen unterkamen, Kolumbien und Deutschland. Die geplante Reform des EU-Asylwesens lobte Grandi. Die EU will Asylsuchende, die aus einem Staat anreisen, der als relativ sicher gilt, künftig nach dem Grenzübertritt in einer Aufnahmeeinrichtung unter haftähnlichen Bedingungen festhalten.

Nach einer zügigen Prüfung der Gesuche sollen Abgelehnte umgehend zurückgeschickt werden. Nicht alles sei perfekt, aber wenigstens habe sich die EU überhaupt auf etwas geeinigt, sagte Grandi. Er fügte hinzu: „Wir sind klar der Ansicht, dass Asylsuchende nicht in Gefängnisse gesteckt werden sollten. Asyl zu beantragen, ist keine Straftat.“

dpa/dtj

16 Juni 2023 0 Kommentare
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Information

Teilnehmer von Pride-Filmvorführung in der Türkei festgenommen

von Fremdeninfo 14 Juni 2023
von Fremdeninfo

 

 

Gesellschaft

Teilnehmer von Pride-Filmvorführung in der Türkei festgenommen

von

dtj-online

Für den 18. Juni ist in Istanbul eine Pride-Parade geplant, obwohl sie in den letzten Jahren verboten worden war. Foto: Istanbul LGBTI+ Pride Week

In Istanbul wurden Menschen festgenommen, als eine Filmvorführung über LGBTQ-Themen verboten wurde. Präsident Erdoğan äußerte sich wiederholt LGBTQ-kritisch. Die Pride-Parade ist für den 18. Juni geplant, obwohl sie in den letzten Jahren verboten wurde.

Bei einer Filmvorführung über Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und queere Menschen (LGBTQ) in der türkischen Metropole Istanbul sind nach Angaben eines Verbandes mehrere Menschen festgenommen worden. Der Film „Pride“ hätte am Mittwochabend im Garten einer Stiftung gezeigt werden sollen, die Polizei habe dies jedoch verhindert und „sehr viele“ Teilnehmer festgenommen, teilte der Verband Kaos GL, eine Organisation für LGBTQ-Rechte, mit. Eine Anzahl nannte er nicht.

Die lokale Behörde hatte die Vorführung zuvor verboten und als Begründung unter anderem angegeben, die Veranstaltung verstoße gegen die „allgemeine Moral“ und könne Unmut in der Gesellschaft hervorrufen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte sich sowohl im Wahlkampf als auch nach seiner Wiederwahl Ende Mai wiederholt LGBTQ-kritisch geäußert. Erwartet wird deshalb, dass die Behörden den Druck auf queere Menschen weiter erhöhen.

Die jährliche Pride-Parade soll am 18. Juni in Istanbul stattfinden. In den vergangenen Jahren war die Veranstaltung verboten worden.

dpa/dtj

14 Juni 2023 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Empörung von zwei Seiten: Pläne für EU-Asylreform sorgen für Kritik

von Fremdeninfo 11 Juni 2023
von Fremdeninfo

Menschenrechte

Empörung von zwei Seiten: Pläne für EU-Asylreform sorgen für Kritik

 
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Archivfoto: Die Abkürzung und das Wort „EAE Asyl“ stehen auf einem Wegweiser zur Erstaufnahme-Einrichtungen (EAE) des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt. Foto: Patrick Pleul/dpa

  • Nötiger Fortschritt oder menschenrechtlicher Tabubruch? Die Meinungen zum Durchbruch in den Verhandlungen über eine große europäische Asylreform könnten unterschiedlicher kaum sein. Vor allem für die deutschen Grünen ist das Projekt ein Problem.

Die mit Unterstützung der Bundesregierung vereinbarten Pläne für eine weitreichende Reform des europäischen Asylsystems sorgen für Empörung und Kritik. Deutsche Grünen-Abgeordnete verurteilten am Freitag das von Spitzenpolitikern ihrer Partei mitgetragene Projekt als unmoralisch und unvereinbar mit europäischen Werten. Ungarn und Polen übten hingegen scharfe Kritik an der geplanten Pflicht zur Solidarität bei der Aufnahme von Asylsuchenden in Europa und kündigten Widerstand an.

„Solange es die PiS-Regierung geben wird, werden wir nicht zulassen, dass uns irgendwelche Migrationsquoten, Quoten für Flüchtlinge aus Afrika, aus dem Nahen Osten, für Araber, Muslime oder wen auch immer auferlegt werden“, sagte Polens nationalkonservativer Regierungschef Mateusz Morawiecki in Warschau. Der ungarische Staatssekretär Bence Retvari sprach von Machtmissbrauch der EU. Brüssel wolle nun „mit Gewalt“ Migranten verteilen.

Unregistrierte Flüchtlinge sollen nicht mehr quer durch Europa reisen

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Hebestreit verteidigte unterdessen die Pläne. Das bisherige Asylsystem in Europa habe nicht mehr funktioniert, sagte er in Berlin. Beim Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg sei ein wichtiger Schritt gelungen, nämlich eine „solidarische Lösung“ in dieser Frage hinzukriegen.

Das gelte für die Anrainerstaaten des Mittelmeeres, die mit einer massiven Flüchtlingswelle konfrontiert seien und damit nicht allein gelassen werden wollten. Andererseits wolle man auch nicht akzeptieren, dass unregistrierte Flüchtlinge durch Europa reisen. Hier müsse es wieder ordentliche Verfahren geben. Ähnlich äußerte sich Innenministerin Nancy Faeser (SPD). Die EU habe gezeigt, dass sie handlungsfähig sei, sagte sie der „Rheinischen Post“ (Samstag).

FDP-Chef Christian Lindner nannte den Kompromiss einen „kaum zu überschätzenden Erfolg“. „Es wird ein großer Schritt hin zum wirksamen Schutz der EU-Außengrenzen getan“, sagte er dem „Münchner Merkur“ (Samstag). Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken betonte, Faeser sei es gelungen, im Europäischen Rat eine Einigung auf humanitärer und rechtsstaatlicher Grundlage zu erreichen, „nachdem wir über viele Jahre erkennen mussten, wie die Haltungen in der Europäischen Union zu den Asylverfahren auseinanderliefen“.

Reaktion auf die Flüchtlingskrise 2015

Die Pläne für die umfassende Reform des EU-Asylsystems waren am späten Donnerstagabend per Mehrheitsentscheidung auf den Weg gebracht worden. Vorausgegangen waren jahrelange Verhandlungen. An der Reform wird bereits seit der Flüchtlingskrise 2015/2016 intensiv gearbeitet. Damals waren Länder wie Griechenland mit einem Massenzustrom an Menschen aus Ländern wie Syrien überfordert, Hunderttausende konnten unregistriert in andere EU-Staaten weiterziehen.

Dies hätte eigentlich nicht passieren dürfen, denn nach der sogenannten Dublin-Verordnung sollen Asylbewerber da registriert werden, wo sie die Europäische Union zuerst betreten haben. Dieses Land ist in der Regel auch für den Asylantrag zuständig.

Illegale Migration soll begrenzt werden

Die Reformpläne sehen nun zahlreiche Ergänzungen und Verschärfungen vor, um illegale Migration zu begrenzen. Geplant ist insbesondere ein deutlich härterer Umgang mit Menschen aus Ländern, die als relativ sicher gelten. Sie sollen künftig nach einem Grenzübertritt unter haftähnlichen Bedingungen in streng kontrollierte Aufnahmeeinrichtungen kommen. Dort würde dann im Normalfall innerhalb von zwölf Wochen geprüft werden, ob der Antragsteller Chancen auf Asyl hat. Wenn nicht, soll er umgehend zurückgeschickt werden.

Die Bundesregierung hatte sich in den Verhandlungen nachdrücklich dafür eingesetzt, dass Familien mit Kindern von den sogenannten Grenzverfahren ausgenommen werden. Um den Durchbruch zu ermöglichen, musste sie letztlich akzeptieren, dass dies doch möglich sein könnte.

Baerbock verteidigt Haltung, Flüchtlingshelfer sind empört

Außenministerin Annalena Baerbock verteidigte am Freitag in einem Brief an die Grünen-Bundestagsfraktion den Entschluss, die Zustimmung der Bundesregierung nicht zu blockieren. Die Entscheidung sei ihr „als Außenministerin, als Grüne und auch persönlich sehr schwergefallen“, schrieb Baerbock. Sie halte die Einigung dennoch für richtig, weil sich der Status Quo für viele Geflüchtete dadurch verbessern werde.

Andere Grünen-Politiker hatten das Vorgehen zuvor scharf kritisiert. „Die EU-Mitgliedsstaaten haben ihren moralischen Kompass verloren“, monierte der Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, Rasmus Andresen. Man befürchte menschenrechtswidrige Masseninternierungen an den EU-Außengrenzen, so wie man es in der Vergangenheit beispielsweise in Moria mit unhaltbaren Zuständen erlebt habe.

Ähnlich äußerten sich Menschenrechts- und Hilfsorganisationen. Es sei eine Einigung auf Kosten der Menschenrechte und der Menschen, die weltweit am meisten Schutz benötigten, sagte der Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, Markus N. Beeko. Man sei fassungslos, wie die Bundesregierung die gestrige Einigung als „politischen Durchbruch“ feiern könne. Es sei „kein Durchbruch, sondern ein menschenrechtlicher Tabubruch, eine Missachtung des verfassungsmäßigen Auftrags und ein gebrochenes Versprechen des eigenen Koalitionsvertrages“.

Solidarität soll Pflicht werden

In Deutschland deutlich weniger umstritten sind die Pläne für den neuen Solidaritätsmechanismus. Er soll dafür sorgen, dass stark belasteten Staaten wie Italien und Griechenland künftig ein Teil der Asylsuchenden abgenommen wird. Dafür sollen zunächst 30.000 Umsiedlungsplätze pro Jahr zur Verfügung gestellt werden, von denen nach dem vereinbarten Verteilungsschlüssel etwas mehr als 6000 auf Deutschland entfallen würden. Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, würden zu Ausgleichszahlungen in Höhe von 20.000 Euro pro Person gezwungen werden.

Zudem sollen die Reformpläne weitreichende Kooperationsprojekte mit Nicht-EU-Ländern ermöglichen. Nach Angaben der zuständigen Kommissarin Ylva Johansson könnten abgelehnte Asylbewerber künftig grundsätzlich auch in Nicht-EU-Länder abgeschoben werden. Einzige Voraussetzung soll sein, dass sie eine Verbindung zu diesem Land haben. Wie diese aussehen muss, soll im Ermessen der EU-Mitgliedstaaten liegen, die für das jeweilige Asylverfahren zuständig sind.

Streitpunkt „Verbindung“

Die Bundesregierung hatte sich eigentlich dafür stark gemacht, dass ein Transitaufenthalt in einem Drittstaat definitiv nicht als Verbindung anerkannt werden kann, sondern nur zum Beispiel durch im Land lebende Familienangehörige. Sollte die Regelung beschlossen werden, könnte damit zum Beispiel Italien über das Mittelmeer kommende Menschen in das Land zurückschicken, wenn sich die Regierung in Tunis damit einverstanden erklärt. Um sie zu einer Zustimmung zu bewegen, könnte etwa finanzielle Unterstützung geleistet werden.

In einer Erklärung zu der Einigung wird auch festgehalten, unter welchen Voraussetzungen Behörden in der EU Asylanträge ohne detaillierte Prüfung für unzulässig erklären können. Dies soll demnach möglich sein, wenn sie von Flüchtlingen gestellt werden, die über einen sicheren Drittstaat eingereist sind. Voraussetzung dafür soll sein, dass die Menschen auch in diesem sicheren Drittstaat effektiven Schutz gewährt bekommen könnten.

EU-Kommission sieht keine Veto-Gefahr

Der nächste Schritt zur Umsetzung der Pläne sind nun Verhandlungen mit dem Europaparlament, das bei dem Thema ein Mitspracherecht hat. Sie könnten bereits im Sommer beginnen. Vor allem grüne Politiker hoffen, dass die Pläne für verschärfte Asylverfahren dort noch abgeschwächt werden können. Stärkste Fraktion im Europaparlament ist allerdings die christdemokratische EVP, die für eine vergleichsweise strenge Migrationspolitik eintritt.

Dementsprechend entspannt äußerte sich am Freitag auch die EU-Kommission. „Ich denke, auch das Parlament hat den historischen Moment erkannt“, sagte die für das Thema zuständige EU-Kommissarin Johansson am Rande eines Justizministertreffens in Luxemburg. Sie erwarte keine besonders harten Verhandlungen.

dpa/dtj

11 Juni 2023 0 Kommentare
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Studie: Mehrheit junger Türken will ins Ausland

von Fremdeninfo 5 Juni 2023
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Gesellschaft

Studie: Mehrheit junger Türken will ins Ausland

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Junge Türkinnen und Türken planen laut einer Umfrage, das Land zu verlassen. Wirtschaftliche Probleme und die Unzufriedenheit mit der Flüchtlingspolitik der Regierung prägen die aktuelle Stimmung. Als Hauptmotivation geben sie bessere Lebensbedingungen an.

Ein großer Teil der jungen Türkinnen und Türken möchte das Land verlassen. 63 Prozent würden der Türkei den Rücken kehren, wenn sich die Möglichkeit bietet – das zeigt eine Vorabveröffentlichung der repräsentativen Türkischen Jugendstudie 2023 der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Als Hauptmotivation nannte fast die Hälfte die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen. Befragt wurden über 2000 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren. 61,3 Prozent sagten, sie hätten in ihrer Ausbildung mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Fast alle der Befragten (98,4 Prozent) sehen Probleme in der Türkei – mit Blick auf wirtschaftliche Verhältnisse, Recht und Gerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Vetternwirtschaft und Korruption.

Flüchtlinge als Gefahr für die Türkei?

In der Türkei steht die Inflation laut offiziellen Angaben bei derzeit 44 Prozent, die Landeswährung hat in den letzten zwei Jahren deutlich an Wert verloren. Ökonomen machen dafür die unorthodoxe Wirtschaftspolitik von Recep Tayyip Erdoğan verantwortlich. Deutlich unzufrieden war ein Großteil der Befragten zudem mit der Flüchtlingspolitik der Regierung (91,8 Prozent).

In der Türkei leben laut den Vereinten Nationen knapp vier Millionen Flüchtlinge, 3,4 Millionen davon aus dem Nachbarland Syrien. Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, Flüchtlinge sollten in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden, gut 80 Prozent nannten Flüchtlinge gar eine Gefahr für die Zukunft der Türkei.

Das Thema Flüchtlinge hatte auch den Wahlkampf im Voraus der Abstimmungen um Parlament und Präsidentschaftsamt bestimmt. Sowohl die Opposition als auch die regierende AKP traten mit der Ansage an, Flüchtlinge aus der Türkei schaffen zu wollen. Die Umfrage wurde noch vor der Wahl durchgeführt.

Vorsichtiger Optimismus mit Blick auf die Zukunft

Während der Studie zufolge 39,4 Prozent die Zukunft der Türkei optimistisch sehen, sind 27,2 Prozent pessimistisch. Damit habe sich die Situation zu 2021 insgesamt leicht zum Positiven gewandt: Stimmten damals 62,8 Prozent einer pessimistischen Prognose zu, seien 35,2 Prozent völlig hoffnungslos und nur 27,6 Prozent der Befragten leicht optimistisch gewesen, teilt die Stiftung auf ihrer Seite mit. Es sei daher ein „Trendwechsel“ zu beobachten.

dpa/dtj

5 Juni 2023 0 Kommentare
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DGB-Chefin Fahimi fordert Einwanderungsbüros in ganz Deutschland

von Fremdeninfo 5 Juni 2023
von Fremdeninfo
  • DGB-Chefin Fahimi fordert Einwanderungsbüros in ganz Deutschland

Politik Die Welt

 
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Möchte die Integration verbessern: die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi
Quelle: AFP/TOBIAS SCHWARZ
 
Die Bundesregierung will mehr Zuwanderer in die Bundesrepublik holen, um dem Mangel an Arbeitskräften zu begegnen. DGB-Chefin Yasmin Fahimi glaubt, dass das Fachkräfteeinwanderungsgesetz nicht ausreicht. Es brauche Einwanderungsbüros.
 Mit Blick auf die Reise von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) nach Südamerika hat DGB-Chefin Yasmin Fahimi die Einrichtung von Einwanderungsbüros in ganz Deutschland gefordert. „Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ich befürchte aber, dass es nicht ausreichen wird, um genügend Menschen aus dem Ausland nach Deutschland zu holen“, sagte die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

„Wir brauchen neben einer Einwanderungsbehörde des Bundes Einwanderungsbüros in den Kommunen, die eine ganzheitliche Unterstützung bei der Einwanderung und Integration aus einer Hand anbieten“, sagte sie. Die Fachkräfte aus dem Ausland benötigten Unterstützung etwa beim Erlernen der Sprache, bei der Wohnungssuche, beim Familiennachzug und der Kitaplatzsuche. Ferner benötigten sie Informationen über die Infrastruktur vor Ort und das Lebensumfeld.

Den „Fachkräften das Ankommen erleichtern“

„Diese Aufgaben sollten die Einwanderungsbüros für eine gewisse Zeit übernehmen, um den Fachkräften das Ankommen zu erleichtern“, sagte Fahimi. Sie plädierte ferner dafür, „vermehrt Ausbildungskooperationen mit verschiedenen Ländern einzugehen“.

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Baerbock und Heil beginnen am Montag in Brasilien eine mehrtägige Südamerika-Reise. Auf ihrer sechstägigen Reise, die sie auch nach Kolumbien und Panama führt, wollen sie um Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt werben.

Die Bundesregierung wolle „die Einwanderungspolitik vom Kopf auf die Füße stellen, denn unsere Wirtschaft braucht dringend mehr Fachkräfte“, erklärte Baerbock vor ihrem Abflug nach Brasília. „Brasilianische Pflegekräfte und kolumbianische Elektriker finden in Deutschland bereits offene Arme – diese Partnerschaft wollen wir ausbauen.“

5 Juni 2023 0 Kommentare
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Kultur

Merve Dizdar In der Türkei wird sie für ihre Preiswidmung übel beschimpft

von Fremdeninfo 2 Juni 2023
von Fremdeninfo

 

 
Cannes: Die türkische Schauspielerin Merve Dizdar zeigt ihren Preis als beste Schauspielerin für ihre Rolle im Film „About Dry Grasses“ bei einem Fototermin nach der Preisverleihung. Foto: Daniel Cole/AP/d

Annes-Palme für

 Merve Dizdar In der Türkei wird sie für ihre Preiswidmung übel beschimpft

Merve Dizdar nimmt am 27. Mai überwältigt den Preis als beste Schauspielerin für ihre Rolle im Film „About Dry Grasses“ von Regisseur Ceylan an. Foto: dpa/Daniel Cole

Wütende Beschimpfungen statt Glückwünsche schlagen der Schauspielerin Merve Dizdar nach ihrer Auszeichnung in Cannes aus ihrer türkischen Heimat entgegen.

Sogar einer Schauspielerin können einmal die Gesichtszüge entgleiten. Der türkischen Schauspielerin Merve Dizdar fiel richtig die Kinnlade herunter, als ihr Name bei den Filmfestspielen in Cannes aufgerufen wurde. Mit offenem Mund blickte Dizdar ungläubig um sich, bevor sie langsam aus dem Publikum aufstand, sich umarmen ließ und zur Bühne ging, um ihren Preis entgegenzunehmen: Beste Schauspielerin. Es ist das erste Mal, dass eine türkische Schauspielerin diesen Preis gewonnen hat, und Dizdar widmete ihn in einer kurzen Ansprache der türkischen Frauenbewegung. Am nächsten Morgen flog sie nach Istanbul zurück, um ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abzugeben, und noch bevor sie in der Türkei landete, ging der Krach los. Statt mit Glückwünschen wird die Schauspielerin in ihrer Heimat mit nationalistischen Verwünschungen und Beschimpfungen überzogen, die überwiegend aus dem Regierungslager kommen.

„Hoffen auf bessere Zeiten in der Türkei“

Dizdar wurde für ihre Rolle im neuesten Film des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan ausgezeichnet, der selbst schon die Goldenen Palme gewonnen hat und bereits den siebten Film in Cannes zeigte: „Kuru Otlar Üstüne“ (Über Trockenes Gras) erzählt von der Dienstpflicht, die junge Lehrer und Lehrerinnen in der Türkei in Ostanatolien ableisten müssen. Es sei ihr nicht schwergefallen, sich in die Rolle einer Frau einzuarbeiten, die um ihre Existenz kämpfen müsse, sagte die 36-jährige Schauspielerin in ihren Dankesworten auf der Bühne: „Denn ich weiß nur zu gut, was es in meinem Land bedeutet, eine Frau zu sein.“ Sie widme ihre Auszeichnung deshalb „allen meinen Schwestern, die sich für Frauenrechte engagieren, alles riskieren und die Hoffnung nicht aufgeben, und all den Menschen mit Kampfgeist, die auf wohlverdiente bessere Zeiten in der Türkei warten“

Goldene Palme Cannes auf der Zielgeraden – Wer gewinnt beim Festival?

Die Reaktionen aus der Türkei ließen nicht lange auf sich warten. „Du wirst erst einmal lernen, dein eigenes Land zu respektieren, Merve Dizdar“, tweetete der Vizevorsitzende der türkischen Rundfunkaufsicht, Ibrahim Uslu, noch am Abend der Preisverleihung. „Leute, die ihr Land nicht respektieren, verdienen keine Glückwünsche für einen Preis.“ Dizdar sei eine „Sklavin des Westens“, sekundierte Emre Cemil Ayvali, Vorstandsmitglied der türkischen Regierungspartei AKP per Twitter. „Sie hat diesen Preis nicht für ihre Schauspielkünste bekommen, sondern für ihre hinterhältige Untreue und üble Nachrede gegen ihr Land.“ Dizdar sei so unfähig, dass ihr bei der Preisverleihung die Hände gezittert hätten, höhnte der Politiker, der Vizechef der PR-Abteilung bei der Regierungspartei ist, und verglich die Schauspielerin mit Terroristen.

„Sklavin des Westens“ – nicht mal das Kulturministerium gratuliert der Preisträgerin

Am Flughafen von Istanbul wurde Dizdar am nächsten Tag von Anhängern mit Beifall begrüßt. Auch in dem Wahllokal, wo sie ihre Stimme für die Stichwahl um das Präsidentenamt abgab, wurde sie mit Blumen empfangen und umjubelt. Offiziell gab es aber keine Glückwünsche ihres Landes für die international hoch angesehene Auszeichnung. Nicht einmal das Kulturministerium gratulierte der Schauspielerin, und die Ehefrau des Kulturministers handelte sich eine öffentliche Rüge aus der Regierungspartei ein, als sie Dizdar in den sozialen Medien privat zu dem Preis beglückwünschte. Pervin Ersoy wäre wohl lieber mit einem Oppositionsabgeordneten verheiratet, beschwerte sich Metin Külünk, ein weiteres AKP-Vorstandsmitglied, über die Gemahlin von Kulturminister Nuri Ersoy.

Türkische Frauenbewegung kann ihre Ermunterung gut brauchen

Selbst aus ihrem Kollegenkreis schlugen der Schauspielerin nicht nur Glückwünsche dafür entgegen, dass sie dem türkischen Film zu internationaler Ehre gereichte, sondern auch Missgunst und Missbilligung. Dizdar hätte sich lieber über die französische Besatzung von Algerien beschweren sollen, wenn sie schon einmal in Frankreich sei, sagte der Schauspieler Tamer Karadagli im Fernsehen. Dizdar spiele auch in populären TV-Serien im türkischen Staatsfernsehen, erinnerte Karadagli. „Es kann nicht richtig sein, im Staatsfernsehen aufzutreten, Millionen Herzen zu gewinnen und dann im Ausland einen so wichtigen Preis anzunehmen und sich dabei über den eigenen Staat, das eigene Land zu beklag

Präsidentschaftswahl in der Türkei Freie Bahn für Erdogan

Merve Dizdar lächelt nur, bedankt sich für den Applaus und schweigt zu den Vorwürfen. Sie kann das halbe Land hinter sich wissen – fast genau die Hälfte, wie sich bei der Präsidentenwahl zeigte, die mit 52 zu 48 Prozent ausging und die Spaltung der Gesellschaft zwischen pro- und anti-westlichen Lagern illustrierte. Die türkische Frauenbewegung kann ihre Ermunterung jedenfalls gut brauchen, zogen bei der Parlamentswahl vor zwei Wochen doch zwei neue Parteien mit explizit frauenfeindlichen Programmen in die Volksvertretung ein. Sie fordern die Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben und die Abschaffung des Gesetzes zum Schutz vor häuslicher Gewalt. „Herzlichen Glückwunsch, Merve Dizdar“, gratulierte Fidan Ataselim, die Generalsekretärin der Vereinigung gegen Frauenmorde. „Zusammen werden wir die wohlverdienten besseren Zeiten erreichen.“

2 Juni 2023 0 Kommentare
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