Prof Markus Linden wittert eine Querfront zwischen pro-Palästina Aktivisten und der AfD um die Erinnerungskultur abzuschaffen. Problem: Linden liefert keinen einzigen Beweis.
Markus Linden, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier, wittert in den Forderungen der Pro-Palästina-Szene eine Querfront mit der AfD um die Abschaffung des “Grundkonsens der deutschen Erinnerungspolitik”. Unter Querfront versteht man im Allgemeinen eine Koalition sich ansonsten gegenüberstehenden politischen Lagern, um gemeinsam für das gleiche Ziel zu kämpfen. Die Querfront, die Linden also zu sehen glaubt, ist die der Pro-Palästinensischen Linken und die der Rechtsextremen um AfD & Co um der Erinnerungskultur den Garaus zu machen.
Linden gehört zu dem Lager von Politikwissenschaftler*innen, die verzweifelt wie erfolglos versuchen den Status Quo gegen ‘Linksextreme’ und Rechtsextreme zu verteidigen. Anstatt jedoch den Status Quo durch die vermeintliche ideologische Überlegenheit des Liberalismus zu verteidigen neigt man eher dazu linke Kritiker*innen dadurch zu diskreditieren, indem man ihnen andichtet, wie die Rechtsextremen zu sein. Nach dem überraschende Erfolg der Linkspartei bei den Bundestagswahlen im letzten Jahr, die Wahl Zohran Mamdanis zum New Yorker Bürgermeister und die Teilnahme Zehntausender an der “All eyes on Gaza” Demo in Berlin betitelte Die Zeit einen Kommentar Lindens mit “Jetzt fangen die Linken an, die Rechten zu kopieren”. Anstatt sich jedoch mit der Kritik dieser ‘radikalen’ Linken auseinanderzusetzen, greifen Konkursverwalter des Status Quo lieber zu delegitimierenden Vergleichen, die es erlauben, sich aus Prinzip nicht mit linker Kritik an der eigenen Politik befassen zu müssen. Genau dem gleichen modus operandi folgt Linden in seinem neuesten Beitrag ebenfalls in der Zeit unter dem Titel “Hier entsteht eine neue Querfront”.
Der imaginierte Schlussstrich
Als Professor für die neue Rechte und Rechtspopulismus fällt es Linden leicht, den rechten Hass auf die deutsche Erinnerungskultur zu diagnostizieren und aufzuzeigen. Wir alle kennen schließlich Hirngespinste eines Alexander Gauland um den “Vogelschiss der Geschichte” oder das ständige Geheule von Björn Höcke über die “dämliche Bewältigungspolitik” und die Obsessionen der AfD generell zum Thema “Schuldkult”. Dass die AfD und die extreme Rechte die Erinnerungskultur abschaffen will, steht außer Frage. Zudem steht ebenfalls außer Frage, dass Martin Walser die Holocausterinnerung im Rückspiegel der Geschichte sehen wollte. Niemand bestreitet dies. Was Markus Linden jedoch imaginiert, ist, dass die pro-Palästinensische Linke in ihrer Kritik der Erinnerungskultur diese Positionen teilt.
Umso einfacher es für Linden ist, die obigen Beispiele für die Abschaffungsfantasien von Rechten zu finden, desto schwerer fällt es ihm, scheinbar ähnliche Beispiele von linken Kritikern der Erinnerungskultur zu finden. Man möchte Fragen wieso, denn schließlich hagelt es spätestens seit der Mbembe-Affäre 2020, der Katechismus Debatte 2021 und der documenta fifteen scharfe Kritik. Gab es in den letzten sechs Jahren keine Schriften, Statements oder Plakate von pro-Palästina Gruppen, die Linden eine Smoking Gun geliefert haben könnten? Wenn diese Querfront existieren sollte, wieso dann keine stichhaltigen Beweise?
Die Berlinale Querfront
Scheinbar ließ der Mangel an Beweisen keine andere Möglichkeit offen, als sich selbst einen Beweis zusammenzubasteln. In den Augen Lindens scheint niemand besseres Material für eine solche Bastelarbeit zu liefern als ein Palästinensisch-Syrischer Flüchtling, der es wagt auf offener Berlinale Bühne die deutsche Komplizenschaft an Israels Völkermord in Gaza anzusprechen. Wie hat es der Regisseur Abdallah Al-Khatib geschafft, in einer zweiminütigen Dankesrede die scheinbar offensichtliche Querfront von Linken und Rechten zu verraten?
Für Linder war das Auftreten Al-Khatibs der erste Beweis, dass die Linke wie die Rechte die Erinnerungskultur abschaffen will:
Die obligatorische Kufiya, das sogenannte Palästinensertuch, war als längliches Dreieck über die rechte Schulter des Redners gelegt und symbolisierte so die Umrisse von Israel und Palästina. Die palästinensische Fahne vom danebenstehenden Produzenten war wiederum so umgedreht, dass ihr rotes Dreieck parallel dazu verlief. Bei einem Filmteam, das sich schon qua Beruf mit sorgsamer Inszenierung auskennt, liegt deshalb folgende Deutung nahe: In diesem spezifischen Zusammenspiel von Tuch und Fahne symbolisierte man die Umrisse eines anzustrebenden Palästinas ohne Israel.
Wenn das noch nicht genug war, trug Al-Khatib auch noch einen Palästina Solidarity Button “dessen gemalte, aus einer Faust kommende Mohnblumen teilweise eine auffällige, diesmal nach unten weisende Dreiecksform aufwiesen. Das nach unten gerichtete rote Dreieck steht für die Zielmarkierung der Hamas.”
Abdallah Al-Khatib fotografiert von Paulo Portugal bei der Berlinale mit besagtem Button.
Wo genau auf diesem Button ein rotes ‘Hamas Dreieck’ zu sehen sein soll ist nicht klar, vielleicht ist Markus Lindens Sehstärke pro-Hamas und wollte ihm einen Streich spielen, ein Fall für RIAS!
Noch schlimmer als ein imaginierter Button war jedoch Al-Khatibs Forderung auf ein Recht palästinensischer Erinnerung was für Linden ein “perfider Sprechakt [war], der mittels unmissverständlicher Drohung letztlich alle Verständnis- und Eskalationsebenen ansteuerte”. Die ‘“Drohung”:
The long awaited day will come and when people ask you what happened, tell them Palestine remembers. We will remember everyone who stood with us and we will remember everyone who stood against us against our right to live with dignity…
Natürlich kann man ein “we will remember” als Drohung interpretieren, aber nur wenn man sich bei “everyone who stood against us” angesprochen fühlt.
Narzissmus und Israel
Die Empörung über das Einfordern von Erinnerung macht nur dann Sinn, wenn man Erinnern primär als einen Sühneakt der Täter oder deren Nachfahren begreift. Würde man es wagen, den Überlebenden des Holocausts das Gleiche vorzuwerfen, als diese sich geschworen haben, sich zu erinnern? Dürfen Opfer von Menschheitsverbrechen sich an die Täter und Mittäter dieser Verbrechen erinnern? Kann Erinnern ohne das Erinnern an die Täter überhaupt funktionieren? Kann man an Taten ohne Täter erinnern?
Die vermeintliche Verteidigung der Erinnerungskultur gilt überhaupt nicht der Erinnerung sondern einer partikularistischen Lektion aus dem Holocaust welche im Kern der deutschen Erinnerungskultur sitz. Denn die Dankesrede von Abdallah Al-Khatib sei eine “Attacke auf jenen politisch-kulturellen Grundkonsens dieser Republik, wonach Israel als Staat und sicherer Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden erhalten bleibt”. Ergo geht es nicht um die Erinnerung an sich, sondern für was diese Erinnerung ge- oder missbraucht wird.
Es geht einzig und allein um das narzisstische Verhältnis zur deutschen Vergangenheit und welche Lektionen mit aller Gewalt verteidigt werden müssen, komme was wolle. Linden kommt nicht umhin, sich indirekt einzugestehen, dass Al-Khatib nicht die Erinnerungspolitik an sich angegriffen hat, sondern die daraus resultierende bedingungslose Unterstützung Israels. Es ist kein Zufall, dass in siebzehn Paragraphen neunmal von Israel die Rede ist jedoch kein einziges mal von Jüdinnen und Juden, es sei denn es ist von “Israel als Staat und sicherer Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden” oder “dem jüdischen Staat” die Rede.
Al-Khatib hat in seiner Dankesrede mit keinem Wort die deutsche Erinnerungspolitik erwähnt. Er hat Deutschlands Unterstützung in Israels Völkermord angeprangert, etwas das in den Augen Linden schwerer zu wiegen scheint als die Rufe der AfD die Erinnerungskultur abzuschaffen.
Mitte-Rechts Querfront
Markus Linden hat es in einem 1900 Wort schwachen Kommentar nicht mit einem Satz geschafft aufzuzeigen wo Abdallah Al-Khatib, geschweige denn die pro-Palästina Linke die Abschaffung der Erinnerungskultur oder einen “Schlussstrich” gefordert hat. Im Gegenteil, die pro-Palästina Linke fordert die Einbettung des palästinensischen Schicksals nach 1948 in die geschichtliche Verantwortung Deutschlands und somit in die Erinnerungskultur. Gleiches wird aus der Lehre des deutschen Völkermords an den Herero und Nama gefordert. Es ist also genau das Gegenteil einer Abschaffung der Erinnerungskultur. Es ist eine Bereicherung und Erweiterung dieser.
Für Markus Linden scheint das jedoch der größte Affront zu sein, weil laut seiner singulären Obsession Israel im Mittelpunkt deutscher Erinnerungskultur stehen muss. In diesem Sinne ist er schon auf halbem Weg in Richtung AfD welche Israel nicht als Mittelpunkt deutscher Erinnerungskultur sondern als den einzigen Punkt der deutschen Verantwortung aus dem Holocaust sieht. Was wäre, wenn sich Linden zwischen einer Erinnerungskultur in der Israel keinen zentralen Punkt mehr einnimmt und einer Erinnerungskultur, deren einziger Fokus Israel ist, entscheiden müsste, was würde er wählen? Wäre er bereit, die Erinnerungskultur im Namen Israels zu opfern?
Was hier nach einem hypothetischen Szenario klingt, ist in Wirklichkeit schon passiert. Markus Linden & Co haben sich schon vor langer Zeit entschieden und zwar für das Letztere. Die deutsche Erinnerungskultur, wie wir sie kenne ist genau deswegen tot. Sie wurde von all jenen getötet die glaubten die Verteidigung von Israels Verbrechen bis hin zum Völkermord sei die moralische Lehre des Holocausts. Es war nur eine Frage der Zeit, wann dieser letale Partikularismus seine endgültige Wirkung zeigt.
Die Frage die sich jetzt stellt ist nicht ob sie wieder belebt werden kann, sondern was danach kommt. Wird man sich in einer Mitte-Rechts Querfront an der endgültigen Abschaffung der Erinnerungskultur im Namen Israels beteiligen oder gesteht man ein, dass Erinnerung nur als universelles Projekt eine Zukunft?
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Von Daniel G.B. Weissmann · Launched 4 years ago
Kritische Reflektionen und Kommentare zum deutschen Palästina-Diskurs