Das Meer fragt nicht nach Identität: Die ins Wasser gefallene Spur der Erinnerung

von Cumali Yağmur


       Von : Zeynep Hayir

Ein Schiff, ein Roman und die endlose Geschichte der Ausgrenzung des Menschen

Am 4. Juli stieß ich in der internationalen Presse auf eine Nachricht, die mich Jahre zurückversetzte.

Die Türkei hatte einem Kreuzfahrtschiff mit LGBTQ+-Passagieren das Anlegen in den Häfen von Kuşadası und Istanbul verweigert. Der Grund waren die moralischen Werte sowie die Sitten und Gebräuche der Gesellschaft. Das Schiff musste seine Route ändern. Auf den ersten Blick wirkte die Nachricht wie eine aktuelle diplomatische Entwicklung. Doch während ich diese Zeilen las, fand ich mich in Zülfü Livanelis Roman Serenad wieder. Dann sogar jenseits des Romans, in einer Tragödie, die die Geschichte verschwiegen hat. Und schließlich im Gedächtnis des Meeres. Denn manche Meere tragen nicht nur Schiffe. Sie tragen auch das Gewissen der Menschheit.

Livanelis Roman ist eine kraftvolle Erzählung, die die Vorstellungskraft der Literatur mit den realen Spuren der Geschichte vereint. Die Figuren des Romans erwachen durch die Feder des Autors zum Leben. Doch der Schmerz, den sie tragen, sickert aus den verschwiegenen Seiten der Geschichte hervor. Livaneli macht eine fast vergessene menschliche Tragödie durch die Sprache der Literatur wieder sichtbar.

Im Jahr 1942 wartete die Struma wochenlang vor Istanbul; sie hatte hunderte jüdische Flüchtlinge an Bord, die vor dem Terror der Nationalsozialisten flohen. Den Menschen wurde das Anlanden verweigert; sie wurden zwischen den politischen Kalkülen Englands, den verschlossenen Häfen der Türkei und dem Schweigen der Diplomatie ihrem Schicksal überlassen. Am Ende versank im dunklen Wasser des Schwarzen Meeres nicht nur ein Schiff. Auch das Gewissen der Menschheit versank in diesen Fluten.

Vierundachtzig Jahre sind vergangen. In denselben Meeren ist diesmal von einem anderen Schiff die Rede. Diesmal flohen die Menschen nicht vor dem Tod. Das Geschehene war nicht dasselbe wie bei der Struma. Aber wieder ging es um die Identität der Menschen; Menschen wurden aufgrund dessen, wer sie sind, diskutiert. In diesem Moment dachte ich nach: Bleibt Geschichte wirklich nur in der Vergangenheit? Oder reproduziert sich dieselbe Mentalität in unterschiedlichen Formen und mit anderen Begründungen immer wieder neu?

Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur eine Geschichte der Kriege. Sie ist zugleich eine Geschichte der Ausgrenzung (Othering). Vielleicht zog der Mensch seine erste Grenze an dem Tag, an dem er das definierte, was ihm nicht glich. Später wuchsen diese Grenzen im Namen der Religion, der Rasse, der Nation, der Konfession, der Klasse, der Ideologie und der Moral. Jede Ära schuf ihr eigenes „Anderes“. Zuerst wurde Angst erzeugt. Dann Hass. Danach folgten Diskriminierung, Unterdrückung, Vertreibungen, Konzentrationslager, Kriege und Massaker. Hinter den größten Leiden der Menschheit steckte meist derselbe Mechanismus.

Der Faschismus schuf zuerst ein „Anderes“. Ebenso der Kolonialismus. Der Rassismus. Der Imperialismus. Denn um ein Volk ausbeuten zu können, darf man es erst einmal nicht als sich selbst ebenbürtig betrachten. Um ein Land besetzen zu können, muss man es zuerst für barbarisch erklären. Um einen Krieg zu rechtfertigen, muss man zuerst einen Feind erschaffen. Ausgrenzung erzeugt nicht nur Hass. Sie erzeugt Macht. Sie erzeugt Dominanz. Sie erzeugt Ausbeutung. Und schließlich macht sie die Unterdrückung alltäglich.

Deshalb ist Ausgrenzung kein Zufall. Es ist ein gesellschaftlicher und politischer Mechanismus, der sich durch die Geschichte hinweg wiederholt. Die Ziele ändern sich. Die Begründungen ändern sich. Aber die Methode bleibt meist dieselbe. Gestern waren es die Juden. In einer anderen Zeit die Roma. In einer anderen Weltgegend die Ureinwohner. Migranten. Flüchtlinge. Menschen mit unterschiedlichem Glauben. Oppositionelle. Künstler. Journalisten. Komiker. Heute können an verschiedenen Orten der Welt unterschiedliche Identitäten zum Ziel derselben ausschließenden Sprache werden.

Ausgrenzung trifft nicht nur eine bestimmte Gruppe. Sie verengt auch die Atemräume der gesamten Gesellschaft. Denn jede Gesinnung, die keine Kritik erträgt, beginnt mit der Zeit, jede abweichende Stimme als Bedrohung wahrzunehmen: Humor, Kunst, Wissenschaft und das freie Denken. Der Mensch bringt erst das Wort zum Schweigen, dann einander.

Vielleicht bringt mich das Meer deshalb immer wieder auf denselben Gedanken. Das Meer fragt niemanden nach seiner Nationalität. Nicht nach der Religion. Nicht nach der Rasse. Nicht nach der Konfession. Nicht nach der Identität. Nicht nach der sexuellen Orientierung. Nicht nach der politischen Gesinnung. Jeder, der auf ihm schwimmt, ist einfach nur ein Mensch.

Häfen hingegen entscheiden. Manchmal öffnen sie ihre Tore. Manchmal schließen sie sie. Manchmal aus Angst, manchmal aus politischem Kalkül, manchmal aus Vorurteilen und manchmal durch bloßes Schweigen.

Vielleicht ist die Geschichte der Menschheit auch ein Stück weit die Geschichte der Häfen. Wer aufgenommen wurde. Wer abgewiesen wurde. Wer als „einer von uns“ galt. Wer zum „Anderen“ erklärt wurde.

Und vielleicht vergisst das Meer deshalb nicht. Denn das Meer vergisst niemals, was der Mensch dem Menschen angetan hat.


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