Von: Cumali Yağmur
In meinem heutigen Artikel werde ich mich auf die erneute demokratische Organisierung der kurdischen Bewegung in Europa und Deutschland konzentrieren.
Die kurdische Bewegung in Europa und Deutschland hat jahrelang die kurdischen Bewegungen in den vier Teilen Kurdistan, in denen die Europakurden lebten, materiell und ideell unterstützt. Die kurdische Bewegung hat in Europa eine sehr gute Solidarität gezeigt und organisatorisch die Solidarität in den vier Teilen Kurdistans materiell wie auch ideell getragen. Sie hat ihre Aufgaben stellenweise gut erfüllt, indem sie die Verbindungen zu allen vier Teilen Kurdistans materiell und ideell aufrechterhielt und organisierte.
In der neuen Periode hat die Niederlegung der Waffen durch die PKK in der Türkei nicht nur in Nordkurdistan (Türkei), sondern in allen vier Teilen Kurdistans eine neue Ära eingeleitet. Es ist gewiss, dass es nicht nur in Kurdistan, sondern im gesamten Nahen Osten zu neuen Veränderungen kommen wird. Während die Kurden von nun an in allen Teilen Kurdistans eine demokratische Organisierung in die Tat umsetzen, werden sie sich auch in Europa auf der Suche nach einer demokratischen Organisationsform neu strukturieren.
Es ist bekannt, dass die Organisierung für die in Europa lebenden Kurden nicht sofort nach ihren Wünschen verlaufen wird, da Europa bisher als Hinterland organisiert war. Da sie die Organisierung und die Bedingungen einer demokratischen Strukturierung sehr genau kennen, wissen sie aus eigener Erfahrung auch, dass Organisierung eine Frage des Kaders ist.
Es ist völlig natürlich, dass die Organisierung der Kurden in Europa einen sehr schwierigen und langen Prozess durchlaufen wird; Methoden und Wege müssen aufgegriffen und auf demokratische Weise strukturiert werden. Um sich unter den Bedingungen Europas und Deutschlands zu organisieren, müssen die Kader einer neuen Schulung unterzogen und entsprechend den europäischen Verhältnissen ausgebildet werden. Da die jüngere Generation in Europa geboren und aufgewachsen ist und die Sprache sowie die Kultur der Gesellschaft kennt, in der sie lebt, muss diese Generation in die Organisation eingebunden und der Prozess der erneuten demokratischen Strukturierung eingeleitet werden.
Die Organisierung dieser in Europa und Deutschland geborenen Generation in ihren jeweiligen Aufnahmeländern muss mit einem völlig neuen Verständnis sowie mit neuen Methoden und Wegen einer demokratischen Organisierung erfolgen. Sie müssen sehr gute Beziehungen zu allen demokratischen Parteien in Europa aufbauen und ihre Jugendlichen so ausbilden, dass sie in diesen Parteien Politik machen können.
Da die alten Organisationen und Vereine nicht von heute auf morgen aufgelöst werden können, sollte so gehandelt werden, dass das alte Organisationspersonal – selbst wenn es in der Europa-Organisation nicht mehr aktiv ist – die demokratische Organisierung der neuen Periode unterstützt. Das alte Personal muss seine Erfahrungen an die neue Generation weitergeben, damit diese die demokratischen Organisationsformen in den europäischen Ländern, in denen sie lebt, in die Praxis umsetzt.
In der neuen Phase werden naturgemäß einige Probleme entstehen, und diese dürfen nicht mit alten Methoden angegangen werden, sondern müssen demokratischer und entsprechend den europäischen Bedingungen behandelt werden. Solange sie in Europa eine einheimische, dauerhafte Organisierung schaffen, werden sie die Politik in den vier Teilen Kurdistans unterstützen und deren Stimme in Europa noch lauter zu Gehör bringen können.
Bei der Organisierung in Europa müssen sie zudem eine stärkere Solidarität mit anderen Migranten eingehen und gemeinsame Kampfformen entwickeln, um die gesellschaftlichen Probleme der Migranten gemeinsam zu lösen. Die organisatorische Erfahrung der kurdischen Bewegung besitzt die Kraft und die Praxis, um die demokratische Organisierung in Europa in dieser neuen Periode umzusetzen.
Es wird notwendig sein, dass die Kurden Eigentümer ihrer Vereinslokale werden und auch die neu zu gründenden Organisationslokale kaufen und in ihr Eigentum überführen. Solange diese Eigentumsverhältnisse geschaffen werden, dürfen sie nie vergessen, dass sie dauerhaft in Europa verwurzelt und ein unrennbarer Teil der Gesellschaft sind, in der sie leben.
Die hier geborenen und aufgewachsenen kurdischen Jugendlichen müssen begreifen, dass sie ein unverzichtbarer Teil dieser Gesellschaften sind. Bei den Neuorganisierungen müssen sich die bisherigen Organisatoren auf die neue Periode einstellen und die Initiative in die Hände der jungen Generation legen. In der neuen Phase wird die Neuorganisierung von denjenigen durchgeführt, die hier geboren und aufgewachsen sind und die hiesige Sprache und Kultur bestens kennen.
Diese Generation wird Kontakt zu allen demokratischen Parteien in Deutschland aufnehmen, sich aktiv mit ihnen organisieren und so nützlicher und sensibler für die kurdische Frage agieren können. In den demokratischen Organisationen der neuen Periode wird es notwendig sein, ohne Zeitverlust die Organisation zu überprüfen, die bestehende Struktur aufzurütteln und sie an die Bedingungen der neuen Phase anzupassen.
Je mehr sie eine dauerhafte, demokratische Organisierung unter europäischen Bedingungen verwirklichen, desto besser können sie auch ihre Solidaritätsaufgaben für Kurdistan erfüllen. Diese Solidarität wird Organisationsstrukturen hervorbringen, die dauerhaft und richtig in Europa organisiert sind, die europäischen Rahmenbedingungen politisch erfüllen und bei der Lösung ihrer Probleme in Europa erfolgreich sein werden.
Da das Verbot der PKK, die in der Türkei die Waffen niedergelegt hat, in Europa keinerlei Gültigkeit mehr besitzt, muss dieses Verbot bei der Neuorganisierung unverzüglich aufgehoben werden. Die deutsche Bundesregierung muss von den Methoden und Politiken der Kriminalisierung der Kurden so schnell wie möglich abrücken und das Verbot der PKK aufheben. Von der falschen Auffassung, die erneute demokratische Organisierung der Kurden in Europa durch Verknüpfung mit dem PKK-Verbot in die Enge zu treiben, muss umgehend Abstand genommen werden.
Die Tatsache, dass die Kurden seit Jahren ein unrennbarer, dauerhafter Teil der europäischen Gesellschaften sind, muss von allen Regierungen in Europa anerkannt werden. Im Sinne dieser Ausführungen müssen unverzüglich neue Organisationsformen entwickelt und demokratische Strukturierungen nach europäischen Maßstäben ohne Zeitverlust diskutiert werden. Diese Diskussionen müssen auf breiter Basis an der Basis geführt werden – unter Einbeziehung der in Europa geborenen und aufgewachsenen kurdischen Jugendlichen.