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Nazi-T-Shirts und Hassliteratur: Zentralrat der Juden kritisiert Amazon

von Fremdeninfo 13 Juli 2019
von Fremdeninfo 13 Juli 2019
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Nachrichten Politik Deutschland / Welt

Nazi-T-Shirts und Hassliteratur: Zentralrat der Juden kritisiert Amazon

  Von Imre Grimm
 Deutschland / Welt Onlinehändler vertreibt Propaganda Nazi-T-Shirts und Hassliteratur: Zentralrat der Juden kritisiert Amazon

„Der Jude als Weltparasit“: Amazon vertreibt Nazi-Mode für Hitlerfans, Wehrmachts-Souvenirs und antisemitische Hassliteratur – und will nichts dagegen tun. Der Zentralrat der Juden ist entsetzt: „Ein unerträglicher Zustand“.

„Auch ohne Sonne braun“: Produkte aus dem Angebot der Handelsplattform Amazon Marketplace. Quelle: Screenshot
 

Hannover

„Es kann nur einer siegen, und das sind wir“, steht auf dem Schild. Der Preis: 12,90 Euro. Darüber: das Eiserne Kreuz nebst goldenem Eichenlaub. Daneben steht der Hinweis: „Eine ideale Geschenkidee zu Weihnachten, zum Geburtstag, Namenstag, Valentinstag, Muttertag.“ Ein harmloser Wandschmuck? Der Satz stammt von Adolf Hitler. Es ist ein Zitat aus einer Rede, die er am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller hielt, am Vorabend des Jahrestags der Reichspogromnacht. Kurz nach der Rede explodierte im Saal die Bombe des Widerstandskämpfers Georg Elser. Acht Menschen starben. Hitler überlebte. Er hatte den Saal früher als geplant verlassen.

„Auch ohne Sonne braun“

Ein Hitlerzitat als nostalgischer Wandschmuck bei Amazon. Und es ist kein Einzelfall. Das Angebot des weltgrößten Onlinehändlers ist vollgepackt mit Nazi-Fanartikeln, Germanenprosa, NS-Symbolik und Reichsbürgerpropaganda. Beispiele: T-Shirts mit der Aufschrift „Auch ohne Sonne braun“ (14,99 Euro) oder „Nordische Wut kennt keine Gnade“ (15,99 Euro). Aufkleber mit Sprüchen wie „Ein Germanenherz schlägt in meiner Brust“ (2,99 Euro). Oder auch ein Buch mit dem ironisch-zynischen Titel „Wehr‘ Dich und Schlag‘ zu! – Handbuch zur Abwehr gewalttätiger Fachkräfte, Kulturbereicherer und Antifanten“ (20 Euro). Auf verfassungswidrige Symbole wird geschickt verzichtet. Die meisten Nachdrucke aus dem Dritten Reich tragen den beschönigenden Zusatz „Wissenschaftlicher Quellentext“. Formsprache, Inhalt und typografische Gestaltung aber sind eindeutig: Amazon ist der perfekte Ausrüster für Neonazis, Hitlerverehrer, Wehrmachtsnostalgiker – und Antisemiten.

 
 

So findet sich neben pseudowissenschaftlicher Hitlerverehrung auch ein Nachdruck der Broschüre „Judas: Der Weltfeind“ (10 Euro) im Amazon-Angebot, außerdem die Wehrmachts-Schrift „Der Jude als Weltparasit“ von 1944 (20 Euro) sowie der Band „Der Untermensch“ (20 Euro), herausgegeben 1942 vom SS-Hauptamt-Schulungsamt, nachgedruckt im politisch eindeutig verorteten Kleinverlag Der Schelm, der in Tschechien ansässig ist, aber deutsche Kundschaft im Visier hat. In dessen Katalog finden sich auch Titel wie „Die Auschwitz-Lüge“ – mit folgender Erläuterung: „Die zentralste Greuelpropaganda-Legende, um die gutgläubigen Deutschen schuldbewusst und abzockbar zu halten, ist das einer besonders perversen jüdischen Fantasie entsprossene Märchen von den Massenvergasungen im Arbeitslager Auschwitz.“

„Amazon trägt moralische und gesellschaftliche Verantwortung“

Josef Schuster ist erschüttert. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nennt es einen „unerträglichen und schon viel zu lange anhaltenden Zustand“, dass Amazon auf seiner Plattform auch antisemitische Bücher anbietet. „Wir erwarten von einem Unternehmen wie Amazon wie auch den zuständigen Behörden, dass sie solche Schriften eigenständig, aber zumindest auf Hinweis, auf ihre Rechtswidrigkeit prüfen, gegebenenfalls unverzüglich aus dem Verkehr ziehen und gegen die Urheber konsequent Strafanzeige stellen“, sagte Schuster dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Gleiches gelte für die „völlig inakzeptable Situation, dass über Amazon T-Shirts und Aufkleber vertrieben werden, die NS-Größen oder rechtes Gedankengut verherrlichen oder den Hass auf Minderheiten schüren“. Amazon trage „als eines der größten Unternehmen auf dem weltweiten Buch- und Onlinehandelsmarkt eine große moralische und gesellschaftliche Verantwortung“.

 

Amazon tritt dabei nicht als direkter Verkäufer auf. Die fragwürdigen Artikel sind bei Drittanbietern auf der konzerneigenen Verkaufsplattform Amazon Marketplace erhältlich – freilich über dieselbe Webseite. Und der Konzern kassiert mit.

Amazon ignoriert eigene Richtlinien

Weltkriegssouvenirs wie das Emaille-Blechschild „Regiments-Gefechtsstand“ (21,90 Euro), Erwin-Rommel-Sweatshirts (33,90 Euro) und unmissverständliche Anstecker („Zur Erinnerung an die große Zeit“, 7,50 Euro) – auch ein NPD-Gemeinderat aus der sächsischen Schweiz ist bei Amazon Marketplace aktiv. Erst im März hatte die Polizei den Versandhandel des Mannes durchsucht – und Gegenstände mit Sigrune beschlagnahmt. Das Symbol ist – doppelt verwendet – als SS-Zeichen bekannt. Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt wegen des Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Nach Angaben eines Sprechers laufen die Ermittlungen noch.

Das Unternehmen wollte trotz mehrfacher Anfrage nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen. „Wir kommentieren das nicht“, sagte Unternehmenssprecher Tobias Goerke dem RND. Auch zu der Frage, ob Amazon sein Sortiment überprüfen und nach Mitteln suchen werde, derlei Produkte auch aus dem Marketplace-Angebot zu entfernen, wurde nichts mitgeteilt. Dabei verstößt die Firma gegen ihre eigenen Richtlinien für Marketplace-Händler. Darin heißt es ausdrücklich: „Verboten ist das Anbieten von Artikeln, die den Nationalsozialismus oder verfassungswidrige Organisationen verherrlichen, unterstützen, gutheißen oder verharmlosen“ oder die „verrohend wirken, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizen sowie den Krieg verherrlichen“. Verboten sind laut Amazons eigenen Regeln auch „Objekte, die geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu stören und zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstacheln“.

Real hat einst anders reagiert

Tatsächlich ist Amazon ebenso wie Ebay nicht verpflichtet, sein gesamtes Angebot von sich aus auf Gesetzesverstöße zu überprüfen. Erst bei entsprechenden Hinweisen müssen die Konzerne aktiv werden. Haftbar zu machen ist dann freilich der Dritthändler. Auch ist der Handel mit derlei Ware nicht grundsätzlich verboten. Die Imagewirkung freilich ist verheerend: Offenbar überlagert die Aussicht auf mehr Umsatz Amazons Willen, als gesellschaftlich verantwortungsvoller Großkonzern aufzutreten. In den USA forderte jüngst der US-Kongressabgeordnete Keith Ellison Amazon-Chef Jeff Bezos auf, Naziprodukte aus dem dortigen Marketplace zu entfernen. Es gebe eine „erschütternde Menge“ von „Strampelanzügen, Spielzeugen, Flaggen, Faschingskostümen und Kleidung mit Nazi-, Neonazi-, antisemitischen und islamophoben Emblemen“ sowie „brutalen und rassis-tischen Motiven“.

Während Amazon schweigt, reagierte der Lebensmittelkonzern Real vor anderthalb Jahren geschickter: Kunden fielen damals zahlreiche Wehrmachtsartikel im Real-Onlineshop auf, darunter ein Tropenhelm des Afrikacorps und ein Aufnäher mit Totenkopf und Stahlhelm. In der Produktbeschreibung hieß es: „Mit diesem Aufnäher können Sie zeigen, dass Ihnen einige Ideen des Dritten Reichs auch heute noch gefallen.“ Real griff hart durch, entfernte die Produkte und sperrte die entsprechenden Drittanbieter. Der Real-Geschäftsführer entschuldigte sich persönlich via Twitter: „Sorry, keine böse Absicht. Shit happens“. Von Jeff Bezos dagegen war bisher noch nichts zu hören.

„Es besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf“

In früheren Stellungnahmen zog sich Amazon auf die Position zurück, der Konzern trete auf dem Marketplace ja nicht selbst als Verkäufer auf. Zentralratspräsident Schuster reicht das nicht: „Wer solche Waren auf dem Markt verbreitet, darf sich nicht darauf zurückziehen können, dass er lediglich ,Anbieter‘ ist und damit keine Verantwortung hat“, sagte er. Das gelte „gerade in der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Lage“. Für ihn bestehe „auf jeden Fall Handlungsbedarf“.

Von Imre Grimm

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