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Terrorziel nicht erreicht: Die Kölner Keupstraße 20 Jahre danach

von Cumali Yağmur 3 Juni 2024
von Cumali Yağmur 3 Juni 2024
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Terrorziel nicht erreicht: Die Kölner Keupstraße 20 Jahre danach

 

15.05.2024, Köln: Meral Şahin, Vorsitzende der IG Keupstraße, steht in der Keupstraße. Am 9. Juni jährt sich das Nagelbombenattentat des NSU zum 20. Mal. Rückblickend lässt sich sagen: Die Terroristen haben ihr Ziel nicht erreicht. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

 
 
Vor 20 Jahren verübte der rechtsextreme NSU einen Anschlag auf die türkisch geprägte Keupstraße in Köln. Doch das multikulturelle Leben konnten sie damit nicht zerstören, im Gegenteil: Heute ist die Straße offener denn je.

Neulich hat ein Arzt bei „Meral Deko“ in der Kölner Keupstraße angerufen. Ein „biodeutscher“ Arzt, der um die Hand seiner türkischstämmigen Freundin anhalten wollte. „Er hatte null Ahnung, was man alles braucht“, lacht Dilara, die als Verkäuferin in dem Geschäft für Hochzeitszubehör arbeitet. „Deshalb hat er gefragt: „Könnt ihr mir helfen?““ Und ja, das konnten sie. Dilara ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, dass sich beide Kulturen – die türkische und die deutsche – in ihren Augen immer weiter vermischen. 20 Jahre nach einem rechtsextremen Anschlag in der Nachbarschaft ist das keine Selbstverständlichkeit.

In der Keupstraße im Stadtteil Mülheim hatten die beiden NSU-Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 9. Juni 2004 eine mit Nägeln gefüllte Bombe gezündet. Durch die Explosion wurden 22 Menschen verletzt, einige lebensgefährlich. Die Polizei vermutete die Urheber der Tat danach lange Zeit in der türkischen Community. In Richtung Rechtsextremismus wurde nicht ermittelt. Erst nachdem Mundlos und Böhnhardt 2011 tot aufgefunden worden waren, wurde deutlich, dass die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ für die Tat verantwortlich war.

Ab 2000 verübte der NSU jahrelang unerkannt mindestens zehn Morde in ganz Deutschland. Opfer waren neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin. Zu den Tätern gehörte neben Mundlos und Böhnhardt auch Beate Zschäpe, die 2018 vom Münchner Oberlandesgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Wie groß das Netzwerk der Gruppe ist, gehört noch zu den Rätseln, vor dem die Ermittler stehen.

Erinnern ja, aber auch aufs Hier und Jetzt schauen

Im Rückblick von 20 Jahren lässt sich eines feststellen: Falls die Rechtsterroristen den multikulturellen Charakter der Keupstraße zerstören wollten, falls es ihr Ziel war, Bevölkerungsgruppen dauerhaft gegeneinander aufzustacheln, so ist ihnen das nicht gelungen. Die Straße, in der sich seit Jahrzehnten türkische Restaurants und Geschäfte konzentrieren, wirkt heute offener und einladender als vor 20 Jahren. Man kommt jetzt schnell mit allen möglichen Leuten ins Gespräch.

Einer der ältesten Läden ist die Feinkonditorei Özdağ, geführt von sieben Geschwistern. Ihr Vater, Hasan Özdağ, kam 1971 mit nur einem einzigen Koffer aus der Türkei nach Deutschland. Anfangs verkaufte er Hefe-Kringel an Haustüren mit türkischen Namen auf dem Klingelschild, später gründete er das Geschäft. Mittlerweile ist die Konditorei bekannt für ihre mehrstöckigen Hochzeitstorten, die schon lange nicht mehr nur an türkische Hochzeitsgesellschaften geliefert werden, sondern auch zu vielen anderen Anlässen. Manche Kunden bestellen Torten, auf denen in zehn verschiedenen Sprachen „Herzlichen Glückwunsch“ steht.

                                              

ARCHIV – 09.06.2004, Köln: Ein Polizist sichert die Spuren einer Explosion in der Keupstraße. Am 9. Juni 2004 hatten NSU-Mitglieder vor einem Friseursalon eine Nagelbombe gezündet. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Foto: Federico Gambarini/dpa

Mitinhaberin Hülya Özdağ sagt, dass sie kaum noch an das angestellte Fahrrad mit der Nagelbombe denkt, wenn sie die Straße entlanggeht. „Irgendwann muss man auch mit dem Vergangenen abschließen“, ist ihre Überzeugung. „Ich finde schon wichtig, dass nicht in Vergessenheit gerät, was passiert ist und wie das Ganze aufgearbeitet worden ist, dass das alles nicht so gelaufen ist, wie man es sich gewünscht hätte. Aber ich finde, man sollte sich über das Hier und Jetzt Gedanken machen.“ Damit meint sie insbesondere den Höhenflug der AfD.

Der Erfolg der AfD hat auch eine gute Seite

Meral Şahin, die Inhaberin von „Meral Deko“, ist seit elf Jahren Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, in der sich die ortsansässigen Geschäftsleute zusammengeschlossen haben. In ihren Augen hat der Erfolg der AfD ein Gutes: Es könne jetzt niemand mehr bestreiten, dass es auch in Deutschland ein Problem mit Rassismus gebe. „Viele deutsche Freunde haben das lange verleugnet. Jetzt ist es sichtbar. Für alle. Und das ist eine Chance für uns, gemeinsam dagegen zu agieren.“

Ein solches gemeinsames Agieren war vor zehn Jahren das Fest „Birlikte – Zusammenstehen“. Zehntausende kamen damals – nicht nur, um des Anschlags zu gedenken und über Rassismus zu diskutieren, sondern auch, um Toleranz und Offenheit zu feiern. „Wir haben dadurch gelernt, dass Begegnung das Wesentliche ist, was hilft“, sagt Şahin. „Wenn sich Mensch und Mensch gegenübersitzen und miteinander ins Gespräch kommen, dann ist das nachhaltig.“ Am 20. Jahrestag des Anschlags soll es eine Neuauflage des Kulturfestivals geben, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will kommen.

Etwas Besonderes ist auch das gemeinsame Fastenbrechen am Ende des Ramadans: Dann stehen auf der Keupstraße Tische in einer unabsehbar langen Reihe aneinander, über Hunderte Meter, und etwa 2500 Besucher lassen sich zum Essen und Schwatzen nieder. Jeder und jede ist willkommen, man muss kein Muslim sein. Bezahlt wird dieses wohl größte Open-Air-Fastenbrechen in Nordrhein-Westfalen von den Geschäftsleuten der Keupstraße. „Das ist unsere Antwort auf den 9. Juni 2004“, sagt Meral Şahin nicht ohne Stolz.

Umgang mit „eigenem Rassismus“

In den Jahren nach dem Anschlag hätten die Anwohner auch gelernt, „mit dem eigenen Rassismus umzugehen“, sagt sie selbstkritisch. Gemeint sind „die kleinen feinen Ausgrenzungen im Alltag“, etwa gegenüber Nachbarn, die aus einer anderen Region in der Türkei stammen. „Man hat das nie ausgesprochen, aber man hat den anderen einfach gemieden, weil zum Beispiel jemand behauptet hat „Der Kurde mag den Türken nicht“ oder „Der Türke mag den Kurden nicht“. Heute haben wir ein viel besseres Miteinander.“

Wirtschaftlich hat sich die Straße vor allem in dem Punkt verändert, dass es heute mehr Juweliere gibt als vor 20 Jahren. Sie ist noch mehr zu einer Hochzeitsstraße geworden, wobei große Brautmodengeschäfte fehlen, weil die Geschäftsräume in den schmalen Gründerzeit- und Nachkriegshäusern dafür zu klein sind. Weit über die Grenzen von NRW hinaus bekannt ist die Restaurantszene. „Die Restaurants mit dem sehr authentischen Essen, dem Geschmack der Heimat sozusagen, sind unverändert geblieben, aber durch die Schmuckbranche ist die Straße immer heller, bunter, beleuchteter geworden“, sagt der Juwelier Muhammed Özkan.

Schade sei nur, dass das deutsche Kundenklientel immer noch überschaubar sei: „Viele Kölnerinnen und Kölner sind noch nie in der Keupstraße gewesen, dabei ist sie eine Attraktion. Es gibt in Deutschland viele Straßen, in denen sich türkische Geschäfte konzentrieren. Aber so etwas wie die Keupstraße, das findet man nicht noch einmal.“

dpa/dtj

 
 
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