Von: Dtj-online
Eine aktuelle Kampagne des Bundesjustizministeriums zeigt unterschiedliche Frauen. Doch die Auswahl eines einzelnen Motivs kann vor Ort genau das Klischee erzeugen, das staatliche Kommunikation vermeiden mus
Als ich kürzlich durch ein Dorf in Brandenburg fuhr, fiel mir ein großformatiges Plakat des Bundesjustizministeriums auf. Darauf ist eine Frau mit Kopftuch zu sehen. Neben ihr steht eine gezeichnete Unterstützerin, darüber die Botschaft: „Dein Mut findet Gehör.“ Das Plakat verweist auf Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt. Mein erster Gedanke war: Warum wird ausgerechnet hier dieses Bild gezeigt – in einer Ortschaft, in deren Straßenbild kopftuchtragende Frauen kaum sichtbar sind?
Diese Irritation verdient eine genauere Prüfung. Denn die bundesweite Kampagne „Dein Mut findet Rückhalt“ besteht nicht nur aus diesem Plakat. Das Ministerium und die verantwortliche Agentur haben mehrere Motive entwickelt. Sie zeigen unter anderem eine Frau vor Gericht, eine Frau in einer Polizeidienststelle und eine Frau in einer Arztpraxis. Diese Frauen tragen kein Kopftuch. Hinzu kommt ein Motiv mit einer Mutter und ihrem Kind. Die Kampagne als Ganzes setzt häusliche Gewalt also nicht mit Musliminnen gleich. Das muss fairerweise festgehalten werden.
Doch damit ist das Problem nicht erledigt. Kommunikation wirkt nicht nur durch das Gesamtkonzept, das in Ministerien und Agenturen vorgestellt wird. Sie wirkt durch das konkrete Bild, das Menschen an einer Bushaltestelle, an einer Straße oder auf einem Dorfplatz sehen. Die meisten Betrachter kennen weder das Kampagnenkonzept noch die anderen Motive. Sie sehen dieses eine Plakat – und verbinden seine Bildsprache mit der genannten Botschaft.
Wenn ein einzelnes Motiv zum Klischee wird
Wenn in einer brandenburgischen Ortschaft ausgerechnet die kopftuchtragende Frau zum sichtbaren Gesicht häuslicher Gewalt wird, kann eine problematische Assoziation entstehen: Gewalt gegen Frauen erscheint dann unterschwellig als Problem muslimischer oder migrantischer Familien.
Ich unterstelle niemandem, dass dies beabsichtigt war. Aber gute staatliche Kommunikation muss sich nicht nur an ihren Absichten messen lassen. Sie muss auch ihre mögliche Wirkung prüfen.
Eine Frau mit Kopftuch in einer solchen Kampagne zu zeigen, ist selbstverständlich legitim und sogar notwendig. Auch muslimische Frauen erleben Gewalt und müssen von Hilfsangeboten erreicht werden. Sie aus öffentlichen Kampagnen auszublenden, wäre keine Lösung. Vielfalt bedeutet, dass Frauen mit Kopftuch ebenso sichtbar sein dürfen wie Frauen ohne Kopftuch.
Entscheidend ist jedoch der Zusammenhang. Wird Vielfalt über mehrere Motive tatsächlich sichtbar? Werden die unterschiedlichen Plakate an denselben Orten oder wenigstens in derselben Region gezeigt? Oder wird ein einzelnes Motiv so platziert, dass es vorhandene Vorurteile unbeabsichtigt bestätigt?
Häusliche Gewalt ist kein religiöses, ethnisches oder migrantisches Sonderproblem. Sie kommt in Städten und Dörfern, in Einfamilienhäusern und Mietwohnungen, in wohlhabenden und einkommensarmen Familien vor. Genau darauf weist auch das Bundesjustizministerium in seiner eigenen Kampagnenkommunikation hin.
Gewalt ist kein Problem einer bestimmten Herkunft
Trotzdem erleben wir in öffentlichen Debatten immer wieder eine kulturelle Verkürzung. Wird eine Frau von einem muslimischen oder migrantischen Mann angegriffen, werden Religion, Herkunft und vermeintliche kulturelle Traditionen schnell zum Teil der Erklärung. Geschieht eine vergleichbare Tat in einer nicht migrantisch geprägten Familie, ist dagegen meist von einem Beziehungsdrama, einer Familientragödie oder einem persönlichen Konflikt die Rede.
Diese unterschiedlichen Maßstäbe verhindern eine ehrliche Auseinandersetzung. Selbstverständlich müssen patriarchale Vorstellungen, religiös begründete Unterordnung und Gewalt in migrantischen und muslimischen Milieus klar benannt werden. Keine Religion und keine kulturelle Tradition darf als Entschuldigung dienen. Aber ebenso falsch ist es, häusliche Gewalt durch eine einseitige Bildsprache bestimmten Bevölkerungsgruppen zuzuschreiben.
Gewalt gegen Frauen entsteht dort, wo Männer Liebe mit Kontrolle verwechseln, Trennung nicht akzeptieren, Frauen als Besitz behandeln oder glauben, über deren Leben entscheiden zu dürfen. Solche Vorstellungen kennen unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen. Ihr Kern ist jedoch nicht das Kopftuch, sondern ein patriarchales Verständnis von Macht und Abhängigkeit.
Auch die Platzierung ist Teil der Botschaft
Gerade deshalb trägt ein Bundesministerium eine besondere Verantwortung. Es genügt nicht, vielfältige Motive produzieren zu lassen. Auch die Verteilung der Bilder gehört zur Botschaft. Das Ministerium sollte offenlegen können, nach welchen Kriterien die einzelnen Plakate regional eingesetzt werden. Werden die Motive systematisch gemischt? Wird ihre Wirkung vor Ort überprüft? Gibt es eine Sensibilität dafür, welche Assoziationen ein Bild in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld auslösen kann? Eine Kampagne darf ihre Qualität nicht allein an Reichweite messen. Entscheidend ist, welche Vorstellungen nach diesen Kontakten in den Köpfen bleiben.
Die Lösung besteht nicht darin, das Motiv mit der kopftuchtragenden Frau zu entfernen. Die Lösung besteht darin, die gesellschaftliche Vielfalt des Problems auch vor Ort sichtbar zu machen. Wo mehrere Flächen vorhanden sind, könnten unterschiedliche Frauen gezeigt werden. Digitale Werbeträger könnten die Motive abwechseln. Begleitende Texte könnten noch deutlicher sagen: Häusliche Gewalt kann jede Frau treffen – unabhängig von Herkunft, Religion, Bildungsstand oder Wohnort.
Die Kampagne verfolgt ein wichtiges Ziel: Frauen sollen wissen, dass sie nicht allein sind und Unterstützung finden können. Dieses Ziel verdient Anerkennung. Gerade deshalb muss die Bildsprache sorgfältig sein. Ein Bundesministerium darf nicht nur fragen, ob ein einzelnes Motiv gut gestaltet ist. Es muss auch fragen, welches gesellschaftliche Bild durch seine Platzierung entsteht.
Häusliche Gewalt trägt nicht immer ein Kopftuch. Sie trägt auch keinen bestimmten Nachnamen, keinen Bildungsabschluss und keine Postleitzahl. Wer Frauen wirksam schützen will, muss das Problem in seiner ganzen gesellschaftlichen Breite zeigen.