Rassismus erkennen: „Sobald wir zum Beispiel schwarzen Menschen Eigenschaften zuschreiben“

von Fremdeninfo

  Artikel von Mareike Hahn / Kreiszeitung 

Experte im Interview

Birol Mertol ist Bildungsreferent der Fuma Fachstelle Gender und Diversität Nordrhein-Westfalen und kommt nach Verden. Im Interview erklärt er, warum er Begriffe wie Zigeunersauce für diskriminierende Sprache hält – und warum wir alle ein bisschen rassistisch sind.

Verden – Beiläufige Bemerkungen oder offene Beleidigungen: Rassismus ist allgegenwärtig. Wie man ihn erkennt und am besten darauf reagiert, weiß Birol Mertol. Der Bildungsreferent der Fuma Fachstelle Gender und Diversität Nordrhein-Westfalen leitet am Mittwoch, 19. August, in Verden einen Workshop-Tag zum Thema. Freie Plätze gibt es nicht mehr, aber im Interview hat der Experte Tipps für alle parat, die das Thema interessiert:

Herr Mertol, sind wir alle ein bisschen rassistisch?

Ja, sind wir. Manche Menschen entscheiden sich bewusst, rassistisch zu sein, um andere Menschen abzuwerten, zu entmenschlichen, was sogar bis zur Tötung geht. Es gibt aber auch einen unbewussten Rassismus, weil Rassismus sich überall im Alltag befindet. Rassismus reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Früher und heute ging und geht es um Macht über Menschen, also darum, eine Gesellschaftsordnung zu legitimieren, bei der manche Menschen profitieren. Früher hat man diese gewaltsamen, ungerechten Praxen mit vermeintlichen biologischen Aspekten erklärt. Das ist aber absolut nicht haltbar. Heute wird mehr vom kulturellen Rassismus gesprochen, weil es keine „Rassen“ gibt. In diesem Zusammenhang heißt es dann, dass die Kultur zum Beispiel von muslimischen Menschen mit unserer Kultur nicht vereinbar ist, oder es wird verallgemeinert: „Die sind halt alle so!“

Wo fängt Rassismus an?

Sobald wir anfangen, zum Beispiel Schwarzen Menschen aufgrund ihres Äußeren Eigenschaften zuzuschreiben. Dabei wird die Individualität von Persönlichkeiten unsichtbar gemacht und verallgemeinert, weil ein Verständnis vorherrscht, dass alle Menschen eines bestimmten Merkmales – zum Beispiel Schwarze Menschen – so sind. Dies können wir übertragen zum Beispiel auf muslimische Menschen, Sinti*zze und Rom*nja, jüdische oder asiatische Menschen. Nur hier ändern sich aufgrund der Geschichte die zugeschriebenen Wesensmerkmale. Rassismus fängt also an, wenn Menschen ausschließlich oder überwiegend durch eine „kulturelle Brille“ gelesen werden und die eigentlichen Fähig- und Fertigkeiten in der Bewertung untergehen und herabgesetzt werden. Studien belegen, dass zum Beispiel in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt muslimische Namen besonderen Zuschreibungen unterliegen. So kommt es vor, dass aufgrund von Vorurteilen ein Mohammed – obwohl er dieselben Fehler in einem Diktat hat wie ein Stefan – die schlechtere Note bekommt. Oder eine Sandra Bauer im Bewerbungsprozess eher eine Rückmeldung bekommt als eine Meryem Öztürk, obwohl beide die gleichen Qualifikationen mitbringen.

Schon lange sind Begriffe wie Tomaten-Paprika-Sauce und Schokokuss etabliert, trotzdem sagen viele Menschen noch Zigeunersauce oder Negerkuss. Ist das ein Problem?

Definitiv. Das ist ein Problem aus mehreren Gründen. Beide Begriffe sind Fremdbezeichnungen, die eine abwertende, entmenschlichende Begriffsgeschichte nach sich ziehen, welche mit Tod, Vernichtung, Versklavung und Enteignung zu tun hat. Im Nationalsozialismus wurden Sinti*zze und Rom*nja mit einem „Z“ in den Konzentrations- und Vernichtungslagern tätowiert zur Kennzeichnung für eine rassische Minderwertigkeit. Das N-Wort ist eine rassistische Fremdbezeichnung, die im Zuge des Kolonialismus und der Versklavung von Schwarzen Menschen entstand. Ich denke, wir alle können Sprache so nutzen, dass die Würde des Menschen nicht verletzt wird. Toni Morrisson, die erste Schwarze Literaturnobelpreisträgerin, sagte mal: „Diskriminierende Sprache repräsentiert nicht Gewalt, sie ist Gewalt, sie repräsentiert nicht die Grenzen des Wissens, sie begrenzt Wissen.“

Jeder kennt jemanden, der hinter vorgehaltener Hand über „die Ausländer“ schimpft. Wie ist die richtige Reaktion?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf Abwertungen gegenüber „Ausländer*innen“ zu reagieren. Ich würde mich erst mal konkret auf mein Gegenüber beziehen. Meint es eine bestimmte Person, die sich danebenbenommen hat? Dann kann ich sagen: „Ja, ich fand auch, dass X nicht korrekt gehandelt hat, das hat aber nichts mit seiner Herkunft oder seinem Status zu tun!“ Wenn neben mir jemand generell über „die Ausländer“ schimpft, könnte ich die Frage stellen: „Wie meinst du das?“ Oder ich würde sagen, „die Ausländer“ gibt es genauso wenig wie „die Deutschen“. Oder ich würde sagen, dass ich mich mit der Bemerkung sehr unwohl fühle, weil wir mit solchen oder ähnlichen Aussagen Hass und Hetze schüren. Wichtig ist vor allem, sich gegen rassistische Äußerungen zu positionieren und diese nicht wegzulächeln oder unkommentiert zu lassen. Denn sonst wird das Ganze immer mehr bagatellisiert und normalisiert.

Wie lassen sich Vorurteile abbauen?

Erst mal können wir alle bei uns selbst anfangen und unsere Bilder über Menschen und Gruppen hinterfragen: Ist das wirklich so? Ich glaube, der beste Weg ist es, Menschen kennenzulernen, gerade die, mit denen ich in meinem Umfeld am wenigsten Kontakt habe. Wir können uns zum Beispiel bei Social Media Posts von den vielen engagierten Menschen anschauen, die sich täglich mit Antidiskriminierung auseinandersetzen. Letzten Endes haben alle Menschen gleiche Bedürfnisse. Sie wollen anerkannt, respektiert, gleichwertig und nett behandelt werden. Damit können wir sofort anfangen und daran arbeiten, Menschen weniger voreingenommen und freundlicher und wohlwollend zu begegnen.

Wo ist die Grenze zwischen rassistisch und rechtsextremistisch?

Während rassistische Denkweisen und Strukturen Teil der gesamten Gesellschaft sind – bewusst wie unbewusst – ist eine rechtsextreme Einstellung eine umfassende politische Ideologie, die nicht von allen Menschen geteilt wird. Rechtsextrem sind Menschen, die die freiheitlich-demokratische Ordnung umstürzen wollen und nach einer autoritären Ordnung streben. Kernbestandteil der Ideologie ist auch ein ausgeprägter völkischer Nationalismus. Oft kommen weitere Ungleichwertigkeitsideologien wie Antisemitismus, Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus dazu. Zusammenfassend können wir sagen: Rassistisch können Menschen sein, ohne rechtsextrem sein zu müssen, aber Rechtsextreme sind zwangsläufig auch rassistisch.

Mehrere Landesverbände der AfD gelten als gesichert rechtsextrem oder als Verdachtsfall. Trotzdem, oder deswegen, hat die AfD in den vergangenen Jahren stark an Zustimmung gewonnen. Wie lässt sich dieser Trend umkehren?

Diese Frage wird seit vielen Jahren und von vielen Wissenschaftler*innen diskutiert. Leider haben aufgrund von parteipolitischen und Profit-Interessen demokratische Parteien und Akteur*innen in den letzten Jahren Vertrauen eingebüßt. Ich würde mir wünschen, dass wir Debatten über durchaus komplexe gesellschaftliche Herausforderungen konstruktiv führen und nicht einseitig diskutieren. Wir brauchen vielseitige Perspektiven. Wir haben ein wunderbares Grundgesetz, das Rassismus als Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung sieht und verbietet. Wir müssen es nur auf struktureller, institutioneller und individueller Ebene umsetzen. Und wir müssen kritisch gegenüber Informationen sein. Inzwischen wird bewusst mit Desinformationen gearbeitet, die gerade über Social Media geteilt werden, Gesellschaftsgruppen spalten und Hass und Hetze schüren.

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