Von:Stefanie Helbig/ Haz
Der Verein Integrationsarbeit hat mehr als 1,2 Millionen Euro Förderung bekommen – aber das Geld wurde möglicherweise für private Zwecke ausgegeben
Ein kleiner Verein am Kronsberg steht im Mittelpunkt eines Falles, der die Staatsanwaltschaft Hannover beschäftigt und derzeit ein überregionales Medienecho auslöst. Der Verein Integrationsarbeit Kronsberg e.V., gegründet von der ehemaligen SPD-Ratsfrau Hülya Iri sowie ihren Kindern Esma und Emre B., hat mehr als 1,2 Millionen Euro Fördergeld zumeist aus öffentlichen Kassen bewilligt bekommen – und dennoch kürzlich Insolvenz angemeldet. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen Subventionsbetrugs und Untreue gegen Iri und ihre Tochter Esma B. Es gilt die Unschuldsvermutung. Was sind die Hintergründe?
Warum hat Iri einen
Integrationsverein am
Kronsberg gegründet?
Im Neubauviertel Kronsberg leben viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Immer wieder hat es in der Vergangenheit Probleme mit aggressiv auftretenden Jugendlichen gegeben. Die Idee, in dem Quartier einen Verein ins Leben zu rufen, der Geflüchteten hilft, und der Projekte für Jugendliche organisiert, war also nicht abwegig. Iri hat den Verein Integrationsarbeit Kronsberg e.V. im September 2018 gegründet und richtete Büroräume in einem ehemaligen Yogastudio am Jakobskamp ein.
Wie hat sich der Verein
finanziert?
Iris Integrationsverein hat Fördergeld für einzelne Projekte bekommen, vor allem vom Bund und vom Land, aber auch aus der Regionskasse, von der Volksbank und der Lotto Sport Stiftung. So hat das Land in den Anfangsjahren des Vereins eine Summe von rund 296.000 Euro bewilligt, um eine Beratung von Zugewanderten zu finanzieren. Später kam noch eine Summe von rund 55.000 Euro dazu für das Projekt „Sport Kronsberg – Kampf gegen Antisemitismus“. Die EU förderte das Projekt „Respekt Café Kronsberg“ mit einer knappen Million Euro.
Sind solche hohen
Fördersummen üblich?
Für einen Verein mit zwei Mitarbeitenden, dessen Arbeit sich auf den Stadtteil konzentriert, sind solche Fördersummen ungewöhnlich. Zum Vergleich: Der stadtweit engagierte Verein Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte bekommt aus der Stadtkasse rund 72.000 Euro jährlich.
Hat der Verein auch Geld von der Stadt Hannover
bekommen?
Iri hat zwar keine Projektförderung aus der Stadtkasse bekommen, wohl aber Empfehlungsschreiben, die Anträge des Vereins auf Fördergeld bei anderen staatlichen Stellen unterstützten. Zudem hat sich Iri für ihre Ratsarbeit Verdienstausfälle erstatten lassen. Die Stadt zahlt monatlich bis zu 2400 Euro, wenn Ratsleute aufgrund ihrer ehrenamtlichen Arbeit ihrem Job nicht nachgehen können und Einkommenseinbußen haben. Iri soll diese Erstattungsgrenze häufig erreicht haben.
Welche Vorwürfe
stehen im Raum?
Gegen Iri und ihre Tochter Esma B., derzeit Vereinsvorsitzende, ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Der Verein soll das Fördergeld ganz oder teilweise nicht für die beantragten Zwecke verwendet haben, sondern für private Belange. Grundlage bilden drei Strafanzeigen: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat Strafanzeige wegen Subventionsbetrugs eingereicht. Dabei geht es um eine Summe von rund 740.000 Euro. Eine zweite, anonyme Anzeige bezieht sich auf den Verdacht, dass Iri mit Vereinsgeld Immobilien in Hannover und der Türkei gekauft haben soll. Zudem hat die Stadt Hannover Strafanzeige gestellt, weil sie den Verdacht hat, dass Iri sich zu viel Geld als Verdienstausfall für ihre Ratsarbeit erstatten ließ.
Warum hat der Verein
Insolvenz angemeldet?
Ende März hat der Verein, mutmaßlich die Vorsitzende Esma B., Insolvenz angemeldet. Ein paar Wochen zuvor hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) den Geldhahn zugedreht, den Förderbescheid einkassiert und eine Summe von rund 740.000 Euro zurückgefordert. Da der Verein dem Vernehmen nach über kein nennenswertes Vermögen verfügte, blieb nur der Weg in die Insolvenz. Mit der vorläufigen Insolvenzverwaltung ist Rechtsanwalt Joachim Heitsch betraut. Der will seinerseits Licht ins Dunkel bringen. Das Prüfen der Geldflüsse soll zwei bis drei Monate dauern.
Welche Projekte hat der
Verein mit dem Fördergeld wirklich umgesetzt?
Das ist schwer zu sagen, vor allem weil die Betroffenen, Hülya Iri und ihre Tochter, trotz Nachfragen dieser Redaktion beharrlich schweigen. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer aus dem Viertel berichten, dass in Iris Verein „wenig los“ gewesen sei. Zudem unterhielt der Verein keine eigene Website, sodass Angebote für Migranten kaum sichtbar waren. Große Veranstaltungsreihen wie die vom Land geförderten Sportkurse haben keine Spuren hinterlassen. Recherchen dieser Redaktion haben ergeben, dass weder Sportvereine noch Stadtverwaltung von Fußballturnieren und Kampfsportkursen wussten.
Welche Verbindungen hat der Verein zur SPD?
Gründerin Hülya Iri ist SPD-Mitglied, ebenso ihre Tochter Esma und ihr Sohn Emre B. Sie alle sind in der SPD gut vernetzt. Iri sitzt seit 2016 im Rat der Stadt Hannover, ist Vize-Fraktionschefin und Sprecherin für Internationales. Inzwischen hat sie ihr Ratsmandat niedergelegt. Ihre Tochter ist seit 2024 Co-Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) in der Region Hannover. Jetzt hat sie den Vorsitz niedergelegt. Emre B. war im ehrenamtlichen Wahlkampfteam der Jusos engagiert, inzwischen hat er auf Druck der Partei das Team verlassen. Iri und ihre Kinder lassen jetzt ihre SPD-Mitgliedschaft ruhen. Damit kommen sie einem drohenden Parteiordnungsverfahren zuvor.
Hat die SPD den Integrationsverein unterstützt?
Die SPD betont, dass es keine finanzielle oder organisatorische Zusammenarbeit mit dem Integrationsverein gegeben habe. Dennoch erhielt Hülya Iri Hilfe. Die SPD-Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf verfasste für Iri Empfehlungsschreiben, um sie bei ihren Fördermittelanträgen zu unterstützen. Für Schröder-Köpf gehörten solche Empfehlungen zur alltäglichen Arbeit, schließlich war sie Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe. Schröder-Köpf will zu Fragen rund um Iris Vereinsinsolvenz „keine Stellung nehmen, bevor eine Sachaufklärung vorliegt“.
Hätte die SPD nicht im
Vorfeld Einfluss auf Iri
nehmen können?
Bereits 2024 sind bei der SPD erste Hinweise eingegangen, dass es Unregelmäßigkeiten in Iris Verein geben könnte. Im Dezember 2025 hat die SPD-Parteispitze sogar per Einschreiben einen Brief mit entsprechenden Mutmaßungen bekommen. Die SPD-Führung ließ sich daraufhin von Iri eine eidesstattliche Erklärung geben, dass an den Vorwürfen nichts dran sei. „Hinweise hat es genug gegeben“, sagt ein langjähriger Genosse. Aber man habe das offenbar nicht so ernst genommen.