Von: Hıdır Eren Çelik
Wie soll ich euch vom Munzur erzählen, dem Fluss meiner Träume?
Wo soll ich anfangen?
Es gibt Lieben, bei denen die Worte in dem Moment versagen, in dem man beginnt, sie zu beschreiben. Denn wenn ein Mensch von einer großen Sehnsucht erzählt, die er im Herzen trägt, berührt er nicht nur Worte, sondern auch sein eigenes Gedächtnis. So schwer es einem leidenschaftlich Liebenden fällt, von seiner Geliebten zu sprechen, so schwer fällt es mir, meine Liebe zu Dersim in Worte zu fassen.
Denn Dersim ist für mich nicht nur eine Geografie.
Dersim ist die Stimme meiner Kindheit, das Land meiner Träume, der Name meiner Vergangenheit und meiner Sehnsucht.
Der Munzur, der diesem heiligen Land Leben schenkt, ist nicht einfach nur ein Fluss. Er ist eine Erinnerung, die aus meiner Kindheit herausfließt. Wie sein Wasser, das zwischen den Bergen entspringt und sich in die Täler ausbreitet, fließt er seit Jahren durch mein Gedächtnis.
Jene Tage von damals sind heute zu Erinnerungen, zu Erzählungen geworden.
Nun möchte jenes Kind die im Gestern zurückgelassenen Erinnerungen mit euch teilen. Es möchte mit euch gemeinsam in der Zeit zurückschreiten, den Spuren der Kindheit folgen und wie der Munzur der Zukunft entgegenfließen.
Doch in manchen Nächten kommt mit der Schönheit der Vergangenheit auch eine andere Angst.
Inmitten eines Traumes wird mein Atem knapp.
Ich habe das Gefühl, als gäbe es unsichtbare Hände, die mich erwürgen wollen. Das Blau des Himmels verdunkelt sich langsam. Schwarze Wolken umschlingen meinen Körper. Als ob nicht nur ein Fluss, sondern die Kindheit selbst ausgelöscht werden soll.
(…)
Erschrocken fahre ich aus diesem tiefen Schlaf auf.
Mein Körper ist schweißgebadet.
Während ich mit den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster in mein Schlafzimmer dringen, einen neuen Tag begrüße, befinde ich mich längst auf einer anderen Reise in die Vergangenheit, voll von Erinnerungen an meine Kindheit.
Denn manche Reisen werden nicht auf Straßen unternommen.
Manche Reisen beginnen im Inneren des Menschen.
Vielleicht bin dieses Kind nicht nur ich.
Vielleicht bist dieses Kind du.
Kinder lieben es, im Land der Träume frei zu leben. Wie ein Vogel wollen sie ihre Flügel ausbreiten und am Himmel fliegen, frei in ihrer eigenen Traumwelt umherwandern. Jedes Kind hat sein eigenes Land der Träume.
Der Name meines Traumlandes ist Dersim.
Und dieses Kind beginnt nun, euch vom Land seiner Träume zu erzählen.
Es war einmal…
Vor langer Zeit lebte an den Ufern eines Flusses, dessen Berge bis in den Himmel ragten und in dessen Wasser die Fische im Mondschein den Halay-Tanz tanzten – an einem Ort, der als heiliges Land bekannt war – ein kleiner Junge.
Dieser Junge konnte nicht genug davon bekommen, den Geschichten dieses heiligen Flusses zu lauschen.
Wurde es Nacht, hörte er zu.
Wurde es Tag, dachte er wieder an ihn.
Denn die Geschichte dieses Flusses war für die Lebensreise dieses Kindes nicht bloß eine Erzählung. Manchmal war sie eine Stimme, die ihn in fernen Ländern begleitete, manchmal ein Lied (Türkü), das seine Sehnsucht stillte, und manchmal eine göttliche Liebe, die er im Herzen trug.
Diese Geschichte, die ihr nun lesen werdet, ist nicht bloß die Kindheitserinnerung eines Reisenden.
Es ist die Geschichte einer Liebe, die so fern wie die Sterne scheint, aber für immer im Herzen des Menschen lebt.
Sie ist eine unversiegbare Liebesquelle, wie das seit Jahrtausenden frei fließende Wasser des Munzur, der aus vierzig Quellen (Kırk Göze) entspringt und zu einem einzigen Fluss, zu einem „Pir“ (einem Heiligen) wird.
Wenn du ein Derwisch bist, der in die Freiheit verliebt ist, kann diese Liebe auch deine Liebe sein.
Diese Geschichte kann auch deine Geschichte sein.
Denn dieses Kind ist das Kind, das in uns allen lebt.
Der Fluss meiner Träume ist zugleich die Geschichte des Munzur-Wassers, der Lebensquelle des Volkes von Dersim.
Der Munzur ist nicht nur Wasser, das von den Bergen herabrinnt. Er ist der Zeuge der Jahrhunderte. Während er still dahinfließt, trägt er die Freuden, die Leiden, die Trennungen und die Hoffnungen der Menschen in sich. Er ist ein lebendiger Zeuge, der das Geschehene in Dersim, die in der Erinnerung der Erde verborgenen Wahrheiten, am besten erzählt.
Deshalb ist „Der Fluss meiner Träume“ kein Hirngespinst.
Es ist eine wahre Lebensgeschichte, die aus den Kindheits- und Jugendjahren eines Reisenden herbeigeflossen ist.
Was der Reisende erzählt, der sich mit dem wild fließenden Wasser des Munzur identifiziert, ist nicht nur seine eigene Lebensgeschichte. In dieser Geschichte stecken zugleich das Gedächtnis einer Geografie, die Schmerzen, Sehnsüchte und Hoffnungen eines Volkes.
Denn manchmal erzählt ein Mensch, während er seine eigene Geschichte schildert, in Wahrheit die Geschichte des Landes, in dem er lebt.
Der Fluss, den der Reisende jahrelang sehnsüchtig suchte, ist eigentlich das Symbol für etwas anderes, das er erreichen wollte: Eine Welt von Menschen, die in Frieden, brüderlich und gemeinsam leben.
Die Wasser, die aus den Tiefen der heiligen Munzur-Berge entspringen und eins werden mit dem Blau des Himmels, treffen als „vierzig Quellen“ aus den vierzig Herden von Dersim auf die Erde. Dieses Wasser, das mit milchweißem Schaum fließt, trägt eine jahrtausendealte Sehnsucht in ferne Länder.
Es wird zum heilenden Wasser in den Herzen der Dersimer, die in der Ferne leben.
Es wird zum Trost für ihre Sehnsucht, zum Aroma in ihrem Tee.
Denn der Mensch erinnert sich an seine Heimat manchmal nicht nur durch die Erde, sondern auch durch die Klänge.
Im Flügelschlag eines Vogels, im Duft eines Windes, im Fließen eines Wassers findet er seine Vergangenheit wieder.
Das klare Wasser des Munzur ist in den Träumen der Menschen nun nicht mehr bloß ein Fluss.
Es verwandelt sich in den rituellen Semah-Tanz in den Versammlungen (Cem) jener Menschen, die von ihrer Scholle gerissen wurden.
Es mischt sich in die Gebete derer, die in der Ferne blieben.
Man verharrt in Ehrfurcht (Dara durmak) vor Hızır Baba und seinem Begleiter Munzur Baba. Man erbittet ihren Segen.
Denn der Mensch kann die Last der Fremde (Gurbet) nur mit Hoffnung tragen.
Man erbittet den Segen, damit die Last der Einsamkeit und der Sehnsucht an fremden Türen ertragen werden kann.
Wie ließe sich sonst der Schmerz des Exils ertragen?
Wie die Sehnsucht nach den Kindern?
Wie die niemals endende Sehnsucht nach Dersim?
Ein Mensch lebt manchmal jahrelang in der Ferne, geht durch die Straßen anderer Städte, führt sein Leben in anderen Sprachen. Aber es gibt einen Ort in seinem Inneren, der sich niemals ändert.
Dieser Ort ist seine Kindheit.
Dort ist seine erste Freude.
Dort ist sein erstes Lied.
Die Stimme meiner Kindheit aber kam vom Munzur.
Wenn ein kühler Sommerwind aus dem Munzur-Tal aufsteigt, trägt er heute wie vor vielen Jahren dasselbe Gefühl zu mir. Dieser Wind berührt nicht nur mein Gesicht; er bringt eine Erinnerung aus der Vergangenheit mit sich.
Manchmal kommt ein Moment, in dem der Mensch sich von der Gegenwart löst.
Eine Erinnerung, ein Klang, ein Wind nimmt ihn mit und führt ihn Jahre zurück. Die Reise beginnt im Gedächtnis.
Für mich heißt diese Reise Munzur.
Und am Ende jeder Reise erwartet mich meine Kindheit in Gola Çetu.
Dort, wo die Zeit stillsteht…
Dort, im Gedächtnis von Wasser und Stein…
(…)
Ein kühler Sommerwind erhob sich aus dem Munzur-Tal und berührte den Körper des Reisenden, der an den Quellen schlief.
Die Kühle dieses Windes war so tief, dass sie ihn augenblicklich Jahre zurückversetzte.
Die Kindheitsjahre in Gome Dewreş, den Rücken an Esentepe gelehnt, wurden wieder lebendig. Die Kälte der gefrorenen Winternächte erreichte wie ein elektrischer Stromschlag in Vibrationen sein Gehirn.
In diesem Moment begann die Vergangenheit erneut.
Denn manche Erinnerungen altern im Inneren des Menschen niemals.
Die Zeit vergeht, Menschen ändern sich, Wege werden länger; aber manche Lieben, die in der Kindheit ins Herz fielen, bleiben genau dort, wo sie sind.
In meiner Kindheit hieß diese Liebe Munzur.
Schon als kleiner Junge beobachtete ich vom Dreschplatz aus stundenlang das leidenschaftliche und wilde Fließen des Munzur. Wenn ich sah, wie das Wasser gegen die Felsen schlug, wie der Schaum sich vermischte und der Fluss unaufhörlich seinen Weg zog, merkte ich nicht, wie die Zeit verging.
Manchmal vergaß ich, nach Hause zu gehen.
Bis die Stimme meiner Mutter aus der Ferne im Tal widerhallte…
„Wo auch immer du bist, komm sofort nach Hause!“
Durch diese Stimme kam ich zu mir und wurde aus dem Zauber meiner Kindheit gerissen.
Während ich beobachtete, wie der Munzur das Harçık-Wasser voller Sehnsucht umarmte, bemerkte ich nicht, dass Stunden vergingen. Jedes Mal bekam ich Ärger von meiner Mutter, und manchmal bezog ich mit meinem kindlichen Verstand grundlos Prügel.
Aber trotz alledem nahm die Liebe zum Munzur in mir niemals ab.
Denn manche Lieben lassen sich nicht mit dem Verstand erklären.
Manche Lieben werden einem in die Wiege gelegt.
Ich war damals wie ein kleiner, vor Liebe nörriger Besessener des Munzur. Ich las mir selbst Gedichte vor und vergaß den Schmerz, den mein in der Winterkälte blau angelaufener Körper mir bereitete.
Denn in meinem Inneren brannte eine andere Wärme.
Diese Wärme war die Liebe zum Munzur.
Jeder Augenblick, den ich an diesem Fluss verbrachte, ließ mich das geheimnisvollste Glück der Kindheit erleben. Es war, als bestünde die Welt nur aus diesem Ort. Die Berge, die Wasser, der Wind und ich…
Sonst gab es nichts.
Mit der Zeit verstand ich, dass manche Orte im Gedächtnis des Menschen aufhören, ein bloßer Raum zu sein, und zu einem Gefühl werden.
So war der Munzur für mich.
Er war nun nicht mehr nur fließendes Wasser.
Er war der Fluss meiner Kindheitsträume.
Ich konnte nicht ohne den Munzur sein, und der Munzur nicht ohne mich.
Denn in diesem Fluss fand ich nicht nur meine Kindheit, sondern mich selbst.
Das Gefühl, das ich dort erlebte, war keine gewöhnliche Liebe.
Es war eine Hingabe an die höchste aller Lieben.
Ein Gefühl, das der reinen, göttlichen Liebe glich, die von Liebe berauschte Derwische suchen.
Vielleicht höre ich deshalb, selbst wenn ich Jahre später die Augen schließe, als erstes wieder die Stimme des Munzur.
Das erste Bild, das ich sehe, ist wieder dieses klare Wasser.
Der erste Ort, den ich vermisse, ist wieder dieses heilige Land.
Diese Liebe findet ihre Bedeutung in Gola Çetu, wo Munzur und Harçık aufeinandertreffen und sich vereinen.
Denn Gola Çetu ist nicht bloß ein Ort.
Es ist der Ort, an dem eine Kindheit verborgen ist.
Ein Ort, an dem ein Glaube lebt.
Ein heiliger Ort, der das Gedächtnis eines Volkes trägt.
Dies ist die Liebe von Gola Çetu, dem heiligen Ort, an dem Munzur und Harçık ihre Hochzeit feiern.
Wenn man in Gola Çetu vor Hızır in Ehrfurcht verharrt, bekommen die Gebete Flügel, werden zu Vögeln und steigen zum Himmel auf. Die Absichten, die dort gefasst, die Worte, die dort gesprochen, und die Tränen, die dort vergossen werden, haben eine andere Bedeutung.
Wenn Opfer dargebracht werden, reinigen sich die Menschen vom Bösen, die Herzen werden geläutert. Denn dieser heilige Ort ist nicht nur ein Ort, an dem Wasser und Erde verschmelzen; es ist der Ort, an dem Glaube, Hoffnung und die Innenwelt des Menschen zusammenkommen.
Gola Çetu ist die Gebetsstätte meiner Kindheit.
Es ist jener heilige Ort, von dem man glaubt, dass Hızır sich in seinen Wassern wäscht, und wo angezündete Kerzen Licht in dunkle Herzen bringen.
Dort hat jeder Stein, jeder Wassertropfen, jeder wehende Wind eine Geschichte.
Doch nun wollen sie diese heiligen Wasser zum Verstummen bringen.
Sie wollen den Munzur mit Staudämmen ersticken.
Aber was sie ersticken wollen, ist nicht nur der Munzur.
Was sie ersticken wollen, ist das Gedächtnis eines Volkes.
Was sie ersticken wollen, ist unsere Kindheit.
Was sie ersticken wollen, ist das Bewusstsein der heiligen Erde.
Was sie ersticken wollen, ist Gola Çetu, der See des Hızır.
Denn jene, die einen Fluss nur als Wasser sehen, können die Bedeutung, die er trägt, nicht verstehen.
Ein Fluss ist manchmal die Vergangenheit eines Volkes.
Manchmal ist er das Gebet einer Mutter.
Manchmal ist er die Heimatsehnsucht, die Menschen, die vor Jahren auswandern mussten, in ihrem Herzen tragen.
In den Wassern des Munzur gibt es nicht nur ein Fließen, das gegen Steine schlägt.
Dort sind die Stimmen von Tausenden von Menschen.
Dort sind die Spuren der Vergangenheit.
Dort sind die Schritte unserer Kindheit.
Deshalb blutet mein Herz.
Denn wenn ein Mensch Zeuge wird, wie etwas, das er liebt, vernichtet wird, verliert er nicht nur das Heute. Er fühlt, wie ihm auch ein Stück seiner Vergangenheit entrissen wird.
Mit einem blutenden, verwundeten Herzen fällt es noch schwerer, von der Liebe zu erzählen.
Man möchte es aussprechen, aber die Worte reichen nicht aus.
Man möchte es erklären, aber manche Schmerzen sind größer als jede Erzählung.
Die Liebe meiner Erinnerungen ist vielleicht auch eure Liebe.
Vielleicht habt auch ihr einen Fluss, einen Baum, einen Berg oder ein Lied, das in eurer Kindheit verborgen blieb.
Erzählt von ihnen.
Erzählt, damit sie nicht vergessen werden.
Erzählt, damit unsere Zukunft nicht in der Dunkelheit der Vergangenheit verloren geht.
Denn der Mensch existiert nur solange, wie er sich erinnert.
Die Erde gewinnt nur durch die Geschichten derer, die auf ihr leben, an Bedeutung.
Flüsse fließen nur in den Herzen der Menschen, die sie lieben, bis in alle Ewigkeit.
Ich weiß, dass der Munzur weiterfließen wird.
Wie immer zwischen den Bergen, vielleicht wie eine Geschichte, die im Gedächtnis der Menschen erzählt wird,
oder wie ein Lied (Türkü) in der Stimme eines Dengbej…
Aber er wird gewiss fließen.
Denn der Weg mancher Flüsse führt nicht nur durch Täler.
Manche Flüsse fließen durch das Herz des Menschen.
Und meine Kindheit ist immer noch dort.
In Gola Çetu…
In den Wassern des Munzur…
In der Stimme des Windes…
Auf der heiligen Erde von Dersim…