Obdachlose Menschen sind noch mehr zur Zielscheibe von Hass geworden“

von Fremdeninfo

 

Artikel von Steven Micksch/ F.R. 

Bruder Michael leitet den Franziskustreff für Obdachlose in Frankfurt. Er prangert die Verrohung der Gesellschaft an und fordert mehr Menschlichkeit.

Für die Menschen, die zum Frühstücken in den Franziskustreff in der Frankfurter Innenstadt kommen, gehört Bruder Michael Masseo Maldacker schon dazu. Es ist kaum möglich für ihn, durch den Speisesaal zu gehen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Dabei ist er erst seit Anfang des Jahres in leitender Funktion in Frankfurt. Für das Interview nimmt er sich viel Zeit, wägt seine Worte ab und scheut sich nicht, die Verrohung in Teilen der Gesellschaft anzuprangern.

Zur Person

Bruder Michael Masseo Maldacker ist 51 Jahre alt und Kapuzinermönch. Seit Anfang des Jahres leitet er den Franziskustreff in Frankfurt, der obdachlosen und armen Menschen Frühstück, Sozialberatung und weitere Unterstützung anbietet.

Der 51-Jährige folgt auf Bruder Michael Wies, der in das Kapuzinerkloster nach Altötting in Oberbayern entsandt wurde.

Geboren und aufgewachsen ist Maldacker im Schwarzwald, im Großraum Freiburg. Nach seinem Abitur und einem Redaktionsvolontariat studierte er in Mainz Publizistikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Ethnologie.

Nach seinem Abschluss arbeitete er lange Zeit als Journalist. Als Vierzigjähriger studierte er Theologie (in Freiburg und Münster), 2018 trat er in den Kapuzinerorden ein.

Bruder Michael, wie sind Sie in Frankfurt und in der Leitungsposition des Franziskustreffs gelandet?

Als Kapuzinermönch war ich zuletzt in Salzburg und war dort in der Geflüchtetenarbeit tätig. Der Provinzial unserer Ordensprovinz kam dann schließlich auf mich zu und sagte mir, dass ich nach drei Jahren Salzburg den Standort wechseln solle. Es ist im Sinne unseres Ordensgründers Franz von Assisi, dass wir nirgendwo Wurzeln schlagen. Mir war es wichtig, etwas Soziales weitermachen zu dürfen. Und der Franziskustreff in Frankfurt ist die ideale Stelle für einen Sozialkapuziner. Ich bin gern hierhergekommen.

Wie war Ihr Werdegang zum Kapuzinermönch?

Ich war nicht mein ganzes Leben lang gläubig. Ich komme zwar aus einem traditionellen katholischen Elternhaus, aber ich habe mich im Laufe meines Lebens von Gott abgewandt und seine Existenz geleugnet.

Wie kam das?

Weil ich damals den Gedanken nicht zusammenbringen konnte, wie der allmächtige und gütige Gott Leid in der Welt zulässt. Gut zehn Jahre lang war ich dann Atheist, bis ich mein Leben sozusagen auf den Kopf gestellt habe. Nach einer Begegnung mit einem Priester ist mir klargeworden: „Wenn ich Gottes Berufung jetzt nicht nachfolge, wann dann? Jetzt oder nie mehr.“ Also bin ich in Freiburg ins Priesterseminar, doch ich wurde dort nicht glücklich, weil ich ein liberal und progressiv denkender Mensch bin. Dieses Denken fand ich schließlich bei den Kapuzinern.

Was ist Ihnen da wichtig?

Ganz nah am Menschen dran zu sein. Und ich will auch vom Menschen her denken. Deswegen kann ich beispielsweise nicht kategorisch sagen: Ich bin in jedem Fall gegen Abtreibung. Da muss man das Wohl von Mutter und Kind im Blick behalten. Genauso wichtig ist mir, dass ich homosexuellen Menschen sagen kann: Du wirst von Gott geliebt, und du bist in der Kirche erwünscht. Das ist für mich selbstverständliche Menschenliebe. Und genau so verstehe ich Gottes Liebe.

Warum haben Sie am Ende wieder zu Gott gefunden, trotz all des Leids, das es immer noch gibt?

Zunächst gebe ich mich damit zufrieden, dass ich diese Antwort, warum er das Leid geschehen lässt, nicht finden kann. Es gibt Ansätze, etwa dass Gott uns den freien Willen geschenkt hat und dass wir, die Menschen, für das, was wir als Leid empfinden, selbst verantwortlich sind. Letztlich bin ich mir sicher: Gott weiß genau, was er tut. Und: Gott ist so viel klüger als ich. Ich kann gar nicht alle Antworten kennen, wofür Leid notwendig ist. Aber ich weiß, dass er sich etwas dabei denkt. Und alles, was er tut, ist gut. Ich als Mensch verstehe sein Handeln nur nicht immer. Spätestens am Jüngsten Tag wird mir Gott erläutern, warum er Leid auf der Erde zugelassen hat.

Was ist Ihnen persönlich in Ihrer Arbeit und Ihrem Handeln wichtig?

Der Mensch und Gott stehen im Mittelpunkt. Insbesondere natürlich die Menschen, die Hilfe, Zuwendung, Aufmerksamkeit benötigen. Und das sind im Fall des heiligen Franziskus, meines Ordensgründers und großen Vorbilds, die Ausgegrenzten. Das waren schon immer auch die Armen. Deswegen bin ich hier im Franziskustreff richtig. Auch die Geflüchteten, mit denen ich zuvor unterwegs war, sind Ausgegrenzte.

Gerade bei den geflüchteten Menschen ist die Stimmung im Land stark gekippt.

Unvorstellbar, dass Menschen, die alles, was sie hatten, hinter sich lassen, weil das Leid zu groß ist, weil die Heimat weggebombt wurde, hier angefeindet, diskriminiert werden und unerwünscht sind, anstatt Hilfe zu erfahren und Zuwendung zu erhalten. Der Hass ist inzwischen so groß geworden in diesem Land, dass die Zuwendung, die Wahrnehmung als Mensch in Teilen der Gesellschaft fehlt. Unsere Gesellschaft ist nicht ausreichend bereit zu teilen. Der Geflüchtete ist unerwünscht, er stört im heilen Alltag. Übrigens genauso wie die Obdachlosen. Auch sie werden diskriminiert. Aber Obdachlose sind Teil der Gesellschaft. Jeder kann in die Obdachlosigkeit abgleiten.

Helfen Sie als Chef dann auch mal selbst im Frühstückstreff mit, oder bleiben Sie am Schreibtisch?

Ich bin kein Freund von Besprechungen und Sitzungen, Schreibtischarbeit ist für mich notwendiges Übel. Ich will zu den Menschen. Das sind einerseits die Menschen, die ihr Geld geben. Das ist wichtig, denn die Obdachlosenhilfe des Franziskustreffs und seiner Stiftung finanziert sich aus Spenden. Andererseits ist menschliche Nähe zu spenden ein wichtiger Teil der franziskanischen Berufung. Das kann ich am allerbesten, wenn ich selbst im Frühstücksraum des Franziskustreffs arbeite. Das geschieht leider, aufgrund meiner vielfältigen Aufgaben, viel zu selten. Ich würde lieber häufiger Wurst- oder Käseplatten richten, Kaffee kochen und servieren. Weil ich dann unmittelbar an die Tische komme und ein offenes Ohr haben kann.

Wie geht es denn den obdachlosen Menschen in Frankfurt?

Ich bin noch nicht lange genug hier, um das ausreichend bewerten zu können. Da muss ich die Menschen noch besser kennenlernen und konkrete Probleme besser verstehen lernen. Was mir allerdings schon klargeworden ist, ist, dass die Menschen gehört, wahrgenommen und beachtet werden wollen. Oft werden sie aber verachtet oder ignoriert. Für Armut muss sich aber niemand schämen. Ich habe das Gefühl, dass das gesellschaftliche Klima frostiger geworden ist, und der Neid ist in den zurückliegenden Jahren immer stärker geworden. Im Zuge dessen sind obdachlose Menschen leider noch einmal mehr zur Zielscheibe von Hass geworden.

Wie kann man das ändern?

Es muss ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Wir alle müssen uns bewusst machen und begreifen, dass Obdachlose Teil der Gesellschaft sind, die eben nicht nerven, sondern unserer Unterstützung bedürfen. Vielfach sind sie unverschuldet in Armut geraten. Es kann leider jede und jeden treffen. Und dann ist man froh und dankbar für jede Form der Hilfe. Ich möchte immer wieder appellieren: Bitte schaut nicht herab auf Menschen und feindet nicht diejenigen an, die momentan in einer schlechten Lage sind. Hierfür möchten wir im Franziskustreff ein Vorbild sein. Allen Menschen, die das Frühstücksangebot oder die freiwillige Sozialberatung annehmen, begegnen wir auf Augenhöhe. Und wir setzen uns mit unserer Stiftung sehr für die Aufklärung der Öffentlichkeit ein, die immer noch verbreiteten Vorurteile und Missverständnisse in den Köpfen aufzulösen. Auch das hilft betroffenen Menschen in ihrem Alltag. So informieren wir über unsere Homepage, bei Veranstaltungen, in klassischen Medien und über die Social-Media-Kanäle zu den Ursachen von Obdachlosigkeit.

Wie kann man in Frankfurt die Situation der obdachlosen Menschen verbessern?

Das Dach über dem Kopf ist ein menschliches Grundbedürfnis, aber es ist nicht überall möglich, auch in Frankfurt nicht. Kein Mensch sollte auf der Straße leben müssen, deshalb muss Wohnraum her. In Frankfurt gibt es nicht ausreichend bezahlbaren Wohnraum. Und es braucht mehr niedrigschwellige Hilfen. Denn wer seine Wohnung verliert, steckt schnell in einem Teufelskreis: Wer keine Wohnung hat, findet keine Arbeit; wer keine Arbeit hat, findet keine Wohnung.

Nun können Sie die Wohnungen aber schwer alle selbst bauen.

Das stimmt, wenn ich das ändern könnte, würde ich das tun. Aber durch die Spenden der Wohltäterinnen und Wohltäter finden obdachlose und arme Menschen im Franziskustreff konkrete und wirksame Hilfen. Das beginnt mit dem reichhaltig gedeckten Frühstückstisch und geht weiter im benachbarten Büro der Sozialarbeiterin, die bei vielen Problemen ganz praktisch unterstützt. Auch beim Thema Gesundheit sind wir seit einiger Zeit gut aufgestellt mit der psychiatrischen Praxis für Wohnsitzlose.

Warum ist das wichtig?

Studien zufolge haben 77 Prozent der wohnungslosen Menschen eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Häufig ist sie die Ursache dafür, dass Menschen ihr Zuhause verlieren und in Not geraten. Und auf der anderen Seite macht das Leben auf der Straße krank, das sagen mir immer wieder Gäste des Frühstückstreffs. Die Sprechstunden unserer Psychiaterin Eva Fučík sind folglich gut besucht. Psychische Erkrankungen lähmen, da ist nicht das Leben möglich, das ich jedem wünsche. Wenn wir gegen psychische Erkrankungen angehen können, kann für Erkrankte der Weg aus der Obdachlosigkeit gelingen.

Was kann sich noch positiv auf die Situation der Menschen auswirken?

Der eine Euro an den Obdachlosen, der allenfalls unser Gewissen erleichtert, reicht nicht. Es genügt nicht, nur den Hunger zu stillen. Wohnungen und Gesundheitsversorgung habe ich genannt. Ein weiterer Aspekt ist Arbeit. Wenn Menschen in Arbeit gebracht werden, dann sind sie im Idealfall nicht mehr arm. In der „Franziska-Werkstatt“, unserer Kerzenwerkstatt, führen wir von Wohnungslosigkeit betroffene und bedrohte Menschen niedrigschwellig wieder in Kontakt mit der Arbeitswelt. Das ist ein wichtiger Schritt. Wir als Franziskustreff sind trotzdem nur ein kleines oder vielleicht ein mittelgroßes Rädchen in Frankfurt, damit ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Für uns ist es wichtig, dass alle, besonders diejenigen, denen es nicht so gut geht, ein menschenwürdiges Leben in dieser Stadt führen

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