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Wenn die Türken einmal aufgestanden sind, bringt man sie nicht so schnell wieder zum Sitzen

von Fremdeninfo 2 April 2025
von Fremdeninfo 2 April 2025
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Wenn die Türken einmal aufgestanden sind, bringt man sie nicht so schnell wieder zum Sitzen

                                             Artikel von Ismail Güzelsoy  / NZZ  Neue Züricher Zeitung Detuschland

                                              

Am 19. März versammelte sich vor dem Istanbuler Rathaus eine riesige Menschenmenge. Das wiederholte sich Abend für Abend. Emrah Gurel / AP

Umstritten ist, auf welchen türkischen Staatspräsidenten folgende Beobachtung zurückgeht: «Es ist schwer, das türkische Volk zum Aufstehen zu bewegen, aber wenn es einmal steht, ist es noch schwerer, es wieder zum Sitzen zu bringen.» Gleichgültig, ob es Ismet Inönü oder Süleyman Demirel war, auf jeden Fall handelt es sich um eine sehr treffende Bemerkung. Dass wir uns nicht mehr hinsetzen wollen, sobald wir einmal stehen, hat natürlich auch damit zu tun, dass wir zum Aufstehen nicht oft Gelegenheit haben.

Seit dem Aufstand im Gezi-Park 2013 hat es in Istanbul keine Massendemonstrationen mehr gegeben. Wer sich zum Weltfrauentag am 8. März an dergleichen versuchte, wurde mit einer Ladung Tränengas nach Hause geschickt oder gleich verhaftet. Am 19. März aber, zwölf Jahre nach Gezi, versammelte sich vor dem Istanbuler Rathaus eine riesige Menschenmenge. Das wiederholte sich Abend für Abend.

Die Polizei reagierte mit unverhältnismässiger Gewalt gegen die jungen Demonstranten, doch löste das erst recht ein Aufbäumen aus, wie wir es noch kaum je erlebt hatten. Der jahrelang angestaute Pessimismus war auf einmal weg. Seltsamerweise trat an seine Stelle nicht einfach Zuversicht, sondern vielmehr eine schwer zu definierende Wut und Sorge.

Als ich nach Imamoglus Verhaftung einen befreundeten Schriftsteller fragte, wie er in einem Wort seine Seelenlage zusammenfasse, erwiderte er nach kurzem Überlegen: «Müdigkeit.»

Wir sind gemeinsam allein

Seit gut zwölf Jahren leben wir im Zeitalter des Postfaktischen. Jeden Tag erscheint es, als geschähe Ausserordentliches, doch im eigentlichen Leben bleibt alles gleich. In den sozialen Netzwerken ertönt Aufschrei um Aufschrei, doch am Tag danach umfängt uns beim Erwachen die gewohnte Dunkelheit. Der tiefsitzende Glaube, dass sich nichts ändern wird und kann, hat das Land in einen Zustand der Masseneinsamkeit versetzt. Wir sind gemeinsam allein.

«Ist es nicht eher Einsamkeit als Müdigkeit?», fragte ich meinen Freund. Lächelnd antwortete er: «Wir meinen eigentlich das Gleiche. Ich sage den Grund und du die Wirkung.»

Am Tag vor Imamoglus Verhaftung hatte ich eine Lesung im Istanbuler Spielzeugmuseum. Zum ersten Mal seit längerer Zeit wurde ich gefragt, ob ich denn Hoffnung hätte, dass sich etwas ändern werde. Ohne gross zu überlegen, redete ich drauflos und erläuterte grob gesagt, dass Hoffnung mir als eine passive Reaktion erscheine.

Als ich merkte, dass der Fragesteller mit meiner Antwort nicht recht zufrieden war, wurde ich ausführlicher. «Wissen Sie, was Hoffnung ist? Wenn man ein Los kauft und erwartet, dass man den Hauptgewinn zieht. Hoffnung bedeutet, dass sich etwas ändern soll, ohne dass man selbst etwas dazu beiträgt. Darum ist Hoffnung ein gefährlicher Schwebezustand, der den Menschen zu einer passiven Existenz verurteilen kann. Wir brauchen vielmehr einen Willen zur Veränderung.» Ich war mir nicht sicher, ob ich selbst an das glaubte, was ich sagte. Hatte ich überhaupt noch so viel Energie?

Schon seit Monaten herrscht unter Schriftstellern ein Gefühl der allgemeinen Niedergeschlagenheit vor. Ein Kollege sagte neulich: «Ein Künstler, der nicht mehr glaubt, dass sich etwas ändern lässt, ist ein armer Tropf.» Warum erscheint uns Veränderung so unmöglich? Weil wir in einem dichten Nebel dahintappen, ohne einen Zentimeter Sicht.

Man muss sich einmal vorstellen, dass wir seit einem Monat nicht einmal wissen, ob Erdogans Koalitionspartner Devlet Bahceli überhaupt noch lebt. Fast täglich werden auf X unter dem Hashtag #eristtot sogenannte Neuigkeiten vermeldet, und Bahcelis Partei verschickt daraufhin ein Dementi. Ein Bürgermeister, der eine solche Berichtigung schrieb, wurde vor drei Wochen sogar verhaftet. Aber Bahceli ist noch immer nicht zu sehen. Als neulich eine Schauspielerin starb, wurde auf Bahcelis X-Account eine Beileidsbezeugung veröffentlicht, darunter schrieb jemand: «Und du selber?»

Auch zum Ende des Ramadans wurden von Bahceli Grüsse veröffentlicht, doch stellte sich heraus, dass es sich um einen Post aus einem früheren Jahr handelt. Man kommt sich vor wie in einem Roman von Gabriel García Márquez, genauer: in einer Mischung aus Márquez und George Orwell.

Die türkische Rechte ist seit je der Ansicht, das Land gehöre ihr, und die derzeitige Regierung herrscht nach diesem Grundsatz. Da Erdogan durch Wahlen an die Macht gekommen ist, sieht er sich als rechtmässigen Besitzer von allem im Land – und auch von jedem. Es gilt ihm ein einziges Prinzip: Was ich mich zu tun traue, das darf ich auch tun.

«Es wird alles gut!»

Was kann eine Opposition gegen einen Machthaber ausrichten, der keine rechtlichen Grenzen anerkennt? 2007 sagte Erdogan noch in einem Interview: «Die Justiz bindet uns die Hände.» Nun, dieses Hindernis scheint überwunden. Ob Justiz, Presse, Schulwesen, Internet oder Organisation des Alltags, alles unterliegt Erdogans Kontrolle. Wie soll da der Wille aufkommen, etwas zu ändern?

Dann fiel mir der Junge ein, der im Wahlkampf 2019 Imamoglu etwas zugerufen hat. Der Jugendliche mochte fünfzehn, sechzehn gewesen sein. Imamoglu hatte die Istanbuler Bürgermeisterwahl gewonnen, doch die Erdogan-Seite hatte behauptet, es sei dabei zu Betrug gekommen. Dafür gab es weder Anhaltspunkte noch konkrete Beweise, doch ein Sprecher Erdogans erklärte, die Wahl müsse wiederholt werden, und er verstieg sich dabei zu dem Satz: «Auch wenn nichts war, ist bestimmt irgendwas gewesen.»

Der Wahlsieg in Istanbul hatte zunächst grosse Euphorie ausgelöst, doch umso grösser war danach die Enttäuschung. Die vorherrschende Meinung lautete: Die tun diesmal alles, um Istanbul nicht herzugeben. Da trat bei einer Wahlveranstaltung jener Junge, Berkay hiess er, an Imamoglus Wahlkampfbus heran und rief: «Es wird alles gut!»

Imamoglu wiederholte das lächelnd, und bald darauf wurden die Worte zum Wahlkampfslogan erkoren, prangten auf Plakaten und wurden uns zum hoffnungsvollen Lied. Die Episode brachte neuen Schwung in die Kampagne Imamoglus, und bei der Wiederholungswahl wurde er mit noch grösserem Vorsprung zum Bürgermeister gewählt.

Das war ein wichtiger Moment, denn Imamoglu hatte entdeckt, wie man Hoffnung und Anstrengung zusammenbringt. Dieser Formel blieb er treu, und bei den darauffolgenden Wahlen ging er wieder als Sieger hervor. Erdogan musste einsehen, dass er Imamoglu nicht schlagen konnte, egal, wie er es auch anfing. So beschloss er, am 19. März zu illegalen Mitteln zu greifen, um seinen Rivalen aufzuhalten. Indes fasste eine grosse Mehrheit der Bevölkerung diesen Übergriff der Macht als zivilen Putsch auf, und von den angeblichen Beweisen liess sich niemand überzeugen.

Grosses Gerechtigkeitsempfinden

Amin Maalouf hat die Bevölkerung des Nahen Ostens einmal so definiert: «Es sind Menschen, die alles bedauern, sich aber um nichts kümmern.» Ein bitterer Satz. Er charakterisiert eine seelische Verfasstheit, bei der Gefühle gegenüber dem Verstand die Oberhand behalten. Die Türkei unterscheidet sich in dieser Hinsicht von den Völkern des Nahen Ostens. In der Türkei bedauert man zunächst, dann aber kümmert man sich. Und zwar bis zum Überdruss. Tatsächlich ist es schwer, uns wieder zum Sitzen zu bringen, wenn wir einmal stehen.

Zur Zeit des Gezi-Aufstands habe ich in einem Zeitungsartikel behauptet, ohne das ikonische Bild von der jungen Frau im roten Kleid, die von der Polizei aus nächster Nähe mit Tränengas angesprüht wurde, hätte der Gezi-Widerstand nicht solche Ausmasse angenommen. Wir Türken sind Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. In den siebziger Jahren sind Bösewichte des türkischen Films manchmal sogar auf der Strasse verprügelt worden.

Aus einer solchen Reaktion heraus war auch Erdogan selbst 2002 als Spitzenkandidat der von ihm gegründeten Partei in sein Amt gewählt worden. Viele Menschen waren der Meinung, ihm sei zuvor Unrecht widerfahren, als er ins Gefängnis musste, weil er ein unliebsames Gedicht vorgetragen hatte. Diese Ungerechtigkeit hatte ihn an die Macht gebracht. Eine solche Ungerechtigkeit widerfuhr nun Imamoglu. Und deshalb haben sich trotz aller Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Müdigkeit spontan Zehntausende von Menschen versammelt.

So schwer sich das türkische Volk also tut, auf die Beine zu kommen: Ist es ihm diesmal gelungen? Es stellt sich die Frage, was es braucht, damit das Volk sich wieder setzt. Am Morgen nach dem dritten Tag der Proteste lagen auf dem Platz vor dem Rathaus zahlreiche Schuhe herum. Ein Bild, das Verwunderung auslöste. Was mochte da in der Nacht vorgefallen sein?

Zwei Tage später bekamen wir Kameraaufnahmen des Geschehens zu Gesicht. Die Brutalität des Polizeieinsatzes zeigt uns eines: Die Menschen stehen an einem Scheideweg: entweder Recht und Demokratie oder eine Gewaltherrschaft à la Putin. Der Geist ist aus der Flasche.

Gedanken für später

Seit meine Mutter an Alzheimer verstorben ist, habe ich mir angewöhnt, mir in kurzen Sätzen aufzuschreiben, woran ich mich vielleicht einmal erinnern möchte, wenn es mit meinem Verstand nicht mehr weit her ist. Inwiefern das sinnvoll ist, weiss ich nicht, denn vielleicht ist mir eines Tages nicht einmal mehr klar, was ein Computer ist, aber die Sache ist mir zum Hobby geworden. Deshalb hier ein paar Dinge, die ich für mein späteres Ich notiert habe.

Am 27. März verlangte Imamoglu, dass sein Anwalt freigelassen werde. Es läuft also andersherum als sonst. Das wird in die Rechtsgeschichte als Fall eingehen, in dem ein Mandant seinen Anwalt verteidigt. Eine Absonderlichkeit unter dem Motto «Mein Anwalt ist unschuldig!».

Richtig stark ist in der Türkei eigentlich nur noch die Frauenbewegung, denn ihr geht es nicht einfach um Politik, sondern ums Überleben. Dort leistet man Widerstand, um nicht umgebracht zu werden. Die Opposition muss die Frauen von sich überzeugen und Wege finden, mit ihnen gemeinsam zu marschieren.

Es sind Hunderte von jungen Leuten zwischen vierzehn und zweiundzwanzig Jahren verhaftet worden, die zum ersten Mal im Leben an einer Massendemonstration teilnahmen. Ein mit einem Schal vermummtes Mädchen hielt den Polizisten ein Schild entgegen: «Bitte kein Tränengas, vielleicht bin ich ja deine Tochter, und du glaubst, ich sei zu Hause.»

Viele Prominente stehen derzeit vonseiten der Opposition unter Druck. Während des Gezi-Aufstands hatten zahlreiche Künstler, Intellektuelle, Schriftsteller und Journalisten für die Demonstrierenden Partei ergriffen. Später bekamen sie die harte Hand des Staates zu spüren oder mussten Abbitte leisten, um weiter Aufträge zu bekommen.

Manche Künstler gehen heute vorsichtiger zu Werk, um nicht auf einer schwarzen Liste zu landen. Oppositionelle werten dieses Schweigen als Verrat und rufen zum Boykott gegen diese Künstler auf. Ich verstehe diese Reaktion. Ich bin seit Jahren auf der schwarzen Liste der regierungsnahen Medien und fühle mich pudelwohl dabei. Immerhin ist das eine gute Übung in Minimalismus. Intervallfasten ist gesund.

Ismail Güzelsoy ist ein türkischer Schriftsteller. – Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

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