Von Isa Turan / Schweden
Rassismus ist in der modernen Ära nicht bloß ein Vorurteil; er ist die politische Form der Beziehung, die der Mensch zum Menschen aufbaut. Daher geht es nicht allein um Hass. Tiefer darunter liegt eine Ontologie darüber, wer als „vollwertiger Mensch“ und wer als unvollständig, bedrohlich oder zweitrangig wahrgenommen wird. Genau hier beginnt der Rassismus: in dem Moment, in dem er die Unterschiede zwischen den Menschen in eine moralische Rechtfertigung für Ungleichheit verwandelt.
Heutzutage würden nur noch wenige Menschen offen sagen: „Ich bin Rassist.“ Denn die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben die Idee der biologischen Überlegenheit öffentlich geächtet. Doch die Verurteilung eines Gedankens bedeutet nicht, dass er verschwunden ist. Im Gegenteil: Manche Ideen nisten sich umso tiefer ein, je mehr sie aus der Sichtbarkeit verschwinden. Genau so verhält es sich mit dem zeitgenössischen Rassismus: Er drückt sich nicht mehr als nackter Hass aus, sondern in der Sprache kultureller Besorgnis, Sicherheitsbedenken, der Verteidigung der Zivilisation und des „Realismus“. Auf diese Weise hört Ausgrenzung auf, eine barbarische Haltung zu sein, und beginnt, wie gesunder Menschenverstand zu wirken.
Der Erfolg der aufstrebenden rechtsextremen Bewegungen in Europa liegt genau in dieser Transformation. Bewegungen wie die Alternative für Deutschland, der Rassemblement National, die Partij voor de Vrijheid oder die Fratelli d’Italia definieren sich nicht ausdrücklich als rassistisch. Stattdessen bauen sie ihren Diskurs um Begriffe wie „nationale Souveränität“, „kulturelle Integrität“ und „Vernunft gegenüber unkontrollierter Migration“ auf. Doch genau an diesem Punkt tritt die anspruchsvollste Form des modernen Rassismus zutage: Der Anspruch auf biologische Überlegenheit tritt zurück, doch die kulturelle Hierarchie bleibt bestehen. Der Satz „Sie sind minderwertig“ gilt heute als plump; stattdessen wird ein eleganterer, aber gleichermaßen ausgrenzender Satz formuliert: „Sie können sich unseren Werten nicht anpassen.“ So legitimiert der Hass sich nicht auf einer biologischen, sondern auf einer kulturellen Ebene. Das Problem ist scheinbar nicht mehr die „Rasse“, sondern eine Frage der „Unvereinbarkeit“, der „Integration“ oder der „Sicherheit“. Dabei ändern sich oft nur die Worte. Jede Ära bringt eine neue Sprache hervor, um ihre eigene Barbarei zu rechtfertigen.
Es greift jedoch zu kurz, den Aufstieg der extremen Rechten allein über den Hass zu deuten. Menschen binden sich nicht nur an Ideologien, sondern auch an Emotionen. Und eines der prägendsten Gefühle unserer Zeit ist das Gefühl des Unsichtbarwerdens. Während die neoliberale Ordnung das Individuum ökonomisch prekär gemacht hat, hat sie es gleichzeitig symbolisch isoliert. Die Menschen spüren nicht mehr nur, dass sie ärmer werden, sondern auch, dass sie an Bedeutung verlieren. Genau diese Wunde spricht die extreme Rechte an: „Du wurdest vergessen. Dein Platz wurde anderen gegeben. Dein Land, deine Kultur und deine Zukunft werden dir weggenommen.“ So werden komplexe gesellschaftliche Probleme in einer einzigen Figur verkörpert: dem Migranten, dem Flüchtling, dem Fremden.
Deshalb ist Rassismus oft nicht nur die Angst vor dem Anderen; er ist eine defensive Reaktion auf die Möglichkeit von Gleichheit. Denn Gleichheit macht unsichtbare Privilegien sichtbar. Wenn ein Mensch beginnt, die symbolische Überlegenheit zu verlieren, die er allein aufgrund seiner Identität besaß, erlebt er dies oft nicht als Gewinn an Gerechtigkeit, sondern als existenziellen Verlust. Wenn Privilegien lange Zeit als Norm gelebt wurden, erscheint selbst Gleichheit als Bedrohung.
An dieser Stelle tritt der kollektive Narzissmus auf den Plan. Wenn sich ein Individuum persönlich unzulänglich fühlt, flüchtet es in die Größe der Gruppe, der es angehört. Überlegenheit wird dann nicht mehr aus individueller Leistung, sondern aus der Identität abgeleitet. Der Mensch versucht, seine eigene Zerbrechlichkeit in der Überlegenheit der Nation, der Kultur oder der „Zivilisation“ aufzulösen. Daher nährt sich extremer Nationalismus oft nicht aus Stärke, sondern aus einem verletzten Zugehörigkeitsgefühl. Gesellschaften, die am lautesten Überlegenheit beanspruchen, sind oft diejenigen, die die tiefsten Unsicherheiten in sich tragen.
Die gefährlichste Form des Rassismus ist nicht der offene Hass, sondern der normalisierte Hass. Denn wenn das Böse alltäglich wird, präsentiert es sich nicht mehr als Böses. Genau das ist die von Hannah Arendt beschriebene „Banalität des Bösen“: das Unsichtbarwerden des Unmenschlichen innerhalb der Alltagssprache. Wenn eine Aussage, die gestern noch inakzeptabel war, heute als „berechtigte Sorge“ in Umlauf kommt, beginnt die Gesellschaft sich nicht nur politisch, sondern auch moralisch zu wandeln.
Deshalb geht es nicht nur darum, rechtsextremen Parteien entgegenzutreten. Schwieriger und notwendiger ist es zu verstehen, warum sie so attraktiv geworden sind. Denn allein moralische Empörung zu erzeugen, führt oft zu einer neuen Abkapselung. Menschen, die sich herabgesetzt fühlen, klammern sich dann erst recht an das Narrativ der „schweigenden Mehrheit“. Die Aufgabe demokratischer Gesellschaften ist es nicht nur zu verurteilen, sondern den Boden zu transformieren, der die Gefühle von Angst, Einsamkeit und Wertlosigkeit instrumentalisiert.
Dennoch muss die Demokratie eine ethische Grenze haben. Auch wenn jede Meinung geäußert werden kann, dürfen Diskurse, die das Menschsein anderer abwerten, nicht als bloße Meinungsverschiedenheit betrachtet werden. Denn Demokratie ist nicht nur der Wille der Mehrheit, sondern auch die politische Garantie der Menschenwürde. Karl Poppers „Toleranz-Paradoxon“ wird hier entscheidend: Wenn eine Gesellschaft im Namen der Toleranz unmenschlichen Ideologien unbegrenzten Raum gibt, wird am Ende die Toleranz selbst vernichtet.
Vielleicht ist die grundlegende Frage, vor der Europa heute steht, folgende: Werden sich die Menschen um ihre Ängste scharen oder werden sie ihre gemeinsame Zerbrechlichkeit anerkennen und eine neue Idee des Zusammenlebens entwerfen? Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von Sinnhaftigkeit. Und was die extreme Rechte anbietet, ist oft nicht nur Hass, sondern auch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Der Mensch zieht manchmal eine falsche Zugehörigkeit dem völligen Fehlen einer Zugehörigkeit vor. Deshalb ist der Kampf gegen Rassismus nicht nur juristisch oder politisch; er ist gleichzeitig ein kultureller, ethischer und existenzieller Kampf. Wenn den Menschen kein Sinn angeboten werden kann, der sich aus der Idee der gemeinsamen Menschlichkeit statt aus Angst speist, werden ausgrenzende Ideologien in jeder Ära unter neuen Namen zurückkehren.
Dass sich auch einige Migrantengruppen innerhalb dieser Parteien wiederfinden, zeigt, dass das Thema nicht allein durch ethnische Herkunft erklärt werden kann. Denn ausgrenzende Politik kann mitunter auch einen Teil der Ausgegrenzten in sich hineinziehen. Menschen identifizieren sich manchmal mit Diskursen, die sie eigentlich ausschließen, um Akzeptanz zu finden, sich zugehörig zu fühlen oder sich von der Position des „Anderen“ zu distanzieren. Dies verdeutlicht einmal mehr, dass Rassismus nicht nur eine biologische, sondern zugleich eine psychologische, kulturelle und politische Angelegenheit der Zugehörigkeit ist.