Von: Mehmet Tanlı, Meschede
Generationen kamen zusammen
In Meschede, einer touristischen Stadt im Sauerland (Nordrhein-Westfalen), veranstaltete der Verein Türkischer Sozialdemokraten Hamm und Umgebung mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ein Wochenendseminar. Im Mittelpunkt des Seminars standen die Bedeutung der Berufsausbildung und die soziale Integration durch Ausbildung. An der Veranstaltung nahmen 26 Personen aus verschiedenen Altersgruppen teil.
Die erste Generation erzählte ihre Erlebnisse
In dem Seminar berichteten Vertreter der ersten Generation – jene Menschen, die als Erste nach Deutschland kamen und ihre produktivsten Jahre für die deutsche Wirtschaft einsetzten – von ihren Erfahrungen. Unter den Teilnehmern befanden sich pensionierte Sozialberater, Geschäftsleute, Lehrer, Bergbauingenieure und Arbeiter, die ihre Erinnerungen aus der Arbeitswelt teilten. Moderiert wurde das Seminar vom Journalisten und Sozialberater Mehmet Tanlı, während der pensionierte Sozialberater İbrahim Baysan als Referent wertvolle Informationen vermittelte. Das Seminar stieß auf großes Interesse bei den Teilnehmern.
Das duale Ausbildungssystem ist eines der besten Modelle in Europa
Während des Wochenendseminars in Meschede wurden zudem detaillierte Informationen über das deutsche Berufsausbildungssystem gegeben. Es wurde erörtert, welche Berufe derzeit besonders gefragt sind und welche Ausbildungsgänge als besonders anspruchsvoll gelten. Auch die Gründe, warum junge Menschen ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen, wurden analysiert. Mehmet Tanlı erklärte: „Ein Drittel der Auszubildenden in der dualen Ausbildung in Deutschland sind junge Menschen mit Migrationshintergrund. Sie interessieren sich besonders für Bereiche wie Gesundheit, Friseurhandwerk, Büromanagement, Einzelhandel und Gastronomie. Auch Arbeitgeber mit Migrationshintergrund, die in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze schaffen, leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie Praktikums- und Ausbildungsplätze anbieten. Das ist eine sehr positive Entwicklung.“
In wichtigen staatlichen Institutionen fast nicht vertreten
Der pensionierte Sozialberater İbrahim Baysan wies auf ein Defizit hin: „In wichtigen staatlichen Institutionen wie Finanzämtern, der Justiz oder bei Sicherheitsbehörden sehen wir kaum Beamte mit Migrationshintergrund in Führungspositionen. In den Kommunalverwaltungen gibt es seit den letzten 20 Jahren zwar etwas Bewegung, aber es reicht nicht aus. Man muss junge Menschen mit Migrationshintergrund in diesen Institutionen ausbilden und anstellen. Schließlich hat in diesem Land jede vierte Person einen Migrationshintergrund.“
Erinnerungen an das Arbeitsleben
Am zweiten Tag des Seminars wurden die Teilnehmer gefragt, wie sie ihr Berufsleben begannen, was sie erlebt haben, wie das Verhältnis zu deutschen Kollegen war und ob sie Unterstützung von ihren Vorgesetzten erhielten. Die Teilnehmer teilten daraufhin ihre teils Jahrzehnte alten Erinnerungen. Zudem wurde thematisiert, ob sie ihre Kinder, Enkel oder Verwandten bei der Berufswahl beraten und ihnen bestimmte Berufe empfehlen.
Wohin steuert die Welt? Diskussion über globale Krisen
Am letzten Tag des Seminars wurden die aktuellen Entwicklungen in Deutschland, der Türkei und der Welt sowie die „Neue Weltordnung“ und die Auswirkungen globaler Krisen auf die in Europa lebenden Migranten diskutiert.
Die Redner und Teilnehmer äußerten ihre Besorgnis über den Aufstieg der rechtspopulistischen AfD. Es herrschte Einigkeit darüber, dass jeder Migrant in Deutschland Verantwortung für den Schutz der Demokratie übernehmen muss. Es sei zwingend erforderlich, bei Bedarf auf die Straße zu gehen und deutsche Antifaschisten sowie Demokraten zu unterstützen.