Migrantenvereine schließen ihre historischen Prozesse ab

von Cumali Yağmur
Cumali Yağmur

Migrantenvereine schließen ihre historischen Prozesse ab
Cumali Yağmur

Die Migrantenvereine in Europa schließen allmählich ihre historischen Prozesse ab. In der Vergangenheit gab es Familienvereine, die von Italienern, Spaniern, Portugiesen und Griechen gegründet wurden. Diese Vereine verloren mit der Zeit ihre Funktion, lösten sich auf und an ihre Stelle traten keine neuen. Obwohl heute noch kleinere, von Türken und Kurden gegründete Vereine aktiv sind, nähern auch sie sich dem Ende eines ähnlichen historischen Prozesses.

Kurdische Vereine wurden von Gruppen gegründet, die aus der Türkei, dem Iran, dem Irak und Syrien nach Europa (insbesondere Deutschland) auswanderten, da Kurdistan nach dem Ersten Weltkrieg in vier Teile geteilt worden war. Diese Vereine haben meist einen politischeren Inhalt; hier werden die nationalen Belange der Kurden sowie die Probleme in der Aufnahmegesellschaft diskutiert. In diesen Räumlichkeiten, in denen die politische Identität im Vordergrund steht, werden – im Gegensatz zu türkischen Vereinen – keine Kartenspiele gespielt.

Die Migrantenvereine aus der Türkei hingegen haben sich in den letzten Jahren zu Treffpunkten gewandelt, die nur noch von wenigen Personen besucht werden und in die sich Einzelne flüchten, um der Isolation der Außenwelt zu entkommen. Auch wenn sich innerhalb dieser vier Wände alle als gleichwertig betrachten, herrscht im Verborgenen ein unerbittlicher Konkurrenzkampf. Bevor die Mitglieder den Verein aufsuchen, erkundigen sie sich oft telefonisch, wer gerade anwesend ist, und entscheiden danach über ihr Kommen. Wenn sie sich dem Vereinsheim nähern, beschleunigen sie ihren Schritt und betreten den Raum fast so, als würden sie eine Razzia durchführen. Personen, die im gesellschaftlichen Leben außerhalb keine Präsenz zeigen oder keinen Platz finden konnten, suchen in diesen Vereinen Trost. In diesen meist männlich dominierten Räumen müssen Frauen, falls sie überhaupt kommen, in separaten Zimmern sitzen.

In diesen Vereinen schlagen Männer als Überbleibsel der feudalen Kultur aus der Türkei stundenlang mit Kartenspielen die Zeit tot. Der Vereinsvorsitzende und die Vorstandsmitglieder gebärden sich innerhalb dieser vier Wände wie „Drachen“; dabei haben sie in der Außenwelt keinerlei gesellschaftliches Gewicht. Entgegen der dialektischen Tatsache, dass sich alles verändert, altern in diesen Lokalen nur die Menschen, während sich ihre Denkstrukturen niemals ändern. Auch wenn gelegentlich Versammlungen stattfinden, sieht man immer dieselben Gesichter. Selbst die organisierten Kulturabende tragen feudale Züge; die Mitglieder führen ein isoliertes Leben, abgekoppelt von der deutschen Gesellschaft, in der sie leben.

In den meisten Vereinen sind intellektuelle und politische Debatten verschwunden; außer dem Kartenspielen ist kaum eine Aktivität geblieben. In religiösen Vereinen sieht es nicht anders aus; sie definieren sich lediglich als Glaubensgemeinschaft. Sie bauen ihre Identität darauf auf, ob sie Sunniten oder Aleviten sind. Tatsächlich unterscheiden sie sich in ihrer Lebensweise kaum voneinander, lediglich ihr Glaube ist verschieden.

Eine der heutigen Hauptfunktionen dieser Vereine sind die Bestattungsdienste. Sie übernehmen meist den Prozess der Überführung verstorbener Mitglieder oder externer Leichname in die Türkei oder organisieren die Beisetzung vor Ort. Selbst verstorbene Personen mit linker Gesinnung werden meist in alevitische Vereine (Cemevis) gebracht und von dort verabschiedet. Sowohl alevitische als auch sunnitische Vereine verfügen über zu diesem Zweck eingerichtete Bestattungsfonds.

Zudem gibt es in diesen Vereinen Disziplinarausschüsse. Die Personen in diesen Gremien lauern bei jeder Gelegenheit auf einen Vorwand, um die ohnehin nur noch wenigen verbliebenen Mitglieder zu bestrafen. Sie ertragen nicht die geringste Kritik und setzen sofort den Disziplinarmechanismus in Gang. Diese Personen, die in der Außenwelt keinerlei Einfluss haben, wähnen sich mächtig, indem sie ihre kleinen internen Befugnisse ausspielen. Da sie die Dinge aus einer sehr engen Perspektive betrachten, können sie unterschiedliche Nuancen und Ideen nicht wahrnehmen. Sie sind keine Experten und können oft nicht einmal unterscheiden, was tatsächlich eine disziplinarische Maßnahme rechtfertigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Vereine ausgedient haben. Die bestehende Struktur ist geprägt von der ersten Generation, und diese zieht sich allmählich von der Bildfläche zurück. Die Zahl derer aus der zweiten Generation, die diese Vereine besuchen, ist verschwindend gering, und sie spielen zumindest keine Karten. Die dritte, vierte und fünfte Generation sieht man in diesen Gebäuden überhaupt nicht mehr. Ihre Welt ist eine völlig andere; ihre Verbindung zu den kulturellen Strukturen in der Türkei ist abgerissen. Obwohl sie der deutschen Kultur näherstehen, werden sie leider auch von dieser Gesellschaft oft nicht vollständig akzeptiert und ausgegrenzt. Doch selbst diese Ausgrenzung treibt sie nicht mehr dazu, in diesen alten Vereinstypen oder religiösen Gemeinschaften  nicht Zuflucht zu suchen.

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