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Startseite Flüchtlinge

  Nur Einsen und Zweien im Zeugnis: Hessische Schülerin soll in die Türkei abgeschoben werden

von Cumali Yağmur 2 November 2026
von Cumali Yağmur 2 November 2026
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                     Von: Peter Hanack

 

Rümeysa K. hat keine einzige Note schlechter als 2 und mehr als 1.200 Menschen unterstützen ihren Verbleib in Frankfurt. Jetzt entscheidet ein Petitionsausschuss über die Zukunft der 16-Jährigen.

Vor knapp drei Jahren ist Rümeysa K. mit ihrer Mutter und ihren drei älteren Geschwistern aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Die heute 16-Jährige besucht die Klasse 10 GA der Otto-Hahn-Schule im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach. Sie ist bestens integriert und auf dem Weg, Abitur zu machen. Nun aber droht ihr und ihrer Familie nach der Ablehnung des Asylantrags die Abschiebung. Wir treffen Rümeysa mit ihrer Mutter Salihe, ihrer Schwester Leyla und ihrem Bruder Mehdi am Montagnachmittag in Frankfurt. Lehrerin Caglayan Ülkü hat das Treffen vermittelt und ist ebenfalls da.

Als die Mutter zu erzählen beginnt, kämpfen die drei Geschwister mit den Tränen. Und auch Salihe K., die in der deutschen Sprache noch nicht so sicher ist und deren Worte deshalb von Lehrerin Ülkü übersetzt werden, kann das Weinen nicht unterdrücken. „Wir wären nicht geflohen, wenn wir nicht vom Tode bedroht gewesen wären“, sagt sie. Sie könne nicht schlafen, auch nicht mit Tabletten. Der Druck sei zu groß, die Angst vor der Abschiebung allgegenwärtig. „Wir kamen, weil wir Sicherheit wollten, weil ich eine gute Bildung für meine Kinder wollte, wir haben uns daran geklammert wie an einen Zweig“, sagt Salihe. Ihre Kinder hätten doch gut gelernt, seien fleißig, aber jetzt nehme man ihnen die Hoffnung und den Halt. „Ich sehe keinen Weg, wie wir aus dieser Situation kommen.“

Frankfurter Schülerin soll in die Türkei abgeschoben werden

Rümeysa singt im Schulchor, spielt Theater, engagiert sich bei schulischen Veranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür. Sie ist Alumni der Chancenstiftung und Stipendiatin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt, die junge Menschen mit besonderer Begabung bei deren Ziel unterstützt, eine akademische Laufbahn zu verfolgen. Sie will Medizin studieren und Ärztin werden. Ein realistisches Ziel, wie ihre schulischen Leistungen belegen.

Das Abschlusszeugnis der neunten Klasse könnte kaum besser sein: Arbeitsverhalten 1, Sozialverhalten 1, Mathematik, Englisch, Spanisch, Geografie und Kunst: alles Einsen. Deutsch, Geschichte, Politik und Wirtschaft, Ethik, Biologie, Chemie, Physik und Sport: alles eine 2. Keine einzige Note schlechter als 2, keine einzige unentschuldigte Fehlstunde. „Rümeysa spricht auch mit mir nur Deutsch und nicht in ihrer Muttersprache“, berichtet Lehrerin Ülkü, die selbst türkischstämmig ist. „Sie hat das Deutsche voll angenommen.“

„Mir geht’s okay“, versichert Rümeysa, auch wenn die Tränen in ihren Augen eine andere Geschichte erzählen. „Ich will Hoffnung verbreiten, meiner Familie sagen: Ja, wir schaffen das“, erzählt sie. Es solle doch allen gut gehen in der Familie. Aber dass sie nichts machen könne, belastet die 16-Jährige sehr. „Wenn man eine Klausur schlecht schreibt, lernt man mehr für die nächste. Wenn man Stress mit Freunden hat, redet man mit ihnen darüber. Aber dass wir gegen die Abschiebung nichts machen können, das ist schlimm.“

„Wir haben uns Mühe gegeben, jeden Tag“

Sie habe nichts Schlechtes getan, habe fleißig gelernt, in der Schule gute Noten. „Wir haben uns wirklich alle sehr viel Mühe gegeben, jeden Tag.“ Und nun? „Ich kann mich nicht mehr integrieren, als ich es getan habe“, sagt Rümeysa. Doch jetzt ist die Angst da, geht nicht mehr weg, wie jeden Abend beim Einschlafen die Frage, ob sie morgen ihre Freunde in der Schule wiedersehen werde. Oder die Polizei kommt und sie alle zurück in die Türkei müssen.

Gemeinsam mit der Beratungsstelle der Diakonie wurden Unterstützerbriefe an den Landtag geschrieben. Dort beschrieben Bekannte, Freunde und Lehrkräfte, wie leistungswillig, motiviert und ambitioniert Rümeysa von ihnen wahrgenommen wird. Und wie dringend Deutschland Fachkräfte doch braucht. Große Teile des Kollegiums, der Schulelternbeirat, die Schülervertretung und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind auf der Seite der Familie bei deren Bemühen, hier bleiben zu dürfen. Ein Unterstützeraufruf der Schülervertretung zum Verbleib Rümeysas in der Otto-Hahn-Schule trägt inzwischen mehr als 1.200 Unterschriften.

Die 19-jährige Schwester Leyla besucht die Abendrealschule, holt dort den Mittleren Schulabschluss nach. Ein Semester hat sie wegen guter Leistungen übersprungen. Nächstes Jahr will sie eine Ausbildung zur Verkäuferin beginnen, die Zusage für einen Platz hat sie. Im Dezember stehen die Abschlussprüfungen für die Mittlere Reife an. „Ich dachte, wir bleiben hier, ich wollte mich schnell integrieren, hier zurechtkommen“, sagt sie. „Ich versuche, mein Bestes zu geben, zeige, dass ich gut bin und doch bleiben darf.“ Doch es sei schwer, die Angst zu vergessen beim Lernen.

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Leyla ist wie Rümeysa, ihre Mutter und ihr Bruder akut von Ausweisung und Abschiebung bedroht, trotz aller Integrationserfolge. Lediglich die ältere Schwester, die ebenfalls in einem Ausbildungsverhältnis steht, wird (bislang) geduldet.

Rümeysas Bruder Mehdi ist 23. Er steht im zweiten Ausbildungsjahr zum Anlagenmechaniker. „Meine Freunde, die Freunde meiner Geschwister, sie haben einen Pass, sie haben das Recht hier zu leben“, sagt er. „Was viele von Geburt an besitzen, das versuchen wir auch zu erlangen. Und wir arbeiten sehr hart dafür.“

In der Türkei fühlt sich die Familie nicht sicher. Mutter Salihe hat sich für kurdische Bewegungen engagiert. Nach der Trennung von ihrem Mann ist auch dessen Familie für sie und ihre Kinder eine Bedrohung. Sie wollte die Scheidung, die andere Seite wollte das auf keinen Fall akzeptieren, berichtet sie. Auch deshalb floh sie nach Deutschland. „Es gab Todesdrohungen“, sagt Mehdi.

Der Versuch, auf juristischem Weg einen Verbleib in Deutschland zu erreichen, ist gescheitert. Die Mittel, auf diesem Weg gegen die Ablehnung im Asylverfahren durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorzugehen, sind ausgeschöpft. Mit Hilfe des Evangelischen Zentrums für Beratung am Weissen Stein, einer Einrichtung der Diakonie, hat die Familie deshalb Mitte September eine Petition an den Hessischen Landtag auf den Weg gebracht.

Der Petitionsausschuss prüft, ob es rechtlich eine Möglichkeit gibt, Familie K. den Aufenthalt weiterhin zu ermöglichen. Kommt er zu einem positiven Ergebnis, würde die Ausländerbehörde mit großer Wahrscheinlichkeit einen Aufenthaltstitel vergeben. Entscheidet der Petitionsausschuss aber negativ, kann der Fall noch bei der Härtefallkommission eingereicht werden. Spricht sich auch diese gegen einen Verbleib aus, werden Rümeysa, ihre Mutter, ihre jüngere Schwester und der Bruder aller Wahrscheinlichkeit nach abgeschoben werden.

Menschen aus der Türkei hätten es zurzeit extrem schwer, in Deutschland Asyl zu erhalten, beobachtet das Diakonie-Zentrum am Weissen Stein. Spricht sich die Kommission aber doch für einen Verbleib aus, hat Innenminister Roman Poseck (CDU) das letzte Wort. Er könnte dann den Verbleib billigen – oder den Härtefallantrag ablehnen. Dann ist die Familie ausreisepflichtig und kann abgeschoben werden, wenn sie nicht freiwillig das Land verlässt.

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Cumali Yağmur

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