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Wir werden den Preis für die Erdoğan-Rede zahlen“

von Fremdeninfo 28 Januar 2020
von Fremdeninfo 28 Januar 2020
399

Wir werden den Preis für die Erdoğan-Rede zahlen“

Von

dtj-online

–
 
„Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen“ title=“Cem Oezdemir Erdogan Rede
 

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat den Auftritt Erdoğans in Köln mit harten Worten kritisiert. Die Rede des türkischen Ministerpräsidenten bewertete er in einem Gespräch mit der türkischen Tageszeitung „Zaman“ und erklärte, die Buhrufe gegen die deutsche Bundeskanzlerin werde man nicht so leicht vergessen. Zudem symbolisiere Erdoğan mittlerweile die negative Seite der Türkei. Auf die EU-Beitrittsverhandlungen werde der Besuch auch negative Auswirkungen haben: „Erdoğan hat Deutschland zu einhundert Prozent verloren.“

Wie bewerten Sie die Rede des Ministerpräsidenten?

Vor seinem Besuch herrschte in der deutschen Öffentlichkeit eine Stimmung, als ob ein Ungeheuer erwartet werde. Nach dem Grubenunglück in der Türkei und den bisherigen Äußerungen Erdoğans wollten die Menschen vor lauter Angst beinahe ihre Kinder einsperren. Von nun an wird Erdoğan sein geschädigtes Ansehen nicht so leicht loswerden können. Es wirkt sich auch negativ auf das Bild der Türkei aus. In den letzten Jahren gab es eigentlich ein durchaus positives Bild über das Land. Doch dieses Bild hat sich komplett gewendet und ein negatives Bild ist entstanden. Erdoğan hat sich zum Symbol dieses Bildes entwickelt. Er macht seine eigenen Erfolge aus der Vergangenheit eigenhändig zunichte.

Ist die Aufregung der deutschen Öffentlichkeit gegenüber Erdoğan nicht übertrieben?

Bei den Diskussionen in den Sozialen Medien beobachte ich, dass sowohl seine Bewunderer als auch Kritiker übertreiben. Seine Bewunderer sehen in ihm eine große Persönlichkeit mit einer weißen Weste, verehren ihn und betrachten ihn als einen makellosen Führer. Seine Kritiker hingegen vergleichen ihn zum Teil mit Adolf Hitler und übertreiben in die andere Richtung. Der Vergleich mit Putin wäre angemessen, weil Erdoğan die Türkei wirklich in ein autoritäres Land verwandelt hat. Die Übertreibungen beider Lager verstärken die Negativwahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit über die Türkei.

Die Kanzlerin wurde im Saal ausgebuht.

Das war sehr hässlich und wird den Menschen in Erinnerung bleiben. Wir werden dafür den Preis zahlen müssen. Die Botschaft der Buhrufe ist aus Sicht der deutschen Öffentlichkeit die folgende: Du wohnst hier, verdienst Dein Geld hier, zahlst Deine Steuern hier, Deine Kinder gehen hierzulande zur Schule und Du profitierst von den Möglichkeiten des Sozialstaates. Aber gleichzeitig buhst Du die Bundeskanzlerin dieses Landes aus und verehrst den Ministerpräsidenten eines anderen Landes.

Und die politische Botschaft?

Das ruft wieder das Thema der Loyalität auf den Plan. Wofür bemühen wir uns seit 50 Jahren? Wir sagen als Deutschtürken: „Wir sind loyale Bürger dieses Landes, Ihr könnt uns vertrauen“. Aber der Saal hat eine andere Sprache gesprochen.

Die Türken werden nahezu als Bürger eines feindlichen Landes betrachtet. Öfters wird man die Deutschtürken fragen: „Wenn Ihr doch so unglücklich in Deutschland seid, was macht Ihr dann hier?“ Eine Politikerverehrung dieser Art gibt es in der deutschen Politik nicht. Unterstützung ja, aber Verehrung nein. Im Endeffekt sind wir alle Menschen und somit sterblich. Die regelrechte Anbetung eines Menschen überrascht zum einen, aber zum anderen beängstigt sie auch. Und diejenigen, die die Gegendemonstration organisiert haben, tragen zur Sorge bei, ob innertürkische Probleme nach Deutschland getragen werden. Früher gab es die Polarisierung zwischen Türken und Kurden oder Konservativen und Linken. Aber heute hat man die Sorge, Erdoğan-Anhänger und seine Gegner könnten aufeinander losgehen.

Wie erklären Sie den Deutschen als guter Kenner der türkischen Verhältnisse, was sich gerade in der Türkei abspielt?

Es gibt nichts mehr zu erklären. Was soll man an Erdoğan noch verteidigen? Selbst die tolerantesten Gruppen in Deutschland können sein Verhalten nicht mehr nachvollziehen. Erdoğan hat Deutschland zu einhundert Prozent verloren.

 

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