Von: Asim Onarat / Frankfurt am Main
Der Club Voltaire wurde in den 1960er Jahren in einer Seitenstraße der Fressgasse gegründet. Er war damals der Treffpunkt der Frankfurter 68er-Generation, die gegen den Vietnamkrieg protestierte. Klein, urig, fast schon versteckt – aber bis heute ist er ein öffentlicher Raum, in dem alle zusammenkommen: von den mutigsten „Weißhaarigen“ des gesellschaftlichen Widerstands, wie etwa den Omas gegen Rechts, bis hin zu den heutigen Studierenden. Seit den 1960er Jahren ist er ununterbrochen aktiv. Fast jede Woche finden hier verschiedenste Veranstaltungen und Treffen statt; gleichzeitig ist er ein kleines Lokal, in dem man sich abends mit Freunden treffen kann.
Wir alle sagen es: Demokratie bedeutet nicht nur, wählen zu gehen. Demokratie lebt von Räumen, in denen Stimmen nicht verstummt sind und unterschiedliche Meinungen nebeneinander existieren können. Wir sehen, in welche Richtung sich die Welt und Deutschland bewegen. Jeden Tag werden uns Räume, die uns gehören, aus verschiedenen Vorwänden weggenommen. Weltweit erstarken rechte Kräfte, und kritische Worte sind unerwünscht. Solche Orte sind für uns Migranten – neben unseren eigenen Vereinsräumen – eine lebenswichtige Garantie. Selbst wenn wir nicht persönlich dort sind, wissen wir: Dies sind Zufluchtsorte, an denen man uns beisteht, uns unterstützt und unsere Rechte verteidigt.
Wenn der Club Voltaire verschwindet, schließt nicht nur ein Raum.
Eine Möglichkeit weniger.
Eine weitere Stimme, die verstummt.
Und wir bleiben ein Stück einsamer zurück.
Von: Cumali Yağmur
Als ich 1972 nach Frankfurt kam, nahm mich ein Freund namens Adil mit in den „Club Volta“. Der Ort hat mich sofort fasziniert. Nachdem ich mich in Frankfurt niedergelassen hatte, nahm ich an jedem Treffen dort teil; der Club wurde mit der Zeit zu einem Teil von mir.
In den Räumen im Obergeschoss gründeten wir ein „Türkei-Komitee“. Wir organisierten zahlreiche Versammlungen, um die politische Unterdrückung in der Türkei an die Öffentlichkeit zu bringen, luden bedeutende Persönlichkeiten ein und führten Debatten. Nach dem Militärputsch von 1980 hielten wir gemeinsam mit dem verstorbenen Jürgen Roth und Kamil Taylan ständig Treffen ab, um die faschistische Junta in der Türkei zu verurteilen.
Der Club wurde für mich zu einem Ort, an dem ich mehr Zeit verbrachte als zu Hause. Meine Jugend verging dort, dort wurde ich politisiert, dort nahm ich an den hitzigsten politischen Diskussionen teil. Wenn diese Wände eine Seele hätten und sprechen könnten, würden sie jedes meiner Worte bezeugen.
Dass ein Ort wie der Club Voltaire verschwindet, fühlt sich an, als würde ein Teil meines Körpers weggerissen… Auch wenn ich seit zehn Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, ist meine Vergangenheit und mein politischer Kampf aus meinen Jugendjahren dort bewahrt. Diesen Ort zu verlieren, fühlt sich an, als würde ein Teil von mir selbst ausgelöscht.“