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„Sie werden dich töten“: Sängerin Hozan Canê spricht über ihre Zeit in türkischen Gefängnissen

von Fremdeninfo 10 Januar 2023
von Fremdeninfo 10 Januar 2023
368

 

„Sie werden dich töten“: Sängerin Hozan Canê spricht über ihre Zeit in türkischen Gefängnissen

Von

Deniz Tutku

–

09.01.2023

Hozan Canê hat kurdische Wurzeln und besitzt nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Foto: Selahattin Sevi

Die deutsch-kurdische Sängerin Hozan Canê verbrachte mehr als zwei Jahre in türkischen Gefängnissen. Die erste Zeit mit Anhängerinnen der Gülen-Bewegung lässt sie nicht los. Sie hätten ihr wohl das Leben gerettet, doch ein Baby löst bei ihr noch heute Alpträume aus.

Deutschsprachige Medien haben ihren Fall genau beobachtet. Schließlich ist die Kölner Sängerin Saide İnanç (Künstlername Hozan Canê) hierzulande viel bekannter als in der Türkei. Nach einem Auftritt im nordwesttürkischen Edirne wurde sie 2018 an einem Hügelhang festgenommen. „Von 60 Menschen wurde nur ich aus dem Bus begleitet. Die anderen durften weiterfahren“, erzählt die 52-Jährige dem Exil-Journalisten Selahattin Sevi von kronos.news.

Was sie dann in den darauffolgenden Wochen erlebte, beschäftigt jetzt mit ihr auch ihre Psychologen. „Als der Bus weiterfuhr, blieb ich mit dutzenden Soldaten alleine im Dunkeln zurück.“ Sie sei in eine Hütte geschleppt worden. „Ich habe nichts gemacht, ich bin eine deutsche Staatsbürgerin.“ Es half nichts. Sie sei wie eine Selbstmordattentäterin nackt durchsucht worden – ohne ärztliche Begleitung. Dabei sollen die Soldaten sie an der Vagina verletzt haben, was zu tagelangen Blutungen geführt habe. Und als wäre das nicht genug, hätten die Soldaten ihr eine Akte zum Unterschreiben vorgelegt. „Ich habe das nicht getan. Vielleicht wollten sie mir Straftaten anhängen“, so die Sängerin.

Nach einigen Tagen in diversen Polizeirevieren und Haftanstalten landete Canê nach eigenen Angaben in „einem regelrechten Loch“. Nur ein Bett und eine Metalltür. Es gebe keine andere Zelle „mit Frauen der PKK“, habe man ihr zu verstehen gegeben. Als sie auf ihre Asthma-Erkrankung hinwies, habe sie das Angebot erhalten, in einen „Gemeinschaftsraum mit Leuten aus der Gülen-Bewegung“ zu kommen. „Sie werden dich töten“, habe ein Gefängniswärter gesagt. Warum? „Weil ihr Terroristen seid. Du bist ein PKK-Terrorist und sie sind auch Terroristen.“ Die 52-Jährige habe eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie trotz der „Lebensgefahr“ dorthin wolle. Das habe sie gemacht. „Ihr habt mich schon getötet“, habe sie entgegnet. Ihre Hoffnung sei gewesen, dass Frauen dort möglicherweise ihre Blutung an der Vagina stoppen könnten. Denn allein in einer Zelle hätte sie weniger Chancen zum Überleben gehabt.

Viele Ratten und ein Baby

Angekommen in dem angesprochenen Haftraum sei die Sängerin mit offenen Armen empfangen worden. Man habe ihr etwas zu essen gebracht und ein Pyjama. Seit einer Woche habe sie schließlich immer noch das Kostüm von der Bühne getragen. Den Raum umschreibt sie mit „wie aus einem schlechten Film“: Offene Toilette, ein kleines Fenster weit oben an der Decke, stinkende Bettdecken und Ratten. Sie kann sich nur noch an den Namen Emine erinnern. Eine Frau, die an der Bank Asya Geld angelegt habe. Das reicht in der heutigen Türkei, um als Terrorist zu gelten. Einige Frauen hätten den Koran gelesen, Emine nicht. Sie habe weder lesen noch schreiben können.

Das Schlimmste erlebte Canê ihren Angaben zufolge erst später. Bevor sie so richtig in ihrer neuen Umgebung ankam, habe sie Babygeräusche gehört. „Ist hier ein Baby?“, habe sie erstaunt gefragt. Die Frauen hätten genickt. Es sei erst wenige Wochen alt gewesen. Eine Insassin habe die Sängerin in den Arm genommen und sie zu ihrem Etagenbett geführt. Sie wollte anscheinend nicht, dass Canê das Baby sieht. „Ruh dich erstmal aus. Du kannst sie ja morgen sehen“, habe sie sie vertröstet.

Am nächsten Tag habe sie sich nicht mehr zurückhalten können. „Das Baby weinte andauernd und ich wollte es nur noch umarmen“, so die Sängerin. Auch heute, Jahre später, tut sie sich sichtlich schwer, darüber zu sprechen. Den ersten Anblick auf das Baby habe sie nicht mehr vergessen können. „Das Baby lag verwahrlost da. Der ganze Körper war rot. Jeden Tage träume ich davon.“ Hunderte Babys werden in türkischen Zellen groß. Die Haftbedingungen dürften dabei nicht sehr viel anders sein als jene, die Hozan Canê vorfand.

Kurze Zeit später wurde sie nach Druck der deutschen Botschaft in ein anderes Gefängnis verlegt. Schließlich konnte sie die Türkei im Jahr 2021 verlassen (DTJ berichtete). Die Anschuldigungen der türkischen Justiz weist sie zurück. „Ich habe weder Atatürk noch Erdoğan beleidigt, ich bin nicht so erzogen worden.“ Sie wird derzeit in Köln psychologisch behandelt. Was mit dem Baby und ihrer Mutter passiert ist, weiß sie nicht.

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