Sie sollten vom Himmel kommen

von Fremdeninfo

Von: Zeynep Hayır

Einst warteten die Menschen auf Fracht aus dem Himmel. Heute warten Millionen inmitten von Kriegen, Interventionen und Zerstörung auf eine Lösung durch „rettende“ Mächte. Denn hat sich der Mensch erst einmal an die Idee eines Retters gewöhnt, lässt er sie nicht mehr so leicht los.

Mitten im Pazifischen Ozean liegt eine kleine Insel. Wenn die ersten Sonnenstrahlen des Morgens schwerfällig auf die Erde fallen, versammeln sich die Menschen. Eine Flagge wird gehisst. Die amerikanische Flagge. Barfüßige Körper stellen sich in einer soldatischen Ordnung auf. Einige tragen Holzgewehre in den Händen. Die Augen sind zum Horizont gerichtet. Dies ist nicht nur eine Zeremonie. Es ist ein Warten. Es gibt jemanden, von dem man glaubt, dass er eines Tages zurückkehren wird: John Frum. Jedes Jahr am 15. Februar wird dieses Ritual aufs Neue vollzogen. Jeden Morgen steigt die Flagge empor, jeden Abend wird sie eingeholt. Denn einst kam tatsächlich etwas aus dem Himmel herab. Große Metallvögel. Lärm, der den Himmel zerriss. Flugzeuge, aus deren Bäuchen Kisten fielen. Konserven, Zucker, Zigaretten, Medikamente, Stoffe. Das gewaltige Logistiknetzwerk, das die US-Armee während des Pazifikkrieges gegen Japan errichtete, fiel plötzlich in die Welt dieser Insel. An einem Tag regnete es Essen vom Himmel. Am nächsten Tag landeten Männer in Uniformen. Dann kamen Maschinen, Landebahnen wurden gebaut, Funkgeräte erschienen, aus denen unsichtbare Stimmen sprachen.

Die Welt lernte diese Geschichte jedoch nicht durch die Stimme der Insel selbst kennen, sondern durch den neugierigen Blick des Westens. Die John-Frum-Bewegung wurde eigentlich Ende der 1930er Jahre auf der Insel Tanna im heutigen Vanuatu sichtbar. Während des Zweiten Weltkriegs wuchs sie mit der US-Militärpräsenz weiter an. Die Weltöffentlichkeit erfuhr von dieser Geschichte jedoch maßgeblich im Jahr 1962. Der italienische Film Mondo Cane präsentierte John Frum und ähnliche „Cargo-Kulte“ dem westlichen Publikum als eine exotische Kuriosität, die man mit Staunen betrachtete. Dieser Film, der als eines der ersten Beispiele des heute als „Shockumentary“ bekannten Genres gilt, verwandelte den historischen Bruch eines Volkes in ein Schauobjekt für eine andere Welt. Wie ironisch: Erst die Welt eines Volkes auf den Kopf stellen und den daraus resultierenden Bruch dann zum Objekt der Neugier machen.

Doch diese Geschichte des Menschen begann nicht im Pazifik. Sie war viel älter. Der Mensch erlebte seine ersten Ängste gegenüber der Natur. Er konnte den Blitz nicht erklären. Er konnte die Dürre nicht stoppen. Er verstand das Erdbeben nicht. Er wusste nicht, warum Krankheiten kamen. Er war dem Tod gegenüber hilflos. Selbst die Dunkelheit der Nacht war ein Mysterium für sich. Und gegenüber der Macht, der er keinen Sinn geben konnte, gab der Mensch ihr meist einen Namen: Gott. Es gab den Gott des Regens. Den Gott der Fruchtbarkeit. Den Gott des Krieges. Den Gott des Todes. Aber bloßer Glaube reichte nicht aus. Der Mensch baute auch eine Beziehung zu den Göttern auf. Er ging ein Geschäft ein: „Schick den Regen, und ich bringe dir ein Opfer dar. Beschütze mein Kind, und ich gelobe dir eine Gabe. Lass mich den Krieg gewinnen, und ich baue dir einen Tempel.“ Vielleicht ist die Menschheitsgeschichte auch ein Stück weit die Geschichte dieser Interessenbeziehung zu unsichtbaren Mächten.

Doch mit der Zeit blieben die Götter nicht im Himmel. Sie stiegen auf die Erde herab. Die Pharaonen waren nicht nur Könige; man glaubte, sie seien Vermittler zwischen Gott und den Menschen. In Mesopotamien gab es heilige Könige. In Rom entstanden Kaiserkulte. Dynastien legitimierten sich durch die Autorität des Himmels. Die Macht war nun nicht mehr nur an einem unsichtbaren Ort. Sie hatte sich in einem Körper niedergelassen. Sie saß auf einem Thron. Dann änderten sich die Zeiten. Throne wankten. Könige wurden gestürzt. Aber die mystische Bindung des Menschen an die Macht verschwand nicht gänzlich. Diesmal nahm sie neue Formen an. Sie wurde zum Staat. Zur Flagge. Zur Armee. Zu nationalen Mythen. Die moderne Welt mag sich selbst als säkular erklärt haben, aber die Idee der sakralisierten Macht lebte weiter. Und dann entstanden neue Formen von Imperien. Der moderne Imperialismus. Diesmal kam er nicht nur mit Soldaten. Er kam auch mit Missionaren, mit Händlern, mit Technologie, mit Hilfe, mit Handel – und mit Abhängigkeit.

Denn Imperialismus dringt nicht nur in das Land ein. Er dringt auch in die Wünsche des Menschen ein. Er schafft neue Bedürfnisse. Er produziert neue Mängel. Er baut neue Abhängigkeiten auf. Eine Zigarette ist manchmal nicht nur eine Zigarette. Zucker ist nicht nur Zucker. Eine Konserve ist nicht nur Nahrung. Sie sind der Geschmack einer anderen Welt. Und wenn dieser Geschmack erst einmal die Zunge berührt hat, ist es nicht mehr leicht, wie früher zu leben. Und heute hat diese Macht es oft nicht einmal mehr nötig, sich zu verstecken. Einst stellten Imperien ihren Expansionismus als Zivilisation dar. Als Missionierung. Als humanitäre Hilfe. Als Demokratie. Heute ist die Sprache nackter: Mehr Land, mehr Einfluss, mehr Kontrolle. Manchmal ist ein Land nicht nur ein Land. Es ist Energie. Es ist ein Rohstoff. Es bedeutet eine Militärbasis. Es bedeutet einen Transitkorridor.

(Die Götter müssen verrückt sein, 1980)

Deshalb zeigen die rüden Aussagen aus den Machtzentren der Welt wie „Ich will Grönland“ oder „Kanada sollte uns gehören“, dass unter der polierten Oberfläche der modernen Welt der alte imperiale Appetit noch immer lebendig ist. Auch der Iran wird oft nicht als ein Volk, sondern als ein Energieknotenpunkt gelesen. Er wird wie ein Feld auf einem geopolitischen Schachbrett betrachtet. Genau so arbeitet der imperiale Verstand meistens. Erst löscht er den Menschen aus, dann spricht er über die Landkarte. Auch jene Insel im Pazifik war kein unschuldiges Vakuum, das die Außenwelt nie berührt hatte. England war bereits dort gewesen. Ebenso Frankreich. Sie hatten nicht nur ihre Flaggen, sondern auch ihre Überzeugungen in den Boden gepflanzt. Missionare waren gekommen. Sie wollten die indigenen Überzeugungen „zivilisieren“. Sie hatten Kirchen gebaut. Sie hatten den Gottesdienst in Gehorsam verwandelt. Sie hatten versucht, nicht nur das Land eines Volkes, sondern auch seine Seele neu zu formen.

Dann kam Amerika. Und es wirkte anders. Im Vergleich zur britischen und französischen Kolonialdisziplin wirkte es lockerer, konkreter, großzügiger. Es versprach kein unsichtbares Paradies. Es brachte Kisten. Während der Missionar von einer unsichtbaren Erlösung sprach, stellte der Amerikaner den Überfluss direkt vor Augen. Wie sollte der menschliche Geist das deuten? Vielleicht so: Die Macht ist hier. Hierher wird die Rettung kommen.

So wurde die Geschichte von John Frum geboren. Als ein Glaube, als ein Mythos, vielleicht als eine Hoffnung, die aus dem Kolonialismus heraus entstanden ist. Aber gleichzeitig als eine neue Form jenes jahrtausendealten menschlichen Reflexes. Mit der Zeit blieb diese Bewegung nicht nur ein Ritual. Sie wuchs. Sie organisierte sich. Sie gewann politischen Einfluss. Sie reichte bis ins Parlament. Zeitweise war von zehntausenden Anhängern die Rede. Heute besitzt sie vielleicht nicht mehr ihre alte Massenkraft, lebt aber in verkleinerter Form auf der Insel Tanna weiter. Jeder 15. Februar wird immer noch als John-Frum-Tag begangen. Das Warten hat nicht ganz aufgehört. Denn hat sich der Mensch erst einmal an die Idee eines Retters gewöhnt, lässt er sie nicht so leicht los. Doch es wäre zu einfach, hier innezuhalten und nur auf das Inselvolk zu blicken. Die eigentliche Frage lautet: Sind sie wirklich die Einzigen?

Blicken wir auf den Irak. Man sprach von Freiheit, von Demokratie, von Menschenrechten. Dann kamen die Besatzung, die Zerstörung, die Spaltung und neue Kriege. Dieser Prozess bereitete auch den Boden für das Entstehen neuer radikaler Organisationen. Als einst in Bagdad die Statue von Saddam stürzte, gab es Menschen, die glaubten, dies sei eine „Befreiung“. Dieses Bild wurde um die ganze Welt gesendet; es hieß, „eine Ära geht zu Ende“. Doch wenn man Jahre später zurückblickt, ist das, was blieb, nicht die Freiheit, sondern zerstörte Städte, zerbrochene Leben und eine endlose Trauer. Und nicht nur der Irak.

Blicken wir auf Palästina. Wie einem Volk langsam der Atem geraubt wird. Wie das Land verengt wird. Wie Wasser, Elektrizität, Krankenhäuser, sogar das Brot zum Teil des Krieges gemacht werden. Wie selbst der Hunger als Waffe eingesetzt werden kann. Denken wir an die Hilfskonvois, die versuchen, Gaza zu erreichen. An die Schiffe mit Menschen, die ein Gewissen in sich tragen. An jene, die Medikamente und Lebensmittel bringen wollen. Und wie diese Schiffe gestoppt wurden. Wie sie belagert wurden. Wie ihnen mit Druck, Festnahmen und Machtdemonstrationen begegnet wurde. Auf der einen Seite der Hunger, auf der anderen eine Sprache der Macht, die nicht einmal jene Hände duldet, die Hilfe bringen. Erst das Leben belagern und dann die Sprache der Barmherzigkeit sprechen. Wie bekannt das doch vorkommt.

Blicken wir auf die Geografie Syriens. Erst der Krieg. Erst die Stellvertreter-Rechnungen. Erst die Spaltung. Dann die humanitäre Hilfe. Dann die diplomatischen Erklärungen. Auch in Venezuela gab es Menschen, die glaubten, eine Intervention von außen könnte die Rettung sein. Denn Verzweiflung macht den Menschen manchmal anfällig dafür, sein eigenes Schicksal einer Macht von außen zu überlassen.

Heute rüstet die Welt wieder auf. Deutschland vergrößert seine militärische Kapazität. Europa verkündet neue Verteidigungsbudgets. Amerika steht ohnehin im Zentrum der Kriegswirtschaft. Fabriken sprechen über neue Produktionen: Verteidigung, Munition, Vorbereitung. Diese Waffen werden nicht gebaut, um in Lagern still vor sich hin zu rotten. Sie werden gebaut, um irgendwo benutzt zu werden. Und vielleicht werden morgen wieder Menschen in einer anderen Geografie zum Himmel schauen. Diesmal nicht, um auf Fracht zu warten, sondern auf eine humanitäre Intervention. Auf ein Hilfspaket, eine Flotte, einen starken Staat.

Im Pazifik sprachen die Menschen einst über hölzerne Kopfhörer mit unsichtbaren Türmen. Heute warten Millionen vor Bildschirmen auf diplomatische Erklärungen. Sie warteten auf Fracht aus dem Himmel; wir warten auf strategische Partnerschaften. Vielleicht hat sich der Mensch nicht viel verändert. Einst erschuf er Götter. Dann Gottkönige. Dann Imperien. Jetzt findet er neue Namen. Aber das Warten bleibt gleich. Denn einer der ältesten Wünsche des Menschen ändert sich nie: Der Glaube daran, dass eines Tages ein Retter am Horizont erscheinen wird. Und vielleicht ist eine der bittersten Lektionen der Menschheit diese: Manche Retter lassen, wenn sie kommen, nur sehr wenig zurück, das es noch zu retten lohnt.

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