Artikel von Stephanie Munk/ Merkur
Laut einem UN-Bericht beherbergt Deutschland weltweit die zweitmeisten Flüchtlinge. Seit Langem sinkt die Zahl der Asylbewerber wieder – doch die Lage sei trügerisch.
München – Nur ein Land nimmt weltweit noch mehr Flüchtlinge auf als Deutschland. Das geht dem Jahresbericht „Global Trends“ des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hervor. Die Zahlen zeigen: Deutschland liegt bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern weltweit auf Rang zwei. 2,7 Millionen Menschen hat die Bundesrepublik bis Ende 2025 aufgenommen.
Migranten nehmen an einem Deutschkurs in Frankfurt teil. Deutschland liegt weltweit auf Platz 1 bei der Aufnahme von Geflüchteten. © Patrick Pleul/dpa
Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Barham Salih, präsentierte den Bericht am Donnerstag in Genf. Die Daten weisen auf eine historische Wende hin: Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren ist die Zahl der weltweit Vertriebenen zurückgegangen. Ende 2025 waren demnach rund 117,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Das sind vier Prozent weniger als im Jahr zuvor. In Deutschland ging die Zahl der Geflüchteten im Land im Laufe des vergangenen Jahres um drei Prozent zurück, schreibt das UNHCR.
Deutschland auf Platz zwei bei Aufnahme von Flüchtlingen laut neuem UN-Bericht
Die sechs größten Aufnahmeländer weltweit beherbergen gemeinsam 36 Prozent aller Flüchtlinge, geht aus den Daten hervor. Die Rangliste der Länder, die Ende 2025 am meisten Geflüchtete weltweit aufgenommen haben, sieht folgendermaßen aus:
- Kolumbien: 2,8 Millionen Geflüchtete
- Deutschland: 2,7 Millionen Geflüchtete
- Türkei: 2,4 Millionen Geflüchtete
- Uganda: 1,9 Millionen Geflüchtete
- Iran: 1,7 Millionen Geflüchtete
- Tschad: 1,5 Millionen Geflüchtete
Deutschland bei Aufnahme von Flüchtlingen laut UN auf Platz 2 – viele eingebürgert
Die in Deutschland lebenden Flüchtlinge stammen laut dem Bericht überwiegend aus der Ukraine (1,2 Millionen), Syrien (668.600) und Afghanistan (288.300). Anders als in vielen anderen Aufnahmeländern sind viele der über die vergangenen Jahrzehnte nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge inzwischen eingebürgert oder verfügen über andere Aufenthaltstitel. Sie zählen dann nach UNHCR-Definition nicht mehr als Flüchtlinge und Asylbewerber.
Die hohe Zahl der Einbürgerungen erklärt auch den leichten Rückgang der syrischen Flüchtlingszahlen in Deutschland, obwohl im laufenden Jahr rund 4.800 syrische Asylbewerber neu hinzugekommen sind. Weltweit sank die Zahl der syrischen Flüchtlinge von 2024 bis Ende 2025 um 18 Prozent auf 4,9 Millionen. 1,3 Millionen Syrer kehrten im Laufe des Jahres 2025 in ihr Heimatland zurück.
Seit Monanten keine Abschiebungen aus Syrien, 25.000 Ukrainer kehrten in Heimat zurück
Aus Deutschland, wo mehr als 1,5 Millionen als Asylbewerber eingereiste Syrer und Afghanen leben, kehrten bislang jedoch erst wenige Tausend in ihre Heimat zurück. Nach Syrien gab es beispielsweise seit Monaten keine Abschiebungen mehr aus Deutschland, weil es offenbar Probleme bei der Beschaffung von Passersatzpapieren gibt.
Die Zahl der ukrainischen Asylsuchenden stieg laut UN weltweit bis Ende 2025 leicht um zwei Prozent auf 5,2 Millionen. Rund 95 Prozent der ukrainischen Geflüchteten befänden sich in Europa, die meisten davon in Deutschland (1,2 Millionen). 25.000 geflüchtete Ukrainer kehrten laut dem Bericht im Jahr 2025 von Deutschland zurück in ihr Heimatland.
Zahl von Geflüchteten sinkt weltweit wegen Rückführungen – Deutschland bildet Ausnahme
Der wichtigste Grund für den globalen Rückgang der Flüchtlingszahlen ist die gestiegene Zahl der Rückkehrer, heißt es vom Flüchtlingshilfswerk. 2025 kehrten insgesamt 14,7 Millionen Menschen in ihre Herkunftsregionen zurück.
Das sind 50 Prozent mehr als im Vorjahr und der zweithöchste Stand seit Beginn der Datenerhebung vor 60 Jahren. Die meisten Rückkehrer stammten aus Afghanistan (1,9 Millionen), Syrien (1,3 Millionen) und dem Sudan (651.000).
UN warnt: Erzwungene Rückführungen führen zu neuen Flüchtlingswellen
Doch UNHCR-Chef Salih warnt in einer Pressemitteilung davor, diese Zahlen als Zeichen nachhaltiger Entspannung zu deuten. Viele der Rückkehrer seien nicht freiwillig heimgekehrt, sondern dazu gezwungen worden – etwa Millionen Afghanen, die Pakistan und der Iran 2025 zur Ausreise drängten. Wer zur Rückkehr in ein unsicheres Land ohne ein eigenes Auskommen gezwungen werde, riskiere, die nächste Fluchtwelle auszulösen, mahnte Salih.
Besonders besorgniserregend ist laut UNHCR auch die Lage jener Flüchtlinge, die bereits seit Jahren im Exil leben: Rund 70 Prozent aller Flüchtlinge weltweit befinden sich seit mindestens fünf Jahren außerhalb ihrer Heimat – viele unterhalb der Armutsgrenze und ohne Aussicht auf eine Lösung ihrer Situation.
Staaten immer weniger zur Aufnahme besonders schutzbedürftiger Migranten bereit
Einen schweren Rückschlag erlebte laut dem UN-Bericht 2025 das sogenannte Resettlement – die gezielte Aufnahme besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge durch aufnahmebereite Staaten. Die Zahl dieser Umsiedlungen sank um mehr als die Hälfte auf weltweit nur noch 81.800. Das ist das niedrigste Niveau seit 15 Jahren.
Hauptverantwortlich dafür waren die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump, die ihr Kontingent um 89 Prozent auf lediglich 11.500 Plätze reduzierten. Deutschland, das traditionell nur wenige Resettlement-Plätze anbietet, nahm auf diesem Weg 2.200 Flüchtlinge auf.
UN-Kommissar: Asylbewerber tragen zu Sozialsystem bei, wenn sie Chance dazu erhalten
Zum 75. Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention rief UNHCR-Chef Salih Regierungen, Hilfsorganisationen, den Privatsektor und die Zivilgesellschaft zum gemeinsamen Handeln auf. Sein Appell: „Asyl und Flüchtlingsschutz retten Leben und dürfen nicht zur Debatte stehen“, sagte er. „Wir können eine Zukunft nicht akzeptieren, in der Millionen Menschen über Jahre oder Jahrzehnte ohne echte Perspektive bleiben.“
„Inklusion ist keine Bürde, sondern ein Gewinn“, mahnte der UNHCR-Chef. Geflüchtete trügen, wenn sie die Chance dazu bekämen, zur Wirtschaft und dem Sozialsystem ihres Gastlandes bei. (Quellen: Global Trends Report 2025, UNHCR.org, dpa, frühere Berichterstattung) (smu)