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Die Menschen sind offener für Zuwanderung

von Fremdeninfo 25 Februar 2022
von Fremdeninfo 25 Februar 2022
394

Die Menschen sind offener für Zuwanderung“

Von

Stefan Kreitewolf

–

23.02.2022

 
 
 
 
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Immer mehr Menschen sehen Zuwanderung als Chance. Dabei spielen vor allem wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle, zeigt eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Inwiefern, erläutert Integrationsexpertin Ulrike Wieland im Gespräch mit DTJ-Online.

Frau Wieland, wie steht es um Deutschlands Willkommenskultur?

Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass sich die Willkommenskultur in Deutschland positiv entwickelt hat. Wir verstehen unter „Willkommenskultur“ eine Grundhaltung der Offenheit und Akzeptanz gegenüber Migrant:innen. In unserer vorletzten Umfrage 2017 zeigten sich bei der Bevölkerung hohe Werte bei den Fragen, die Skepsis und Vorbehalte signalisieren. Darin spiegelte sich die Sorge um die Bewältigung der sogenannten „Fluchtkrise“. Seitdem sehen wir eine Entspannung: Die Menschen sind offener für Zuwanderung geworden.

Immer mehr Menschen sehen Zuwanderung als Chance. Das ist ein Ergebnis der von Kantar Public im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführten Befragung zur Willkommenskultur in Deutschland. Welche Faktoren spielen in der Bewertung eine Rolle?

In unserer Befragung wurde deutlich, dass die wirtschaftlichen Potenziale von Zuwanderung inzwischen stärker gesehen werden. Zum Beispiel sind heute gut zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) der Ansicht, dass Zuwanderung für die Ansiedlung internationaler Firmen wichtig sei – zum Vergleich: 2019 waren es 63 Prozent und 2017 56 Prozent. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) ist der Meinung, dass Migration einen Ausgleich für den Fachkräftemangel hierzulande schaffen könne. Dass Zuwanderung eine geringere Überalterung für die Gesellschaft bedeuten könne, glauben rund zwei Drittel der Befragten.

„Häufig in systemrelevanten Berufen tätig“

Woran liegt das?

Der bevorstehende Renteneintritt der Generation der „Babyboomer:innen“ wurde zuletzt medial und politisch thematisiert. Diese demografische Entwicklung wird das Fachkräfteproblem in Deutschland verschärfen. Und durch die Coronakrise haben die Menschen konkreter erfahren, was es bedeutet, wenn in zentralen Bereichen der kritischen Infrastruktur Arbeitskräfte fehlen – und Migrant:innen arbeiten besonders häufig in solchen systemrelevanten Berufen. Diese Faktoren könnten eine Rolle gespielt haben.

Zuwanderung wird also häufig mit der Chance verbunden, einen Mehrwert für die hier lebende Gesellschaft zu generieren. Ist Deutschland also ein eher pragmatisches Einwanderungsland?

Die Frage nach dem Mehrwert ist erstmal nicht verwerflich. Sie eröffnet auch die Gelegenheit, den vielfältigen Beitrag von Migrant:innen sichtbar zu machen. Denn im öffentlichen Diskurs wird Zuwanderung noch immer oft mit wirtschaftlichen Belastungen assoziiert. Entsprechende Bedenken spiegeln sich auch in unserer Umfrage wider: 67 Prozent der Befragten sorgen sich um zusätzliche Belastungen für den Sozialstaat als Folge von Migration. Da ist es gut, auch die andere Seite zu beleuchten, also die Potenziale und den Mehrwert, damit kein einseitiges Bild entsteht. Allerdings muss auch klar sein, dass bei der Fluchtmigration nicht der wirtschaftliche Mehrwert, sondern humanitäre Aspekte im Vordergrund stehen.

„Bewusstsein für Diskriminierung gestiegen“

Alltagsrassismus und Diskriminierungserfahrungen spielen im Alltag vieler aber weiterhin eine Rolle. Offenbar benötigt Vielfalt Zeit, oder?

Unsere Umfrage zeigt, dass im Durchschnitt 62 Prozent der Befragten Diskriminierung aufgrund der Herkunft und 66 Prozent Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt als bedeutende Integrationshindernisse wahrnehmen. Menschen mit Migrationshintergrund sehen die Lage noch kritischer: Bei ihnen sind es 69 Prozent (Diskriminierung) bzw. 72 Prozent (Chancenungleichheit). Das macht deutlich, dass es noch viel zu tun gibt, um Deutschland als Einwanderungsland weiterzuentwickeln.

Dennoch weist Ihre Studie im Zeitvergleich einen positiven Trend aus. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das Bewusstsein für die Problematik von Diskriminierung in der Gesellschaft ist gestiegen. Möglicherweise haben die mit großer Resonanz geführten Debatten über Identität, Diskriminierung und Chancengerechtigkeit unter den Stichworten „Me Too“ und „Black Lives Matter“ zu dieser Sensibilisierung beigetragen. Inzwischen wird auch die Verantwortung der Gesellschaft für gelingende Integration gesehen. So ist der Anteil derjenigen, die Diskriminierung aufgrund der Herkunft sowie Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt als bedeutende Integrationshindernisse einschätzen, seit 2019 angestiegen.

„Zuwanderung und Vielfalt als Normalität“

Eine weitere Erkenntnis Ihrer Befragung zeigt: Die Erwartungen an die deutsche Gesellschaft, Hindernisse für die Integration abzubauen, wächst. Wo sollten wir konkret ansetzen?

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass erstens die Anstrengungen zum Abbau von Diskriminierung und ungleichen Chancen intensiviert werden sollten. Zum Beispiel ist nur etwa ein Drittel der Befragten der Ansicht, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Politik, Verwaltung und Bildungsinstitutionen angemessen repräsentiert sind. Zweitens zeigen unsere Zahlen, dass die Befragten dem Spracherwerb eine hohe Bedeutung für Integration beimessen. Das Erlernen der Sprache ist für Zugewanderte elementar, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Daher sollten Sprachangebote leicht zugänglich sein.

Gibt es weitere Trends, die sich aus Ihrer Studie ableiten lassen?

Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass es in Zukunft mit der Willkommenskultur in Deutschland weiter bergauf geht. Wir sehen das als eine Art Hineinwachsen in eine Einwanderungsgesellschaft, die ein positives Selbstverständnis entwickelt und Vielfalt als Normalität begreift.

Dr. Ulrike Wieland ist Projektmanagerin und Integrationsexpertin bei der Bertelsmann Stiftung. Sie ist Co-Autorin der Studie „Willkommenskultur zwischen Stabilität und Aufbruch“ und arbeitet im Programm „Demokratie und Zusammenhalt“.

Äußerungen unserer Gesprächspartner:innen geben deren eigene Auffassungen wieder. 

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Fremdeninfo

Redaktioneller Fokus auf Recht, Politik und Soziales im Kontext von Migration. Wir beobachten Hintergründe und stärken die Position von Einwanderern und Geflüchteten.

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