Deniz Göktaş am Flughafen festgenommen

von Fremdeninfo

                  Von Zeynep Hayır

Manchmal braucht man keine langen politischen Analysen zu lesen, um ein Land zu verstehen. Es reicht aus, einen Roman zu lesen, ein Volkslied zu hören, ein Theaterstück oder eine Stand-up-Show zu sehen. Denn die Kunst ist der Spiegel der Gesellschaft. Humor spricht manchmal das aus, was die Menschen nicht zu sagen wagen. Ein Lachen kann mächtiger sein als seitenweise geschriebene Analysen.

In den letzten Tagen wurde Deniz Göktaş zum Namen dieses Spiegels.
Nach seiner Show „Ölü Deniz“ (Das tote Meer / Der tote Deniz), die er im Harbiye Açıkhava aufführte und die später auf digitalen Plattformen Millionen von Menschen erreichte, wurde eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. In den ersten Stunden entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, Deniz Göktaş – der sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland befand – sei aus dem Land geflohen. Spätere Erklärungen zeigten jedoch, dass sein Auslandsaufenthalt bereits geplant war und er mit den Worten: „Wenn es eine Situation gibt, die meine Anwesenheit in der Türkei erfordert, kehre ich mit dem ersten Flugzeug zurück“, in sein Land zurückkehrte, sobald er von der Untersuchung erfuhr. Tatsächlich wurde er am 2. Juli bei der Passkontrolle am Flughafen Istanbul festgenommen und nahm aus freiem Willen am rechtlichen Prozess teil.

Dieses Detail ist wichtig. Denn manche Menschen erklären sich nicht nur durch das, was sie sagen, sondern auch durch ihre Haltung zu dem, was sie gesagt haben.

Als ich Deniz Göktaş’ Show zum ersten Mal sah, habe ich nicht nur gelacht. Ich war besorgt. Mein erster Gedanke war: „Bitte lobt diesen Jungen nicht mehr so sehr.“ Diesen Satz sagte ich nicht, weil ich ihn nicht mochte, sondern im Gegenteil, weil ich ihn sehr schätzte. Denn ich kannte das gesellschaftliche Klima der Türkei in den letzten Jahren. Manchmal wird einem Künstler, den die Gesellschaft ins Herz schließt, nicht nur Liebe, sondern auch eine schwere Last der Sichtbarkeit auf die Schultern gelegt. Jeder Post in den sozialen Medien, jedes Video, jeder Applaus, der Deniz lobte, vergrößerte diese Sorge in mir. Es war, als ob mein eigener Sohn auf einem gefährlichen Weg ginge und meine Hand unbewusst zum Herzen wanderte.

Das Gefühl, das nach der Show bei mir blieb, war nicht nur Gelächter. Ich sah dort feinen politischen Humor. Keine Beleidigung. Keinen Zorn. Erst recht keine Sprache, die Menschen gegeneinander aufhetzt. Ich sah eine Erinnerung, die aus den Straßen von Mamak gefiltert wurde. Ich sah die Weltsicht eines jungen Mannes, der in einer säkularen alevitischen Familie aufgewachsen ist. Ich sah ein Verständnis von Humor, das die Regierung kritisiert, aber auch die Opposition kritisieren kann; das niemanden heiligspricht und niemanden für unantastbar erklärt. Ich sah, dass es möglich ist, Millionen zum Lachen zu bringen, ohne sich auf billige Witze unter der Gürtellinie zu verlassen. Vielleicht wurde er deshalb so geliebt. Weil die Menschen nicht nur lachten. Sie hörten sich selbst zu. Sie sahen ihr eigenes Leben. Sie konnten ihre eigene Enge von außen betrachten.

Deniz wusste durchaus, wohin das alles führen könnte. Im Hintergrund seiner Show gab es ein Bild, auf dem er seinen eigenen abgeschlagenen Kopf trug. Diese Szene, die auf den ersten Blick wie schwarzer Humor wirkte, war für mich das Symbol für den Preis, den der Künstler bereit war zu zahlen. Es war, als würde er von Anfang an sagen: „Ich weiß, dass das, was ich erzähle, Konsequenzen haben wird.“

Genau hier kommt einem Nietzsches berühmtes Wort in den Sinn: „Wer Abgründe liebt, muss Flügel haben.“

Deniz hatte Flügel. Seine Flügel waren nicht Zorn oder Beleidigung. Seine Flügel waren seine Kunst. Sein Sinn für die Realität. Sein scharfer Verstand. Sein Mut. Die Tatsache, dass er zu seinem Wort stand. Deshalb wählte er nicht die Flucht, sondern die Rückkehr. Denn Kunst bedeutet nicht nur, auf der Bühne Applaus zu bekommen. Es bedeutet manchmal auch, die Verantwortung für das gesprochene Wort zu tragen.

Heute tragen die Menschen in der Türkei nicht nur die Last einer schweren Wirtschaftskrise. Gleichzeitig haben viele das Gefühl, dass ihre Räume zum Atmen immer enger werden. Journalisten beim Berichten, Künstler beim Schaffen, Akademiker beim Sprechen und Jugendliche beim Äußern ihrer Gedanken haben das Gefühl, immer vorsichtiger sein zu müssen.

Viele Menschen denken, dass der Gesellschaft kein „Abzugsschacht“ zum Atmen gelassen wurde. Vielleicht wurde deshalb eine Stand-up-Show für Millionen von Menschen nicht nur zum Lachen, sondern zum Atemholen. Am Ende des Tages begegneten die Menschen einem Künstler, der sie beschrieb. Vielleicht vergaßen sie für ein paar Stunden die Schwere des Lebens. Vielleicht fühlten sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr allein.

Wenn man ein Land betrachtet, sind es oft nicht die Wolkenkratzer, die es am besten beschreiben. Es sind seine Künstler. Seine Journalisten. Seine Lehrer. Seine Arbeiter. Seine Frauen. Seine Kinder. Je freier die Kunst in einem Land ist, je freier die Gedanken fließen können, je furchtloser Kritik geäußert werden kann, desto mehr vertraut dieses Land seinen Menschen. Wenn die Justiz in einem Land für jeden mit der gleichen Waage wiegt, gibt es dort Hoffnung. Wenn Frauen ohne Angst leben können, wenn Kinder fern von Gewalt aufwachsen, wenn Arbeiter den Lohn für ihre Mühen erhalten und Künstler ihre Sätze nicht abwägen müssen, bevor sie die Bühne betreten, dann ist diese Gesellschaft nicht nur demokratischer, sondern auch menschlicher.

Im Laufe der Geschichte haben Regierungen gewechselt. Epochen haben sich gewandelt. Aber eines blieb unverändert: die Angst vor dem freien Denken. Bücher wurden verbrannt. Künstler sollten zum Schweigen gebracht werden. Denker wurden vor Gericht gestellt. Humor wurde verboten. Aber keine Epoche konnte das Denken gänzlich aufhalten. Denn die Wahrheit hat früher oder später immer ihren Weg gefunden.

Die Wahrheit ist nackt.
Die Sonne lässt sich nicht mit Schlamm verdecken.
Die Menschheitsgeschichte verlief auf Wegen, die nicht durch Angst, sondern durch Mut geebnet wurden. Vielleicht können deshalb dem Denken keine Handschellen angelegt werden. Der Kunst können keine Fesseln angelegt werden. Humor kann unterdrückt werden. Aber es war niemals leicht, einen Menschen zum Schweigen zu bringen, der der Wahrheit folgt.

Die Farbe des Meeres (Deniz) ist die Farbe des Himmels.
Die Farbe des Himmels ist die Farbe der Freiheit.
Der Himmel gehört allen.
Das Meer (Deniz) gehört auch allen.
Und Freiheit ist für alle da.

Deniz ist frei.
Denn das Denken ist frei.
Denn dem Denken können keine Handschellen angelegt werden.

Freiheit für Deniz.
Deniz Göktaş muss sofort freigelassen werden.

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