Demirtaş’ Botschaft zu Mızraklı: Sieben Jahre Haft – am Dienstag kommt er frei

von Fremdeninfo

Selahattin Demirtaş, der ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, der in der Haftanstalt Edirne inhaftiert ist, gab bekannt, dass Selçuk Mızraklı, der ehemalige Co-Oberbürgermeister von Diyarbakır, mit dem er seit fast fünf Jahren gemeinsam in einer Zelle sitzt, am Dienstag, den 8. September, entlassen wird.

In seinem Text, in dem er die Freilassung von Mızraklı ankündigte, nahm Demirtaş auch Bezug auf die Ermittlungen gegen die Familie Gökçek. Diese waren in den Fokus gerückt, nachdem der Journalist Murat Ağırel bei „Onlar TV“ und in der Zeitung Cumhuriyet über deren Vermögenswerte im deutschen Düsseldorf berichtet hatte.

In seinem in den sozialen Medien geteilten Text bezeichnete Demirtaş den 63-jährigen Mızraklı als „Diyarbakırs herzlichen Chirurgen voller Liebe“. Er betonte, dass Mızraklı nur vier Monate lang sein Amt als Bürgermeister ausüben konnte, bevor er für sieben Jahre „schuldlos, sündenfrei, ohne Beweise und rechtswidrig“ ins Gefängnis kam.

Ein weiterer bemerkenswerter Teil von Demirtaş’ Text betraf den ehemaligen Oberbürgermeister von Ankara, Melih Gökçek. Demirtaş spielte darauf an, dass Gökçek im Rahmen der gegen ihn geführten Ermittlungen Kaugummi kauend zur Aussage erschien, und zog einen scharfen Vergleich zwischen Mızraklis langer Haftzeit und Gökçeks Verhalten während des Ermittlungsverfahrens.

Hier ist der von Demirtaş in den sozialen Medien geteilte Text:

„An der Betonwand des Gefängnisses hängt ein winziger Fernseher, er läuft. Ich sitze mit Selçuk Mızraklı am Tisch; vor dem ‚Hoca‘ (Lehrer/Meister) liegt wie immer ein Kreuzworträtsel. Mit seiner Brille, dem ergrauten Haar und dem Schnurrbart erinnert er an Einstein. Er hat zwar nicht das Atom gespalten, aber mit seiner Geduld und seinem Willen hat er in sieben Jahren die Betonmauern ‚zum Bröckeln‘ gebracht.

Diesmal scheint das Rätsel besonders schwer zu sein, der Hoca versucht, die Lösung zu finden. Nach langem Überlegen findet er sie: waagerecht, neun Buchstaben, ‚Kardeşlik‘ (Brüderlichkeit). ‚Wie lautete die Frage?‘, frage ich. ‚Die Frage ist schwieriger als die Antwort‘, sagt er. ‚Ein abgenutzter, verletzter, ausgehöhlter kollektiver Gefühlszustand, von dem man annimmt, dass er durch einen Beschluss des Nationalen Sicherheitsrates (MGK) in Kraft treten wird.‘ ‚Das ist in der Tat schwer‘, sage ich.

Dr. Adnan Selçuk Mızraklı ist 63 Jahre alt, Diyarbakırs Chirurg mit einem Herz voller Liebe. Nur vier Monate lang durfte er Bürgermeister sein. Danach folgten sieben Jahre Haft – schuldlos, sündenfrei, ohne Beweise, rechtswidrig.

Die Luft ist sehr heiß, drückend, schwül; wir schwitzen ununterbrochen. Manchmal fällt es schwer, am Boden dieses Brunnens überhaupt zu atmen. Der Blick des Hoca bleibt kurz am Fernseher hängen, er verharrt eine Weile so. Ich schaue, was er sieht.

Diyarbakırs Arzt, schuldlos, sündenfrei und voller Liebe, der nur vier Monate Bürgermeister sein durfte, beobachtet aus seiner Zelle, in der er seit sieben Jahren festgehalten wird, wie jene Persönlichkeit aus Ankara, die 25 Jahre lang Bürgermeister war und deren Sündenregister ‚Stück für Stück‘ (parsel parsel) gefüllt ist, Kaugummi kauend das Gerichtsgebäude betritt.

Das Rätsel wird immer schwieriger, aber der Hoca ist hartnäckig. Senkrecht, sechs Buchstaben: ‚Adalet‘ (Gerechtigkeit). Was war die Frage? ‚Ein wesentlicher Bestandteil der Menschenwürde, der nicht kommt, selbst wenn es spät ist, und von dem man annimmt, er könne durch einen Beschluss des Nationalen Sicherheitsrates kommen.‘ Wirklich schwer.

Die besagte Person (Gökçek) verlässt kurz darauf erhobenen Hauptes das Gericht und sagt: ‚Ich bin nicht wie eine Heuschrecke drei Mal gesprungen, sondern 500 Mal.‘ Ich sage zum Hoca: ‚Ob die Wunderkraft wohl im Kaugummi liegt? Du konntest nicht ein einziges Mal springen.‘ Er antwortet: ‚Nein, das, was er da kaut, ist kein Kaugummi, es ist die menschliche Würde. Ich habe sie nicht ein einziges Mal gekaut und habe es auch niemandem erlaubt, sie zu zerkauen.'“

Ähnliche Beiträge